Der schwarze Regen von
Buchvorstellung
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 2002 unter dem Titel Neropioggia, deutsche Ausgabe erstmals 2007 bei Luchterhand.
- Mailand: Garzanti, 2002 unter dem Titel Neropioggia. 224 Seiten.
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München: Luchterhand, 2007.
Übersetzt von Michael von Killisch-Horn.
ISBN:
978-3630621166. 224 Seiten.
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ISBN 978-3-630-62116-6, 224 Seiten. Copyright © Verlagsgruppe Random House
Leseprobe
Aus dem Italienischen von Michael von Killisch-Horn
Er rannte die Stufen hinab, sein Herz schlug wie wild, sein Kopf war leer, kein Gedanke, weder Angst noch Schmerz, er rannte die Stufen hinab, gelangte zum Tor, seufzte schwer und tief, er hatte seine Liebe getötet, die ihn verlassen, alles beenden, abbrechen, ohne ihn, ohne einen Menschen von vorn beginnen wollte, der Mann trat aus dem Haus, atmete tief durch, fand die Dunkelheit der Nacht wieder: schwarz der heftige Regen, schwarz der Gehsteig der Asphalt, die vom Wasser glitschigen Häuser, schwarz die Erinnerungen die Gedanken, sein verlorenes Herz eines Mörders, schwarz der Himmel der Mond, verschwunden wer weiß wohin, schwarz die Tränen, die zu laufen begonnen hatten, schwarz die ganze Welt, regenschwarz, alles.
1
Es war kalt an jenem Morgen in Nuraiò, der graue niedrige Himmel sandte einen schweren heftigen Regen herab, und ein eisiger Wind blies aus Norden, ein wirklicher Winterwind, wie man ihn in diesem Land sommerlicher Hitze und Trockenheit kaum kennt, das Wasser schlug heftig gegen die Scheiben auf den Asphalt die Löcher die Gehsteige, die Erde hatte sich innerhalb weniger Stunden vollgesogen, dieser eisige Regen wurde allmählich zu viel.
Marta war früh aufgestanden, sie war nicht in die Schule gegangen, sie hatte keinen Unterricht, Dienstag war ihr freier Tag, freier Tag und Markttag, Einkaufstag für die Frauen von Nuraiò, nicht für sie, die in den breiten Straßen der Stadt einkaufte, sie würde den Vormittag nicht zwischen Kisten mit Obst Schuhen Käse, zwischen den dicken Matronen des Dorfs verbringen, mit ihren bunten Schals und Jeans, dunkle Eichen mit misstrauischen Augen.
Da sind sie ja, unsere Damen, die letzten der Nation, die sich einen Teufel um Cremes und Diäten scheren, die damit prahlen, dass sie viel essen, die an die Bedeutsamkeit dicker Hüften glauben, die die Schönheit misstrauisch beäugen, sich dickköpfig weigern, jung zu heiraten, sich zu Sklaven der Ehemänner zu machen und später der Kinder und Mütter und Schwiegermütter – Marta Deiana war an diesem Morgen schlechter Laune, das schlechte Wetter und Kopfschmerzen hatten sie früh geweckt, sie betrachtete die Hände, die sich auf den Ladentischen hin und her bewegten, das Geld, das aus alten, auf die Röcke gepressten Taschen geholt wurde – Die letzten Frauen der Nation, die keine Träume hatten, nicht einmal jene der Telenovelas, nicht einmal falsche Träume, nicht einmal Träume davon, sich von einem Fernfahrer-Prinzen oder wem auch immer entführen zu lassen, kein Traum, keine Diät, Frauen von Nuraiò, möge der Himmel euch gnädig sein, möge das Paradies wirklich dort sein und euch nicht auch noch das genommen werden.
Solche Gedanken hatte Marta Deiana an diesem Morgen. Aber vielleicht übertreibe ich ja, sagte sie sich, Vielleicht sind sie ja nicht wirklich so, die Frauen von Nuraiò, zumindest nicht alle: Die eine oder andere hat vielleicht wirklich Träume, nur tötet sie sie jeden Morgen, wie es ihr beigebracht worden ist, und begnügt sich damit, ihnen nachts wiederzubegegnen, vor dem Einschlafen – und sie dachte an sich selbst, an ihre übertriebenen Träume, daran, wie oft sie sie betrogen hatten, sie fühlte sich müde und besiegt von der Kälte, von der Dunkelheit des Himmels, Der Himmel, dachte sie, Eure Kraft und eure Reserve, die Rosenkränze und die Herzen Jesu, Unsere Liebe Frau der Vorsehung, Jungfrau des Verzeihens, Unsere Liebe Frau der Beständigkeit und der Eintracht, welcher Macht vertraut ihr euch an, um nicht vor Langeweile zu sterben, meine Damen, um nicht physisch vor Langeweile zu sterben, wie viel Energie schenken euch eure schwarzen Rosenkränze?
Die Stirn an die Scheibe gepresst, ein halb unterdrücktes Gähnen auf dem Mund, fragte sich Marta Deiana, was diese Frauen wohl Tag für Tag antreiben mochte, denn sie fühlte sich, wenn es hell wurde, verloren, wie tot, erledigt. Liebe, nein, Liebe kennen sie nicht, sagte sie sich, aber dann lächelte sie, nannte sich eine dumme Gans, auch sie hatten bestimmt Liebschaften, wie alle, nur versteckter und verschwiegener als ihre, Normaler, kam es ihr in den Sinn, Genau das ist das Problem: normale Liebesbeziehungen zu haben, und normale Leidenschaften und ein normales Leben, und in Nuraiò bist du willkommen und beliebt, und sie dachte an ihre Liebesbeziehungen und lächelte erneut und warf der Straße einen Kuss zu, ihrem jungen Geliebten, den sie heute Abend sehen würde.
2
Maresciallo, rief Meloni aus dem anderen Zimmer, Wie wollen Sie Ihre Hörnchen, mit Sahne? Ja, antwortete Crissanti, er schaltete den alten Computer aus, nahm das Buch, öffnete es, suchte die Markierung, so besonders war er nicht, dieser Krimi: die Empfehlung einer Hochglanzzeitschrift eines brillanten Journalisten, durch den er vor Jahren die Ironie eines katalanischen Detektivs entdeckt hatte, aber seit einiger Zeit waren die guten Empfehlungen selten geworden, meist waren es mittelmäßige Bücher, solche, die in den Literaturspalten erwähnt wurden, erbauliche Geschichten für Vierzigjährige ohne Glaube Utopie Träume, die sich in die Bewunderung für die Ordnungskräfte geflüchtet hatten, Geschichten, die ab einem bestimmten Punkt immer schlecht ausgingen für die Bösen.
Ich halte es nicht mehr aus, sagte sich der Maresciallo nach einer halben Seite, schnaubte, schleuderte das Buch wütend gegen die Tür, stand auf, ging zu dem kleinen Regal über dem Kühlschrank, stöberte zwischen Melonis Comics, fand den alten Band mit dem weißen Umschlag und den losen Seiten, dessen Bindung kaum noch hielt.
Sein sizilianischer Schriftsteller, voller Skepsis und schreckliche Szenen beschreibend, verzweifelt und selbstgefällig, aber niemals dumm, altmodische Krimis, ohne ge
niale Lösung auf der letzten Seite, sein sizilianischer Schriftsteller, Meister eher der Fragen als der Antworten, Balladen von Menschen, die beunruhigt sind, stumm leiden, sich fehl am Platz fühlen und sich deswegen nicht schämen, Fragen und Wut und wenige Antworten und kein glückliches Ende, nur weil der Leser es so will, Tote, die ihrem Schicksal nicht entkommen, und Lebende mit schlimmen Krebsgeschwüren und unterdrückte Grimassen und Diener eines verräterischen Staates und ausgelassene Tänze des letzten Tages und vieles mehr.
Er schlug den alten Roman auf, machte es sich wieder auf seinem Stuhl bequem, es geschah nie etwas in Nuraiò, in Kürze würde der Gefreite mit dem Mittagessen zurückkommen, seine Pasta essen und die Hälfte von Crissantis Portion, würde eine Camel anzünden und dem Maresciallo eine anbieten, die der ablehnen würde.
Langweiliger Vormittag, draußen regnete es heftig und es war wie Nebel in den Straßen, man bekam keine Lust, vor die Tür zu gehen, sich die Beine zu vertreten, den Jeep zu nehmen, ein bisschen aufs Land zu fahren.
Es geschah nie etwas in Nuraiò, Crissanti kehrte zu seinem Buch zurück.
Der Gute würde vor der letzten Zeile sterben, der Böse würde weiter morden, seine Zementgeschäfte und Missbräuche fortsetzen, aber den Leser interessierte das nicht, Martino Crissanti interessierte das nicht, Weil die guten Geschichten auch so enden können, mit einer ungerechten Kugel im Rücken des Helden, dachte der Maresciallo, Weil es in den gten Büchern vorkommt, dass die Dinge nicht gut ausgehen und der Tod kein Pfand zahlt.
Er ließ sich von der Geschichte entführen, dachte an nichts mehr, draußen regnete es, es war Vormittag, aber es schien, als sei bereits Abend, es geschah nie etwas in Nuraiò.
3
Es regnete in Strömen, es regnete seit dem Vorabend, Nicola Rau hatte schlecht geschlafen – der Regen schlug gegen die Fensterscheibe -, um Viertel vor sechs stand er auf, vorsichtig, ganz vorsichtig, um die Frau nicht zu wecken, setzte die Füße auf die eiskalten Fliesen, trottete gähnend und hungrig zur Küche und zum Kaffee, stellte den Kaffeekocher aufs Feuer, setzte sich auf den intarsiengeschmückten Holzstuhl, die Augen auf den tiefdunklen Himmel, den Garten, die nasse Straße gerichtet. Verdammter Regen, flüsterte er, goss den Kaffee in die kleine Tasse, nahm einen Zwieback und setzte sich wieder, trank die heiße Flüssigkeit und betrachtete seinen Penis, der die Seide des Pyjamas spannte. Guten Tag, sagte er zu seiner schlechten Laune, zum grauen Dienstag, der vor ihm lag, zum Fettring seines Bauchs, zu dieser sinnlosen Erektion. Es war Dienstag und er musste sich rasieren, ein sauberes Hemd suchen, es regnete und er musste in die Stadt fahren, in sein Büro, zu seinem Schreibtisch, es regnete und es warkalt und er musste sich warm anziehen, einen Pullover unter der Jacke tragen, die Frau würde bald aufwachen, sie würde mit ihm im Bad sein, verschlafen freundlich sanft, wie sie morgens immer war, sie würde ihn fragen, Gut aufgewacht?, Geht so, würde Nicola Rau antworten, Schlecht geschlafen und nicht besonders gut aufgewacht, so lala. Es war Dienstag und er musste Überstunden machen, vielleicht würde er sogar bis spät in die Nacht im Büro bleiben, er könnte irgendeine Geschichte für die Frau erfinden, ein Abendessen mit den Kollegen, ein Film mit seinem ledigen Freund, irgendeine Geschichte, um frei zu sein und zu Marta nach Nuraiò fahren, ihren Hals küssen, ihr Parfum riechen, sie bitten zu können, es noch einmal zu versuchen, obwohl er bereits wusste, dass es unmöglich war, dass es Zeit war, Schluss zu machen, zu vergessen, sich zu vergessen. Schon auf?
Die Stimme seiner Frau ließ ihn zu dieser Stunde des Morgens immer erschauern, entspannt ruhig wie Wolle auf der Haut, wie schaffte sie das nur, sich so gut zu fühlen, wenn sie die Augen öffnete? Bei einem so einladenden Himmel, teer- und brunnenfarben, wie stellte die Frau es nur an, sich immer wohl zu fühlen, fragte er sich, als wäre dies die wichtigste Frage seines Lebens, Ich habe heute Nacht wenig geschlafen. Sie kam zu ihm, küsste ihn auf die Stirn, Du Armer, sagte sie, Du solltest nicht so viel Kaffee trinken, das hindert dich am Schlafen.
Sie lächelte, sie hatte ein gewöhnliches Gesicht mit zu schmalen Lippen, kleinen Augen, die nicht leuchteten, blond gefärbte Haare, die nicht zu ihrer Haut passten, Sie ist hässlich, dachte Nicola Rau einen Augenblick, als junger Mann hatte er gedacht, man könnte für die Schönheit sterben und jemanden wegen einer aufregenden Frau töten, und jetzt betrachtete er seinen Bauch und fragte sich, wie es möglich war, dass die Vergangenheit im Nichts verschwunden, das Feuer einfach so verloschen war.
Ich habe eine Überraschung, sagte die Frau und reichte ihm ein Päckchen.
Was ist es?
Mach es auf. Ich liebe dich.
Nicola seufzte leise. Ich liebe dich auch, sagte er, suchte ein Lächeln, fand nur ein halbherziges. Er liebte sie nicht, Nicola Rau liebte nichts und niemanden mehr, weder dieses Haus beinahe reicher Leute noch seinen Seidenpyjama, weder die Bibliothek aus Kastanie noch die Erstausgaben von Deledda, Ich hasste die Reichen, sagte sich der Mann, während er das Geschenk auspackte, Ich wollte sie hängen und mit Schlamm beschmieren, ich schrie es auf den Plätzen und in den Konzerten hinaus, ich schrieb es und sang es und glaubte daran, und jetzt sitze ich hier mit dieser hässlichen Frau und nichts hat mehr einen Sinn.
Es war ein schönes Geschenk, ein schwarzes Mobiltelefon, kleiner als seine Hand, Danke, sagte er zu seiner Frau und küsste eine ihrer Brustwarzen durch den leichten Stoff des Nachthemds, Das war doch nicht nötig, sagte er, sie antwortete nicht, entblößte ihre Brüste, streckte sie ihm zum Liebkosen zum Hineinbeißen entgegen, dann ging sie vor dem Mann in die Knie, zog seine Pyjamahose seine Boxershorts hinunter, entblößte die Erektion, die sich geweigert hatte zu sterben nachzulassen, blickte ihrem Mann fest in die Augen, sagte zu ihm, Ich liebe dich, Nicola, ich liebe dich, dann sagte sie nichts mehr.
Guten Morgen, wiederholte der Mann in seinen Gedanken, draußen regnete es heftig.
4
Pater Alberto starrt auf den Platz, auf dem Kopf den Wollhut des seligen Großvaters, in den Ohren einen Schlager, den er vor einer Stunde im Radio gehört hat, während er seinen Bart stutzte.
Verflucht, zischt er zur Stille, die ihn umgibt, was für eine Scheißkälte.
Im Haus gegenüber öffnet sich ein jahrhundertealtes Tor, ein alter Mann kommt heraus, in seinen Flanellmantel gemummelt, winkt ihm zu, der junge Priester erwidert den Gruß.
Ein Scheißtag, um auf die Felder zu gehen, denkt er. Und was kann man auf dem Land schon tun in diesem strömenden Regen? Der Alte muss ein Verwandter von ihm sein, daran glaubt er sich zu erinnern, aber der Name fällt ihm nicht ein, Ich kenne niemanden mehr in diesem Dorf, sagt er sich, Ein paar Jahre im Seminar und schon kommt mir alles fremd vor, dieser Platz, der ockerfarbene Kirchturm, die alten Verwandten. Er schlägt die Hände kräftig gegen die Hose, steht auf, bewegt die Beine. Eine teuflische Kälte, denkt er, Wenn Don Mulas nicht endlich kommt, krepiere ich.
Er starrt wieder auf die Straße, zwei alte Weiblein kommen vorbei, eng nebeneinander, als hätten sie sich untergehakt, hinkend und schwarz gekleidet, Der Herr sei mit Ihnen, begrüßen sie den Priester im Chor, Jetzt und immerdar, erwidert er, Einen schönen Tag, er lüpft den Hut, um sie ehrerbietig zu grüßen, Unglücksraben, fügt er leise hinzu, Dieser Priester kommt nicht, ich warte noch zwei Minuten, was soll’s, dann fahr ich eben ohne Abschied.
Doch Don Mulas kommt, er taucht aus dem Gässchen hinter der Wiese auf, träge und fett, mit offenem Lächeln und breiten Zähnen, reicht dem jungen Mann die Hand, rezitiert irgendwas Lateinisches, Kommst du mir mit hinein, Albe’, bist du verärgert?, fragt er und stößt das Portal mit einem entschiedenen Stoß, der im Kirchenschiff dröhnend widerhallt, weit auf.
Muffiger Geruch nach Erde und nassem Asphalt, nach Staub und morschem Holz und Wachs und Weihrauch, Heiliger Gott, denkt Don Sannìo, der junge Priester, Ich werde mich nie an diesen Todesgestank gewöhnen, er folgte dem anderen durchs Kirchenschiff, bis hinter den Altar, in die Sakristei.
Na, mein Sohn, fertig zur Abreise? Don Mulas setzt sich in seinen schwarz bezogenen Sessel und blickt dem jungen Mann in die Augen.
Er kennt ihn, seit er ein Kind war, er erahnt jeden seiner Gedanken jede Angst jeden Zweifel, kennt seine Vorzüge und seine Fehler, seine Sünden und die entgangenen Versuchungen, er weiß, dass er Priester geworden ist wegen des Knies, das ihn verraten hat, wegen der zerstörten Karriere, wegen der gescheiterten Träume, er weiß, wenn vor ein paar Jahren nicht dieses Spiel gewesen wäre, würde der Junge jetzt auf dem Kontinent einen Sportwagen fahren, trinken und rauchen und fluchen wie alle Teufel seines Alters, er weiß alles von ihm, Don Mulas, aber er wird ihm heute Morgen nicht die Leviten lesen, danach steht ihm nicht der Sinn, er wird ihm eine gute Reise wünschen und ihm schweigend seinen Segen geben, sonst nichts.
Ja, ich reise morgen in aller Frühe.
Das Heilige Land?
Jerusalem, Nazareth, Bethlehem, Cara und Rückflug von Tel Aviv. Ein Geschenk des Herrn Bischof.
Er ist ein kluger und großzügiger Mann, Alberto, enttäusche ihn nicht, streng dich an und du wirst von der Zukunft alles bekommen, was du dir wünschst.
Während der letzten Worte blickt er dem jungen Mann fest in die Augen, Pater Alberto streicht über seine ausgefranste Jeans, Jetzt fängt die Predigt an, sagt er sich, aber Don Mulas hat wie immer in seinen Gedanken gelesen, sein Gesicht erstrahlt in einem breiten heiteren Lächeln, Ist schon gut, sagt er und macht eine Handbewegung, als wollte er eine Fliege verscheuchen oder eben einen unangenehmen Gedanken, Ist schon gut, ich bin ein arger Quälgeist, ich schaffe es immer wieder, jemanden nachdenklich zu machen, der eigentlich unbeschwert sein, beten und seinen Spaß haben sollte. Diese Reise wird dir doch Spaß machen, oder?
Da bin ich mir sicher, sagt der junge Priester und denkt, während er das sagt: Hoffentlich habe ich heute Abend meinen Spaß, hoffentlich gelingt es mir heute Abend, wenn ich vor Marta stehe, ruhig zu bleiben, sie zu küssen und sie um Verzeihung dafür zu bitten, dass ich ihr wehgetan habe, sie zu bitten, mich zu vergessen, nach Hause zu gehen und ruhig zu schlafen, ihre Augen zu vergessen, ich pfeif auf sie in Palästina, ich pfeif auf den Bischof, das ist vorbei, morgen reise ich ab und dann geben sie mir die Stelle.
Ich will dir etwas schenken, sagt Don Mulas, erhebt sich von seinem Sofa und beginnt in den Fächern einer alten Anrichte mit riesigen Schubladen und geschliffenen Spiegeln herumzusuchen. Pater, sagt Alberto zu dem alten Priester, der nicht findet, was er sucht, und immer weiter Tücher und Päckchen und Kandelaber und Rosenkränze herausholt, Lassen Sie es gut sein, Pater, wirklich, ich brauche nichts, nur Ihren Abschiedsgruß. Warte, warte, ich hatte es hier, ich bestehe darauf …da ist es ja!
Und endlich richtet er sich auf, in der Hand ein Silberdöschen, das älter als das Kruzifix nebenan, als der Kirchturm, als das ganze Land sein mag, Was zum Teufel ist das, denkt der junge Priester, er sagt nichts, Don Mulas liest die Frage von seinem Gesicht ab.
Ein Hostienbehälter, ich habe ihn vor langer Zeit gekauft, eine Reise nach Lourdes. Ich glaube, er ist antik.Der junge Mann runzelt die Stirn, Das sollen Sie doch nicht, sagt er, Wirklich, Pater, das ist nicht nötig. Rede keinen Unsinn, Alberto, ich will es so – er drücktihm das Geschenk in die Hände, er wirkt gerührt, der junge Priester antwortet ihm mit einem höflichen Lächeln, beginnt zu überlegen sich zu erinnern sich Fragen zu stellen über diesen alten Priester über sein Leben über seine Kindheit, fragt sich Wer bist du, Priester Mulas, dass du mir dieses Schmuckstück aus Silber schenkst, ist das dein wahres Gesicht?, erinnert sich an seine Predigten, die er immer schon sterbenslangweilig gefunden hatte, und die Rügen wegen der Kragen, die zu armselig für die Totenmessen waren, und die Freude des Mannes angesichts des bis zum Rand mit Münzen gefüllten Korbes, sein breites Lächeln, wenn er die erdigen Hunderttausendlirescheine berührte, und die Tarife für Hochzeiten und Taufen, an denen nicht zu rütteln war, Wer bist du?, fragt sich Alberto Sannìo und starrt in die glänzenden Augen des Pfarrers, und er erinnert sich wieder an die sterbende Tante Norina und die nächtlichen Gebete des Priesters am Bett der Frau, seine Tränen, als sie ihren letzten Atemzug tut, und das Gebrüll von der Kanzel eines Sonntagmorgens, das hysterisch verzerrte Gesicht des wütenden Don Mulas, der Tonino Orsetto ein perverses Tier nennt, einen gottverdammten Sünder, weil er während der Beichte von der Liebe des Jungen zu seinem Vetter erfahren hatte. Wer bist du?, fragt sich Alberto Sannìo und starrt seinen Pfarrer an, Wer bist du, fetter Mann, der du mich mit einer Träne verabschiedest?
