Affaire provocante

Erotische Krimis mit Schuss oder: Morde mit Sex-Appeal.

Zum Erscheinen der »Erotischen Krimis mit Schuss« im Europa-Verlag sprach Krimi-Couch.de mit der Herausgeberin Lisa Kuppler über Sex & Crime, zwei unterschiedliche und doch nah beieinanderliegende Genres, und die unscharfen Grenzen zwischen Erotik und Pornografie in der Literatur.

Lesen Sie aus »Passion criminelle«: Wenn man liebt von Roger M. Fiedler
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»Das Kriminelle wird erotisch, das Erotische ist kriminell«

Krimi-Couch: Frau Kuppler, in Zeiten von Schwedenwelle, italienischen Commissarios und gerichtsmedizinernden Frauen sticht Ihre Krimis-mit-Schuss-Reihe sicherlich deutlich heraus. Wie kam es dazu?

Lisa KupplerLisa Kuppler: Der Europa-Verlag hatte mich angesprochen, ob ich nicht für sein vierbändiges Geschenkbuch-Format eine Krimireihe machen wolle. Ich  skizzierte ein paar Projekte, und  der Verleger hat sich nach der Devise  »Sex & Crime sells« zielsicher für die Erotik-Krimis entschieden. Die Herausforderung für mich als Herausgeberin war, originelle  KrimiautorInnen mit spannenden Erotik-AutorInnen zusammen zu bringen.

Meine Recherche ins Gebiet der erotischen Literatur und die Autorenakquise waren sehr interessant. Die AutorInnen erotischer Literatur mussten erst einmal überzeugt werden, sich doch einmal an einen Krimi zu wagen, für sie war der Krimi oft Neuland.

Die KrimiautorInnen sind dagegen schneller auf das Konzept »Erotik-Krimis« eingestiegen. Das liegt sicher daran, dass Sex und sexuelle Beziehungen in vielen Krimis eine wichtige Rolle spielen, Sex und Crime ja eben anscheinend zusammen gehören. Dass erotische Literatur doch anders funktioniert als der Krimi, ist den  KrimiautorInnen eher im Schreibprozess aufgefallen. Wir haben im Lektorat viel über die alte Frage diskutiert, wo denn nun Erotik aufhört und Pornografie anfängt.

Krimi-Couch: War es in diesem Sinne Ihre Aufgabe zwei Genres zusammenzuführen und zu kontrollieren, dass beides – also Erotik und Krimi – funktioniert? Unter dieser Autorenkonstellation sicherlich kein leichter Job.

Lisa Kuppler: Der Verlag hat mir bei der Auswahl der AutorInnen freie Hand gelassen. Neben den »üblichen Verdächtigen« aus der Krimiwelt auch AutorInnen erotischer Literatur für die Krimianthologie zu gewinnen, war meine Idee. Ich denke, in der einen oder anderen Geschichte ist es voll gelungen, die beiden Genres zusammen zu führen, z.B. in Dagmar Fedderkes »Gangsters of Love« oder Gabi Hifts »Ein finsteres Loch«.

Obsession bizarreDer amerikanische Autor/Herausgeber Thomas S. Roche macht in seinen Noirotica-Anthologien ebenfalls einen solchen Genre-Mix, mit einem etwas anderen Schwerpunkt auf Crime Noir und Erotik. Das merkt man auch in seiner Geschichte »Dirty Pool«, die ich deshalb ausgewählt habe.

Beim Lektorat der Geschichten habe ich darauf geachtet, dass die Geschichten als »Krimi« funktionieren, also Spannungsaufbau und komplexe, »kriminalistische« Plots angelegt und zu Ende geführt werden. Was die Erotik betrifft, war es oft mehr eine Frage von Unterstützung durch das Lektorat im Sinne von »bau die Sexszene doch noch ein bisschen aus«.

Krimi-Couch: Hatten dabei die männlichen Autoren mehr Unterstützungsbedarf als die weiblichen oder lässt sich dieses Vorurteil so durch die Bank nicht bestätigen?

Lisa Kuppler: Nein, geschlechtermäßig sind mir keine Unterschiede aufgefallen. »Auf ein Eis im Fiorio« von Wolfgang Mock hat z.B. eine wunderbar subtile Erotik. Allerdings gibt es wenige männliche Autoren, die dezidiert Erotik schreiben, zumindest bin ich bei meinen Recherchen auf keine gestossen. Ich hatte bei Autoren wie Thommie Bayer (»Das Aquarium«) und Helmut Krausser (»Schmerznovelle«) angefragt, deren Romane als »erotisch« gelten, die aber auf keinen Fall als ausgewiesene Erotik-Autoren gelten, sondern unter Belletristik laufen. Leider haben beide abgesagt …Vielleicht schreiben Männer, die sich mit Sex und Erotik als GENRE befassen wollen, doch lieber gleich Pornos?

Krimi-Couch: Wo Sie »Ein Eis im Fiorio« gerade ansprechen: Genau in dieser Story fand ich die Erotik schon sehr »subtil« – im Grunde kurzer, harter, verbal durchaus deutlich geschilderter Sex. Wo haben Sie die bereits erwähnte Grenze zwischen Erotik und Pornographie gezogen? Und was haben Sie bis auf die edle Gestaltung der vier Bände getan, um die Gratwanderung zwischen anspruchsvoller Erotik in Kombination mit dem Krimi und »Schmuddelsex« an der Grenze zum Porno zu meistern?

Passion criminelleLisa Kuppler: Die Erotik in »Ein Eis im Fiorio« zeigt sich für mich in der erotischen Obsession des Taschendiebs mit der (fast schon imaginierten) Berührung seiner »Opfer«. Hier passiert genau das, was ich im Idealfall für die Erotik-Krimis wollte: Das Kriminelle wird erotisch, das Erotische ist kriminell. Die Sexszene ist – wie Sie richtig sagen – sehr deutlich, relativ hart, sehr konkret. Und genau so eine Szene braucht es von der (Krimi-)Handlung der Story her.

Die Grenze zur Pornographie ziehe ich da, wo es ausschließlich um Sex um des Sex´ Willen geht, wo der Text zur Vorlage für den einhändigen Leser wird. »Schmuddelsex«-Pornos halte ich übrigens für kein verachtungswürdiges Genre, auch einen guten Porno zu schreiben, ist eine hohe Kunst.

Die Erotik-Krimis sollten nun aber ganz klar erotische, nicht pornografische Inhalte haben, in diesem Sinne habe ich auch die AutorInnen akquiriert.

An der sehr gelungenen Gestaltung der Bände bin ich ganz und gar unschuldig. Alles Lob gebührt hier den Grafikerinnen des Europa Verlages, Kathrin Steigerwald und Frauke Weise. Und die Idee mit dem eingestanzten Loch (für die »Erotischen Krimis mit Schuss«) stammt vom Verleger persönlich!

Krimi-Couch: Eingangs erwähnten Sie ja bereits, dass es wohl bei den vier Bänden der erotischen Krimis bleiben wird. Können Sie Lesern, die nun Lust bekommen haben, ein paar weiterführende Empfehlungen aus dem Genre »erotische Krimis« geben?

Rendezvous érotiqueLisa Kuppler: Ja, wie gesagt, das Geschenkbuchformat beim Europa-Verlag ist auf vier Bände  angelegt. Allerdings bin ich sicher, dass der Verleger  bei rasantem Absatz der Erotik-Krimis sicher auch »Erotische Krimis mit Schuss 2« machen wird ...

Zu den Lesempfehlungen: Mir hat sehr viel Spass gemacht, die Kurzgeschichtensammlung Flesh & Blood: Erotic Tales of Crime and Passion , hg. von Max Allan Collins und Jeff Gelb. Ebenfalls sehr gut ist Tart noir , hg. von Stella Duffy und Lauren Henderson, wenn auch nicht explizit erotischer Krimi. Leider beides bis jetzt nur auf Englisch zu erhalten. An deutschen KrimiautorInnen auf jeden Fall Sabina Nabers Namensvetterin , ein Krimi, der im Wiener Swinger-Milieu spielt. Sonst …fallen mir nur gute Krimis mit guten Sexszenen ein (Roger M. Fiedler!), aber nicht direkt erotische Krimis.

Krimi-Couch: Frau Kuppler, wir bedanken uns herzlich für das Gespräch!

Das Interview führte .lft


Die Herausgeberin

Lisa Kuppler studierte Amerikanistik und Geschichte in Tübingen und den USA. Seit 1996 arbeitet sie als freie Lektorin, Ghost-Writerin und Übersetzerin, sie ist die Herausgeberin der Krimi-Reihe »Reihe M« und veröffentlichte unter anderem mehrere Kriminalanthologien, darunter »Aszendent Mord« und »Queer Crime«. Die aktuelle Neuübersetzung von Krimi-Altmeister Mickey Spillane stammt aus ihrer Feder. Seit 2001 leitet sie das Krimibüro Wels Productions in Berlin Mitte.

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