... und raus bist du von Ellery Queen

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1950 unter dem Titel Double, Double, deutsche Ausgabe erstmals 1953 bei DuMont.

  • Boston: Little, Brown, 1950 unter dem Titel Double, Double. 215 Seiten.
  • Köln: DuMont, . Übersetzt von Monika Schurr. ISBN: 3-7701-4847-9. 301 Seiten.
  • Bern: Scherz, 1953 Wer ist der Nächste?. Übersetzt von Lola Humm-Sernau. 191 Seiten.
  • Frankfurt am Main; Berlin; Wien: Ullstein, 1975 Der Kreis schließt sich. Übersetzt von ?. ISBN: 3-548-01725-8. 124 Seiten.
  • Köln: DuMont, 1999. Übersetzt von Monika Schurr. ISBN: 3832148477. 191 Seiten.

'... und raus bist du' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Ellery Queen verschlägt es in die Provinzstadt Wrightsville, in der er als Kind im Ferienlager war. Seine Nostalgie verwandelt sich in Neugier, als er Zeitungsausschnitte zugeschickt bekommt: Artikel über verstorbene Bürger der Stadt. Die Neugier weicht Ehrgeiz, als ihn Rima aufsucht, die das rätselhafte Verschwinden ihres alkoholkranken Vaters aufklären will. Während seiner gefährlicher werdenden Ermittlungen helfen Ellery Queen die alten Kinderreime. Er begegnet dabei sämtlichen Originalen der Stadt – einem hochnervösen Armenarzt, einem philosophierenden Gärtner und einer amazonenhaften Zeitungsfrau …

Das meint Krimi-Couch.de:

Fast schon vergessen hat Kriminalschriftsteller und Amateurdetektiv Ellery Queen seine Zeit in Wrightsville. Nun erhält er anonym Zeitungsartikel zugeschickt, die ihn auf interessante Ereignisse in jenem kleinen Flecken im ländlichen Norden des US-Staates New York hinweisen, in dem die Zeit irgendwann vor dem I. Weltkrieg stehen geblieben zu sein scheint. Ein alter Sonderling ist gestorben und hat sein Vermögen einem mildtätigen Doktor vermacht; ein reicher Fabrikant wurde als Betrüger entlarvt und hat sich erschossen; ein stadtbekannter Säufer ist am Rande eines Sumpfes verschwunden.

Diesen Tom Anderson hat Queen gekannt und gemocht. Als plötzlich Rima, die elfenhafte Tochter des Verschollenen, in New York auftaucht und ihn um Hilfe und Klärung des Verbrechens angeht, lässt er sich nicht lange bitten. In Wrightsville ermittelt Queen rasch, dass die genannten seltsamen Vorfälle alle einen Faktor gemeinsam haben: Dr. Sebastian Dodd, der selbstlos die Armen und Alten behandelt und als wahrer Stadtheiliger gilt.

Rimas Vater hat er direkt vor dessen Verschwinden ein Darlehen von 5.000 Dollar als Starthilfe für ein neues Leben gewährt. Das Geld ist fort, Andersons skurrile Freunde verneinen jegliches Wissen. Queen irrt kriminalistisch im Kreis, bis ihn die wenigen Spuren auf eine irrwitzige Theorie bringen: Hier sterben Menschen nach dem Muster eines alten Abzählreims für Kinder! Niemand will ihm das so recht glauben, selbst als der Tod Queens Hauptverdächtigen dahinrafft, wie er es vorausgesagt hatte. Aber besagter Reim geht noch weiter, das nächste Opfer steht schon fest …

» …und raus bist Du«! ist der letzte der »Wrightsville«-Romane. In »The Devil to Pay« (1938, dt. »Des Teufels Rechnung«) hatte Ellery Queen New York verlassen und war nach Hollywood umgesiedelt. Dies ging einher mit in der Kriminalliteratur seltenen, aber konsequenten Veränderungen der Figur. Queen wurde »erwachsen«; er ließ seinen knorrigen Vater zurück und arbeitete nicht mehr als Berater für die Polizei. Seine Fälle als Privatdetektiv wurden komplizierter und vielschichtiger, psychologische Untertöne schlichen sich ein, aus der oft spielerischen Suche nach dem Mörder wurde nicht selten ein Drama, das unbarmherzig seinem tödlichen Finale entgegenstrebte und Queen als wissenden, aber hilflosen und überforderten Zuschauer zurückließ.

1942 kam es zu einem weiteren Wechsel. Ellery Queen wurde in »Calamity Town« (dt. »Schatten über Wrightsville«) zum ersten Mal nach Wrightville gerufen. Noch dreimal reiste er in Sachen Mord dorthin (1945: »The Murderer Is a Fox«, dt. »Der Mörder ist ein Fuchs«; 1948: »Ten Days Wonder«, dt. »Der zehnte Tag«; 1950: »Double, Double«!) und kehrte auch später manchmal zurück.

Wrightsville ist scheinbar das gute, das alte, das intakte Amerika, gelegen idyllisch auf dem platten Land, bevölkert von einfachen, freundlichen Menschen, die der Dekadenz der Großstadt noch nicht erlegen sind. Doch schon der zweite Blick lässt unerfreuliche Wahrheiten zu Tage treten. Die scheinbare Idylle wird durch einen von Abwässern verseuchten Fluss in eine strahlende Musterstadt und in einen Slum geteilt. Aber auch auf der »richtigen« Seite sind Wohlanständigkeit und Reputation oft nur Fassade, hinter der das Verbrechen wohnt. Und auch mit der traulichen Verschlafenheit ist es vorbei: In Gestalt der Zeitungs-Zarin Malvina Prentiss ist die Moderne in und über Wrightsville hereingebrochen.

» …und raus bist du!« demonstriert den Unterschied zwischen Schein und Sein auf manchmal deprimierende Weise. Ist man die auf den Plot konzentrierte, quasi konstruierte Handlung der frühen Queen-Romane mit ihren eindimensionalen Charakteren oder besser »Typen« gewohnt, überrascht dieser neue Unterton. Dabei ist der Plot keineswegs unkomplizierter geworden. Im Gegenteil: Ellerys Fähigkeit, aus einer Reihe unzusammenhängender Todesfälle auf eine Mordserie nach Abzählreim zu schließen, lässt uns dieses Mal skeptisch zurück. Selbst für ihn ist das ein bisschen zuviel der genialen Deduktion.

Vergnügen bereitet der (nach dem Willen des zeitgenössischen Publikums) »erneuerte« Ellery Queen aber doch, weil es reizvoll ist ihn bei seiner Weiterentwicklung zu beobachten. Und das »Goldene Zeitalter« des klassischen »Whodunit«-Krimis war 1950 vorbei; ein Held, der im Geschäft bleiben wollte, musste mit der Zeit gehen oder sich bewusst in einen Anachronismus verwandeln.

Das »ausgestopfte Hemd« der frühen Jahre hat sich in einen Menschen mit Ecken und Kanten verwandelt. Sogar Nacktbaden mit einer Klientin ist nun möglich, auch wenn selbstverständlich die Keuschheit des wahren Gentleman (noch) obsiegt. Als Detektiv ist Queen weiterhin ein Naturtalent, aber gegen gravierende Irrtümer und Fehleinschätzungen ist er nicht mehr gefeit. Das belastet ihn einerseits, während es andererseits die eingeleitete Tragödie nicht beenden kann. Queen erreicht die Zielgerade erst, nachdem der Mörder sein Werk vollendet hat. Das wird ihm in späteren Abenteuern noch öfter passieren.

Rima Anderson ist – Volker Neuhaus erläutert es uns in seinem wie immer kundigen Nachwort – zunächst weniger ein »reale« Figur, sondern ein literarischer Scherz: die Inkarnation des Vogelmädchens Rima aus W. H. Hudsons romantischem Abenteuer-Klassiker »Green Mansions« von 1904. Aus dem unschuldigen Naturkind wird durch die Umstände (und Ellerys sanfte Tritte) eine ganz »normale« junge Frau, wobei es dem Leser überlassen bleibt zu entscheiden, ob sie das wirklich glücklicher werden lässt; dies ist einer dieser Handlungs- Nebenstränge, die vermutlich gar nicht auffallen.

Die übrigen Bewohner Wrightvilles lassen in Verhalten und Gestalt zunächst den üblichen Dorftölpel des Kuschel-Krimis durchscheinen. Dahinter verbergen sich freilich manchmal seelische Abgründe unvermuteter Tiefe. Tom Anderson ist kein bunter Vogel, der lustige Sachen sagt, die den Leser zum Lachen bringen, sondern ein tragischer, psychisch kranker Säufer. Sein Freund, der »Philosoph«, verbirgt hinter schlauen Sprüchen latenten Wahnsinn und den Zorn über sein Dasein als lebenslanger Verlierer. Ein zweiter Freund entpuppt sich als Dieb, der den Gefährten noch im Tod betrügt. Der gute Dr. Dodd wird von Aberglaube und Todesfurcht beherrscht. So geht es immer weiter, eine Galerie zwiespältiger Zeitgenossen, wie es der Roman-Originaltitel bereits andeutet.

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SukRam zu »Ellery Queen: ... und raus bist du« 20.10.2008
Langsam muss ich mich fragen, warum es keinen Menschen zu stören scheint, dass ín einer Kleinstadt über mehrere Romane hinweg unglaubliche Mordserien zelebriert werden, die Ellery Queen natürlich mit gewohntem Scharfsinn aufklärt.
Stünde der Roman allein in der vielseitigen Literaturwelt, würde ich ihn vielleicht als genial bezeichen. Da ich jedoch nun schon mit Agatha Christies Zehn kleinen Negerlein, dem Geheimnis der Goldmine, den Morden des Herrn ABC oder mit Van Dines Mordfall Bischof, ja sogar mit vielen Queen-Werken selbst vertraut bin, löst das Ende bei mir zwar entspannende aber jedoch keine neuartigen Emotionen aus.

Sicherlich ist der neue ,,literarische" Unterton, der vielleicht aus den Schäden des Zweiten Weltkrieges stammt, angenehm, was natürlich einen netten Kompromiss zu Queens bis zum Wahnsinn getriebener Intertextualität liefert. Dennoch ist die Auflösung, die fast immer den ganzen Roman beeinflusst, ein unglaubwürdiger Zusammenschnitt aus oben genannten Werken. Die Glaubwürdigkeit ist jedenfalls enorm eingeschränkt, auch wenn Ellery sich gern reden hört.

Noch ein paar angehme Punkte zum Schluss: Ellery wird immer menschlicher und auch das Tempo ist ziemlich flott.

Meine Wertung (als überzeugter Queen-Fan): 86°
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