Blut im Schuh von Ellery Queen

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1943 unter dem Titel There was an old Woman, deutsche Ausgabe erstmals 1960 bei Scherz.
Ort & Zeit der Handlung: USA, New York, 1930 - 1949.
Folge 16 der Ellery-Queen-Serie.

  • Boston: Little, Brown, 1943 unter dem Titel There was an old Woman. 321 Seiten.
  • Bern: Scherz, 1960 Das Mordduell. Übersetzt von Hans Tilgen. 191 Seiten.
  • Frankfurt am Main; Berlin; Wien: Ullstein, 1977 Das Mordduell. Übersetzt von Hans Tilgen. ISBN: 3-548-01831-9. 124 Seiten.
  • Köln: DuMont, 2002. Übersetzt von Monika Schurr. ISBN: 3832158081. 298 Seiten.

'Blut im Schuh' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Als der Knall des Schusses im Riverside Drive verklungen ist, geht Ellery Queen auf, dass er Zeuge eines Mordes geworden ist. Robert Potts liegt tot am Boden. Doch keiner der Anwesenden ahnt, wer ihn erschossen haben könnte. Ein Fall beginnt, in dem sich die schlimmsten Verbrechen hinter unschuldigen Kinderversen tarnen. Selten in Queens Laufbahn geschahen Morde so unheimlich und verwirrend, mit solch einer Unmenge amüsanter und schräger Figuren.

Das meint Krimi-Couch.de: »Verrückte Familie überfordert rationalen Detektiv« 95°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Seit Jahrzehnten trägt der zur Sparsamkeit verpflichtete Teil der US-Bevölkerung Schuhe aus dem Haus Potts. Cornelia, die 70-jährige Chefin, hat die Firma mit eiserner Faust zu einem der größten Betriebe des Landes gemacht. Für ihre geschäftliche Härte ist sie berüchtigt, ein Schwachpunkt stellt dagegen die Familie dar: Mit dem später spurlos verschwundenen Erst-Gatten hat sie zwei Söhne und eine Tochter in die Welt gesetzt, die sämtlich psychisch labil und lebensuntauglich sind. Drei weitere Kinder bekam Cornelia mit Gatten Nr. 2, der als gebrochener Mann in ihrer feudalen aber scheußlichen Villa nur geduldet wird.

Ihre drei jüngeren, geistig gesunden und hart für die Familienfirma arbeitenden Kinder hasst und drangsaliert Cornelia, während sie ihre Erstbrut vergöttert und beschützt, obwohl vor allem Thurlow, der älteste Sohn, zunehmend irrationaler agiert: Da er sich von der Welt verspottet fühlt, besorgt er sich 14 Feuerwaffen, die er gut versteckt. Familienanwalt Charley Paxton – der sich in die jüngste Tochter verliebt hat – weiß sich keinen Rat mehr und bittet einen alten Freund, den Schriftsteller und Privatdetektiv Ellery Queen, um Hilfe. Dieser ist von der irren Potts-Familie fasziniert und sagt zu.

Wenig später fordert Thurlow seinen Bruder Robert zum Duell. Obwohl Queen heimlich Platzpatronen in die Waffen lädt, wird Robert erschossen: Ein schlauer Mörder hat den Patronentausch rückgängig gemacht! Queen fühlt sich in seiner Ermittlerehre getroffen. Dennoch kann er weder Thurlows Waffenversteck gänzlich ausheben noch einen weiteren Mord verhindern. Ein unerwartetes Geständnis scheint den Fall dramatisch aufzuklären. Die Polizei legt ihn zu den Akten. Doch Ellery Queen ist keineswegs sicher, dass dies zutrifft. Wie echt ist das Geständnis – und wo ist die letzte der 14 Waffen, die wohl nicht grundlos irgendwo auf dem Potts-Anwesen versteckt liegt: Plant der Mörder eine dritte und letzte Bluttat? Dieses Mal setzt Queen alle Kraft in den Versuch, genau dies zu verhindern …

Geld ist Macht

Sein 16. Abenteuer wird für Ellery Queen zu einer seelischen Zerreißprobe. Obwohl er praktisch stets vor Ort ist, wenn ein Verbrechen die Familie Potts heimsucht, kann er die neue Untat weder verhindern noch herausfinden, wer hinter den Morden steckt. Für den durchaus erfahrenen Kriminalisten, der zudem dank seines für die Polizei von New York tätigen Vaters auf die Ressourcen der öffentlichen Ermittlungsorgane zurückgreifen kann, ist dies eine neue und zunehmend frustrierende Erfahrung: Indizien allein klären keinen Fall, wenn sie sich nicht zu einer logischen Ereigniskette verknüpfen lassen.

Genau daran scheitert Queen, während drei Menschen sterben und sich im Hintergrund ein Komplott entwickelt, das der Detektiv erst in buchstäblich letzter Sekunde entdeckt, als er sich nach einer verwirrenden Odyssee durch die Untiefen der menschlichen Seele endlich wieder auf seine kriminalistischen Kenntnisse besinnt. Er hatte sie beinahe vergessen, weil sie ihm so lange keine Hilfe gewesen waren.

Der Grund war die Konfrontation mit einer Familie, deren Mitglieder scheinbar jenseits jeglicher Normen existieren. Die Potts sind reich, was sich zum Zeitpunkt der Handlung – 1943 – sogar noch gravierender auswirkt als heute. Reichtum bedeutet Macht und Einfluss, der offen geltend gemacht werden darf. Cornelia Potts hat dafür gesorgt, dass sie nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch so gut vernetzt ist, dass sie trotz ihrer sozialen Isolation auf eindrucksvolle Fürsprecher zählen kann. Dies hat u. a. zur Folge, dass Inspektor Richard Queen, der »normale« Mordverdächtige üblicherweise im heimischen Revier mit dem Gummischlauch ‚verhört', die Hände gebunden sind. Gegen Cornelia und ihre Bundesgenossen kommt er nicht einmal an, als der verdrehte Thurlow Potts seinen Bruder Max bei einem grotesken ‚Duell’ umbringt.

Ein Horror namens »Familie«

Zunächst ist es der Reiz des Seltsamen, der Queen, den Schriftsteller, in das Potts-Anwesen lockt; zusätzlich gilt es, eine Ehe zu stiften, was an die Ritterlichkeit des Detektivs appelliert. Die Faszination verfliegt, als sich der erste Mord nicht nur in Anwesenheit Queens ereignet, sondern von ihm sogar mitverursacht wird: Man hat ihn hereingelegt, und wer immer dafür verantwortlich ist, vermag den Vorsprung zu halten. Immer wieder muss Queen feststellen, abermals auf eine falsche Fährte gelockt worden zu sein.

Die schiere Übermacht der wirren »Pottse« ist eine Herausforderung, vor der Queen kapitulieren muss. Dem krankhaft streit- und rachsüchtigen Thurlow zur Seite stehen seine Schwester Louella, eine überspannte »Erfinderin«, und sein Bruder Horatio, der sich rigoros in seiner Kindheit verkrochen und eingerichtet hat. Darüber schwebt wie ein böser Geist Cornelia, die sehr wohl um die geistigen und charakterlichen Defizite ihre drei älteren Kinder weiß, ohne daraus die Konsequenzen zu ziehen. Stattdessen bedient sie sich ihrer, um sie gegen die »normalen« und daher ungeliebten jüngeren Kinder aufzustacheln: Wie Adolf Hitler sorgt Cornelia dafür, dass ihre Paladine sich vor allem gegenseitig in Schach halten.

Dem Leser dürfte vor allem die ausgezeichnete charakterisierte Figur der Cornelia Potts im Gedächtnis haften. Als Vorbild für diese übermächtige, exzentrische, scheinbar selbst über die Leichen ihrer Familienmitglieder gehende Geschäftsfrau könnte Hetty Green (1834-1916) gedient haben, die nicht nur für ihren Erfolg und ihre Unbarmherzigkeit – »Witch of Wall Street« nannte man sie – bekannt war, sondern auch für ihren Geiz, ihr bizarres Auftreten und die Gnadenlosigkeit, mit der sie ihren Gatten und ihre beiden Kinder schurigelte. Bei ihrem Tod hinterließ sie ein Vermögen von 100 Mio. Dollar und ansonsten nur Erleichterung.

Fall mit Stolpersteinen

Während die Polizei mit gebremster Kraft ermitteln muss, weil sie – s. o. – keinen Druck ausüben darf, findet sich Ellery Queen in einem raffinierteren Netz gefangen. Es dauert lange, bis ihm dämmert, dass keineswegs nackter Wahnsinn hinter den Ereignissen steckt. Erst diese Erkenntnis öffnet Queen einen Pfad durch die Wildnis dieses Falls. Er ignoriert die Nebelkerzen und konzentriert sich auf die kriminalistische Untersuchung und Bewertung der wenigen Indizien. Plötzlich platzt der Knoten. Was bisher keinen Sinn ergeben wollte, enthüllt seine Bedeutung.

Doch so einfach ist es dann nicht. 1943 war das Autorenduo Frederic Dannay und Manfred B. Lee auf der Höhe seiner Schaffenskraft. Längst war ihr Alter Ego »Ellery Queen« eine eingeführte und erfolgreiche »Marke«, die ein eigenes Franchise in Gang gesetzt hatte. Noch waren Dannay & Lee willens und fähig, Ellery Queen an die Zeitläufe anzupassen. Aus dem trockenen, auf das Krimi-Rätsel fixierten »armchair detective« war ein agiler Mann geworden, der zunehmend feststellen musste, dass die menschliche Psyche ein ebenso wichtiges wie schwer zu fassendes Element des Kriminalfalls war.

Ellery Queen wurde zunehmend fehlbarer, obwohl er final natürlich wieder fest im Sattel saß und den Krimi-Knoten schürzte. Dannay & Lee mussten freilich deutlich mehr Hirnschmalz in entsprechend fesselnde Finale investieren. Blut im Schuh prunkt mit drei Auflösungen, von denen nur die erste so offensichtlich falsch ist, dass der Leser es »ahnt«, sich auf die »Wahrheit« vertrösten lässt – und abermals hereingelegt wird! Gleich zweifach stellt Ellery Queen die Tatsachen auf den Kopf und deutet dieselben Fakten gänzlich neu. Selbst die aufwändig eingeführte »Begründung« eines Mordens nach dem Vorbild eines Kinderreims wird gänzlich neu interpretiert.

Dies war und ist eine bemerkenswerte Leistung, die nicht nur die Autoren, sondern auch die Leser fordert. Sie sollten sich konzentrieren, um den ausführlichen Erläuterungen folgen zu können! Die Mühe lohnt sich: Blut im Schuh stellt nicht nur einen Höhepunkt des klassischen Rätsel-Krimis dar, sondern berücksichtigt auch die Zukunft des Genres, in dem der menschliche Aspekt des Verbrechens immer größere Bedeutung gewann – und das, ohne wie in den späteren Queen-Krimis in seifenschaumiger Gefühlsduseligkeit zu stranden!

Anmerkung

Der Buchtitel ist ein Zitat aus einem um 1800 erstmals schriftlich festgehaltenen Kinderlied:

»There was an old woman who lived in a shoe.
She had so many children, she didn’t know what to do;
She gave them some broth without any bread;
Then whipped them all soundly and put them to bed.«

Diese Reime sind bzw. waren im angelsächsischen Sprach- und Kulturraum verbreitet und beliebt wie hierzulande Grimms Märchen, weshalb Ellery Queen sich darauf verlassen durfte, dass seine Leser sie erkannten.

Michael Drewniok, Februar 2016

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Crispinfan zu »Ellery Queen: Blut im Schuh« 11.07.2013
Ich staune: Der Superschnüffler und die New Yorker Bullerei sind längst auf dem Boden der Unzulänglichkeit angekommen und Ellerys Kneifer in der Abfalltonne (?) verschwunden.

Das Buch startet mit einer längeren, flott dahinsausenden Persiflage auf den Gerichtsalltag und auf die amerikanische Massenindustrie („Der Potts-Schuh, für nur 3.99 $!“). Monika Schurr trifft überall die richtige Sprache aus Schnoddrigkeit und Gestelztheit. Weiter geht’s auf einen bizarren Millionärssitz, eine „wunderbare Welt des Wahnsinns“ à la „Valkenvania“, mit dem fassungslosen Ellery an einem Tisch, der an das verrückte Teekränzchen aus „Alice im Wunderland“ erinnert. Verrückt ist als Nächstes ein Duell, das eine „Ehrensache“ sein soll, das aber durch Arglist und Vorsatz zum Mord wird (dies als Antwort auf Gaspars Kommentar).

Je weiter die Ereignisse voranschreiten (ein zweiter Mord, ein Todesfall), desto mehr verliert sich die Schnodderigkeit und wir geraten in die ernstzunehmende Welt von Rätselknacker Queen und seines polizeibeamteten Vaters. Überfordert von einem Grundschema, das Kinderversen zu folgen scheint, erweisen sie sich als Figuren in einem mörderischen, von langer Hand geplanten Schachspiel. Die spontane Cleverness des Mörders sorgt für die detektivischen Finessen, die dem Autorenduo, scheint’s, nie ausgehen.

Die ironische Lockerheit bleibt als Einsprengsel erhalten, das mitunter starke Erzählfantasie verrät: „Der Anwalt begann Fakten hervorzusprudeln wie ein herumwirbelnder Wasserschlauch“, „Sie stand dort wütend wie eine aufgeblähte Kropftaube“, „Der Morgen dämmerte feucht und quallengrau“, „Er starrte den durchschossenen Hut an, der mit seinem neuen Auge zurückstarrte“. Beschreibende Szenen sind mehr als spröde Regieanweisungen.

Wenn man „Spannung“ über „drohende Gefahr“ definiert, dann ist die Geschichte nicht mehr und nicht weniger spannend als die meisten ihrer Art. Wie so oft bei Ellery Queen fände ich eine größere Straffheit nicht schlecht; der Kreis von Schauplätzen und Personen ist hier ja sehr eng.

Ein guter Krimi, der aber einen Crispinfan nicht begeistern kann.
Gaspar zu »Ellery Queen: Blut im Schuh« 25.05.2010
Ich war ziemlich enttäuscht. So viele Logik- und Plausibilitätsfehler gibt es selten in einem Krimi. Eine grundsätzliche Frage darf man zum Beispiel zum bewaffneten Duell stellen. Ist das strafbar oder nicht? Wenn ja, dann darf die Poliziei keine Beihilfe leisten. Wenn es nicht strafbar ist, dann war es auch kein Mord, denn ein Duellant darf sehr wohl mit einer scharfen Waffe jemanden erschießen.
Keine Empfehlung für diesen Flop.

Die Logikfehler

*spoiler*

1. Wie konnte der Täter schon lange vorher erahnen, dass man ihm eine Platzpatrone in die Waffe tun würde?
Nur dann bräuchte er eine spezielle Jacke. Wenn überhaupt.
2. Die Waffe aus dem Nest enthielt nur eine Platzpatrone. Das musste insbesondere der Täter wissen.
3. Beim Duell kann der Duellant ganz offiziell die Platzpatronen gegen echte austauschen. Thurlow hat auch nie etwas anderes behauptet, als dass die Waffe scharf ist.
4. So simpel wie in diesem Roman lässt sich wohl kein Straftäter überführen. Der Ermittler behauptet einfach, er kennt den Täter und schon hüpft der Täter aus seinem Versteck, um ihn umzubringen.

Nur 6 Punkte
krimifan24 zu »Ellery Queen: Blut im Schuh« 06.03.2008
Auch wenn Mörder und Tatmotiv in diesem Roman relativ leicht zu erraten sind - zumindest für Queen-Verhältnisse - ist es ein lesenswerter Krimi, in dem Schrecken (grausame Morde) und Humor (skurrille, überzeichnete Figuren, die an "Alice im Wunderland" erinnern) sehr nahe beieinander stehen. Meine Wertung: 80°
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