Der untröstliche Witwer von Montparnasse von Fred Vargas

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1997 unter dem Titel Sans feu ni lieu, deutsche Ausgabe erstmals 1999 bei Aufbau.
Ort & Zeit der Handlung: Frankreich / Paris, 1990 - 2009.
Folge 3 der Kehlweiler-&-die-drei-Evangelisten-Serie.

  • Paris: Viviane Hamy, 1997 unter dem Titel Sans feu ni lieu. 278 Seiten.
  • Berlin: Aufbau, 1999. Übersetzt von Tobias Scheffel. ISBN: 3-7466-1511-9. 278 Seiten.

'Der untröstliche Witwer von Montparnasse' ist erschienen als TaschenbuchHörbuch

In Kürze:

Mathias, Marc und Lucien, die drei »Evangelisten« aus der Schönen Diva von Saint-Jacques, die der Zufall zu Kriminalisten gemacht hat, haben einige Monate später ihren nächsten Fall am Hals. Ihr Freund Louis Kehlweiler, Ex-Inspektor beim Pariser Innenministerium, der mit seinen alten Visitenkarten noch immer heimlich recherchiert, versteckt einen mutmaßlichen Frauenmörder in ihrem Haus. Was zunächst reine Gefälligkeit gegenüber der netten alte Hure Marthe war, die nicht an die Schuld des jungen Clement glaubt, wird ein Wettlauf mit der Zeit. Denn schon am nächsten Morgen steht das Phantombild des Mörders in allen Zeitungen …

Das meint Krimi-Couch.de: »Herrlich abstruse Dialoge in einer fundierten Story« 91°Treffer

Krimi-Rezension von Peter Kümmel

Louis Kehlweiler ist halb Deutscher und halb Franzose. Früher war er als Inspektor beim Pariser Innenministerium tätig, jetzt übersetzt er eine Bismarck-Biografie. Er lebt zusammen mit seiner Kröte Bufo, die ihn überall hin begleitet, und kann sich manchmal nicht zurückhalten, seine früheren Beziehungen und seine alten Visitenkarten zu nutzen, um auf eigene Faust in Kriminalfällen zu ermitteln, obwohl er das ja überhaupt nicht mehr machen will.

Und auch als seine Bekannte, die nette siebzigjährige frühere Prostituierte Marthe ihn besucht und um einen Gefallen bittet, wehrt er zunächst ab. Er soll den von der Polizei gesuchten Mörder verstecken, der in Paris zwei Frauen bestialisch mit zahlreichen Stichen mit einer Schere ermordet hat. Erst langsam kann Marthe ihm klarmachen, dass sie den jungen Clément, der nicht besonders helle im Kopf ist, für unschuldig hält. Diesen Clément hat sie als kleinen Jungen von der Straße aufgelesen und ihm Lesen und Schreiben beigebracht, und sie hält ihn für absolut unfähig, solche Verbrechen begangen zu haben.

Doch die Fakten sprechen gegen Clément. Er wurde vor den Häusern beider Mordopfer mehrmals gesehen, als er die Häuser überwachte. Und in beiden Wohnungen fanden sich je eine Topfpfanze mit Cléments Fingerabdrücken. Doch nach seinen Erklärungen sieht es ganz so aus, als wollte ihm jemand eine Falle stellen. Telefonisch erhielt er den Auftrag, den Lebenswandel der beiden Frauen zu überwachsen, weil sich diese um eine Stellung als Kellnerin beworben haben sollen.

Zwar absolut nicht von Cléments Unschuld überzeugt, doch weil er Marthe keinen Gefallen abschlagen kann, willigt Kehlweiler ein, den Jungen zu verstecken. Dazu bedient er sich seiner Freunde Mathias, Marc und Lucien, drei Historikern, die sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten, um ihrer Leidenschaft frönen zu können. Zusammen mit Marcs Paten leben sie in einem alten Haus, das für die nächsten Tage Cléments Versteck sein wird.

Erst Cléments verworrene Erzählungen führen die Freunde auf eine Spur, die schon zehn Jahre zurückliegt. Damals vergewaltigten an einem Institut drei Männer gemeinschaftlich eine Frau. Der dort als Gärtner tätige Clément konnte die Männer in die Flucht schlagen. Liegt dort vielleicht das Motiv vergraben, dass sich einer der Männer jetzt an dem jungen Mann rächen will?

Ein wahrhaft illustres Völkchen hat die französische Autorin Fred Vargas mit ihrem ehemaligen Inspektor und den wegen ihrer Namen Mathias, Marc und Lucien sogenannten drei »Evangelisten« da geschaffen. Es macht einfach Spaß, den von Wortwitz nur so sprühenden Dialogen zu folgen, der ab und an in einen abstrusen Humor übergeht, der ansonsten nur den Engländern zuzutrauen wäre.

Doch nicht nur die oben angeführten Protagonisten sind so herrlich überzeichnet, sondern auch die Nebendarsteller. So die Huren von Paris, die alles wissen, dennoch ihren Ehrenkodex haben und am Ende natürlich alles schon immer besser gewusst haben. So der ehemalige Direktor eines Institutes, Paul Merlin, der Kehlweiler deshalb so sympathisch ist, weil er seiner Kröte Bufo so ähnlich sieht. Oder dessen Schwiegervater, der in seiner Werkstatt einen Höllenlärm verursacht, kleine Frauenstatuen schnitzt und »eine Fliege im Helm« hat. Das Ganze verpackt die Autorin noch in interessante Milieustudien.

Nun ja, denkt man sich, alles recht witzig gemacht, aber die Story ist wohl recht einfach und langweilig. Doch weit gefehlt: was sich zu Beginn recht simpel anlässt, wird zu einer sehr gut durchdachten und logisch aufgebauten Kriminalstory. So nach und nach führt Fred Vargas immer mehr Vedächtige ein und setzt den Leser geschickt auf deren Spur. Und immer dann, wenn man als Leser selber glaubt, man ist der Lösung auf der Spur, setzt sie eine geschickte Kehrtwendung ein und man ist wieder so schlau wie zuvor. Und gerade diese Vorgehensweise ist oft kennzeichnend für einen spannenden und geschickt aufgebauten Plot.

Nachdem man sich erst mal eingelesen hat, fesselt der Roman so sehr, dass es kaum auffällt, wieviele Irrungen und Wendungen die Autorin in die Geschichte eingebaut hat.

Die einzige Kritik muß ich wieder mal dem Verlag zuschreiben, der mit dem deutschen Titel schon zu sehr auf die Lösung hinweist.

Fred Vargas ist ein ganz heißer Tip für Liebhaber von skurrilen und zudem gut aufgebauten und logisch durchdachten Kriminalromanen.

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mg11 zu »Fred Vargas: Der untröstliche Witwer von Montparnasse« 28.10.2009
Sehr schönes Buch.

Wer mit dem Schreibstil von Fred Vargas etwas anfangen kann, ist dieses Buch ein absolutes Muss.

Habe es nun nach 2 Jahren zum zweiten Mal gelesen und es ist immer wieder schön.

Auch hier haben die Personen und ihre Dialoge einen ebenso großen Anteil am Gesamtbild des Buches wie die eigentliche Handlung.

Verrückt und abgedreht, gute Unterhaltung garaniert!!
Martin Rath, koelnkorrekt.de zu »Fred Vargas: Der untröstliche Witwer von Montparnasse« 13.06.2009
Dies war mein erster Kriminalroman von Fred Vargas, empfohlen von einer Freundin, die ähnlich freundliche Worte für ihn fand, wie sie hier zu lesen sind.

Ich habe aber Einwände:

Kehlweiler hält den geistig beschränkten Clément für den Hauptverdächtigen. Schön und gut, die Lösung des Falls will hier nicht verraten sein. Als unglaublich nervtötend empfand ich es, dass er Clément jedoch von Anfang an expressis verbis als den "Täter" bezeichnet, ganz so, als ob es keine sprachlichen Abstufungen der Verdächtigung gäbe. Womöglich ein Übersetzungsschnitzer?

(Das Irritierende liegt dabei nicht nur in sprachkritischer / rechtsstaatlicher Empfindsamkeit: Wer als ausgesucht dämlicher Mensch Tatsachen zugibt, die zu seiner Belastung führen müssen - dem müsste die Unschuldsvermutung ganz besonders zugebilligt werden - hier geht's umgekehrt zu.)

Nicht plausibel ist mir auch die ständig höchst abstrakt gezeichnete Bedrohung dieses Verdächtigen, Clément, von Seiten der Pariser Polizei: Sie taucht eigentlich nur auf, wenn Kehlweiler mit seinen alten Kollegen in Kontakt tritt, um Material für seine private Ermittlung zu sammeln. Die Polizei wird zwar immer wieder als Bedrohung herbeiorakelt, durch die Handlung wird sie aber keineswegs präsent gemacht.

Insoweit werden, wie ich finde, mögliche Spannungsmomente verschenkt.
Wie überzeugend die skurilen Charaktere aus dem Pariser Akademikermillieu sind? Drastisch, wie sie es bei Gisbert Haefs wohl wären, sind sie jedenfalls nicht.

Es war wohl auch mein letzter Kriminalroman von Fred Vargas.
mylo zu »Fred Vargas: Der untröstliche Witwer von Montparnasse« 07.04.2009
Einfach köstliche Unterhaltung, die drei von der Bruchbude, der Deutsche. Selbst so ein Unsinn wie das mit der Kröte gefällt beim Schreibstil von Fred Vargas.
Die Dialoge lassen den Roman so gefällig dahinziehen und die Spannung ergänzt das Gefühl das Buch nicht weglegen zu können.
So kommt man vor dem Einschlafen schnell über das gesetzte Zeitlimit und man legt mitten in der Nacht widerwillig das Buch zur Seite um sich am nächsten Tag nach Feierabend wieder dran zu stürzen.

90 Punkte von mir.
Rolf.P zu »Fred Vargas: Der untröstliche Witwer von Montparnasse« 01.04.2008
Ihre Krimis sind Kunstwerke, und vermutlich gibt es nur wenige Superlative, die für ihre Bücher noch nicht ausgesprochen oder geschrieben wurden.
Wieder eine rundum faszinierende Geschichte von Fred Vargas, voller kauziger Typen und eigenartiger Dialoge, wie man dies inzwischen von der Autorin gewohnt ist.
Das besondere an den Krimis der Archäologin Fred Vargas sind ihre eigenwilligen und wenig heldenhaften Figuren, die aber gerade deswegen Dinge sehen und verstehen, die sonst niemand bemerkt. Und so sind auch in diesem Fall ein altes Gedicht von Nerval und ein altmodisches Geschicklichkeitsspiel die Schlüssel zur Lösung.
Wer einmal die Charaktere der Personen, insbesondere der 3 Historiker, kennt, wird sich köstlich amüsieren und am liebsten gar nicht mehr aufhören, zu lesen.
Wer derzeit einen besonderen Krimi sucht, kommt um Fred Vargas nicht herum. Das "französische Flair", originelle Personen, kuriose Beweise und Spuren sind ihr Markenzeichen; sie fesselt auch ohne Thrill-Effekte.
Alles in allem also ein spannender und unwiderstehlicher Roman.
maureen zu »Fred Vargas: Der untröstliche Witwer von Montparnasse« 27.09.2006
Ich liebe diese 3 jungen Männer und die dicke Marthe. Die Kröte und den Komissar Kehrweiler.
Ein spannendes Buch und ein muss für die Philosphenfreunde die ja nicht in jedem Buch auftauchen.Die aber einfach liebenswert sind.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
volker braun zu »Fred Vargas: Der untröstliche Witwer von Montparnasse« 17.09.2006
Für mich das vielleicht amüsanteste und unterhaltsamste
Vargas-Buch.Dialoge und Figuren wie immer originell,Hand-
lung spannend und raffiniert aufgebaut und voller gleicher-
massen phantasievoller wie gescheiter Einfälle.
Konnte das Buch während einer mehrstündigen Bahnfahrt
kaum aus der Hand legen und habe mich geärgert,dass
dieEndstation erreicht war.
Nur ein Fehler ist mir völlig unverständlich.....l
(Wer`s schon gelesen hat wird wohl wissen was ich meine.)
Insgesamt jedoch tolle Geschichte vorstimmungsvoll ge-
schilderter Kulisse.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
NN zu »Fred Vargas: Der untröstliche Witwer von Montparnasse« 12.04.2006
Es sind nicht nur die Dialoge, die Fred Vargas auszeichnen, sondern auch die extravaganten Figuren und die klugen Figurenkonstellationen - man denke nur an die drei arbeitslosen Historiker, die ihr jeweiliges Forschungsgebiet verkörpern.
Der Verzicht auf Brutalitäten ist ein weiterer Pluspunkt gegenüber manch anderen Autoren, bei denen man das Gefühl hat, dass sie mit jedem neuen Buch den Schrecken des vorherigen zwanghaft überbieten wollen.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Mo zu »Fred Vargas: Der untröstliche Witwer von Montparnasse« 03.12.2005
Grandiose Sache! Trotz der vielen Verstrickungen, Nebenschauplätze und 180°-Wenden wirkt der Plot rund und glaubwürdig. Dazu liebenswerte Figuren und eine schöne Atmosphäre, was nicht zuletzt an der bestechenden und detailreichen Sprache liegt. Ein absolutes Muss für Liebhaber von Paris, und um so mehr für Liebhaber von guten Krimis!
Pascal zu »Fred Vargas: Der untröstliche Witwer von Montparnasse« 14.03.2005
Herrlich. Besser als das Orakel, die Diva und Fliehe weit und schnell.
Wem die Dialoge und die Charaktere von Vargas liegen, aber zuwenig Krimi im Orakel und der Diva fand, ist bei diesem Buch richtig.
Swen Piper zu »Fred Vargas: Der untröstliche Witwer von Montparnasse« 23.04.2004
Der geistig zurückgebliebene Clément wird von der Pariser Polizei als der vermeintliche „Scherenmörder“ gejagt. Die alte Hure Marthe, bei der Clément große Teile seiner Kindheit verbrachte, glaubt an seine Unschuld. Sie schaltet die drei „Evangelisten“ Marc, Lucien und Matthias ein. Gemeinsam mit ihrem Bekannten Louis machen sie sich - obgleich von der Unschuld Clément`s nicht überzeugt - auf die Suche nach dem wahren Mörder. Fred Vargas versteht es aus dieser Grundidee einen anspruchsvollen, gewitzten, sehr humorvollen, skurrilen und spannenden Krimi zu weben, der ihrem ersten Roman („Die schöne Diva von Saint-Jacques“) in nichts nachsteht. Unbedingt lesen!

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