Hinterhalt von Garry Disher

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1993 unter dem Titel Deathdeal, deutsche Ausgabe erstmals 2002 bei Maas.
Ort & Zeit der Handlung: Australien / Brisbane, 1990 - 2009.
Folge 3 der Wyatt-Serie.

  • St. Leonards: Allen & Unwin, 1993 unter dem Titel Deathdeal. 243 Seiten.
  • Berlin: Maas, 2002. Übersetzt von Bettina Seifried. ISBN: 3929010739. 243 Seiten.
  • München: Knaur, 2004. Übersetzt von Bettina Seifried. ISBN: 3-426-62302-1. 243 Seiten.
  • [Hörbuch] Daun: TechniSat Digital, Radioropa Hörbuch, 2007. Gesprochen von Peter Tabatt. MP3. ISBN: 3866677537. 1 CDs.

'Hinterhalt' ist erschienen als TaschenbuchHörbuch

In Kürze:

Wyatt muss untertauchen, nachdem der letzte Job völlig in die Hosen ging. Die Polizei fahndet nach ihm, und das Syndikat hat ein Kopfgeld auf ihn angesetzt. Ein zwielichtiger Typ namens Enter Stolle, der sich darauf spezialisiert hat, Leute zu suchen, die nicht gefunden werden wollen, ist auch hinter Wyatt her, um ihn für einen Klienten in Brisbane aufzuspüren. Es geht um einen Bankjob, der zwei Millionen bringen kann – ein Kinderspiel für Wyatt, normalerweise, wenn ein hochverschuldeten Bankdirektor, ein Waffen schmuggelnder Pilot, korrupute Bullen und ehrgeizige Punks nicht dazwischenfunken würden.

Das meint Krimi-Couch.de: »Ein Loblied der Maasianer, die uns den guten, reinen Stoff bringen!« 90°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Diebe haben´s schwer – auch in Australien, wo der Berufsverbrecher Wyatt, ein ausgekochter Profi, nach Jahren des Tüftelns und Raubens vor den Scherben seiner Unterwelt-Existenz steht. Der Überfall auf einen Lohngeld-Transport endete vor drei Monaten in Verrat und Tod, denn man war Wyatt und seiner Bande zuvorgekommen. Dahinter steckten die Mesics, ein Verbrechersyndikat aus Melbourne, auf deren Todesliste Wyatt steht und mit denen er schon mehrfach die Klingen kreuzen musste.

Aus seinem Heim vertrieben, pleite und persona non grata bei allen Ganovengenossen, die sowohl die Polizei als auch die Mesics fürchten, flieht Wyatt durch Südaustralien. Es kommt noch dicker: Macarthur Stolle, ein zwielichtiger Privatermittler, der auch Mordaufträge übernimmt, hat sich auf seine Fersen geheftet. Eine geheimnisvolle Klientin bietet ihm viel Geld, wenn es ihm gelingt, Wyatt aufzuspüren und nach Brisbane zu locken, wo seine Beteiligung an einem großen Coup gewünscht wird. Stolle kann Wyatt tatsächlich finden – und wird von diesem sogleich auf die Bretter geschickt. Aber nachdem sich der Überfall auf ein großes Auktionshaus, der ihn endlich aus den roten Zahlen bringen sollte, als Falle der Mesics entpuppt, ist Wyatt am Ende: Er reist mit Stolle nach Brisbane.

Dort erkennt Wyatt in seiner neuen Chefin ausgerechnet Anna Reid, die bei dem Fiasko vor drei Monaten eine prominente Rolle gespielt hatte. Aber ihm bleibt jetzt keine Wahl mehr: Er muss sich an dem Überfall auf eine Filiale der TrustBank beteiligen. 2 Mio. Dollar Beute winken, aber eigentlich geht schon alles schief, bevor der Raub überhaupt begonnen hat: Die Bande ahnt nicht, dass Danny Nurse, der Filialleiter, bei einem Kredithai und Drogenschmuggler tief in der Kreide steht. Dieser Ian Lovell steckt selbst in Schwierigkeiten; er versucht sich im Waffenhandel und hat sich mit einigen finsteren Gestalten eingelassen, die für Zahlungsverzögerungen keinerlei Verständnis aufbringen. Daher plant Lovell selbst einen Fischzug in besagter Bank – und er ist nicht der einzige: Noch eine dritte Partei hat es auf das Geld abgesehen – oder treibt Anna Reid abermals ein Doppelspiel, das ihr das gesamte Raubgeld sichern soll?

Am Tage des großen Überfalls treffen sie alle aufeinander. Ein mörderischer Kampf unter Dieben entbrennt, der Wyatt zwar unverletzt, aber einmal mehr nur mit dem Leben davonkommen lässt. Doch dieses Mal ist für ihn das Maß voll; er läuft nicht mehr davon, sondern geht zum Gegenangriff über. Anna soll für ihren Verrat büßen und vor allem das Geld herausrücken. Als sie dann allerdings von der Polizei verhaftet wird, merkt Wyatt, dass auch seine Spießgesellin und (inzwischen) Geliebte hereingelegt wurde. Im Knast hält Anna trotz diverser Schikanen dicht. Wyatt wandelt seine Rachepläne ab; bevor es dem unsichtbaren Dritten, den er inzwischen identifiziert hat, an den Kragen geht, wird er Anna aus dem Gefängnis befreien …

Harter, lupenreiner Gangster-Thriller, vorzüglich geplottet und spannend umgesetzt, aber vor allem: ohne vietnamgeschädigte Cop-Veteranen oder in allerlei Liebesleid verwickelte britische Inspektoren oder privat ermittelnde Anwälte, Gerichtsmediziner, Buchhändlerinnen oder Nonnen; gegen die Pest der Als-ob-Kriminal-Soap-Operas, die heute hierzulande die Großverlage und Buchhandelsketten befallen hat und den Leser stets mit denselben nach Schema F(gleich dem größten gemeinsamen Nenner) gebrauten und weichgespülten Geschichtchen und Figuren peinigt, gibt es endlich ein probates Gegenmittel.

Für Kenner ist die »Pulp Master«-Reihe des kleinen, aber feinen Berliner Maas-Verlags schon lange kein Geheimtipp mehr. Hier geben Sex, Crime und Talent, nicht Moral und Rechenschieber den Ton an, und der ist betont düster und lakonisch. Wyatts Welt ist das Paradebeispiel: Wann hat man zuletzt einen Helden erlebt, der sich einen Teufel um Gesetz und Ordnung schert und trotzdem das Herz seiner Leser im Sturm erobert? Anderseits: Ein Held ist dieser Wyatt eigentlich nicht, kein Gentleman-Verbrecher, sondern ein Berufsgauner, der seinen Job versteht, hart und ohne Illusionen arbeitet und trotzdem meist mit leeren Händen dasteht, denn immer gibt es einen, der fixer und fieser ist als er.

Das ist in »down under« in Australien auch nicht anders als in den USA oder Frankreich, dem wir die großen Filmgangster verdanken, deren armer Vetter Wyatt sein könnte. Auf seine Weise ist er wie Jeff Costello, den Alain Delon im Gangsterfilm-Klassiker »Der eiskalte Engel« (»Le samourai«, 1967) verkörperte: ein Mann ohne persönliche Bindungen, fast emotionslos, wenn es um einen »Job« geht, aber auch privat kontrolliert; stolz höchstens dann, wenn ein sorgfältig ausgeklügelter Plan aufgeht (was selten genug vorkommt, da Profis wie Wyatt selten sind und nervenschwache Dilettanten, die Verve durch Brutalität ersetzen, in der Mehrzahl sind). Allerdings würde Wyatt niemals seinen eigenen Tod als heroischen Selbstmord inszenieren; auch in die Enge getrieben wird stets sein gut ausgeprägter Überlebenswille die Oberhand behalten.

Dishers Unterwelt ist kein romantischer, sondern ein ungemütlicher Ort, bevölkert von gierigen, dreckigen, hinterhältigen und verräterischen (damit hätten wir die deutschen Titel der ersten vier »Wyatt«-Romane an geeigneter Stelle ins Spiel gebracht...) Zeitgenossen, die Freund wie Feind bedenkenlos zum eigenen Vorteil abschießen – und das nicht selten buchstäblich. Auch Wyatt kennt kein Pardon, wenn man ihn hintergeht. So mancher großer und kleiner Gauner, der seinen Weg in Hinterhalt kreuzt, bleibt auf der Strecke – und Wyatt ist nicht der Mann, der einen Verräter schont, nur weil dieser ihm ohne Waffe entgegentritt.

Solche Amoralität, die indes eigenen Gesetzen gehorcht, ist wie gesagt derzeit nicht gut angesehen. Dauerdepressive skandinavische Kriminalbeamte führen die Bestseller-Listen an, während putzmuntere Gangster in der Allgegenwart des politisch Korrekten ein Schattendasein fristen müssen – was die Frage aufwirft, ob diese Welt dadurch endlich eine bessere geworden ist …

Glücklicherweise scheren wir hartgesottenen Thriller-Freunde uns einen Dreck um die selbsternannten Tugendbolde und singen das Loblied der Maasianer, die uns den guten, reinen Stoff bringen! Leider ist die Herrlichkeit zumindest betreffs der Wyatt-Romane schon bald wieder vorbei: Der Verfasser hat die Serie 1997 mit dem sechsten Band eingestellt (und inzwischen quasi die Seiten gewechselt: The Dragon Man – 2001, dt. Drachenmann, erschienen im Unionsverlag Zürich – ist ein Cop-Thriller in der Tradition von Ed McBain).

Das meinen andere:

»Dishers neuer Roman ist sprachlich und formal ein im besten Sinne reifes, sattes, fertiges Werk.« (Westdeutscher Rundfunk)

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mase zu »Garry Disher: Hinterhalt« 16.01.2006
Sehr flüssig und leicht zu lesen. Ohne Ecken und Kanten. Erinnerte mich an Juretzka ohne Humor. Eine ideale Lektüre für die U-Bahn, oder für Personen, die normalerweise nicht lesen.

Den Protagonisten finde ich sehr interessant gezeichnet, obwohl man in diesem Buch nicht sonderlich viel über ihn erfährt.
2 von 3 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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