Spiel mit dem Feuer von Ellery Queen

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1954 unter dem Titel The Glass Village, bei Victor Gollancz.
Ort & Zeit der Handlung: USA / Neuengland, 1950 - 1969.

  • London: Victor Gollancz, 1954 unter dem Titel The Glass Village. 222 Seiten.
  • : Victor Gollancz, .

'Spiel mit dem Feuer' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

In einem abgelegenen Dorf versuchen zwei Männer verzweifelt, die zum Lynchmord an einem mordverdächtigen aber womöglich unschuldigen Fremden entschlossenen Bürger von ihrem Tun abzubringen, indem sie den wahren Täter entlarven ... – Unter dem Eindruck der McCarthy-Hexenjagden der 1950er Jahre entstanden, ist dieser Roman teils allegorisches Lehrstück, teils klassischer Krimi: spannend, betont emotional und oft bedrückend realistisch.

Das meint Krimi-Couch.de: »Lektionen für Lynchmobs aller Art« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Shinn Corners ist ein Siedlung in einem abgelegenen Tal irgendwo in den Bergen Neuenglands. Nur noch 36 Einwohner fristen hier ein eher ärmliches als bescheidenes Dasein. Auf Einladung seines Vetters, des Richters Lewis Shinn, besucht Johnny Shinn das Dörflein, aus dem seine Vorfahren stammen. Nach Gefangenschaft und Folter im Koreakrieg ist der ehemalige Major psychisch angeschlagen. Der Richter hofft ihn aus seiner zynischen Gleichgültigkeit zu holen, doch kaum ist Johnny im friedlichen Shinn Corners eingetroffen, ereignet sich dort ein brutaler Mord.

Fanny Adams, eine 91-jährige Malerin, deren Bilder die Bewunderung amerikanischer Kunstkenner erregen, wurde in ihrem Atelier mit einem Schürhaken erschlagen. Kurz vor dem Verbrechen klopfte der Wanderarbeiter Josef Kowalczyk an ihre Tür und bat um eine Mahlzeit. Ihn halten die entsetzten und wütenden Bürger für den Täter. Nach einer wilden Hetzjagd kann Kowalczyk gefasst werden. Man sperrt ihn im Keller der Kirche ein und will ihm den Prozess machen.

Dass Kowalczyk dem Sheriff oder der Staatspolizei ausgeliefert werden müsste, wird von den Bürgern ignoriert. Sie trauen der fernen Obrigkeit nicht. Um der drohenden Lynchjustiz Einhalt zu gebieten, inszeniert Richter Shinn ein Schein-Gerichtsverfahren. Es hat vor dem Gesetz keine Gültigkeit, beruhigt aber die Gemüter der Einwohner von Shinn Corners.

Lewis und Johnny Shinn glauben an die Unschuld Kowalczyks, der diese auch vehement beteuert. Sie ermitteln deshalb heimlich in der Frage, ob alle Bürger für den Zeitpunkt des Mordes ein Alibi vorweisen können. Der wahre Täter darf ihnen keinesfalls auf die Schliche kommen, da er – oder sie – sonst den Lynchmob entfesseln würde, denn die braven Menschen aus Shinn Corner wollen Blut sehen …

Wer anders ist, muss schuldig sein!

Die 1950er Jahre waren in den USA eine Zeit fast ungebremsten Wirtschaftswachstums. Politisch sah die Situation allerdings weniger rosig aus. Der II. Weltkrieg hatte das Ende der nazideutschen Bedrohung in Europa und die Waffenbrüderschaft mit der Sowjetunion gebracht. Doch dann hatten USA und UdSSR miteinander gebrochen. Das Wettrüsten der Supermächte hatte eingesetzt, ein neuer Weltkrieg kündigte sich an, und dieses Mal würde man ihn mit Atom- und Wasserstoffbomben führen!

Der Feind schien allgegenwärtig. Er hatte womöglich längst die USA unterwandert und fünfte Kolonnen in Politik, Wirtschaft und Kultur eingeschleust. Seit 1950 führte Senator Joseph McCarthy einen hysterischen Kreuzzug gegen kommunistische Agitatoren, die er überall am Werk sah. Wer in das Mahlwerk seines »Komitees für unamerikanische Aktivitäten« (»House on Un-American Activities Committee«) geriet und sich dessen inquisitorischer Befragung unter Berufung auf verbriefte Staatsbürgerrechte nicht unterwarf, wurde als »Roter« gebrandmarkt und landete auf der schwarzen Liste, was das sichere Ende der beruflichen Karriere und den Absturz ins soziale Abseits bedeutete.

McCarthys Terror endete im Dezember 1954. Die Folgen der Hexenjagd überdauerten ihn viele Jahre. Auch in den Jahren seiner uneingeschränkten Herrschaft war McCarthy nicht ohne Opposition geblieben. Viele Amerikaner traten dem Senator entweder direkt gegenüber oder kommentierten seine Umtriebe zumindest aus der Ferne.

Die Vettern Frederic Dannay und Manfred Bennington Lee gerieten nie ins Visier der HUAC. Unter dem Pseudonym »Ellery Queen« schrieben sie komplexe und realitätsferne Kriminalromane, was sie als potenzielle Sowjetspione vermutlich disqualifizierte. Doch Dannay und Lee waren McCarthy-Gegner. Ihre Eltern, russische Juden, hatten das zaristische Heimatland, in dem sie drangsaliert und verfolgt wurden, verlassen und waren in die hoffentlich gelobten Vereinigten Staaten eingewandert, wo angeblich alle Menschen ungeachtet ihrer Nationalität, ihrer Religion oder ihrer politischen Überzeugung vor dem Gesetz gleich waren. Nun verfolgten Dannay und Lee besorgt, wie diese Freiheit, die auch sie, US-Amerikaner der ersten Generation, genießen durften, ins Wanken geriet. Sie nahmen nicht an politischen Protestaktionen teil, sondern bedienten sich ihres ureigenen Instruments: Sie schrieben einen Kriminalroman.

Die große Welt im kleinen Tal

»The Glass Village« entstand in der Hochzeit der McCarthy-Ära. Ausdrücklich verzichteten Dannay und Lee auf ihr Alter Ego, den Privatdetektiv und Kriminalschriftsteller Ellery Queen. Als künstliche und primär für das intellektuelle Spiel mit dem Verbrechen geeignete Figur war er dieses Mal fehl am Platz. Johnny Shinn verankerten Dannay und Lee fest im Hier und Jetzt. Grausame Erfahrungen in zwei Kriegen haben seinen Patriotismus beschädigt und ihn Kritik gelehrt. Shinn blickt hinter die großen und hehren Worte, an die er nicht mehr glaubt. Er repräsentiert außerdem den Leser, der fremd in Shinn Corner, aber immerhin Amerikaner ist. Welchen Unterschied das macht, weiß er spätestens, als er erlebt, wie es Josef Kowalczyk ergeht, dem Fremden, dem man genau dies abspricht und der ohne diesen kollektiven Schirm auskommen muss.

Thornton Wilder hatte 1938 in seinem Aufsehen erregenden Theaterstück »Unsere kleine Stadt« (»Our Town«) das alltägliche Leben in der ‚Musterstadt‘ Grover’s Corners als Spiegelbild der US-amerikanischen Realität gestaltet. Diesem Vorbild folgend, wird Shinn Corner zum Mikrokosmos und zum Spiegelbild einer ‚ursprünglichen‘ und ‚gesunden‘ US-Gesellschaft, die sich auf die Wahrung traditioneller Werte beruft. Die Bürger werden zur »gläsernen Gemeinde« des Originaltitels. Dannay und Lee stellen sie uns in einer ungewöhnlich ausführlichen Einführung sorgfältig vor.

In kleinen ländlichen Orte hatten sie schon oft ihre Kriminalromane spielen lassen. Gern bedienten sie sich einschlägiger Klischees und ließen exzentrische und dummdreiste Hinterwäldler Revue passieren. Shinn Corner und seine Bewohner werden dagegen ohne nostalgisches Lokalkolorit dargestellt. Der Ort steht vor dem Exitus. Die meisten Bürger sind arm, leiden unter Existenz- und Zukunftsängsten, fühlen sich als Stiefkinder des amerikanischen Traums. Untereinander sind sie uneins, unterdrückte Konflikte schwelen. Die Familie bietet keineswegs Zuflucht vor den Fährnissen der Welt, sondern wird zur privaten Hölle. Jeder steht unter ständiger Beobachtung seiner Nachbarn. Abweichungen von der Norm erregen umgehend Misstrauen, schon eine unbedachte Äußerung kann dir schaden: »‚Sie haben Kirchen in Rußland‘ [, sagte Drakely Scott.] ‚Was ist los mit dir, Drake‘, sagte Tommy Hemus. ‚Bist du kommunistenfreundlich?‘« (S. 53) Gerade diese ‚Anschuldigung‘ beendet jede Diskussion und (nicht nur in Shinn Corner) die Zeit der Meinungsfreiheit.

In diese Schlangengrube stürzt ahnungslos Josef Kowalczyk. Dannay und Lee verstärken die Schrecken seines Schicksals, indem sie ihn als Überlebenden des Nazi-Terrors schildern, der zwar das Konzentrationslager überlebte aber seine gesamte Familie verlor. In den USA suchte er den Neuanfang, doch er scheiterte. Nun wird das Opfer abermals zum Spielball eines Sturms, den er nicht begreifen kann und dem er hilflos ausgesetzt ist: Denn Josef Kowalczyk kommt den guten Menschen von Shinn Corner gerade recht. Er ist der ohnehin verdächtige Fremde, den sie ohne Gewissensbisse zum Sündenbock machen können. Ausgerechnet in der Jagd auf den angeblichen Mörder findet die Gemeinde zu neuer Eintracht: als Lynchmob – oder Hexenjäger.

Bittere Medizin wird auf einem Zuckerstück verabreicht

Allegorische Gesellschaftskritik dürfte kaum etwas gewesen sein, das die Leser eines Ellery-Queen-Romans erwarteten. Dannay und Lee trieben es vorsichtshalber nicht zu weit mit den entsprechenden Ambitionen. Sagen sie anfangs noch sehr deutlich, was sie stört im aktuellen Amerika, integrieren sie ihre Kritik später mehr und mehr in eine scheinbar konventionelle Krimihandlung. »The Glass Village« wird zum klassischen »Whodunit« und gleichzeitig zum dramatischen »court drama«: Der Mörder von Fanny Adams wird klassisch durch das Suchen, Finden und Auswerten von Indizien ermittelt; die Suche nach der Wahrheit findet parallel dazu im Rahmen einer laufenden Gerichtsverhandlung statt.

Diese Verhandlung ist eigentlich keine: Vor dem Gesetz wird ein in Shinn Corner gefälltes Urteil keinerlei Gewicht haben, weil das Gericht fixierte Regeln ignoriert. Mit diesem Kunstgriff schüren die Autoren einerseits die Spannung, weil die Suche nach dem Täter zum Wettlauf mit der Zeit wird. Andererseits erinnert die Verhandlung an die zeitgenössischen Befragungen durch das »Komitee für unamerikanische Aktivitäten«, deren Vertreter ebenfalls das Recht mit Füßen traten bzw. treten konnten, solange sie die politische und gesellschaftliche Mehrheit hinter sich wussten. Das Gericht von Shinn Corner ist eine Farce. Dannay und Lee ersparten es sich, die Parallelen zu den HUAC-Sitzungen direkt in Worte zu fassen.

»The Glass Village« bietet einen Krimi-Plot, der im Vergleich zum typischen Ellery-Queen-Rätsel recht simpel wirkt. Die Auflösung ist logisch, und sie verzichtet nicht auf den Faktor Verblüffung, doch sie wirkt dennoch wie die Erfüllung einer Verpflichtung, auf die der Leser beharrt, der geduldig den didaktischen Lektionen des Autorenduos gefolgt ist und dafür belohnt bzw. entschädigt werden möchte. Wichtiger als der Kriminalfall ist Dannay und Lee allerdings der konsequente Abschluss ihres Lehrstücks: Die Bürger von Shinn Corner sind zur Besinnung gekommen und werden ihren Fehler nicht wiederholen. Johnny Shinn ist durch den Sieg der Gerechtigkeit geläutert und gibt seine passive Beobachterrolle auf; er wird zukünftig wieder seinen Teil dazu beitragen, den Feinden von Recht und Ordnung außerhalb von Shinn Corner Paroli zu bieten. Der Leser ist aufgefordert, seine eigenen Schlüsse zu ziehen.

Deutsches Leser, dummes Leser?

Knapp 190 eng bedruckte Seiten zählt die erste deutsche Übersetzung von »The Glass Village«, die 1958 unter dem Titel »Spiel mit dem Feuer« erschien. Sie wirkt heute ein wenig steif und enthält diverse Fehlinterpretationen – »Judy las ihm vor, aus einer westlichen Zeitschrift, er liebte Cowboygeschichten« (S. 146) ist ein besonders kurioser Klopfer -, aber sie ist vollständig und enthält nicht nur Dannays und Lees Anklagen gegen autoritäres Unrecht, sondern auch ihre Ausführungen über das Wesen des neuenglischen Puritanismus‘, der für das Geschehen von großer Bedeutung ist.

Anderthalb Jahrzehnte später erschienen dem Ullstein-Verlag die politischen Untertöne entweder zu kritisch oder nicht verkaufsförderlich. »The Glass Village« bekam 1973 nicht nur einen neuen Titel (»Das rächende Dorf«), sondern wurde auf 126 Seiten zusammengestrichen. Aus einem Lehrstück im Krimi-Gewand wurde ein simpler Krimi, wie ihn der geistig einfach gestrickte Leser solcher Romane sicherlich lieber goutieren würde …Dieser traurige Romantorso wurde mehrfach aufgelegt. Man sollte ihn tunlichst meiden und sich auf die (allerdings nicht einfache) Suche nach der Ausgabe von 1958 begeben.

Michael Drewniok, Mai 2009

Ihre Meinung zu »Ellery Queen: Spiel mit dem Feuer«

Helfen Sie anderen Lesern, indem Sie einen Kommentar zu diesem Buch schreiben und den Krimi mit einem Klick auf die Säule des Thermometers bewerten. Und bitte nehmen Sie anderen Lesern nicht die Spannung, indem Sie den Täter bzw. die Auflösung verraten. Danke!

RolfWamers zu »Ellery Queen: Spiel mit dem Feuer« 09.05.2009
Man bekommt eine Gänsehaut, wenn man liest, wie es vor 50 Jahren in den USA "auf dem Lande" zuging. Hat sich seither so viel geändert? Ich fürchte nein!Insofern bietet dieser Krimi mehr Erkenntnis als manch dicke Soziologen-Schwarte.
Dank an Michael Drewniok, dass er auf die verhunzte Ullstein-Übersetzung hingewiesen hat. Was dieser Verlag mit seinen "Eindeutschungen" über Jahrzehnte dem Krimi-Genre angetan hat, sollte einmal wissenschaftlich untersucht werden. Bereits die Gelben Ullstein Bücher der Zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts wurden brutal gekürzt und zurecht gestutzt. Auch damals traf es Ellery Queen-Romane.
Ihr Kommentar zu Spiel mit dem Feuer

Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.

Seiten-Funktionen: