Verfallen von Esther Verhoef

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2010 unter dem Titel Déjà vu, deutsche Ausgabe erstmals 2011 bei btb.
Ort & Zeit der Handlung: Frankreich, 1990 - 2009.

  • Amsterdam: Anthos, 2010 unter dem Titel Déjà vu. 318 Seiten.
  • München: btb, 2011. Übersetzt von Stefanie Schäfer. ISBN: 978-3-442-75306-2. 400 Seiten.

'Verfallen' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Sie sind beste Freundinnen. Aufgewachsen wie Schwestern. Als Eva ihren Job als Journalistin verliert, will sie bei Dianne Kraft sammeln. Denn die naturverbundene junge Frau hat sich in ein idyllisches Dorf in Frankreich zurückgezogen. Doch als Eva dort ankommt, ist alles ganz anders: Diannes Haus ist verfallen, die Gegend eine deprimierende Einöde. Und wer sind die Freunde, von denen Dianne ihr vorgeschwärmt hat? Vor allem aber: Wo ist Dianne? Auf Evas Nachforschungen reagieren die Einwohner feindselig. Selbst die örtliche Polizei verhält sich seltsam abweisend. Als Eva beschließt, sich im heruntergekommenen Haus ihrer Freundin einzuquartieren, passieren unheimliche Dinge: Die Scheiben werden eingeschlagen, eine Katze liegt tot vor der Tür. Und das Dorf wird von einer brutalen Mordserie erschüttert. Was als Zuflucht geplant war, entpuppt sich als schlimmster Alptraum …

 

Das meint Krimi-Couch.de: »Gekonntes Spiel mit der Phantasie« 75°

Krimi-Rezension von Rita Dell\'Agnese

Nichts ist so, wie Eva sich das vorgestellt hat. Das Haus in Südfrankreich, von dem ihre langjährige Freundin Dianne ihr vorgeschwärmt hatte, entpuppt sich als verfallenes Anwesen. Von den angeblichen Freunden aus dem Dorf ist nichts zu sehen und Dianne selber scheint wie vom Erdboden verschluckt. Für Eva, die eben ihren Traumjob in der Redaktion einer kleinen niederländischen Zeitung verloren hat, bricht eine Welt zusammen. Denn nicht nur, dass ihr die Bevölkerung des Ortes mit unverhohlener Ablehnung begegnen, auch die Polizei will sich nicht um das Verschwinden ihrer Freundin kümmern. Je intensiver Eva nachforscht, desto größere Steine werden ihr in den Weg gelegt. Bis zu jenem Moment, in dem sie eine tote Katze vor der Haustüre findet und versteht, dass dies eine Drohung sein soll. Langsam begreift die Journalistin, dass sie sich in Lebensgefahr befindet. Doch sie will Dianne finden. Um jeden Preis.

Esther Verhoef spielt in ihrem jüngsten Thriller gekonnt mit den Emotionen der Leser. Durch einen äußerst geschickten Wechsel des Schauplatzes baut sie eine dichte Atmosphäre von Unbehagen und unterschwelliger Gewalt auf. Gewalt, die sich vordergründig gegen die neugierige Ausländerin Eva richtet, die beharrlich nach ihrer verschwundenen Freundin forscht. Diese verhaltene Gewalt könnte aber durchaus Grund für das unerklärliche Verschwinden Diannes sein. Mit der zaudernden und in Selbstmitleid schwimmenden Eva stellt die Autorin eine Protagonistin ins Zentrum des Geschehens, die über sich hinaus wachsen muss, um ihre kindlichen Verhaltensmuster abzulegen. Denn je mehr Eva in der Angelegenheit herum stochert, desto deutlicher wird ihr, wie weit sie sich von Dianne und deren Leben schon entfernt hat. Eva wird gezwungen, sich aus dem Schatten der stets stärkeren Freundin heraus zu bewegen und sich den Wahrheiten zu stellen, die nicht nur schmerzhaft sondern auch unangenehm sind.

Es ist aber nicht nur Eva, die sich einer Wirklichkeit stellen muss, die sich immer wieder in einem völlig anderen Licht präsentiert. Auch die Leser werden von der Autorin gefordert. Was haben die Ereignisse im Wald mit dem Verschwinden Diannes tatsächlich zu tun? Über weite Strecken hinweg glaubt der Leser, die Antwort zu kennen. Bis er eines Besseren belehrt wird und sich mit einer neuen Wirklichkeit konfrontiert sieht. Esther Verhoef hat Verfallen nicht nach dem Muster aufgebaut, bei dem die Antwort schon gegeben ist, bevor der Roman richtig beginnt. Sie verschiebt nach und nach das Blickfeld der Leser und schafft dadurch eine anhaltende Spannung. Erst unmittelbar vor der Auflösung sinkt die Spannung für einen Moment in sich zusammen – Eva wächst hier zu offensichtlich über sich hinaus, was zu einem Knick in der ansonsten sehr geradlinigen Erzählung führt. Leider mag man sich bis zuletzt nicht ganz von diesem Knick zu erholen, was dazu führt, dem Thriller mit eher gemischten Gefühlen gegenüber zu stehen.

Das Wortspiel im Romantitel könnte passender nicht sein. Einerseits trifft Eva nach ihrer 1300-Kilometer-Fahrt nicht auf die südfranzösische Idylle, wie von ihrer Freundin beschworen, sondern auf ein verfallenes Anwesen, im dem zwar Spuren auf die Existenz Diannes hindeuten, das aber weit entfernt von einem schmucken Heim ist. In kleinen Rückblenden erzählt Eva die Geschichte ihrer Freundschaft zu Dianne. Und lässt dabei keinen Zweifel aufkommen, dass sie die deutlich schwächere des Gespanns ist. Andererseits wird schon kurz nach dem Einstieg in den Thriller klar, dass es sich hier auch um eine obsessive Beziehungsgeschichte handelt.

Leider packt Esther Verhoef im Verlauf der Geschichte all jene Elemente rein, die man gemeinhin von einem Thriller erwartet. Leider deshalb, weil die Geschichte sich zunächst deutlich vom gängigen Muster unterscheidet und gerade dadurch einiges an Qualität mitbringt. Vieles davon geht durch die Rückkehr zu den typischen Thriller-Elementen wieder verloren. So bekommt man letztlich durchaus spannende Kost vorgesetzt, allerdings mit einer leicht versalzenen Note. Dass man Eva ihre Wandlung vom grauen Mäuschen zur unerschrockenen Heldin nicht abkaufen mag, tut ein Übriges, um den Thriller zu gutem Durchschnitt hinab zu stufen. Schade drum.

 

 

Ihre Meinung zu »Esther Verhoef: Verfallen«

Helfen Sie anderen Lesern, indem Sie einen Kommentar zu diesem Buch schreiben und den Krimi mit einem Klick auf die Säule des Thermometers bewerten. Und bitte nehmen Sie anderen Lesern nicht die Spannung, indem Sie den Täter bzw. die Auflösung verraten. Danke!

Annette Traks zu »Esther Verhoef: Verfallen« 02.11.2013
Die 27-jährige Niederländerin Eva Lambregts verliert von einem Tag auf den anderen ihren Job als Journalistin und beschließt, einfach eine Woche eher als geplant nach Frankreich zu fahren, um dort ihre 3 Jahre ältere Busenfreundin Dianne zum ersten Mal zu besuchen. Die naturverbundene junge Frau ist bereits vor einiger Zeit dorthin ausgewandert und hat Eva von ihrem kleinen Häuschen in idyllischer Lage und den neuen Freunden vorgeschwärmt. Da Dianne in den letzten Tagen nicht auf Mails, SMS- und Mailbox-Nachrichten geantwortet hat, erscheint Eva unangemeldet und erschrickt:
Die Adresse entpuppt sich als eine in der Einöde direkt am Waldrand gelegene Behausung ohne jeden Komfort, und von der Freundin fehlt jede Spur. In der Hoffnung auf deren baldige Rückkehr quartiert sich Eva allen Widrigkeiten zum Trotz dort ein. Als Dianne jedoch weiterhin verschwunden bleibt und nicht auf Kontaktversuche reagiert, beginnt die mittlerweile besorgte Eva mit Nachforschungen. Unverständlicherweise reagieren Nachbarn und Dorfbewohner jedoch äußerst feindselig, und auch die Polizei verhält sich demonstrativ unkooperativ - selbst dann noch, als im Haus Scheiben eingeworfen werden und eine regelrecht abgeschlachtete Katze vor der Tür liegt. Freunde, von denen Dianne euphorisch berichtet hat, scheinen völlig zu fehlen.
Stattdessen durchlebt Eva einen wahren Albtraum, gerät in Lebensgefahr und findet nur in ihrem neuen Freund Erwin Halt, der aus Sorge um sie angereist ist. Aber er kann sie nicht davon abbringen, herauszufinden, was mit ihrer Freundin passiert ist, denn mittlerweile ist klar, dass diese in großen Schwierigkeiten stecken muss.
Nach und nach muss Eva erkennen, dass Dianne, mit der sie zusammen aufgewachsen ist und die für sie immer wie eine große Schwester war, offensichtlich schon längere Zeit nicht mehr diejenige war, die sie immer so sehr bewundert hat. - Die Autorin stellt hier sehr geschickt Rückblenden in Evas und Diannes gemeinsame Jugendzeit und aktuelles Geschehen gegenüber.

Resümee:
Nachdem mich „Abscheu“ so begeistert hatte, musste ich bei diesem Buch ein paar Abstriche machen: Die erste Hälfte war ebenfalls thrillermäßig spannend, was nicht nur der Darstellung des Geschehens selbst, sondern auch der dazu passenden atmosphärisch düsteren Beschreibung zu verdanken ist. Gut herausgearbeitet wurde hierbei auch die Doppeldeutigkeit des Titels „Vefallen“ - sowohl auf das Haus als auch auf die geschwisterlich enge und vertraute Beziehung der beiden Frauen bezogen.
Dann hätte das Buch für mich gut zu Ende sein können, denn m. E. war der Fall gelöst, ich fragte mich, was denn jetzt wohl noch kommen, ob das eigentlich abgeschlossene Geschehen doch noch eine unerwartete Wendung nehmen würde. Aber nichts dergleichen geschah, stattdessen wurde nun „ein Fass“ nach dem anderen neu „aufgemacht“, die Handlung immer langatmiger, spannungsreiche Passagen immer seltener. Schade! Manchmal ist weniger wirklich mehr.
Ihr Kommentar zu Verfallen

Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.

Seiten-Funktionen: