Das zwölfte Geschenk von Ellery Queen

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1958 unter dem Titel The finishing stroke, deutsche Ausgabe erstmals 1959 bei Scherz.

  • New York: Simon & Schuster, 1958 unter dem Titel The finishing stroke. 244 Seiten.
  • Bern: Scherz, 1959 Der dreizehnte Gast. Übersetzt von Henning Schlüter. 191 Seiten.
  • Frankfurt am Main; Berlin: Ullstein, 1969. Übersetzt von Hermann Baer. 168 Seiten.
  • Frankfurt am Main; Berlin; Wien: Ullstein, 1982. Übersetzt von Hermann Bauer. ISBN: 3-548-10155-0. 168 Seiten.

'Das zwölfte Geschenk' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Ein abgetrennter Puppenkopf, ein halbtoter Goldfisch, eine Peitsche und acht andere grauenerweckende Geschenke, die dem Hausherrn auf mysteriöse Weise zugespielt werden, machen die fidele Weihnachtsparty in einem eingeschneiten Landhaus nördlich von New York zum Alptraum für alle Gäste. Die Geschenke werden von Tag zu Tag teuflischer, die Widmungen drohender.

Das meint Krimi-Couch.de: »(Mord-) Drama in drei (Zeit-) Akten« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Das Weihnachtsfest des Jahres 1929 wird Schriftsteller und Privatdetektiv Ellery Queen auf Einladung des Druckereibesitzers Arthur Craig in dessen Landhaus im Städtchen Alderwood bei New York verbringen. Zwölf Gäste umfasst die Gesellschaft insgesamt, zu der noch Craigs Mündel John Sebastian, seine Verlobte Rusty Brown, deren Mutter Olivette, der Komponist Marius Carlo, die Schauspielerin Valentina Warren, Queens Verleger Dan Freeman, der Anwalt Roland Payn, der Arzt Dr. Sam Dark und der Priester im Ruhestand Arthur Gardiner gehören.

John ist aufgekratzt, denn an seinem 25. Geburtstag wird ihm das umfangreiche Familienvermögen zufallen. Die Mutter starb bei seiner Geburt, der Vater folgte ihr nur Tage später ins Grab. Am 6. Januar 1930 gedenkt John sich außerdem von Pfarrer Gardiner mit Rusty trauen zu lassen – eine Ankündigung, die Valentina schlecht aufnimmt. Sie ist selbst in John verliebt und gedenkt um ihn zu kämpfen.

Zur unweihnachtlichen Stimmung tragen rätselhafte Geschenke bei, die – eines pro Tag – irgendwo im Haus auftauchen. Die kleinen Päckchen enthalten Tierfiguren, ein halbfertiges Puppenhaus und ähnliche Dinge; begelegt sind Verse, die immer bedrohlicher wirken und Johns Tod ankündigen. Dass dies keine leere Drohung darstellt, verdeutlicht der Fund einer Leiche in der Bibliothek. Niemand kennt den Mann, der keine Papiere bei sich trägt und in dessen Rücken ein etruskischer Dolch steckt. Auch Polizei-Leutnant Luria, dem dieser Fall übertragen wird, ist überfordert, sodass Ellery Queen seine Hilfe anbietet.

Die Spuren deuten darauf hin, dass sich ein dreizehnter ´Gast´ und Mörder auf dem weitläufigen Craig-Anwesen verbirgt. Die Suche bleibt zwecklos, doch weitere Päckchen machen deutlich, dass die Bedrohung weiterhin präsent ist. Unruhe, Angst und Ärger breiten sich in der Gruppe aus, zumal John sich merkwürdig zu verhalten beginnt und nach Queens Ansicht mehr weiß, als er zugeben will …

Weiter Bogen zum großen Finale

Als Frederic Dannay und Manfred Bennington Lee, die unter dem Pseudonym »Ellery Queen« Kriminalromane schrieben, 1958 The Finishing Stroke veröffentlichten, wies bereits der Titel auf einen Schlusspunkt hin, den die Autoren setzen wollten. 1929 hatten sie in The Roman Hat Mystery den gleichnamigen Privatermittler eingeführt, dessen Chronik sie unter seinem Namen führten. »Ellery Queen« wurde ein enormer Erfolg, zumal das Autoren-Duo es verstand, ihre Figur den Zeitläufen anzupassen. Aus einem blasierten, alltagsfernen Gentleman-Detektiv wurde ein scharfsinniger, fest im Leben verwurzelter Beobachter, und spätestens nach 1940 gesellte sich zur Deduktion der psychologische Aspekt des unterhaltsam präsentierten Verbrechens.

Dennoch kam Ellery Queen – der Ermittler wie das Schriftsteller-Paar – in die Jahre. Die Ära des klassischen »Whodunit« neigte sich ihrem Ende zu. Das Verbrechen wurde sowohl in der Literatur als auch im Film ´erwachsen´. Zum modernen »hard-boiled« Schnüffler taugte die Figur Ellery Queen indes nicht. Dannay und Lee wollten ihn in Würde und Größe abtreten lassen.

Sie schlugen einen gewaltigen, mehr als ein halbes Jahrhundert abdeckenden Bogen: Die Ereignisse von The Finishing Stroke setzen 1905 ein, was ´zufällig´ auch Ellery Queens Geburtsjahr ist. Die eigentliche Handlung spielt zur Jahreswende 1929/30, der Epilog 1957. Auf diese Weise lassen Dannay & Lee die Karriere ihres Helden Revue passieren. Sie blenden zurück zum jugendlichen, noch unerfahrenen Ellery, der dort scheitert, wo ein älterer, gereifter Queen schließlich des Rätsels Lösung findet. In der Chronologie der Queen-Fälle ist dieser 26. Roman der Serie zwischen The Roman Hat Mystery und The French Powder Mystery anzusiedeln.

Eine Studie des Rätsel-Krimis

Die Rückkehr zum reinen Rätsel-Krimi mag unter literarischen Gesichtspunkten auch ein Rückschritt sein. Nach vielen Jahrzehnten fällt dieser Aspekt allerdings weniger oder gar nicht mehr ins Gewicht: Wesentlich stärker als Ellery Queen, die Spürnase, ist Ellery Queen, der Nebenbei-Psychologe, gealtert. Während sowohl kriminalistische als auch gesellschaftliche Anachronismen durch den Glorienschein der Nostalgie geadelt werden, wirkt das Bemühen, der Seele die ihr zustehende Berücksichtigung zu verschaffen, oft langweilig, unfreiwillig komisch oder sogar peinlich. Die späten Queen-Romane von Dannay & Lee leiden oft unter diesem Makel. (Auf der Website »Ellery Queen – A Website of Deduction« entdeckte ich dafür den schönen Ausdruck »penny-ante psychology«, den ich hier falsch aber dem Sinn besser entsprechend als »Schwachstrom-Psychologie übersetzen möchte.)

In The Finishing Stroke machten sie sich frei von der selbst auferlegten Pflicht, Ellery Queen regelmäßig neu bzw. zeitgemäß zu erschaffen. Stattdessen schwelgten sie förmlich in den Elementen einer Krimi-Form, die bereits Teil der Literaturgeschichte geworden war. Schon die Prämisse ist «Whodunit» vom Feinsten: Zwölf Personen treffen sich in einem abgelegenen Landhaus, das nicht nur durch seine Lage, sondern auch durch exzessiven Schneefall von der Außenwelt isoliert ist. Alle haben Geheimnisse, alle sind verdächtig, der Mörder muss einer von ihnen sein, obwohl die Spuren dem eigentlich widersprechen.

Die Indizien sind eher kontraproduktiv, da sie Zahnräder eines Komplott-Vehikels darstellen, das bei laufenden Ermittlungen weiter seinem verhängnisvollen Ziel entgegen strebt. Wer wird die Ziellinie zuerst passieren: der Mörder oder Ellery Queen – oder gar der Leser? Dannay & Lee halten sich an das Gebot der Fairness. Der Leser erhält zeitgleich mit dem Detektiv die aktuellen Informationen. Dieses Mal scheint ihm der Sieg sicher, doch Pech gehabt: Ein unerwarteter Twist wirft alles wieder über den Haufen. So soll es sein, denn das Lektüre-Vergnügen steigert sich, wird man so einfallsreich an der Nase herumgeführt.

Bizarr aber erfolgreich: der fast perfekte Mord

Dabei gerät ein wenig in den Hintergrund, dass Dannay & Lee das erwähnte Gebot letztlich stark zu ihren Gunsten auslegen. 1930 muss Ellery Queen aufgeben. Faktisch kann ihm der Leser keine Vorwurf machen: Er wird auch nicht schlauer aus Hinweisen, deren entschlüsselte Bedeutungen zwar einleuchten aber dennoch weit hergeholt sind. Wer nicht in Konkurrenz mit Ellery Queen treten möchte, wird sich daran nicht stören, sondern erfreut die liebgewonnenen Ingredienzen – das alte, dunkle Haus, die bizarren, latent bedrohlichen ´Geschenke´, die kryptischen Botschaften, das Rätsel des 13. ´Gastes´ – eines gruselig gemütlichen Genres zur Kenntnis nehmen.

Hinzu kommt das entsprechende Figurenpersonal. Alle haben sie etwas zu verbergen oder sind wenigstens interessant verschroben. Die Polizei ist eifrig aber ideenarm, um Ellery Queen heller glänzen zu lassen. Für kurze Momente handfester Heiterkeit sorgt u. a. der schlichtgeistige, verfressene Sergeant Devoe.

Das Geheimnis von John Sebastian dient der Handlung einerseits als Treibstoff, ist aber andererseits keineswegs die Ursache für das Geschehen. Hierin irrte mit dem Leser auch der Ellery Queen von 1930. Erst drei Jahrzehnte ist der Detektiv nicht nur erfahrener geworden, er hat auch den notwendigen Abstand zu dem Fall gewonnen. Nun fügen sich die Steinchen zu einem gänzlich unerwarteten Auflösungs-Mosaik.

Epilog

The Final Stroke wäre ein gelungener Ausstand geworden. Doch Dannay & Lee waren nicht nur gute Autoren, sondern auch oder sogar noch bessere Geschäftsleute. Die Marke «Ellery Queen» war viel zu gut eingeführt, als dass schriftstellerischer Ehrgeiz bzw. die Erkenntnis, das hohe Niveau nicht mehr halten zu können, ihr ein Ende bereiten durften. Nach einer fünfjährigen Pause kehrte Ellery Queen, der Detektiv, in «The Player on the Other Side» zurück. Zwar stand wie üblich ´sein´ Name über dem Titel, doch Dannay & Lee trugen nur noch die Idee und das Handlungsgerüst bei; der Roman selbst wurde von Theodore Sturgeon (1918-1985), der selbst als Science-Fiction-Autor zu Ruhm gelangte, ´geghosted´, d. h. unter (bezahlter) Nichtnennung des eigenen Namens geschrieben. Später sprang Avram Davidson (1923-1993) ein.

Der letzte ´echte´ Ellery-Queen-Roman, an den Dannay & Lee noch selbst Hand anlegten, erschien 1971. Mit den früheren Meisterwerken konnten alle diese Romane nicht mithalten. Für den Krimi-Puristen ging Ellery Queen deshalb 1958 in Pension. The Finishing Stroke – in Deutschland unter zwei verschiedenen Titeln erschienen – ist in der Tat noch einmal ein Fest für alle Liebhaber des klassischen «Whodunit" und die Freunde von Ellery Queen.

Michael Drewniok, September 2012

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RolfWamers zu »Ellery Queen: Das zwölfte Geschenk« 26.09.2012
Da stand dieses Juwel (warum auch immer) 40 Jahre ungelesen in meinem Bücherregal. Die Rezension veranlasste mich es zu lesen - und ein verregneter Herbsttag war gerettet. Noch einmal Rätsel-Queen at his best, welch eine Freude!

Deutsche Queen-Freunde müssen ja seit dem Ende der DuMont-Reihe wieder auf ihre persönliche Backlist zurück greifen. Als nächstes greife ich mal ganz tief zu "Der Mörder ist ein Fuchs" in der nostalgischen Scherz-Ausgabe von 1947.
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