Öffne die Augen von Franck Thilliez

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2010 unter dem Titel Syndrome E, deutsche Ausgabe erstmals 2012 bei Goldmann.
Ort & Zeit der Handlung: Frankreich / Lille, 1990 - 2009.
Folge 3 der Lucie-Hennebelle-Serie.

  • Paris: Fleuve noir, 2010 unter dem Titel Syndrome E. 430 Seiten.
  • München: Goldmann, 2012. Übersetzt von Bettina Runge. ISBN: 978-3-442-31293-1. 480 Seiten.

'Öffne die Augen' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Lucie Hennebert, Ermittlerin bei der Kriminalpolizei in Lille, erhält eines Nachts einen mysteriösen Anruf eines Freundes: Er ist voller Panik, denn der leidenschaftliche Filmsammler hatte einen alten Streifen betrachtet – und ist nun vollständig erblindet. Als Lucie den Film selbst in Augenschein nimmt, stößt sie auf verstörende Bilder, deren Botschaft sie nicht entschlüsseln kann. Sie bittet Claude Poignet, einen Restaurator alter Filme, um Hilfe – doch der wird wenig später ermordet aufgefunden. Etwa zur gleichen Zeit trifft Kommissar Sharko am Schauplatz eines grausigen Leichenfundes ein: Fünf Männer sind am Ufer der Seine entdeckt worden, ihnen allen wurde das Gehirn entnommen. Lucie und Sharko ermitteln, und schnell wird klar, dass es einen diabolischen Zusammenhang zwischen den beiden Fällen gibt.

Das meint Krimi-Couch.de: »Die Macht der Bilder« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Dieter Paul Rudolph

Irre Massenmorde, abgefahrene Tötungsrituale, turbulente Action auf drei Kontinenten, dazu ein schizophrener Profiler und eine Polizistin, die ein schlechtes Gewissen hat, weil sie ihre Kinder vernachlässigt. Hört sich nicht gut an. Eine Mischung aus Mainstream-Blutorgie und skandinavischem Weltanheulen, mit Kräutern des französischen Noir abgeschmeckt, was uns gleich zu Beginn klar wird, als ein Mann erblindet, weil er sich einen merkwürdigen Film angeschaut hat. Nein, Öffne die Augen von Franck Thilliez verspricht eher das Gegenteil von dem, wozu der Titel auffordert: 400 Seiten konventionelles Langweilen. Überraschung: Die Augen bleiben offen.

Alles beginnt also mit dem kleinen Filmchen, das ein Sammler aus dem Nachlass eines jüngst verstorbenen Cineasten erwirbt. Er sieht sich den Streifen an – und wird blind. Zufällig ist er ein Exfreund von Lucie Hennebelle, Thilliez’ Serienkommissarin, die natürlich den Fall übernimmt, der zunächst keiner ist. Was ist an diesem Film so schockierend, dass er einem das Augenlicht raubt? Während Hennebelle im nordfranzösischen Lille noch nach Spuren sucht, wird Profiler Sharko in Paris mit grausigen Tatsachen nur so überschüttet. Man findet fünf verscharrte Leichen, perfekt unkenntlich gemacht, Männer allesamt, denen fachmännisch Gehirne und Augen entnommen wurden. Es kommt, wie es kommen muss, die Ereignisse in Lille und Paris hängen zusammen, Hennebelle und Sharko sind zur Kooperation gezwungen. Einfach ist die nicht. Sharko leidet nach dem Tod von Frau und Tochter an einer schweren Psychose, er sieht Personen, die nicht da sind, nur Psychopharmaka helfen ihm, ein halbwegs normales Leben führen zu können. Derweil Lucie Hennebelle eigentlich eine kranke Tochter versorgen müsste, dies aber wegen des immer komplexer werdenden Falles mit dem Film nicht tun kann. Weitere Morde geschehen obendrein.

Die Spur führt schließlich zurück in die fünfziger Jahre zu einem obskuren Filmemacher, einem Genie, der mit damals unbekannten technischen Mitteln Filme manipulierte, um damit Menschen zu manipulieren. Eine Fähigkeit, die auch für Geheimdienste interessant wurde. Sharko reist nach Kairo, wo vor Jahren drei junge Mädchen unter Umständen zu Tode kamen, die an die Ermordung der fünf Männer in Paris erinnern. Hennebelle ist unterdessen auf einer anderen Fährte, die sie ins kanadische Montreal führt. Während sich die beiden menschlich näherkommen, wird die Gefahr immer konkreter. Sharko legt sich mit mächtigen Gegnern an…

Zugegeben: Das alles kommt dramaturgisch leicht überzogen daher. Aber Thilliez schafft es peu à peu, die zunächst sehr mysteriöse Geschichte in der Wirklichkeit zu verankern. Wir erfahren etwas über Hirnforschung, über die Macht der suggestiven Bilder und ihren Einfluss auf das Unbewusste. Auch die Charakterisierung Sharkos beeindruckt, weil sie das stimmige Bild einer Psychose zeichnet. In seiner Machart ist Öffne die Augen konventionell, auch stilistisch, was schlicht bedeutet, dass ein paar Gedanken zu viel ausgesprochen werden, auf die der Leser besser selbst kommen sollte. Thilliez verwendet die aktuellen Errungenschaften des Genres, ohne dass sie zum reinen Selbstzweck werden, das Ende ist zwangsläufig und rundet die psychologische Thematik von Trauma und Psyche ab. Gut, Sharkos Ägyptentrip hätte ein wenig unspektakulärer ausfallen können, aber das lässt sich verschmerzen. Ein spannender Roman.

Dieter Paul Rudolph, August 2012

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DadaPapa zu »Franck Thilliez: Öffne die Augen« 15.10.2015
Als Filmkenner war ich natürlich begeistert, dass ein alter (fiktiver) Stummfilm nicht nur als MacGuffin (austauschbarer Auslöser für das Geschehen) verwendet wird, sondern substantiell die Story bestimmt. Das alleine war schon ein Grund, weshalb ich diesen Thriller mit Vergnügen gelesen habe. Einige vergessene Filmtechniken wurden bei mir wieder ins Gedächtnis gerufen. Die Jagd der Ermittler nach den Hintergründen, der Grund, weshalb dieser Film für jemanden so mordsmäßig wichtig ist, enthüllt sich logisch und spannend. Mir unbekannte und gut recherchierte Vorgänge aus den Fünfzigerjahren, interessante medizinische Gedankenspiele (oder doch Wirklichkeit?) über das menschliche Gehirn lassen mich die in Thrillern mittlerweile viel zu häufigen Folterdarstellungen verschmerzen.Das Ermittlerpaar ist das Übliche: eine alleinerziehende Mutter, diesmal mit Zwillingen, bekannt aus vielen skandinavischen Krimis; der Kommissar mit einer Macke, die aus der persönlichen Familiengeschichte herrührt. Interessant, aber nicht weltbewegend, was scheinbar auf eine Love – Story hinausläuft. Weil das nicht so mein Interessensschwerpunkt ist, erschien mir der Epilog überflüssig. Bis ich die letzten beiden Sätze las! Ein toller PR – Gag, der mich veranlasste, sofort den nächsten Band zu kaufen.
Fazit: Empfehlenswert für Freunde alter Filme, gediegene französische Krimikost mit Lerneffekten, abwechslungsreich auch wg. der verschiedenen Schauplätze, ich bin gespannt, ob mir der nächste Band (Monster) gefällt.
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