Zwei blutige Buchstaben von Ellery Queen

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1953 unter dem Titel The scarlet Letters, deutsche Ausgabe erstmals 1957 bei Scherz.

  • Boston: Little, Brown, 1953 unter dem Titel The scarlet Letters. 239 Seiten.
  • Bern: Scherz, 1957. Übersetzt von Lola Humm. 190 Seiten.

'Zwei blutige Buchstaben' ist erschienen als

Das meint Krimi-Couch.de:

Ellery Queen, der bekannte Verfasser viel gelesener Kriminalromane und von der Verbrecherwelt gefürchteter Hobby-Detektiv, ist nicht begeistert, als ihn seine Privatsekretärin und Freundin Nikki Porter bittet, Martha Gordon, ihrer Vertrauten noch aus Schultagen, zur Seite zu stehen. Die millionenschwere Tochter eines längst verblichenen Schlachthof-Magnaten, die sich nun als Theater-Produzentin die Zeit vertreibt, hat vor einigen Jahren den Schriftsteller Dirk Lawrence geheiratet. Schon damals sorgte dies für einige Verwunderung, ist doch ihr Gatte ein verschlossener, depressiver, sogar bedrohlich wirkender Zeitgenosse.

Doch wo die Liebe hinfällt, macht sie bekanntlich zunächst einmal blind. Inzwischen ist der Ehealltag eingekehrt, und Martha bekam Gelegenheit genug, ihre Gattenwahl zu bereuen. Dirk, der als Schriftsteller deutlich weniger erfolgreich als Ellery Queen ist, hat schwer zu trinken begonnen. Regelmäßig überkommen ihn Anfälle ungezügelter Aggression. Dann wirft er Martha vor, sie zu betrügen, beschimpft und schlägt sie neuerdings sogar. Beruhigt er sich dann, weiß er nicht, was in ihn fuhr.

Auch Ellery ist bereits das Opfer von Dirks Eifersucht geworden und hat einen ordentlichen Kinnhaken einstecken müssen. Daher quartiert er Nikki in der Lawrencenschen Wohnung ein, um ein Auge auf den labilen Hausherrn zu halten. Dabei entdeckt diese, dass es Martha mit der ehelichen Treue offenbar tatsächlich nicht genau nimmt: Sie erhält ominöse Briefe, auf denen die Adresse mit auffällig scharlachroten Buchstaben niedergeschrieben wurde. Statt einer Unterschrift (Nikki verschafft sich nach Rücksprache mit Ellery heimlich Einblick) findet sich stets nur ein Buchstabe, der verschlüsselt den Ort des nächsten Treffens angibt. Die Serie der Briefe beginnt mit »A« und setzt sich dem Alphabet folgend fort.

Wer sich hinter dem Absender verbirgt, bringen Nikki und Ellery bald in Erfahrung: Es ist der alternde Schauspieler und Wüstling Van Harrison. Auch das »Codebuch« mit den zukünftigen Treffen – eigentlich nur ein Führer zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt – kann Ellery ausfindig machen. Nunmehr nimmt er als unsichtbarer Dritter an den Zusammenkünften teil. Die Theorie von der heimlichen Liebesaffäre löst sich schnell in Luft auf. Wesentlich Profaneres verbindet zumindest Harrison mit Martha, aber was es ist, das kann Ellery erst in letzter Sekunde aufdecken, doch da hat eine ganz besonders perfide kriminelle Tragödie fast schon den ihr bestimmten Lauf genommen..

Die Geschichte von Ellery Queen kennt eigentlich jeder Liebhaber der alten »Whodunits«, die ihren kriminalistischen Reiz daraus beziehen, ein möglichst kniffliges, oft sogar bizarres Mordrätsel in den (gern scheinbar hermetisch von innen verschlossenen) Raum zu stellen, das der Detektiv dann gemeinsam mit dem Leser löst; der Täter ist stets jemand, den jeder kennt und mit dem trotzdem niemand gerechnet hätte (wenn der Verfasser sein Handwerk versteht). Bis zum II. Weltkrieg waren diese Krimis sehr beliebt und behaupteten sich gut neben den neuen, harten Thrillern von Raymond Chandler oder Dashiell Hammett.

Die Vettern Frederic Dannay (alias Daniel Nathan, 1905-1982) und Manfred Bennington Lee (alias Manford Lepofsky, 1905-1971) betraten 1928 die Schriftsteller-Bühne. Mit »The Roman Hat Mystery« nahmen sie an einem Wettbewerb teil, für den ein Magazin einen Geldpreis von 7.500 Dollar für den besten Kriminalroman ausgelobt hatte – viel Geld im Amerika der Weltwirtschaftskrise und ein guter Ansporn für die Kreativität. Gewonnen hat das Duo zwar nicht, aber das konnte es schon bald verschmerzen. Das Werk erschien 1929 als Buch, gefiel außerordentlich, und der Rest ist – wie man so schön sagt – Geschichte: 42 lange, schöne, mordreiche Jahre klärte Ellery Queen verzwickte, spannende & witzige Fälle.

Dabei half das Pseudonym. Ursprünglich hatten es Dannay und Lee erfunden, weil dies eine Bedingung des besagten Wettbewerbs war. Ohne Absicht hatten sie damit den Stein der Weisen gefunden: Das Publikum verinnerlichte sogleich die scheinbare Identität des »realen« Schriftstellers Ellery Queen mit dem Amateur-Detektiv Ellery Queen, der sich wiederum seinen Lebensunterhalt als – Autor von Kriminalromanen verdient!

In den späteren Jahren verbarg das »Markenzeichen Queen« zudem, dass hinter den Kulissen zunehmend andere Verfasser tätig wurden. Lee wurde Anfang der 60er Jahre schwer krank, und Dannay gingen allmählich die Ideen aus, während die Leser nach neuen Abenteuern schrieen. Daher wurden viele der neueren Romane unter Dannays mehr oder weniger straffen Anleitung von Ghostwritern geschrieben.

Aber »Zwei blutige Buchstaben« gehört, 1953 entstanden, noch zum Kanon der »echten« Ellery Queen-Romane. Das mag dem in der Geschichte des Kriminalromans nicht ganz so firmen Leser schwer fallen zu glauben: Diese Geschichte hat so gar nichts mehr mit den nostalgisch angestaubten, klassischen Queen-Whodonits der 30er Jahre zu tun, sondern mutet recht zeitgemäß an. Tatsächlich verdanken Dannay und Lee einen guten Teil ihres Erfolges dem Talent und der Bereitschaft, ihren Ellery Queen behutsam den sich verändernden Zeitläufen anzupassen, ohne dass dadurch die Figur und der Zauber, der sie trug, in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Heute liebt man die alten Rätsel-Thriller in ihrer ganzen Schnurrigkeit wieder heiß und innig, aber das war beileibe nicht immer so: In den USA wurden spätestens ab 1945 auch im Krimi ganz andere Töne angeschlagen, und Gaslicht und vergiftete Hutnadeln kamen völlig aus der Mode. Die »Schwarze Serie« öffnete die bisher sorgfältig verschlossene Falltür zu den Neurosen und Ängsten, die im Hintergrund der menschlichen Seele lauern. Deshalb verfolgt Ellery Queen dieses Mal keinen gierschlundigen Erbonkel-Vertilger, sondern bekommt es wenig sportlich mit einem psychisch derangierten Kriegsveteranen, seiner misshandelten Gattin und einem schmierigen Profi-Seitenspringer zu tun, die in eine ziemlich schäbige Affäre verwickelt sind, die sich indes in letzter Sekunde – der Leser wundert sich schon – in einen »richtigen« Ellery-Queen-Kriminalfall verwandelt.

Ellery selbst hat eine Freundin, die eindeutig mehr als seine Sekretärin ist, und beide sind nicht einmal verheiratet! Sogar die Existenz damals noch nicht politisch korrekt zu würdigender gesellschaftlicher Randgruppen wird nicht länger totgeschwiegen, auch wenn sich dies in der Übersetzung noch recht verschämt und drollig liest: »Außerdem gehört er der anderen Richtung an« (S. 19), heißt es da über einen Mann vom Theater, der definitiv keine Frauen liebt. Siehe da: Die reale Welt drehte sich weiter, statt ob solcher Sündhaftigkeit unterzugehen, und Ellery Queen blieb mit ihr in Schwung – Hercule Poirot oder Miss Marple mussten dagegen nach dem Willen ihrer geistigen Mutter Agatha Christie noch in den 70er Jahren in ihrer aseptischen Spießbürger-Märchenwelt verharren …

Wie es sich gehört, gebe ich hier abschließend die Quelle preis, aus der sich die meisten Informationen über Leben und Werk des doppelten Ellery Queen speisen – es ist Volker Neuhaus´ ausführliches Nachwort zum Debütwerk von 1929, das nach vielen Jahren 1987 in Deutschland unter dem Titel »Der mysteriöse Zylinder« als Band 1008 der hochverdienten »DuMont’s Kriminal-Bibliothek« neu übersetzt und endlich ungekürzt veröffentlicht (und seitdem glücklicherweise mehrfach aufgelegt) wurde. Wiederum leider nicht in chronologischer Reihenfolge erschienen weitere Queen-Romane, aber »The Scarlet Letters« noch nicht, so dass sich Ihr Rezensent, der ungeduldig war, die deutsche Erstauflage aus dem Jahre 1957 beschaffte; etwaige Kürzungen werden durch das Vergnügen wettgemacht, das heute das Blättern in einem der altmodisch-eleganten Scherz-Taschenbücher aus der Wirtschaftswunder-Zeit bereitet, sowie durch die Überraschung, an einen Queen-typisch kruden, aber eben doch anders gelagerten Ellery Queen-Thriller geraten zu sein.

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RolfWamers zu »Ellery Queen: Zwei blutige Buchstaben« 05.11.2004
Das Buch gehört zwar zu den "echten" Queens, ist aber eines der schwächsten des gesamten Kanons. Nur die deutschen Leser , die ihre Queen-Sammlung vollständig im Schrank haben wollen, sind hinter dem Buch her.Außer der Scherz-Ausgabe von 1957 (und einer 2. Auflage von 58) gibt es keine weitere dt. Ausgabe. Und suchen Sie mal einen fast 50 Jahre alten Krimi....
ben stumpf zu »Ellery Queen: Zwei blutige Buchstaben« 16.10.2003
ich finde diese geschichte sehr spannend und mann merkt dass, der autor sich mühe gegeben hat
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