Der barfüßige Polizist von der Calle San Martin von Ernesto Mallo

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2007 unter dem Titel Delincuente argentino, deutsche Ausgabe erstmals 2010 bei Aufbau.
Ort & Zeit der Handlung: Argentinien / Buenos Aires, 1970 - 1989.
Folge 2 der Comisario-Luscano-Serie.

  • Buenos Aires: Planeta, 2007 unter dem Titel Delincuente argentino. 198 Seiten.
  • Berlin: Aufbau, 2010. Übersetzt von Matthias Strobel. ISBN: 978-3-351-03325-5. 240 Seiten.

'Der barfüßige Polizist von der Calle San Martin' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Buenos Aires, Anfang der 1980er Jahre. Die Diktatur ist vorbei, alles boomt: Banken, Geschäfte, Korruption. Wer nicht zu Geld kommt, ist selber schuld. Und wer dachte, die Zeit nach den Militärs würde Ruhe und Ordnung bringen, wird brutal enttäuscht. In diese Welt wird Eduardo Miranda, genannt »El Topo«, aus dem Gefängnis entlassen. Er ist müde geworden, sehnt sich nach einem friedlichen Leben – nur ein Ding will er noch drehen, einen Bankraub, doch fast alles geht schief. Comisario Lascano soll die Millionenbeute wiederbesorgen. Trotz seiner Aversion gegen die Auftraggeber kommt ihm das Angebot recht. Er braucht dringend Geld, um Eva zu suchen – die Frau, in die er sich Jahre zuvor verliebt hat.

Das meint Krimi-Couch.de: »In den Kulissen der Vergangenheit« 93°Treffer

Krimi-Rezension von Wolfgang Franßen

Allein schon der deutsche Titel verspricht Ungewöhnliches. Nicht Mord, nicht Totschlag, keine Erpressung, nicht eine Leiche im Pfarrhaus oder der siebte, achte Fall von Kommissar, Comisario XY – nein, ein barfüßiger Polizist. Gleich mit der ersten Seite fühlt man sich an Jean-Patrick Manchette erinnert, dessen Gangster die stillen Helden seiner Romane waren, die er mit schroffer, karger Sprache ausstattete. Auch Ernesto Mallo springt mitten ins Geschehen hinein. Ins Gefängnis. »El Topo«, auch Eduardo Miranda genannt, steht vor der Entlassung. Ihn plagen Gedanken an AIDS, und dass er nie wieder in einer Zelle landen darf, selbst wenn das Argentinien ihn da draußen nicht zurück haben will.

Buenos Aires ist nach der Militärdiktatur eine zerrissene Stadt, die wieder zusammen wachsen muss. Der als Theaterautor und Radioredakteur arbeitende Ernesto Mallo beschreibt das Bild von Umherirrenden, die innerlich zerrüttet sind. Nach all der Unfreiheit, der Gewalt, der Unterdrückung ist die Rückkehr in den Alltag nicht allein durch einen Wirtschaftsboom zu erreichen.

Die Schlusspunkt- und Befehlsgehorsamgesetze der Regierung Alfonsín waren dazu gedacht, die Untergebenen von der Verantwortung für die in Auftrag gegebenen bestialischen Verbrechen freizusprechen. Was sowohl für Unzufriedenheit bei Militär wie Bevölkerung sorgte. Buenos Aires brodelt von Gerüchten über neue Aufstände, überall werden Verschwörungen gewittert.

Durch Mallos Stadt streifen zwei Männer, die unterschiedlicher nicht sein können. Der eine ein Verbrecher, der andere ein Polizist. Beide auf der Suche nach jenen Frauen, die sie lieben. »El Topo« wird seine Ehefrau mit Hilfe von falschen Schwüren umgarnen. Comisario Lascano, auch »El Perro« genannt, versucht seine geliebte Eva zu finden, die er seit dem Mordanschlag auf ihn im ersten Band – Der Tote von der Place Once – aus den Augen verloren hat.

Comisario Lascano soll der Gruppe »die Apostel« das Handwerk legen, doch ausgerechnet diese ermordet den Polizeichef Jorge Turcheli, der Lascano heimlich reaktiviert hat, um ihn gegen die höherrangigen Militärs in Stellung zu bringen, die mit der Türkenmafia und kolumbianischen Drogenhändlern unter einer Decke stecken. Mit seinem Tod fehlt Lascano die schützende Hand über sich. Er wird zum Freiwild. Killer suchen nach ihm.

Während »El Topo« – wie Parker in einem Richard-Stark-Thriller – mit seinem geplanten Bankraub scheitert, bringt das politische Ränkespiel des alten Argentiniens »El Perro« fast zu Fall. Die Wege der beiden Männer werden sich immer wieder kreuzen.

Es sind allesamt Verlorene, die Mallos Roman bevölkern und sich tapfer einreden, dass alles Übel verschwinden wird und ihnen eine glückliche Zukunft am Horizont winkt, wenn sie das tun, was sie tun müssen. Selbst wenn man wie im Fall von »El Topo« unter falsche Mordanklage gerät und die eigene Ehefrau glaubt, den Sohn vor dem Vater schützen zu müssen.

Niemand ist sicher in Ernesto Mallos spannendem Noir-Roman. Er verwebt die Schicksale geschickt zum Spiegelbild eines in sich gebrochenen Landes, das sich im Aufbruch wähnt. Nur Schattengestalten wie Major Garibaldi, auf dessen Veranlassung zwei Regimekritiker im Mordfall Bittermann hingerichtet wurden, hängen an der Vergangenheit:

Den Krieg haben wir gewonnen, und jetzt, wo Frieden herrscht, schlagt ihr gegen uns los. Diese sogenannte Demokratie haben wir euch ermöglicht. Ihr Zivilisten habt den Schwanz eingezogen, als die Bolschewiken Bomben geworfen und Leute verschleppt haben.

Der barfüßige Polizist von der Calle San Marin ist die Geschichte zweier Männer, die glaubten das Glück in der Hand zu halten, um festzustellen, dass es ein paar Schritte zu weit von Ihnen entfernt lag. Sie treten kurz aus den Kulissen. Ebenso spurlos verschwinden sie auch wieder.

Ernesto Mallo findet ein faszinierendes Finale für seine beiden Helden. Und es sieht ganz danach aus, als hätte dieser Autor noch viel über sein Land zu erzählen. Wir warten gespannt darauf.

Wolfgang Franßen, Dezember 2010

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