Der Tee der drei alten Damen von Friedrich Glauser

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1940 . 336 Seiten. ISBN-10: 3-257-21738-2, ISBN-13: 978-3-257-21738-4.
Ort & Zeit der Handlung: Schweiz / Genf, 1930 - 1949.

'Der Tee der drei alten Damen' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Als Glauser Geld brauchte, schrieb er seinen ersten Krimi – und gleichzeitig eine Parodie auf dieses Genre. Er läßt neben einer ganzen Anzahl fiktiver Personen auch vier Genfer Persönlichkeiten leicht verfremdet auftreten, die im doppelgesichtigen Genf zu Beginn dieses Jahrhunderts ihre mehr oder minder gewichtige Rolle spielten. Letzlich aber geht es im temporeichen und verwirrlich-bunten Cocktail aus Phantasie und Realität um die Frage nach dem Geheimnis, dem Mysterium schlechthin und nach den mannigfaltigen Mitteln zu seiner Erkenntnis.Daß dabei auch noch die hohe Politik hineinspielt, etwa mit dem Völkerbund, mit Ölfunden in einem indischen Randstaat und mit dem britischen und dem sowjetischen Geheimdienst, macht die Lektüre des Buches zum Vergnügen für all diejenigen, die Glausers feinsinnige Charakterzeichnung und Atmosphärengestaltung lieben.

Das meint Krimi-Couch.de: »Schundroman mit Hintergründen« 72°

Krimi-Rezension von Thomas Kürten

Der Kriminalroman war in den frühen 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts im deutschen Sprachraum allgemein nicht als Literatur angesehen. Zwar gab es aus dem Ausland bereits zahlreiche Krimis in deutscher Sprache, die sich auch sehr erfolgreich verkauften, aber deutschsprachige Autoren bangten um ihren Ruf und wollten sich nicht auf das Niveau des Schundromans herab begeben. Glauser sieht das im »Tee der drei alten Damen« anders: »Spotten sie nicht über Kriminalromane!« sagte Madge streng. »Sie sind das einzige Mittel, vernünftige Ideen zu popularisieren.«» (S. 127)

Friedrich Glauser war zu diesem Zeitpunkt ganz unten. Morphiumsüchtig, mittellos, schlug sich mit Aushilfsjobs durch und brauchte dringend Geld. Die guten Verkaufszahlen der ausländischen Kriminalromane schienen ihn zu ermutigen, sich selbst einmal an einem solchen zu versuchen. Neben diversen Erzählungen hatte er bislang lediglich einen Roman über seine Zeit bei der Fremdenlegion geschrieben, für den er allerdings bisher keinen Verlag gefunden hatte. Ein neuer Anlauf.

Den «Tee der drei alten Damen» lässt Glauser in Genf spielen. Selber lebte er einige Jahre in dieser Stadt, besser gesagt in den Heilanstalten und Irrenhäusern dieser Stadt. Aber er war offenbar ein sehr aufnahmefähiger Mensch, kannte das Stadtgespräch, die Politik und die Kulturszene. Unter dem Eindruck des Völkerbundes, der nach dem ersten Weltkrieg seinen Hauptsitz in Genf hatte, mischte Glauser in diesem ersten deutschen Kriminalroman sein ganz eigenes Giftsüppchen aus Spionage, Parapsychologie, Geldgier, Okkultismus und Kräuterkunde.

Ein junger Mann wird mit Anzeichen einer Vergiftung spätnachts auf einem Platz im Herzen Genfs gefunden. Im Spital stirbt er kurz darauf. Nur wenige Tage später stirbt ein Apotheker ebenfalls an einer Vergiftung. Im Verdacht steht ein prominenter Professor, der in der Stadt viel Ruhm genießt, jedoch seit einiger Zeit auch morphiumsüchtig ist. Zu beiden Toten hielt er engen Kontakt. Simpson O’Key, Agent der britischen Krone, mischt sich, getarnt als Zeitungsreporter, in die Ermittlungen der Polizei ein. Bald schon findet er heraus, dass ein Maharadscha eines indischen Randstaates in Genf ist, um seine Ölquellen zu verkaufen. Die Verträge mit den Engländern scheinen schon aufgesetzt zu sein, aber auch die Russen haben Interesse. Und er hört Gerüchte über drei alte Damen, die Männer zum Tee einladen.

Die große Stärke Glausers ist es, Situationen mit wenigen Worten authentisch wirken zu lassen. Seine Sprache ist aus heutiger Sicht ein wenig antiquiert, dennoch gut lesbar und stimmungsvoll. Bei Gesprächen konzentriert sich Glauser nicht auf die wörtliche Rede, sondern lässt nicht ab, die Situation drum herum zu beschreiben. Im Lokal springt ein Ober dazwischen, in großer Runde gibt es Bemerkungen, die geflüstert werden und wenn ein junges Liebespaar auf einer Wiese liegt und die Frau über Politik und Verbrechen redet, dann wirkt wenigstens der junge Mann noch immer ganz verträumt und denkt viel lieber an den weichen Busen, an den er seinen Kopf gerade lehnt. In der Handlung legt er sehr subtil seine Fährten, er bedient sich eines rückblickenden Erzählers, der außerhalb der Handlung steht. (z.B. «Es wäre noch kurz von zwei Begegnungen zu berichten...» S. 151)

Glauser schrieb über drei Jahre an diesem Roman und verarbeitete gewiss eine große Portion seines eigenen Elends hierin. Die faszinierende, halluzigene Wirkung von Giften und Rauschmitteln, übersinnliche Wahrnehmungen und Parapsychologie einerseits, das Scheitern seiner Liebe zu Beatrix Gutekunst andererseits: Im Roman werden zweimal schwache Männer von starken Frauen verlassen. Zum anderen verarbeitet er Tratsch und Klatsch seiner Zeit und spielt mit seinen Romanfiguren auf Berühmtheiten aus dem Genfer Stadtgespräch der frühen 20er Jahre an. Selber beschreibt er den «Tee der drei alten Damen" einmal als Schundroman mit Hintergründen. So verwundert es wohl auch nicht, dass die Kriminalgeschichte selber leider nicht so spannend gestrickt ist und die Verstrickung dreier alter Damen in die Handlung ein wenig an den Haaren herbeigezogen wirkt. So ist Glausers erster Kriminalroman sicherlich noch nicht als großer Wurf, wohl aber als gefällige Lektüre zu bezeichnen.

Zu Lebzeiten fand Glauser auch für diesen Roman keinen Verlag. Erst 1941 wurde das Werk posthum und unter starker redaktioneller Nachbearbeitung veröffentlicht. Die heute im Unionsverlag vorliegende Ausgabe basiert im wesentlichen auf den beiden Originalmanuskripten Glausers. Sie enthält zudem ein 30-seitiges Nachwort und über 40 Seiten Anhang und editorischen Bericht, wodurch einige Randbemerkungen seiner Figuren sich als geschickt platzierte, kritische Anspielungen auf die Genfer Gesellschaft der 20er Jahre enttarnt werden.

Ihre Meinung zu »Friedrich Glauser: Der Tee der drei alten Damen«

Helfen Sie anderen Lesern, indem Sie einen Kommentar zu diesem Buch schreiben und den Krimi mit einem Klick auf die Säule des Thermometers bewerten. Und bitte nehmen Sie anderen Lesern nicht die Spannung, indem Sie den Täter bzw. die Auflösung verraten. Danke!

Ischtar zu »Friedrich Glauser: Der Tee der drei alten Damen« 11.08.2009
Meiner Meinung nach, kann dieser Roman mit den späteren Studer-Romanen qualitativ nicht ganz mithalten. Die Geschichte ist ziemlich verwirrend und erst durch mehrmaliges Lesen wird das ganze klarer.
Aber trotzdem gibt es einige gute Gründe diesen Krimi zu lesen. Wie üblich gelingt es Glauser, die Atmosphäre treffend zu beschreiben und der Roman ist besonders gegen das Ende hin sehr fesselnd. Die zahlreichen Anspielungen auf das "triviale" Genre des Kriminalromans sind sehr amüsant.
Dr. Bo zu »Friedrich Glauser: Der Tee der drei alten Damen« 07.04.2009
Ein indischer Maharadscha, ein Professor für Psychologie; satanistische Rituale und ein Spion, der im Hauptberuf Reporter ist - auf den ersten Blick eine Geschichte wie von Edgar Wallace. Doch der Professor ist drogenabhängig, der Spion wird von einer Ärztin in die Schranken gewiesen und der Maharadscha ist ein Brite - die Kolpotage entlarvt sich selbst; am Ende bleiben trotz gewichtiger theologischer, ideologischer und politischer Diskussionen Macht und Geld die Beweggründe. Eine Geschichte, die ich immer wieder lesen und etwas Neues finden kann.
ulrich zu »Friedrich Glauser: Der Tee der drei alten Damen« 15.01.2007
Nach 'Fieberkurve' und 'Schlumpf, Erwin' bin ich vom 'Tee' ziemlich enttäuscht und verstehe auch nicht diese guten Kritiken. Vor allem, wo da die Spannung sein soll, ist mir rätselhaft. Das ganze Buch bleibt mir recht unverständlich und erscheint mir absolut chaotisch. Außerdem fehlt hier auch die Atmosphäre, wie bei der Fieberkurve. Von den Akteuren kann ich mir nur schlecht ein Bild machen, ebenso wenig von den Handlungsorten, denn Tatorte gibt es in dem Sinne ja nicht.
Herr der Fliegen zu »Friedrich Glauser: Der Tee der drei alten Damen« 09.08.2005
Wenn Glauser es noch ein bisschen mehr übertrieben hätte, könnte man es vielleicht lustig finden, aber so wie es ist, ist es zum Einschlafen. Wäre die Geschichte nicht so kurz, ich hätte sie ganz bestimmt nicht zu Ende gelesen.
Nathan Bosshard zu »Friedrich Glauser: Der Tee der drei alten Damen« 01.12.2003
das buch ist sehr spannend geschrieben, die vielen wiederholungen und überflüssigen details stellen die konzentration jedoch auf eine harte probe.
alles in allem sind "glausers" bücher eine verwischte wiederspiegelung seines eigenen lebens mit dessen er meinermeinung nach nicht gerade gut zu recht kahm, nähmlich genau so wenig wie ich mit meinem.
Deshalb kann ich seine Werke auch so gut leiden, weil ich mich mit diesen texten intentifizieren kann.
Gruss Nathan
1 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Ihr Kommentar zu Der Tee der drei alten Damen

Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.

Seiten-Funktionen: