Gezeichnet von
Buchvorstellung und Rezension
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 2006 unter dem Titel Sfregio, deutsche Ausgabe erstmals 2009 bei Lübbe.
- Mailand: Mondradio, 2006 unter dem Titel Sfregio. 189 Seiten.
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Bergisch Gladbach: Lübbe, 2009.
Übersetzt von Moshe Kahn.
ISBN:
978-3-7857-1625-0. 283 Seiten.
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In Kürze:
Gennarino Sorrentino arbeitet nicht, er schlägt sich durch. Mit seiner Vespa streift er durch die ärmlichen Viertel Neapels, um hier und dort Gelegenheitsjobs zu erledigen, die ihm und seiner Familie ein bescheidenes, aber friedvolles Leben erlauben. Bis zu dem Tag, an dem Don Rafele, der Boss der Bosse, einen Auftrag für ihn hat. Gennarino weiß, dass sein Leben und das Wohl seiner Familie auf dem Spiel stehen, wenn er sich Don Rafeles Anordnungen widersetzt, und sagt zu. Damit nimmt ein wahrer Albtraum seinen Lauf, wehrlos gerät Gennarino immer tiefer in einen Strudel aus kaltblütiger Kriminalität. Doch erst als seine Familie ihn verlässt, vermag Gennarino dem Schicksal die Stirn zu bieten und fasst einen ungeheuerlichen Plan …
Das meint Krimi-Couch.de: »Zwischen Pamela und Paolino«
Krimi-Rezension von Wolfgang Franßen überspringen
Italien, das heißt Vespa, keine geregelte Arbeit, Schlendrian und Dolce Vita. Das Bild Italiens speist sich vor allem aus den Fünfzigern, als das Land die verklärte Sehnsucht aller Deutscher nach dem Krieg war, und aus dem späten Siebzigern, als das Land nach dem Mord an Aldo Moro im Chaos zu versinken drohte. In Zeiten von Berlusconi heißt Italien für uns Vetternwirtschaft und Mafia.
Für Francesco de Filippo heißt Italien vor allem Familie, die ernährt sein will und beschützt werden muss. Nicht umsonst bietet sich eine kriminelle Vereinigung wie die Cosa Nostra oder die Camorra als Ersatzfamilie an. Mit einem Patron, mit einem Don, einem Vater, der seine Kinder zu sich ruft, auf sie aufpasst, sie bestraft, ihnen ein Auskommen gibt und sie ausschickt, um Geschäfte zu machen. De Filippo zeichnet in einer ins Deutsche schwer zu übertragenden, flapsigen Sprache das enge Leben in den Seitenstraßen Neapels nach, indem er Gennarino Sorrentino als Ich-Erzähler zu Wort kommen lässt.
Der tragische Held fürchtet um sein Leben, als Don Rafele ihn zu sich ruft. Er geht davon aus, dass er wie viele andere spurlos verschwinden und seine Familie nie erfahren wird, was aus ihm geworden ist. Doch die Camorra braucht lediglich einen Keller für ihre Ware, erinnert sich an Sorrentinos Schwiegermutter, die still hält und am Ende dafür entlohnt wird.
Für Sorrentino bedeutet der Besuch den Einstieg in die Welt der Camorra. Sie bestimmt von da an seinen Alltag. Sei es als militanten Demonstrant, sei es als Laufbursche, als Strohmann in einem Unternehmen oder als Schatten Paolinos, des zweiten Mannes in der Organisation, in dessen Gestalt De Filippo den Schrecken, die Menschenverachtung und den Selbsthass nachzeichnet.
Bonbonnieren
Gezeichnet ist kein Buch für zarte Gemüter. Die Gewaltdarstellung ist schonungslos. Egal ob Kinderprostitution oder Drogenhandel, in Form von Bonbonnieren. Wie menschenverachtend die Camorra vorgeht, wenn es darum geht, ihre Geschäfte in Nicaragua zu betreiben, Drogen mittels vollgestopfter menschlicher Körper über die Grenze zu schmuggeln, während sich die Kuriere von Italien eine bessere Zukunft erhoffen, ist erschütternd zu lesen. Niemand ist sicher. Selbst die oberen Zehntausend nicht. Ist die Ehre eines Camorristen gekränkt, kann es zu reinen privaten Racheorgien kommen, bei denen es nur darauf ankommt, andere zu erniedrigen, sie bloßzustellen, ihnen ihre Ohnmacht vorzuführen.
De Filippo beschreibt Gennarino Sorrentino als einen Menschen, der erst verführt wird, sich dann schuldig macht, schließlich alles verliert, was ihm wichtig war. Wie bei einem Sog wird er ins Herz der Camorra gezerrt und fast fühlt man sich als Leser an Dante und die einzelnen Kreise der Hölle erinnert. Mit Sorrentinos Augen müssen wir hinsehen und das fühlt sich anders an als im Fernsehen, wenn eine Schießerei erwähnt wird, die in einer Pizzeria zahlreiche Tote hinterlassen hat.
Was verwandelt einen Menschen in ein Tier
Es ist die allmähliche Korruption die Francesco de Filippo beschreibt. Männer wie Sorrentino werden angeworben, verstrickt, verführt und übernehmen Schritt für Schritt jene Hemmungslosigkeit, die einen töten und missbrauchen lässt. Erschütternd zu verfolgen, wie ein Mensch sich verändert, wenn er in ein solches Räderwerk fällt. Als Gegenstück dazu: Paolino ,ein Mann, der sich seinem Hass verschrieben hat und vor nichts zurückschreckt, außer dass er sich in einem klaren Moment einen Rest Entsetzen vor sich selbst bewahrt hat.
Und wie steht es mit der Liebe? Pamela, Sorrentinos Ehefrau wendet sich von ihrem Mann ab, während er für die Liebe bezahlt, sie sich mit Gewalt nimmt, sich einbildet, sich verliebt zu haben, während er gleichzeitig dabei ist, Pamela verlieren, deren Liebe er nie zu erobern brauchte, weil sie ihm geschenkt wurde.
Gezeichnet ist ein Buch über das Innenleben der Camorra. Menschen die sich in der Organisation umher treiben, können ihr selten entfliehen. Die Angst ist allgegenwärtig. Selbst bei jenen, die sie verbreiten.
De Filippo ist ein wütender, entsetzlicher Blick in den Abgrund gelungen.
Wolfgang Franßen, April 2009
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