Bitter Wash Road von Garry Disher

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2013 unter dem Titel Bitter Wash Road, deutsche Ausgabe erstmals 2016 bei Unionsverlag.

  • Melbourne: The Text Publishing Company, 2013 unter dem Titel Bitter Wash Road. 352 Seiten.
  • Zürich: Unionsverlag, 2016. Übersetzt von Peter Torberg. ISBN: 978-3293005006. 352 Seiten.

'Bitter Wash Road' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

In der Nähe von Tiverton, einer Kleinstadt in Australiens Nirgendwo, wird ein Mädchen tot am Straßenrand gefunden. Constable Paul Hirschhausen, genannt Hirsch, übernimmt den Fall. Er glaubt nicht an einen Unfall mit Fahrerflucht. Einsam und isoliert durchquert der Constable die unwirtliche Landschaft, vorbei an mageren Schafen, schäbigen Höfen, stellt unbeirrt seine Fragen und lernt eine Kleinstadt kennen, unter deren Oberfläche Enttäuschung und Wut, Rassismus und Sexismus brodeln. Hirsch rüttelt an der trügerischen Stille und wirbelt nicht nur den Staub der ausgedörrten Straßen auf.

Das meint Krimi-Couch.de: »Tiefe Abgründe im Outback« 90°Treffer

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

Constable Paul »Hirsch« Hirschhausen wird nach einem Korruptionsskandal seiner alten Einheit in Adelaide auf einen einsamen Ein-Man-Posten im Outback abgeschoben. In dem kleinen Kaff namens Tiverton passiert recht wenig. Die Dorfbewohner sind verschlossen und leben zurückgezogen. Dann wird in einem Straßengraben am Barrier Highway die Leiche einer Jugendlichen gefunden. Offenbar wurde sie überfahren, ein Unfall mit Fahrerflucht? Doch warum trug sie ihre Unterwäsche falsch herum? Hirsch übernimmt den Fall und stößt auf eine Mauer des Schweigens. Er gehört jetzt zu Sergeant Kropp und dessen Team in der nahegelegenen Kleinstadt Redruth. Für seine neuen Kollegen ist Hirsch ein Verräter, da er gegen seine früheren Kollegen ausgesagt hat, für die Bevölkerung ist er einfach ein weiterer mieser Bulle, mit dem man sich besser nicht abgibt. Hirsch ermittelt und ist dabei völlig isoliert. Eine enge Freundin des ermordeten Mädchens verschwindet, wenig später geschieht ein zweifelhafter Selbstmord und Hirsch gerät erneut zwischen die Fronten. Zudem soll er einmal mehr gegen seine Kollegen vorgehen, die für ihr gewalttätiges Verhalten berüchtigt sind …

In der Einsamkeit bricht sich Gewalt ihre Bahnen

Altmeister Garry Disher hat einmal mehr ein Meisterwerk vorgelegt und führt seine Leser in die australische Einöde. Die Landschaft ist karg und unwirtlich, Bäume gibt es kaum, nur einige verdorrte Zypressen. Die Menschen die in Tiverton leben sind Randfiguren der Gesellschaft. Wer kann zieht weg, wer bleibt sind Leute in sozialer und finanzieller Notlage. Das Kaff hat nichts zu bieten, in dem etwas größeren Redruth sieht es indes kaum besser aus. Wenige Freizeitmöglichkeiten, dafür Polizisten, die die Menschen mit übertriebenen Verkehrs- und Alkoholkontrollen schikanieren. Wer dazu noch ein Aboriginie ist, leidet zudem unter offenen Rassismus, wird schon mal ins Outback gefahren, verprügelt und dort einfach zurückgelassen. Aber auch für ihre sexuellen Übergriffe, nicht nur gegenüber Erwachsenen, ist die Polizei in Redruth gefürchtet.

»Polizeibeamte veränderten sich im Laufe der Zeit, wie er feststellte. Das war nicht immer ein völlig bewusster Akt, eher ein Verlust von Perspektiven. Wirkliche und eingebildete Kränkungen eiterten; das Gefühlgriff um sich, dass die Arbeit mehr und bessere öffentliche Beachtung verdiente. Zumindest Vergünstigungen oder Belohnungen. Mehr Geld, mehr und besseren Sex, eine Beförderung, eine Vergnügungsreise zu einer großen Konferenz. Allgemein gesprochen: mehr Respekt. Zynismus machte sich breit. Immer kamen die bösen Jungen davon, und die Medien stürzten sich auf den Bullen, der Geld annahm, statt denjenigen zu loben, der sich um Waisenkinder kümmerte. Warum also nicht den einfachen Weg wählen? Die Regeln zu eigenen Gunsten auslegen?«

Hirsch entdeckt immer mehr soziale Abgründe in einer zunehmend verrohenden Gesellschaft. Hinter brüchigen Fassaden bürgerlicher Wohlanständigkeit zeigt sich zudem, dass auch in den vermeintlich besseren Kreisen der Gewalt freien Lauf gelassen wird. Rassismus, Sexismus, Gewaltfantasien und überall Korruption. Die Menschen verstumpfen, verlieren gesellschaftliche Bindungen und begegnen ihrem Umfeld mit der »sozialen Intelligenz eines Betonklotzes« wie Hirsch sinniert. Bei Garry Disher beeindruckt, in wie wenigen Augenblicken er die vermeintlich ruhige Landidylle zerstören kann. Zunehmend werden selbst die Randfiguren greifbar und die eindringliche Geschichte entwickelt eine enorme Sogkraft. Dabei werden die Gewaltexzesse und sexuellen Übergriffe meist nur angedeutet, die genauen Vorstellungen spielen sich anschließend im Kopf des Lesers ab. Mit teils überraschenden Wendungen hält der Autor die Spannung hoch und dies bis zur letzten Zeile. Große Krimikunst!

Jörg Kijanski, Februar 2016

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Corsicana zu »Garry Disher: Bitter Wash Road« 27.12.2016
Der Polizist Paul Hirschhausen, genannt Hirsch, wurde strafversetzt ins australische Hinterland. Und so versieht er seinen Dienst auf einer Ein-Mann-Station in einem kleinen Ort mitten in der Leere und Abgeschiedenheit des australischen Outbacks (und das Outback beginnt in Australien recht schnell abseits der Küsten). Seine Kollegen meiden ihn und sein neuer Chef in der nächst gelegenen Kleinstadt macht ihm das Leben auch nicht leicht. Und er schickt ihn eines Tages zu einem Einsatz in die "Bitter Wash Road" - und dies ist im Grunde der Beginn einer tragischen Folge von Todesfällen und Familientragödien. Hirsch will ein guter Polizist sein und investiert viel in die Aufklärung - aber seine Kollegen und die Leute um ihn herum möchten am liebsten ganz schnell zum üblichen Tagesgeschehen übergehen und deklarieren die Todesfälle als Unfälle. Und so kämpft Hirsch einsam auf verlorenem Posten, inmitten einer Landschaft voller Hitze, Staub, Leere und Trostlosigkeit und inmitten einer Landbevölkerung, die ebenfalls leer und trostlos vor sich hin lebt.

Die grandiose Weite der Landschaft bedeutet hier keine Freiheit - sondern Beschränkung auf Überlebenskampf und eine engstirnige Art, sich die Gesetze so zurechtzulegen, wie es gerade passt.

Aber es gibt einzelne Lichtblicke und manchmal Hilfe von unerwarteter Stelle. Und Hirsch selbst beginnt, sich in seinem neuen Leben einzurichten, so unglücklich seine Lage auch sein mag. Und keine der Personen im Roman ist eindimensional dargestellt, so dass sich einige Überraschungen im Laufe der Handlung ergeben und zur Erhaltung der Spannung beitragen.


Ich selbst war vor ca. 20 Jahren in Australien und mich hat die Weite der Landschaft im Outback damals sehr fasziniert. Aber was für uns, aus dem engen Europa, wie Freiheit und Grenzenlosigkeit wirkt, bedeutet für die Menschen, die dort leben, wohl eher Mühsal, Abgeschiedenheit, Trockenheit, Hitze und Überlebenskampf. Und dies wird in diesem Buch sehr gut beschrieben, man kann die Weite quasi fühlen.


Dieser Krimi wurde als bester Krimi 2016 von der ZEIT bewertet - und so bin ich neugierig geworden. Garry Disher kannte ich bisher nicht - aber ich werde sicherlich noch weitere Bücher von ihm lesen - und ich hoffe auf eine Fortsetzung der "Hirsch" Reihe. Wer Krimis mag, die neben dem Kriminalfall auch das Umfeld, den Ermittler und die Familien der Opfer behandeln, der ist bei diesem Buch richtig.

Mit seiner Gesellschaftskritik ist dieser Krimi mit den skandinavischen Krimis zu vergleichen. Hier als Gesellschaftskritik am anderen Ende der Welt.
mo zu »Garry Disher: Bitter Wash Road« 24.05.2016
Ich habe mich sofort in den Charakter von "Hirsch" verliebt und hoffe dass der Autor bald wieder ein neues Buch mit ihm als Hauptperson schreibt. Er ist einer der letzten Gerechten "at the end of nowhere". Gleichzeitig hat er aber auch durchaus menschliche Macken. Hirsch wird nach Tiverton quasi strafversetzt und wir lernen mit seinen Augen die Protagonisten kennen und er ist keineswegs frei von Vorurteilen. Durch die anschauliche Beschreibung des Städtchens und der dort lebenden Menschen fühlt man sich hineingezogen und hat manchmal das Gefühl vorort zu sein. Die Handlung hat viele unvorhersehbar Wendungen. Der Autor hält die Spannung aufrecht und die grausamen Details kommen erst eher harmlos daher. Ich kann das Buch bestens empfehlen.
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