Wiener Blut von Frank Tallis

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2006 unter dem Titel Vienna Blood, deutsche Ausgabe erstmals 2007 bei btb.
Ort & Zeit der Handlung: , 1890 - 1909.
Folge 2 der Liebermann-Serie.

  • London: Century, 2006 unter dem Titel Vienna Blood. 537 Seiten.
  • München: btb, 2007. Übersetzt von Lotta Rüegger und Holger Wolandt. ISBN: 978-3-442-73464-1. 537 Seiten.

'Wiener Blut' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

1902: In Wien herrscht ein sibirischer Winter. Ein brutaler Serienmörder treibt sein Unwesen: Teuflische Verstümmelungen, eine Neigung zu geheimnisvollen Symbolen und eine scheinbar zufällige Auswahl der Opfer sind seine Markenzeichen. Inspektor Oskar Rheinhardt ist mit seinem Latein am Ende und ruft seinen Freund, den Psychoanalytiker Max Liebermann, zu Hilfe, der sich schon in seinem letzten Fall bewährte …

Das meint Krimi-Couch.de: »Vorhersehbare Krimis machen keinen Lesespaß« 40°

Krimi-Rezension von Wolfgang Weninger

Hildegard, ein besonders schönes Exemplar der Gattung Eunectes murinus war die Lieblingsanakonda von Kaiser Franz Joseph. Bei einem brutalen Anschlag auf das Tier wird im Tiergarten Schönbrunn nicht nur der Wärter niedergeschlagen, sondern die Würgeschlange kunstvoll in drei Teile zerlegt. Und Inspektor Rheinhardt von der Wiener Polizei hat nunmehr die undankbare Aufgabe den Urheber dieses Attentats zu finden.

Kurz darauf wird in einem Bordell am Spittelberg ein Massaker gemeldet. Inspektor Rheinhardt und sein Assistent Hausmann finden vier ausländische Prostituierte abgeschlachtet an deren Arbeitsplatz. Erstochen, geköpft, an den Genitalien verstümmelt, mit aufgeschlitztem Bauch …und die Besucher der Damen rekrutierten sich in erster Linie aus der Besatzung der nahe liegenden Kaserne, die allesamt mit ihren Säbeln ausgezeichnet umgehen können.

Als Rheinhardt seinen Freund, den Psychoanalytiker Max Liebermann in die Vorgänge einweiht, bemerkt dieser sofort Parallelen zu den Vorkommnissen in London, die einen gewissen Jack the Ripper als Urheber haben . …

Frank Tallis hat den zweiten Teil seiner Max-Liebermann-Trilogie bei btb veröffentlicht. In der Übersetzung von Lotta Rüeger und Holger Wolandt ist dieser Max Liebermann in Wiener Blut allerdings nicht mit dem gleichnamigen jüdischen Maler identisch, der ebenfalls um die Jahrhundertwende gelebt hat, allerdings in Berlin.

Der Autor lässt seinen Liebermann in die Fußstapfen Sigmund Freuds treten, dessen Schüler er auch ist und in dessen Wohnung in der Berggasse sich auch eine wichtige Episode des Romans abspielt.

War der erste Teil schon eine etwas krampfhaft inszenierte Geschichte, die im Wesentlichen vom Lokalkolorit und dem sympathischen Ermittlerduo Rheinhardt und Liebermann gelebt hat, so bedient sich Wiener Blut aller gängigen Serienkrimiklischees, angefangen von Jack the Ripper bis zu den immer suspekten Geheimbünden, die angeblich Wien an jeder Ecke durchsetzen. Die beginnende Arierverherrlichung und damit verbundenen Hetztendenzen liefern ein weiteres Stilmittel, um die Geschichte und Geschichten aus Wien möglichst konfus in die Handlung einfließen zu lassen.

Und bei dieser Handlung hat sich der britische Psychologe und Schriftsteller Frank Tallis wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert. Trotz brutalem Killerambiente plätschert die Story reichlich fad vor sich hin. Rheinhardt hat von Anfang an keinerlei Ahnung und Liebermann operiert per Ferndiagnose, während ihm seine Verlobte mittlerweile nicht mehr als erste Wahl erscheint und er seinen eigenen Geisteszustand erst ein Mal unter Kontrolle bringen muss.

Der Reiz des Ambientes aus dem Wien um die vorige Jahrhundertwende, der im ersten Band »Die Liebermann-Papiere« noch als Pluspunkt bei der Beurteilung der Lektüre konstatiert wurde, ist im Endeffekt bei Wiener Blut völlig aufgebraucht. Auch wenn hier Husaren und ihre Duelle, Musikantenkrieg zwischen Mozartfans und Wagneranhängern, Emanzipationsprobleme an der medizinischen Fakultät und viele andere Elemente in den Roman einfließen, so ist das alles eher als literarisches Füllmaterial zu sehen, das den fehlenden Spannungsbogen auf über 500 Seiten leider nicht ersetzen kann.

Die Lösung des Kriminalfalles ist nicht sonderlich spektakulär und der geübte Krimileser wird nicht viel Mühe haben, den wirklichen Täter recht bald geortet zu haben, trotzdem sich der Autor Mühe gegeben hat, bis zum Schluss auch noch andere Verdächtige zu präsentieren.

Im Endeffekt ist Wiener Blut eine kaum mittelmäßige Fortsetzung, die der Erwartungshaltung nach dem ersten Teil leider nicht gerecht werden kann. Und was die Person des Max Liebermann betrifft, so kann man jetzt schon Wetten abschließen, wie sich dessen Umstände im dritten Teil entwickeln werden, zumindest, was sein Liebesleben betrifft. Wenn nicht ein Paukenschlag erfolgt, dann ist die Entwicklung des Titelhelden vorhersehbar. Und vorhersehbare Krimis machen zumeist keinen großen Lesespaß.

Wolfgang Weninger, August 2007

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tedesca zu »Frank Tallis: Wiener Blut« 27.04.2012
Dem Urteil von Herrn Weninger kann ich mich in keiner Weise anschließen.

Mir hat "Vienna Blood" mindestens genauso gut gefallen wie der erste Teil der Serie, vielleicht noch eine Spur besser, weil ich mit den Figuren jetzt schon vertrauter bin.

Ausserdem war die Grundlage der Mordserie, um die es geht, wirklich faszinierend und genau meine Welt. Klingt komisch? Mehr sag ich jetzt nicht, ich will ja nicht spoilern. Nur so viel: Mozart gegen Wagner...

Reichlich skurril ist schon der erste Mord, dessen Opfer sehr lang und dünn ist. Und dann geht es Schlag auf Schlag, beginnend mit einem Massaker in einem Bordell am Spittelberg, der damals der Rotlichtbezirk von Wien war. Heute ist er ein schickes Gässchen mit vielen hübschen Restaurants und Bars und einem stimmungsvollen Christkindlmarkt.

Interessant sind auch die Ausflüge in die Wiener Kanalisation noch vor dem "Dritten Mann", in die Welt der Freimaurer und ihrer Gegenspieler in den nationalistischen Bewegungen, in den Wiener Zoo und die Welt der Universitäten, an denen Frauen nicht gern gesehen waren. Mir war garnicht bewusst, wie frauenfeindlich Darwins Theorien sind, aus denen hier zitiert wird! Das Buch beinhaltet so eine Fülle von Informationen, dass man sogar noch was lernen kann, ich jedenfalls!

Und es ist ausserdem unterhaltsam, wirklich spannend, sehr atmosphärisch und sprachlich eine Perle. Und wir sprechen hier von einem Krimi! Was will man mehr? ;-)

Richard Burnip liest das englische Hörbuch (ungekürzt bei audible.de) wieder ganz hervorragend, ausserdem singt er uns auch das eine oder ander Liedchen.
O. Urban zu »Frank Tallis: Wiener Blut« 11.12.2010
Entsprechend dem ersten Roman steht wieder die Wiener Gesellschaft um die letzte Jahrhundertwende im Vordergrund der Geschichte. "Des Rätsels Lösung" ist - zumindest für an Kultur interessierte WienerInnen, bald zu erraten, man muss lediglich Mozart und Freimaurer zusammenzählen. Interessant die antisemitischen Gruppen in Luegers Wien und wie immer, sehr gut recherchiert.
günter zech zu »Frank Tallis: Wiener Blut« 28.01.2009
Nach Teil 3 den ich zuerst gelesen habe bin ich nun mit Teil 2 durch.
Mir hat -Wiener Blut- sehr gut gefallen.
Wunderbar dargestellte Charaktere-die man fast vor sich sieht-- und dieses freundschaftliche Zusammenspiel zwischen Liebermann und KommissarRheinhardt um den oder die Fälle zu lösen-hat schon was für sich.
Grosser Unterhaltungswert für mich und 80 Punke.
Bitte selber lesen und eigenes Urteil bilden.
koepper zu »Frank Tallis: Wiener Blut« 26.04.2008
Es wird viel gegessen in diesem Buch und viel Musik gehört. Ansonsten ist die Geschichte mäßig spannend, viel Beiläufiges wird erzählt um die Seiten zu füllen.
Interessant fand ich die Abschweifungen zu Freuds Theorien, aber wie schon an anderer Stelle erwähnt, der dritte Band der Trilogie ist wirklich gut, Band 1 und 2 sind deutlich schwächer.
Julia Klaeren zu »Frank Tallis: Wiener Blut« 21.08.2007
Ohne vorher den ersten Teil (Liebermann-Papiere) gelesen zu haben, nahm ich diesen Krimi mit in den Urlaub. Die antisemitischen Aspekte fand ich etwas reißerisch, den Kriminalfall etwas verworren, das Buch insgesamt etwas überladen (Antisemitismus UND Emanzipation UND Psycholanalyse UND UDN UND war etwas viel für die dünne Handlung), aber als Strand-Krimi hat mir das Buch jedanfalls so gut gefallen, dass ich mir nun auch den ersten Teil der Trilogie als Gute-Nacht-Krimi besorgt habe.
Den Zeitkolorit des Wiens der Jahrhundertwende fand ich - soweit ich das als Hobby-Historikerin mit Schwerpunkt Habsburger beurteilen kann - ganz gut getroffen.
Ellen zu »Frank Tallis: Wiener Blut« 15.08.2007
Lang ersehnt, dieser 2. Teil, und jetzt so eine Enttäuschung. Im ersten Teil war der Kriminalfall zwar auch nicht wirklich aufregend aber die Personen und die Atmosphäre haben mich in ihren Bann gezogen. Jetzt fließt ungleich mehr Blut, dafür bleiben Liebermann und Rheinhardt blass und langweilig.
Aber: ich lege ein paar Pünktchen drauf, weil mich das Buch dazu bewegt hat, ein paar Hintergründe zu recherchieren. DAS war dann wiederum interessant.
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