St. Pauli Nacht von Frank Göhre

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1993 bei Rowohlt.
Ort & Zeit der Handlung: Deutschland / Hamburg, 1990 - 2009.

  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1993. ISBN: 3-499-43069-X. 220 Seiten.
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1999. ISBN: 3-499-43351-6. 220 Seiten.

'St. Pauli Nacht' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

Das meint Krimi-Couch.de: »Eine Nacht auf St. Pauli« 75°

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

Vor zwei Wochen kam Kleinganove Johnny aus dem Knast und findet prompt Unterschlupf bei der 23-jährigen Bankangestellten Stephanie. Als diese eines Abends nach Hause kommt und beide übereinander »herfallen« wollen klingelt das Telefon und ein Unbekannter empfiehlt Johnny, sich von seiner Freundin zu verabschieden, da er noch heute »in die Kiste steigt«. Johnny will dem zuvor kommen und macht sich in sein altes Revier an der Reeperbahn auf und wird dort von einem offensichtlich betrunkenen Mann, der plötzlich nackt zwischen zwei Autos auftaucht, erschossen.

Rainer, der Friese, lernt gerade Yvonne näher kennen, als diese ihm eröffnet, dass sie aufgrund einer sehr schlechten, noch frischen Erfahrung mit einem Mann, derzeit kein Interesse an Sex habe. Rainer verabschiedet sich in der Annahme, dass sich die Zeit schon  finden wird und besucht seinen Kumpel Holger, der ihn bittet in einer Kneipe Nähe der Davidswache einen Hund für ihn abzuholen. Rainer befindet sich mit dem mächtigen Mastino bereits auf dem Rückweg als plötzlich Schüsse fallen. Der Hund reißt sich von der Leine los und attackiert den schießenden, nackten Mann. Umgehend kommt es zu Handgreiflichkeiten zwischen Rainer und herbeigeeilten Polizisten mit der Folge, dass Rainer mit einem Schlagstock am Kopf getroffen wird und zusammenbricht.

Manfred kommt nach der Arbeit nach Hause und erfährt, dass in seine Wohnung eingebrochen wurde. Nach einer ersten Bestandsaufnahme sucht er den Schmuck seiner Frau Karin und stellt entsetzt fest, dass neben dem Schmuck auch mehrere Kondome in ihrem Nachttisch zu finden sind. Da er sich nun nur allzugut gut vorstellen kann, was seine Frau tagsüber treibt, während er als Postbote seiner Arbeit nachgeht, genehmigt er sich mehrere Biere und fährt in stark angetrunkenem Zustand mit einem Taxi zur Reeperbahn. Dort lässt er sich von einer jungen Frau zu käuflichem Sex überreden, doch als sie sein übergroßes Glied sieht, bittet sie verzweifelt ihren Zuhälter um Hilfe. Dieser erscheint prompt bewaffnet mit einer Pistole, doch Manfred kann ihn überwältigen und stürzt nackt mit der Pistole auf die Straße …

Ähnlich denkwürdig und gleichermaßen unterhaltsam geht es in diesem Episoden-Roman weiter. Ein Abend auf St. Pauli wird erzählt, an dem sich die Lebenswege von insgesamt zehn »Hauptpersonen« kreuzen. Dabei verschwindet zumeist die Hauptfigur am Ende »ihrer« Story (nicht selten, weil sie stirbt) und der Nebendarsteller derselben Geschichte wird zum Protagonisten des nächsten Kapitels. Und über allem schwebt die Frage, warum sollte Johnny, auch als Arschloch-Johnny in der Szene bekannt, ermordet werden? Sprich war es ein Auftragsmord aus dem Milieu (hatte der Lude (=Zuhälter) Brilli seine Hand im Spiel?) oder sind die Ereignisse lediglich die Folge einer Kette von Zufällen? Die Frage wird zwar schlüssig aufgelöst, doch könnte die Antwort dem Leser durchaus entgehen, da sie in einer Szene enthalten ist, der man an sich kaum größere Bedeutung beimisst.

Eine große Stärke dieses Romans ist neben den gelungenen Charakterdarstellungen auch deren authentische Sprache, vor allem aber die Verschachtelung der Ereignisse, der einzelnen Geschichten, die immer wieder zu der Schießerei zu Anfang des Buches zurückführen, bis zu guter letzt der Polizist Fedder  die Ereignisse aus seiner Sicht zusammenfasst, wenngleich mit einer falschen Schlussfolgerung. Selbstredend bietet der Roman von Frank Göhre, der zuvor bereits einige Wirtschaftsthriller schrieb, die ebenfalls überwiegend in St. Pauli spielten, alles, was die Reeperbahn zu bieten hat: Gewalt, Mord, Tod, aber eben auch Leben, Abenteuer und Lust. Hierbei merkt man allerdings, dass Göhre eigentlich mehr Drehbuchautor (u. a. »Abwärts« mit Götz George) denn Romanautor ist, was angesichts des Story-Aufbaues dem Buch aber positiv zugute kommt.

»St. Pauli Nacht«, der Hinweis sei noch erlaubt, wurde von Sönke Wortmann verfilmt und ein flüchtiger Blick auf  die Liste der mitwirkenden Schauspieler lässt erahnen, dass man den Film eigentlich gesehen haben muss: Benno Führmann, Armin Rohde, Axel Milberg, Maruschka Detmers und Doreen Jakobi. Und wer’s braucht: Heiner Lauterbach hat einen Gastauftritt.

Ob »St. Pauli Nacht« ein »Thriller« ist darf (stark) angezweifelt werden, gleichwohl bietet der Plot auf knapp über 200 Seiten sehr kurzweilige Unterhaltung in einer selten gelesenen Art und Weise.

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Janko zu »Frank Göhre: St. Pauli Nacht« 15.05.2008
Auf knapp 200 Seiten beschreibt Frank Göhre eine nicht ganz typische Nacht auf St. Pauli, wie sie aber in der Vergangenheit durchaus hätte passieren können. Im Prinzip ist „St. Pauli Nacht“ eine Episodengeschichte, in der die entsprechenden Szenerien direkt miteinander verzahnt sind. Nach und nach wird dem Leser bewusst, in welch ein Schlamassel, die einzelnen Protagonisten geraten und vor allem wodurch. In einer Art „Pulp Fiction“-Erzählung reihen sich Zufälle und Schicksale, Mord und Totschlag, Wut und Dummheit, sowie Liebe und Lust direkt aneinander. Mit einem flotten Erzählstil puscht Frank Göhre seine Story von einer Szene zur Nächsten und lässt dem Leser nur wenig Zeit zum Verschnaufen. Interessant und schlüssig geschrieben, stets spannend und fesselnd rübergebracht, kann man den authentischen Roman „St. Pauli Nacht“ getrost weiterempfehlen. Allerdings weder als Thriller und schon gar nicht als Krimi. Verfilmt wurde das Ganze übrigens im Jahre 1999 von Sönke Wortmann.
Meine Wertung: 70°
Alexander zu »Frank Göhre: St. Pauli Nacht« 27.10.2006
Gleich zu Anfang meiner bescheidenen Meinung nach ist "St. Pauli Nacht" kein Thriller sondern ein überaus spannendes und unterhaltsames Buch über Menschen in der Großstadt. Der Krimi-Couchkritik von Jörg stimme ich in allen Punkten zu und möchte noch anmerken, dass der Film von Sönke Wortmann auch eine sehr gelungene Umsetzung des Buches ist und in Deutschland völlig z u U n r e c h t floppte. Für mich war er d e r d e u t s c h e F i l m 1 9 9 9.
Ein viel besseres visuelles St. Pauli Portrait als Wedels "König von St. Pauli". Welches auch recht gut gemeint war, aber trotzdem grottenschlecht und total unspannend war.
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