Der nackte Tod von Ellery Queen

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1935 unter dem Titel The Spanish Cape Mystery, deutsche Ausgabe erstmals 1936 bei Ullstein.

  • New York: Stokes, 1935 unter dem Titel The Spanish Cape Mystery. 354 Seiten.
  • Berlin: Ullstein, 1936 Frauen um John Marco. Übersetzt von Werner Illing. 240 Seiten.
  • München; Wien; Basel: Desch, 1960 Die rächende Hand. Übersetzt von Rosmarie Kahn-Ackermann. 204 Seiten.
  • Frankfurt am Main; Berlin; Wien: Ullstein, 1973 Frauen um John Marco. Übersetzt von Werner Illing. ISBN: 3-548-01527-1. 143 Seiten.
  • Frankfurt am Main; Berlin; Wien: Ullstein, 1983 Frauen um John Marco. Übersetzt von Werner Illing. 143 Seiten.
  • Köln: DuMont, 2003. Übersetzt von Monika Schurr. 345 Seiten.

'Der nackte Tod' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Was ein Erholungsurlaub am Meer werden sollte, entwickelt sich für den Amateurdetektiv Ellery Queen zu seinem neusten Fall. Die Tochter eines reichen Mannes und ihr Onkel werden entführt, ein Gast wird erdrosselt und nackt am hauseigenen Strand gefunden. Nur aus dem überschaubaren Kreis der Familie und der übrigen Gäste kann der Täter stammen. Grund zum Zorn auf den Verstorbenen haben sie alle, denn dieser entpuppt sich als Frauenheld und Erpresser; eine Kombination, die ihm auch sein übles Ende bescherte. Queen muss sich durch ein Dickicht falscher und irreführender Indizien und Aussagen kämpfen, bis ihm die Lösung dämmert, die wahrlich überirdisch zu sein scheint ... – Neu übersetzte und ungekürzte Auflage eines Klassikers der Kriminalliteratur. Hier stimmt einfach alles: Der Plot ist trickreich verwickelt (aber die Lösung auch dem Leser möglich), die Atmosphäre unterhaltsam exotisch, und die Figuren balancieren genau so nahe am Rand der Karikatur, dass sie uns sämtlich im Gedächtnis bleiben: ein zeitloser Lesespaß aus der Feder zweier echter Meister!

Das meint Krimi-Couch.de »Der ungeschickte Pirat und sein falsches Opfer« 80°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Nach harten Arbeitswochen möchte sich Kriminalschriftsteller und Detektiv Ellery Queen einen erholsamen Urlaub am Meer gönnen. Ein alter Freund, der ehemalige Richter Avra Macklin, begleitet ihn zum Spanish Cape an der Atlantikküste, wo ein kleines Ferienhaus auf sie wartet. Doch die Reisenden finden die Haustür aufgebrochen – und im Inneren gefesselt die junge Rosa Godfrey, die eine abenteuerliche Geschichte erzählt: Mit ihrem Onkel David Kummer ist sie am Vorabend von einem piratenhaften Seemann namens »Captain Kidd« überfallen und entführt worden. Kummer wurde von Kidd auf ein Boot verschleppt und später anscheinend über Bord geworfen.

Fatalerweise hat der Pirat den falschen Mann erwischt: Eigentlich sollte es einem gewissen John Marco an den Kragen gehen. Der ist Gast im Haus von Rosas Eltern Walter und Stella Godfrey. Walter ist ein steinreicher Wallstreet-Hai, dem praktisch das gesamte Cape gehört. In seiner Villa tummeln sich im Sommer stets viele Besucher. Marco würde der Gastgeber freilich gern an die Luft setzen, da dieser ein Auge auf Tochter Rosa geworfen hat.

Ein nackter, toter Mistkerl am Strand

Seinen Fehler hat Kidd offenbar rasch ausgebügelt: Als Queen und Macklin Rosa in ihr Elternhaus bringen, ist dort bereits die Polizei eingetroffen: Auf einem bequemen Stuhl am Strand sitzt John Marco – erdrosselt, nackt unter einem altmodischen Umhang.

Wer hat den Mann umgebracht, wieso wurde er anschließend entkleidet? Inspector Moley fühlt sich überfordert und bittet den berühmten Ellery Queen um Schützenhilfe. Die Schar der Verdächtigen ist identisch mit den Bewohnern von Godfreys Villa. Nach und nach stellt sich heraus, das sie alle gute Gründe gehabt hätten, sich Marcos zu entledigen: Der hat sich seinen Lebensunterhalt als Gigolo verdient, der die umgarnten Damen anschließend als Erpresser kräftig zur Ader ließ.

Bis Queen endlich Licht am Ende des Ermittlungstunnels erblickt, muss er sich tüchtig belügen lassen, schier endlos widersprüchliche Beweise sortieren – und vor weiteren Attacken des Mörders auf der Hut sein, der zwar einen entscheidenden Fehler begangen, aber leider eine geradezu übernatürlich geniale Art der Tarnung für sich entdeckt hat …

Einer von ihnen ist es gewesen …

Ein einsam gelegene Haus am Meer, erbaut auf einer Halbinsel, umgeben von schroffen Klippen – oder anders gesagt: Hier kommt niemand heimlich hinein oder hinaus. Wenn sich also ein Mord ereignet, dann befindet sich der Täter garantiert unter den Bewohnern. Damit sind die Weichen gestellt für einen archetypischen »Whodunit«-Krimi, in dem Mörder, Verdächtige, Opfer und natürlich diverse Gesetzeshüter unter einer Käseglocke behaglicher Isolation einander zur Gaudi des Lesers belauern.

Die Karten liegen offen auf dem Tisch: Ellery Queen und sein Publikum stoßen zeitgleich auf die für die Lösung des Falls relevanten Spuren. Offen bleibt die Frage, wer mit solcher Fairness mehr anzufangen weiß. Der Verfasser möchte selbstverständlich mit einem gewissen Vorsprung als Erster durchs Ziel gehen. Ist der Leser wenigstens guter Zweiter, wird er (oder sie) zufrieden auch zum nächsten Roman aus der bewährten Feder greifen.

Mr. Queen beherrscht die Regeln

Wer würde nicht gern solcher Verkaufslist auf den Leim gehen, da doch die Manipulation des Lesers ebenso elegant wie unterhaltsam gelingt? »Der nackte Tod« ist ein hochkarätiger Krimispaß, der meisterhaft die »klassischen« Regeln des Genres ausspielt. Wir kennen sie alle, aber wir lieben sie, so lange sie nur geschickt variiert werden. Das ist hier jederzeit garantiert.

Der Originaltitel ist übrigens ein hübsches Wortspiel: »Spanish Cape« ist einerseits der Ort des Geschehens. Andererseits ist ein Cape das einzige Kleidungsstück, das die Blöße John Marcos – der ein Spanier ist – verhüllt.

Von Piraten, Raubrittern & Ehebrecherinnen

Sie alle haben Dreck am Stecken. Irgendwie steht es ihnen auch ins Gesicht geschrieben. Manchmal so deutlich wie dem unglaublichen »Captain Kidd«, der nicht nur aussieht wie sein berüchtigtes historisches Vorbild, sondern sich auch so zu benehmen weiß. Mit seinem Auftritt findet Ellery Queen (der Autor) den idealen Einstieg in das vorliegende Abenteuer.

Auf Walter Godfreys feudalem Spanish Cape-Anwesen tummeln sich zwar deutlich feinere, aber ganz sicher nicht vornehmere Zeitgenossen. Der Hausherr hat sein Vermögen auf höchstens halbwegs legale Weise erworben. Die meisten Gäste können nicht einmal das von sich behaupten. Ein zwielichtiger Abenteurer, eine Mitgiftjägerin, gleich drei Ehebrecherinnen zählen zu ihnen – und das sind nur die Sünder, die unser Detektiv mühelos enttarnt. Leid können sie uns nicht tun. Ellery Queen – der Ermittler wie der Autor – gönnt ihnen daher auch kein Happy-End. Als das Rätsel von Spanish Cape endlich gelöst ist, verlassen Queen und Macklin eine von den Ereignissen fast völlig zerstörte Gesellschaft.

Noch ganz andere Abgründe tun sich sehr bald in Gestalt von John Marco auf. Den lernen wir nur als Leiche kennen. Er ist aber lebendig genug in der Erinnerung seiner geplagten Opfer. Unerbittlicher Parasit, bösartiger Erpresser, zynischer Weiberheld – die Liste seiner Verfehlungen ist fast so lang wie seine Verfolger zahlreich sind. Heute mutet Marcos »Geschäft« reichlich altmodisch an. Manche prominente Dame vermarktet ihre Schäferstündchen inzwischen selbst. Aber 1935 konnte »Schande« eine Karriere in der gesellschaftlichen Elite noch zerstören. Insofern ist Marcos nacktes Ende – ein Skandal, der immer wieder schockiert angesprochen wird – eine Art ausgleichender Gerechtigkeit.

Ellery zieht es zu neuen Ufern

Ellery Queen erleben wir dieses Mal nicht an der Seite seines Vater. Inspektor Richard Queen bleibt zu Hause in New York. Die Stadt wird zu eng für einen Detektiv, der seinen Genius gern möglichst ungewöhnlichen Fällen widmet. Das verlangt letztendlich auch sein Publikum, das einen Tapetenwechsel ebenso schätzt.

Der Filius braucht anscheinend trotzdem einen weisen, alten Mann an seiner Seite. Diese Rolle übernimmt Richter Macklin, ein rüstiger, höchst unwürdiger Greis, der zusätzlich für die (sparsamen) Heiterkeitseffekte in dieser Geschichte verantwortlich ist.

Hollywood greift rasch & billig zu

»The Spanish Cape Mystery« wurde bereits 1935, im Jahr seines Erscheinens, von Hollywood verfilmt. Unter der Regie von Lewis D. Collins spielte Donald Cook den Ellery Queen. Albert DeMond verfasste das Drehbuch – und wem diese Namen rein gar nichts sagen, der sollte sich nicht grämen: Dies ist ein sogenanntes »B-Movie«, eine Schöpfung der 1930er Jahre. Um das Publikum auch während der Wirtschaftskrise in die Kinos zu locken, wurde ihm eine Doppelvorstellung geboten. Vor dem teuer produzierten, mit Stars gespickten Hauptfilm lief ein durchschnittlich 70 Minuten kurzer, billiger »Aufheizer«. Gern waren dies Episoden von Serien, die durch den Fortsetzungseffekt einen weiteren Anreiz für die Zuschauer boten. Auch Ellery Queen-Streifen wurde so heruntergekurbelt. Aus heutiger Sicht sind sie freilich wieder reizvoll anzusehen, da »billig« einst nicht identisch mit »Schund« war. Auch »The Spanish Cape Mystery« ist deshalb durchaus unterhaltsam.

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Crispinfan zu »Ellery Queen: Der nackte Tod« 24.03.2015
Diese Schnellschuss-Ausgabe ist keine Zier für Dumonts Kriminalbibliothek.

Zuerst wollte ich über den Roman schon jubeln: Nach einem kuriosen Action-Einstieg mit einem Piraten à la Gilbert & Sullivan bietet Kapitel 2 mit dem Auftritt von Ellery und dem alten Richter Macklin ein Feuerwerk an Charakterkomik, Schnoddrigkeit und lebendigen Landschafts- und Stimmungsschilderungen. Reizvoll geht’s auch weiter: Was macht eine nackte Leiche im spanischen Cape auf dem Spanischen Kap? (Ellery lässt ja immer mal ein Faible für Textilfreiheit erkennen.)

Der Rest jedoch entwickelt sich zum typischen Landhaus-Whodunnit: „Wo waren Sie am *** um *** Uhr?“ Dabei finde ich von den wenigen Figuren auch nicht alle prägnant. Und da selbst Ellery im Dunkeln tappt, fehlen echte Höhepunkte. (Diese Website verrät viel zu viel davon.) So ist die Entlarvung eines anonymen Anrufers keine große Überraschung, und man darf sich fragen, ob ein Mordplan sehr raffiniert ist, wenn er unter anderem einen bezahlten Mithelfer erfordert.

Fest steht, die Autoren können schreiben: Ihre Schilderungen bleiben stets lebendig, und wieder ist uns heute manches an ihrer detaillierten Personenregie aus zahllosen Filmkrimis geläufig.

Doch warum eine Neu-Übersetzung, wenn kein Mensch sie redigiert? Ohne wirklich schlecht zu sein, wimmelt sie von von vermeidbaren Flüchtigkeiten wie: „Er riss das Steuer herum und steuerte auf die Steinpylonen auf der anderen Seite der Straße zu“ oder von falschen Bezügen: „Ellery sah aufs Meer hinaus, in ihm tobte ein Sturm“ – gemeint ist Ellery! Schreib- und Druckfehler dringen sogar ins Nachwort vor, wo zum dritten Mal mitten im Satz ein neuer Abschnitt beginnt!

Mein Fazit: Zu früh gejubelt, nur ein gemischtes Vergnügen.
Gaspar zu »Ellery Queen: Der nackte Tod« 29.04.2009
Auch mein erster Queen. Wieder Mal "Landhaus". Nette Figuren, aber nichts besonderes. Handlung meist am Rande des Glaubwürdigen. Auflösung völlig unglaubwürdig. So kompliziert geht kein Mörder vor. Außerdem sind da ja noch die "Unterlagen", die der Mörder sich sicher vorher beschafft hätte. Das Schwimmen im amerikanischen Atlantik ist bei Wassertemperaturen um 15 Grad (maximal) kein Genuss. Aber vielleicht liegt das Spanische Kap ja in Florida.

75°
koepper zu »Ellery Queen: Der nackte Tod« 09.01.2009
Mein erster Queen. Ein nettes, gemütliches Buch, schön zu lesen. Ein verzwicktes Rätsel ist zu lösen, ein Mordfall, verdächtig sind fast alle an der Handlung beteiligten. Ellery Queen, der Hauptermittler, muss viele Klippen umschiffen, bis er uns dann endlich die Lösung präsentiert.
ein klassischer Whodunit. Nicht was mich vom Hocker haut, aber ein kurzweiliges, spannendes Buch - genau richtig für kalte Winterabend auf dem Sofa.
krimifan24 zu »Ellery Queen: Der nackte Tod« 12.08.2007
Dieses Buch gehoert nicht zu den besten Queens: die Handlung ist ziemlich vorhersehbar, die Figuren bleiben blass, und das Ende ist zwar ueberraschend, ueberzeugt aber auch nicht wirklich. Solide Arbeit, aber kein Vergleich mit den besten Romanen der beiden Autoren.
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