Der Witwer von Venedig von
Buchvorstellung und Rezension
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 2001
unter dem Titel Sérénissime assassinat,
deutsche Ausgabe erstmals 2005
bei Hanser.
Ort & Zeit der Handlung: Venedig, 1701 - 1800.
- Paris: Verticales, 2001 unter dem Titel Sérénissime assassinat. 121 Seiten.
-
München; Wien: Hanser, .
Übersetzt von Claudia Kalscheuer.
ISBN:
3-446-20225-0. 109 Seiten. -
München: dtv, 2005.
Übersetzt von Claudia Kalscheuer.
ISBN:
3423133589. 109 Seiten.
'Der Witwer von Venedig' ist erschienen als
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In Kürze:
Alvise Lanzi ist zum vierten Mal Witwer geworden, innerhalb von nur dreißig Jahren. Im Venedig des ausgehenden 18. Jahrhunderts ist nichts so, wie es scheint. Die Stadt gleicht einem berauschenden Fest, es ist niemandem zu trauen. Gabrielle Wittkops Roman ist eine Hommage an die untergehende Stadt Venedig und zugleich ein raffiniertes ästhetisches Vergnügen
Das meint Krimi-Couch.de: »Ein außergewöhnliches Buch einer außergewöhnlichen Frau«
Krimi-Rezension von Wolfgang Reuter überspringen
Venedig, Januar 1796. Man sammelt sich im Hause des Alvise Lanzi, dem Besitzer einer Stoffmanufaktur, zum Leichenbegängnis. Alvise Lanzi ist zum Witwer geworden, innerhalb von dreißig Jahren bereits zum vierten Male. Eine hartnäckige, sehr leidvolle Serie, die in Venedig bereits dreimal in aller Munde war und von der Justiz unter Einsatz von allerhand Verhören und Spitzeleien vergeblich durchleuchtet wurde. Nie konnte man eine unnatürliche Todesursache finden. Mit ein bisschen Phantasie, Intrige, Bestechung und genauesten Kenntnissen der spezifischen Giftwirkungen ist doch alles leicht zu erklären:
»Ein Kind fällt in einen Brunnen. Kirschen in Verbindung mit Eiswasser blähen den Bauch einer schwangeren Epileptikerin tödlich auf. Das Fieber von Torcello zehrt aus, verschließt und zersetzt die Gedärme. Lucilia hominivorax legt ihre Brut bis ins Gehirn. Man darf nicht hoffen, im Winter ungestraft Seeohren essen zu können. Es ist gut möglich, dass man dem Aufflackern einer alten Syphilis erliegt.«
Oder vielleicht war doch alles anders?
Venedig im achtzehnten Jahrhundert. Zwischen 1718, wo sich die einstige Seemacht völlig aus dem östlichen Mittelmeer zurückgezogen hat und zur Zuschauerin der Weltpolitik wurde, und 1797, dem Einmarsch Napoleons. Die längste Friedenszeit der Stadtgeschichte, eine Zeit mit gigantischem Reichtum und unvorstellbarer Dekadenz. Aber auch gewaltiger Repression unter den drei Staatsinquisitoren und der Geheimpolizei unter Messer Grande. Spitzeltum, Denunziation und Folter waren an der Tagesordnung. Man denke nur an die »Denunziationsbriefkästen«( Bocca del Leone), in die man anonyme Briefe stecken konnte.
Eine Atmosphäre, in der Gabrielle Wittkop für dieses kurze, aber überaus intensive Buch ihre Inspiration findet. Für die 1920 in Nantes geborene und seit 1946 in Deutschland lebende Autorin mit ihrer äußerst ungewöhnlichen und interessanten Biographie ( Schriftstellerin, Journalistin, Übersetzerin von Adorno, Johnson, Hildesheimer, Handke etc., offen bekennende Bisexuelle mit »sadistischen Neigungen«, versteckte und rettete ihren Mann vor den Nazis in Paris) ist das ein Spätwerk. Sie ist 2002 in Frankfurt verstorben.
Wittkop spricht alle erdenklichen Sinne an. Fast lustvoll beschreibt sie etwa derart detailliert die speziellen Giftwirkungen, dass man meint, einzelne Symptome zu spüren. Ihre Sprache ist ein hochstehendes Kunstprodukt, äußerst klar, gemäß ihrem literarischen Vorbild De Sade, aber auch von unglaublicher Imaginationskraft. Sie nennt ihre Vorbilder für diesen Roman u.a. Maler des venezianischen Rokoko, wie Tiepolo mit seinem Farbenreichtum und Glanz der Dekoration oder Guardi, dem Meister der Lichtwirkungen.
Angst, Ungewissheit, Entsetzen greifen den Leser unmittelbar aus den Zeilen an, aber auch eine nicht zu leugnende Faszination.
»In Wahrheit hat man sich immer etwas vorzuwerfen. Messer Grande weiß alles, was im Schatten der Flure, im Schatten der Kirchen, im Schatten der Alkoven vor sich geht, er sieht die einsame Hand, kennt die heimliche Sehnsucht und liest die Gedanken. Daher hat man ständig irgendeinen Grund zum Fürchten, bis in die Träume hinein. Es schwinden einem vor Angst die Sinne. Manchmal verschwindet man auch selbst, ohne Spuren zu hinterlassen, wie ein Stück Zucker im Wasser.«
Wittkop führt – auch nach eigener Aussage – ihre Figuren wie Marionetten. Ausgehend von der Totenfeier für die vierte Frau Alvise Lanzis beschreibt sie retrospektiv chronologisch das Schicksal der drei anderen Gattinnen und der damit verbundenen Ereignisse, unterbrochen von anonymen Briefen, die sowohl Gerüchte um die Geschehnisse als auch allgemein historische Momentaufnahmen beinhalten. Am Höhepunkt der allgemeinen Dekadenz, der Angst, der Unsicherheit, der Morde kommt es zu einem überraschenden Finale, und dann steht Napoleon ante portas.
Ein kurzes, anspruchsvolles, keinesfalls »leichtes« Buch, literarisch absolut hochwertig. Kein Thriller der gewöhnlichen Sorte. Ein außergewöhnliches Buch einer außergewöhnlichen Frau.
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| heinrich zu »Gabrielle Wittkop: Der Witwer von Venedig« | 20.05.2007 |
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