Wo kein Zeuge ist von
Buchvorstellung
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 2005
unter dem Titel With No One as Witness,
deutsche Ausgabe erstmals 2008
bei Goldmann.
Ort & Zeit der Handlung: Großbritannien / England / London, 1990 - 2009.
Folge 13 der Thomas-Lynley-und-Barbara-Havers-Serie.
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New York: HarperCollins, 2005 unter dem Titel With No One as Witness.
ISBN:
0060798459. 630 Seiten. -
München: Blanvalet, 2006.
ISBN:
978-3-7645-0165-5. 787 Seiten.
- : Goldmann, . 797 Seiten.
-
München: Goldmann, 2008.
ISBN:
978-3-442-46869-0. 797 Seiten.
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ISBN 3-7645-0165-0, 800 Seiten. Copyright © Verlagsgruppe Randomhouse
Leseprobe
Aus dem Französischen von Ingrid Krane-Müschen, Michael J. Müschen
Prolog
Die Dietrich war Kimmo Thorne von allen die Liebste: das Haar, die Beine, die Zigarettenspitze, der Zylinder und der Frack. Sie war das, was er »das Komplettpaket« nannte, und seiner Ansicht nach konnte keine ihr das Wasser reichen. Ach, natürlich konnte er auch die Garland darstellen, wenn’s sein musste. Die Minnelli war einfach, und er wurde eindeutig immer besser bei der Streisand, aber wenn er die Wahl hatte – und die hatte er in der Regel, nicht wahr? -, dann entschied er sich für die Dietrich. Die kesse Marlene. Seine Nummer eins. Marlene konnte die Krümel aus dem Toaster singen, das war keine Frage.
Er hielt also die Pose am Ende des Lieds nicht deshalb, weiles für die Darbietung erforderlich war, sondern weil er sie so liebte. Das Ende von »Falling in Love Again« verklang, und er verharrte wie eine Marlene-Statue: der eine Fuß im hochhackigen Pumps auf dem Stuhl, die Zigarettenspitze zwischen den Fingern. Der letzte Ton verhallte, und er stan immer noch reglos da, zählte bis fünf – ergötzte sich an Marlene und an sich selbst, denn sie war gut, und er war gut, er war sogar verdammt gut, wenn man’s genau nahm -, ehe er sich rührte und das Karaokegerät abschaltete. Er lupfte den Zylinder, schlug die Frackschöße zurück und verneigte sich tief vor seinem zweiköpfigen Publikum. Tante Sal und seine Großmutter – seine treuesten Fans – reagierten genau, wie er erwartet hatte: »Großartig! Einfach großartig, Junge«, rief Tante Sally. Und Gran sagte: »Das ist unser Junge, wie wir ihn kennen. Durch und durch talentiert, unser Kimmo. Was werden deine Eltern nur sagen, wenn ich ihnendie Fotos schicke!«
Das würde sie bestimmt schnellstens hierher bringen, dachte Kimmo sarkastisch. Aber er stellte den Fuß noch einmal auf denStuhl, denn er wusste, Gran meinte es gut, auch wenn sie nicht die Allerhellste war, was ihre Ansichten über seine Eltern betraf. Gran wies Tante Sally an: »Weiter nach rechts, fang seine Schokoladenseite ein.« Nach wenigen Minuten war das Foto gemacht und die Show für den heutigen Abend vorüber.
»Wo soll’s denn hingehen heute Abend?«, fragte Tante Sally, als Kimmo in sein Zimmer ging. »Hast du eine neue Flamme, mein Junge?« Hatte er nicht, aber das musste sie ja nicht wissen.
»Ich geh zu Blinker«, erwiderte er munter. »Nun, dann treibt keinen Unsinn, dein Freund und du.«
Er zwinkerte ihr zu. »Würden wir doch nie tun, Tantchen«, log er im Hinausgehen.
Er zog die Tür hinter sich zu und schloss ab. Zuerst kümmerte er sich um das Marlene-Kostüm. Kimmo zog es aus und hängte es auf, ehe er sich an seine Frisierkommode setzte. Er betrachtete sein Gesicht im Spiegel und erwog einen Moment, das Make-up teilweise zu entfernen. Aber schließlich verwarf er den Gedanken mit einem Schulterzucken und durchwühlte seinen Schrank nach zweckdienlicher Kleidung. Er wählte ein Sweatshirt mit Kapuze, seine bevorzugten Leggings und die knöchelhohen Wildlederstiefel mit den flachen Sohlen. Die Zweideutigkeit seiner Erscheinung gefiel ihm. Mann oder Frau?, mochte ein Beobachter sich fragen. Aber nur wenn Kimmo sprach, war die Antwort eindeutig. Denn er war endlich in den Stimmbruch gekommen, und wenn er den Mund aufmachte, war das Spielchen vorbei. Er zog sich die Kapuze des Sweatshirts über den Kopf und schlenderte die Treppe hinab.
»Ich bin dann weg!«, rief er seiner Großmutter und Tante zu, während er seine Jacke vom Haken neben der Tür nahm. »Wiedersehen, mein Liebling!«, antwortete Gran.
»Bleib anständig!«, fügte Tante Sally hinzu.Er warf ihnen eine Kusshand zu. Sie erwiderten die Geste.»Hab dich lieb«, sagten alle gleichzeitig.
Draußen zog er den Reißverschluss seiner Jacke hoch undlöste die Kette, mit der sein Fahrrad am Treppengeländer gesichertwar. Er schob es zum Aufzug, drückte auf die Ruftaste, und während er wartete, überprüfte er, ob die Satteltaschen auch alles enthielten, was er brauchen würde. Er hatte eine geistige Checkliste, deren einzelne Punkte er nun abhakte: Nothammer, Handschuhe, Schraubenzieher, Brecheisen, Taschenlampe, Kopfkissenbezug, eine rote Rose. Letztere ließ er gern als Visitenkarte zurück. Man durfte schließlich nicht nehmen, ohne auch etwas zu geben.
Draußen auf der Straße schlug ihm die eisige Nachtluft entgegen,und Kimmo freute sich nicht gerade auf die lange Fahrt.Er hasste es, mit dem Rad fahren zu müssen, vor allem dann, wenn die Temperatur so nah dem Gefrierpunkt war. Da aber weder Gran noch Tante Sally ein Auto besaßen und er selbst keinen Führerschein hatte, den er einem Polizisten bei einer Kontrolle mit einem einnehmenden Lächeln hätte unter die Nase halten können, blieb ihm nichts anderes übrig, als zu radeln. Den Bus zu nehmen stand mehr oder minder außer Frage. Seine Route führte die Southwark Street entlang, dann durch den dichteren Verkehr der Blackfriars Road, bis er nach mehrmaligem Abbiegen Kennington Park erreichte. Von dort – Verkehr oder nicht – ging es praktisch schnurgerade nach Clapham Common und zu seinem Ziel: Ein frei stehendes, zweigeschossiges Wohnhaus aus rotem Backstein, das für seine Zwecke günstig gelegen war und das er in den vergangenen Monaten sorgfältig ausgekundschaftet hatte.
Inzwischen kannte er den Tagesablauf der Familienmitgliederso genau, als lebte er selbst dort. Er wusste, die Leute hattenzwei Kinder. Mum hielt sich fit, indem sie jeden Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit fuhr, Dad nahm den Zug von der Clapham Station. Sie hatten ein Aupair-Mädchen, das an zwei festgelegten Wochentagen seine freien Abende hatte, und an einem dieserAbende – immer am gleichen – verließen Mum, Dad und dieKinder das Haus gemeinsam und fuhren zu …Kimmo hattekeine Ahnung. Zum Abendessen bei der Großmutter, nahmKimmo an, aber es konnte genauso gut ein langer Gottesdienst sein, eine Familientherapie oder Yogaunterricht. Entscheidendwar, dass sie den Abend nicht zu Hause verbrachten und langewegblieben. Wenn sie heimkamen, mussten die Eltern die Kleinen jedes Mal ins Haus tragen, weil sie im Auto eingeschlafen waren. Und das Aupair-Mädchen verbrachte den Abend mit zwei anderen Mädchen. Sie verließen zusammen das Haus und schnatterten auf Bulgarisch, oder was immer sie sprachen, und falls sie je vor Sonnenaufgang zurückkamen, so weit nach Mitternacht. Die Vorzeichen schienen günstig bei diesem Haus. Die Familienkutsche war der größte Wagen aus der Range-Rover-Reihe, ein Mal in der Woche kam ein Gärtner. Sie benutzten auch einen Wäschereiservice, der ihre Laken und Kissenbezüge gewaschen und gebügelt zurückbrachte. Dieses Haus, hatte Kimmo gedacht, war reif und wartete förmlich auf ihn.
Das Sahnehäubchen war das Haus nebenan, vor dem ein einsames»Zu vermieten«-Schild an einem Pfosten im Wind schaukelte.Und um das Ganze perfekt zu machen, gab es auch noch einen einfachen Zugang von der Rückseite. Da erstreckte sich nämlich eine Ziegelmauer, die den Garten von einer unbebauten Wildnis trennte.
Dorthin radelte Kimmo, nachdem er die Vorderseite des Hausespassiert hatte, um sich zu vergewissern, dass die Familie sichauch an ihren strikten Tagesablauf hielt. Dann fuhr er durch die Wildnis und lehnte sein Rad gegen die Mauer. Er benutzte den Kissenbezug, um seine Ausrüstung und die Rose zu transportieren, stieg auf den Fahrradsattel und kletterte mühelos über die Mauer.
Der rückwärtige Garten war schwärzer als die Zunge des Teufels,aber Kimmo hatte früher schon einmal über die Maue gespäht und wusste, was vor ihm lag. Gleich unterhalb der Mauerwar ein Komposthaufen, dahinter stand eine Gruppe von Obstbäumen,die sich in dekorativer Unordnung über einen gepflegtenRasen verteilten. Breite Blumenbeete links und rechts davonbildeten die Rabatte. Eins der Beete zog sich um einen Pavillon,das andere zierte ein Gartenhäuschen. Vor dem Haus drüben gab es eine Terrasse mit ungleichmäßigen Pflastersteinen, auf welcher der Regen des letzten Gewitters Pfützen gebildet hatte, dann kam ein Vordach, an dem die Gartenbeleuchtung hing.
Sie schaltete sich automatisch ein, als Kimmo näher trat. Ernickte ihr dankbar zu. Bewegungsmelder, hatte er schon vorlanger Zeit erkannt, mussten die geistreiche Erfindung eines Einbrechers sein, denn wann immer sie sich einschalteten, schienen alle anzunehmen, dass nur eine Katze durch den Garten lief. Er hatte jedenfalls noch nie gehört, dass ein Nachbar die Polizei alarmierte, weil irgendwo ein Licht anging. Andererseits hatte er von Einbrecherkollegen gehört, wie viel einfacher der Zugang zur Rückseite eines Hauses durch diese von Bewegungsmeldern gesteuerten Lichter war.
In diesem Fall waren die Lichter bedeutungslos. Die leerenFenster und das »Zu vermieten«-Schild sagten ihm, dass niemandim Haus zur Rechten wohnte, und das link Haus hatte weder Fenster zu dieser Seite noch einen Hund, der die eisige Nacht plötzlich mit wildem Gebell erfüllen würde. Soweit Kimmo es beurteilen konnte, war die Luft rein. Glastüren führten auf die Terrasse, und Kimmo ging darauf zu. Ein kurzer Schlag mit dem Nothammer – eigentlich dafür vorgesehen, im Notfall eine Autoscheibe zu zertrümmern – reichte aus, um ihm Zugang zur Klinke zu verschaffen. Er öffnete die Tür und betrat das Haus. Die Alarmanlage heulte los wie eine Feuersirene.
Der Lärm war ohrenbetäubend, aber Kimmo ignorierte ihn.Er hatte fünf Minuten, vielleicht sogar länger, ehe die Sicherheitsfirmaanrief, um hoffnungsvoll nachzufragen, ob der Alarm vielleicht nur versehentlich ausgelöst worden sei. Wenn niemandabhob, riefen sie die Kontaktnummern an, die man ihnen gegebenhatte. Führte auch das nicht dazu, das unablässige Geheulzum Verstummen zu bringen, riefen sie vielleicht die Polizei, diedann vielleicht vorbeischaute, um nach dem Rechten zu sehen,vielleicht aber auch nicht. Auf jeden Fall lag diese Eventualitätmindestens zwanzig Minuten in der Zukunft, was wiederum zehn Minuten länger war, als Kimmo brauchen würde, um zu finden, wonach er in diesem Haus suchte. Er war Spezialist auf diesem Gebiet. Die Computer, Laptops, CD- und DVD-Player, Fernseher, Schmuckstücke, Digitalkameras, Palm Pilots und Videorekorder überließ er anderen. Er suchte nach etwas Bestimmtem in den Häusern, in die er einstieg, und das Wunderbare daran war, dass die Gegenstände, die er suchte, immer offen sichtbar und meistens in den Räumen des Erdgeschosses standen. Kimmo ließ den Lichtstrahl seiner Taschenlampe herumwandern. Er befand sich im Esszimmer, und hier gab es nichts abzuräumen. Doch im Wohnzimmer sah er schon vier Stück auf einem Klavier funkeln. Er ging sie holen: Silberrahmen, die er von ihren Fotos befreite – man sollte schließlich rücksichtsvoll sein -, ehe er sie behutsam in seinem Kissenbezug verstaute. Ein weiterer Rahmen fand sich auf einem der Beistelltische. Er steckte ihn ein und begab sich auf die Vorderseite des Hauses, wo in der Diele auf einem Halbmondtisch unter einem Spiegel zwei weitere Silberrahmen aufgestellt waren, zusammen mit einer Porzellandose und einem Blumenarrangement, die er ließ, wo sie waren.
Die Erfahrung lehrte, dass er gute Chancen hatte, den Restseiner Beute im Elternschlafzimmer zu finden, also lief er eilig dieTreppe hinauf, während die Alarmsirene weiter in seinen Ohren gellte. Das Zimmer, das er suchte, war in der obersten Etage, nach hinten gelegen, mit Blick auf den Garten, und er hatte gerade die Taschenlampe eingeschaltet, um sich zu orientieren, als die Sirene abrupt verstummte und das Telefon zu klingeln begann.
Kimmo erstarrte, die eine Hand um die Taschenlampe gelegt,die andere halb nach einem Bilderrahmen ausgestreckt, der dasFoto eines Paares in Hochzeitsstaat präsentierte, das sich unterblühenden Zweigen küsste. Nach einem Moment brach das Telefonklingelnebenso abrupt ab wie der Alarm zuvor, unten ging das Licht an und jemand rief: »Hallo?«, und dann: »Nein. Wir kommen gerade erst nach Hause …Ja. Ja. Die Sirene heulte, aber ich hatte noch keine Gelegenheit …O mein Gott! Gail, lass die Finger von dem Glas!«
Dies reichte aus, um Kimmo klar zu machen, dass die Dingeeine unerwartete Wendung genommen hatten. Er hielt sich nichtdamit auf, zu rätseln, was die Familie zu Hause zu suchen hatte, obwohl sie doch eigentlich bei Gran sein sollte oder in der Kirche, beim Yoga, in der Therapie oder wohin sie auch immer gehen mochten, wenn sie das Haus verließen. Stattdessen hasteteer zum Fenster links neben dem Bett, während unten eine Frau schrie: »Ronald, es ist jemand im Haus!« Kimmo brauchte nicht Ronalds polternde Schritte auf der Treppe zu hören oder Gails Rufe: »Nein! Warte!«, um zu begreifen, dass er sich schleunigst verdrücken sollte. Er kämpfte kurz mit dem Schloss des Fensters, schob es dann hoch und stieg mit dem Kissenbezug hindurch, als Ronald gerade in das Schlafzimmer stürmte, bewaffnet mit einem Gegenstand, der wie eine Grillgabel aussah.
Kimmo landete mit einem gewaltigen, dumpfen Aufprallund einem Stöhnen auf dem Vordach zweieinhalb Meter tieferund verfluchte den Umstand, dass kein Blauregen die Fassade emporrankte, an dem er sich wie Tarzan hätte in die Freiheit schwingen können. Er hörte Gail rufen: »Hier ist er! Hier ist er!« und Ronald von oben am Fenster schreien. Ehe er den Garten zur rückwärtigen Mauer durchquerte, wandte er sich noch einmal zum Haus um und schenkte der Frau im Esszimmer ein Grinsen und einen frechen Salut. Sie hielt ein schlaftrunkenes Kind mit schreckgeweiteten Augen im Arm, ein zweites hatte die Hand in ihre Hose gekrallt.
Dann rannte er. Der Kissenbezug schlug ihm bei jedem Schrittgegen den Rücken, und Kimmo lachte in sich hinein. Er bedauertenur, dass er nicht dazu gekommen war, die Rose zu hinterlassen.Als er die Mauer erreichte, hörte er Ronald auf die Terrassestürmen, aber noch bevor der arme Kerl im Schatten derBäume ankam, war Kimmo die Mauer hochgeklettert und hinübergesprungen und flüchtete über das unbebaute Grundstück.
Wenn die Bullen schließlich kamen – was in einer Stunde odermorgen Mittag sein konnte -, war er längst über alle Berge, nurnoch eine verschwommene Erinnerung der Dame des Hauses: ein geschminktes Gesicht unter einer Sweatshirt-Kapuze. Gott, das hier war das Leben! Das hier war das Beste! Wenn sich herausstellte, dass die Beute Sterlingsilber war, würde er am Freitagmorgen um ein paar hundert Pfund reicher sein. Konnte irgendetwas besser sein? Kimmo glaubte nicht. Was machte es schon, dass er gesagt hatte, er wolle für ein Weilchen ehrlich werden. Er konnte all die Zeit, die er bereits in diesen Job investiert hatte, nicht einfach so abschreiben. Da wär er doch blöd, und wenn es eines gab, was Kimmo Thorne nicht war, dann blöd. Kein bisschen. Keine Chance, meine Herren. Er war vielleicht eine Meile weit geradelt, als er merkte, dass ihm jemand folgte. Es war allerhand Verkehr auf den Straßen – wann war in London kein Verkehr? -, und ein paar Autos hatten gehupt, als sie ihn überholten. Zuerst dachte er, sie hupten seinetwegen, so wie Autos es oft taten, wenn sie ein Fahrrad zur Seite drängen wollten, aber dann ging ihm auf, dass ihre Ungeduld einem langsam fahrenden Wagen hinter ihm galt, der keine Anstalten machte, ihn zu überholen.
Der Schreck fuhr ihm in die Glieder, denn er fragte sich, obRonald es irgendwie geschafft hatte, ihm zu folgen. Er bog in eineSeitenstraße, um sich zu vergewissern, dass es keine Einbildung war und er wirklich verfolgt wurde, und tatsächlich: Die Scheinwerfer in seinem Rücken bogen mit ab. Er war im Begriff, einen Spurt einzulegen, als er neben sich das Brummen eines Motors hörte und dann eine freundliche Stimme, die seinen Namen sagte.
»Kimmo? Bist du’s? Was treibst du in diesem Teil der Stadt?«
Kimmo ließ das Fahrrad ausrollen und bremste. Er wandteden Kopf, um festzustellen, wer ihn angesprochen hatte. Als erden Fahrer erkannte, lächelte er und sagte: »Wieso ich? Das Gleiche könnte ich dich fragen.«
Der andere erwiderte das Lächeln.
»Sieht so aus, als wär ich auf der Suche nach dir. Soll ich dich ein Stück mitnehmen?« Das käme gelegen, dachte Kimmo, falls Ronald ihn mit dem Fahrrad hatte flüchten sehen und die Bullen schneller als üblich reagiert hatten.
Er wollte jetzt wirklich nicht unbedingt draußen auf der Straße sein. Er hatte außerdem immer noch zwei Meilen vor sich, und es war kalt wie in der Antarktis. Er antwortete:
»Aber ich habe das Rad.«
Der andere lachte leise. »Das ist kein Problem, wenn du keins draus machst.«
-1-
Detective Constable Barbara Havers stellte fest, dass sie ein Glückspilz war: Die Einfahrt war leer. Sie hatte beschlossen, ihre Einkäufe mit dem Wagen und nicht zu Fuß zu erledigen, was immer mit gewissen Risiken verbunden war in dieser Gegend von London, wo ein jeder, der glücklich genug war, einen Parkplatz in der Nähe seines Wohnhauses zu finden, sich mit einer Hingabe daran klammerte wie eine geläuterte Seele an ihren Retter. Doch sie hatte allerhand einzukaufen gehabt, und die Vorstellung, die Sachen in der Kälte vom Lebensmittelladen bis nach Hause tragen zu müssen, hatte sie schaudern lassen. Also hatte sie sich fürs Auto entschieden und das Beste gehofft. Ohne Gewissensbisse belegte sie die Einfahrt des gelben, edwardianischen Wohnhauses, hinter dem ihr winziger Bungalow lag, mit Beschlag. Sie lauschte dem Husten und Röcheln ihres Minis, während sie den Motor abstellte, und nahm sich zum fünfzehnten Mal in diesem Monat vor, einen Mechaniker nach dem Wagen schauen zu lassen, der – so konnte man nur hoffen – nicht ihr letztes Hemd dafür verlangen würde, den Fehler zu reparieren, der dazu führte, dass ihr Auto rülpste wie ein magenkranker Rentner.
Sie stieg aus und klappte den Sitz nach vorn, um die ersteihrer Einkaufstüten vom Rücksitz zu holen. Sie trug vier Tütenauf dem Arm, als sie ihren Namen hörte.
Jemand sang: »Barbara! Barbara! Guck mal, was ich im
Schrank gefunden habe!«
Barbara richtete sich auf und schaute in die Richtung, aus der die glockenhelle Stimme kam. Die kleine Tochter ihres Nachbarnsaß auf der verwitterten Holzbank vor der Erdgeschosswohnungdes altehrwürdigen, zum Mehrfamilienhaus umgewandeltenGebäudes. Sie hatte die Schuhe ausgezogen und
versuchte, sich in ein Paar Inlineskates zu kämpfen. Sie sahen ein
paar Nummern zu groß aus, fand Barbara. Hadiyyah war erst
acht Jahre alt, und die Skates waren eindeutig für einen Erwachsenen
gedacht.
»Die gehören Mummy«, klärte Hadiyyah sie auf, als habe sie
Barbaras Gedanken gelesen. »Wie gesagt, ich hab sie im Schrank
gefunden. Ich bin noch nie mit ihnen gefahren. Vermutlich sind
sie mir zu groß, aber ich hab Küchenpapier reingestopft. Dad
weiß nichts davon.«
»Von dem Küchenpapier?«
Hadiyyah kicherte. »Quatsch! Er weiß nicht, dass ich sie gefunden
hab.«
»Vielleicht will er nicht, dass du sie benutzt.«
»Sie waren aber nicht versteckt. Nur weggeräumt. Bis Mummy
wieder nach Hause kommt, nehme ich an. Sie ist in...«
»Kanada. Ich weiß.« Barbara nickte. »Also, sei schön vorsichtig
mit den Dingern. Dein Dad wird nicht glücklich sein,
wenn du fällst und dir den Kopf einschlägst. Hast du einen
Helm oder so was?«
Hadiyyah sah auf ihre Füße hinab – einer mit dem Inlineskate,
einer nur mit der Socke bekleidet – und dachte darüber
nach. »Brauche ich das?«
»Vorsichtsmaßnahme«, erklärte Barbara. »Auch mit Rücksicht
auf die Straßenkehrer. Es verhindert, dass das Gehirn der
Inlineskater auf die Bürgersteige spritzt.«
Hadiyyah verdrehte die Augen. »Ich weiß, dass du nur Spaß
machst.«
Barbara hob die Hand zum Schwur. »So wahr mir Gott helfe.Wo ist denn dein Dad überhaupt? Bist du heute allein?« Miteinem Fußtritt öffnete sie das Törchen zu dem gepflasterten Weg,
der zum Haus führte, und überlegte, ob sie Taymullah Azhar noch einmal darauf ansprechen sollte, dass er seine Tochteröfter allein ließ. Auch wenn es stimmte, dass das nur selten vorkam,hatte sie ihm doch angeboten, dass sie gern bereit war, sichin ihrer Freizeit um Hadiyyah zu kümmern, wenn er an der Universität
eine Sprechstunde abhalten oder die Arbeit im Labor
überwachen musste. Hadiyyah war für eine Achtjährige erstaunlich
selbstständig, aber letztlich war sie doch immer noch
das: Eine Achtjährige, die naiver war als ihre Altersgenossinnen,
zum Teil aufgrund einer Kultur, die sie von allem abschirmte,
zum Teil aufgrund der Tatsache, dass ihre englische Mutter sie
verlassen hatte und nun schon seit fast einem Jahr »in Kanada«
war.
»Er ist losgezogen, um mir eine Überraschung zu kaufen«, berichtete
Hadiyyah sachlich. »Er denkt, ich weiß das nicht. Er
denkt, ich denke, dass er nur was zu erledigen hat, aber ich weiß,
was er in Wirklichkeit macht. Es ist, weil er traurig ist, und er
meint, ich bin traurig, was nicht stimmt, aber er will, dass ich
wieder fröhlich bin. Also hat er gesagt: ›Ich muss etwas erledigen,
Kushi‹, und ich soll glauben, es hat nichts mit mir zu
tun. Hast du deine Einkäufe gemacht? Kann ich dir helfen, Barbara?
«
»Es sind noch mehr Tüten im Auto. Wenn du sie holen
willst...«, antwortete Barbara.
Hadiyyah glitt von der Bank und – einen Skate angezogen -
humpelte zum Auto hinüber und holte die restlichen Tüten heraus.
Barbara wartete an der Hausecke. Als Hadiyyah sich ihr
hinkend anschloss, fragte sie: »Was ist denn der Anlass?«
Hadiyyah folgte ihr zum Ende des Grundstücks, wo Barbaras
Bungalow stand. Er glich eher einem um Vornehmheit bemühten
Gartenhäuschen, war halb von einer Falschen Akazie verborgen
und ließ grüne Farbflocken auf ein Blumenbeet rieseln,
das dringend bepflanzt werden musste. »Hm?«, machte Hadiyyah.
Aus der Nähe erkannte Barbara, dass sie den Kopfhörer
eines Discman um den Hals trug. Das Gerät war am Bund ihrer
Blue Jeans befestigt. Undefinierbare Klänge drangen blechern aus den Ohrstöpseln. Nur eine weibliche Stimme war auszumachen.Hadiyyah schien sie gar nicht zu bemerken.»Die Überraschung«, sagte Barbara und schloss ihre Haustürauf. »Du hast gesagt, dein Dad sei unterwegs, um eine Überraschungfür dich zu besorgen.«»Ach, das.« Hadiyyah humpelte hinein und stellte die Tütenauf den Esstisch, wo die Post von mehreren Tagen sich mit vier
Ausgaben des Evening Standard, einem Korb voll schmutziger
Wäsche und einem leeren Vanillepuddingkarton vermischte.
Das alles ergab ein unschönes Durcheinander, und das gewohnheitsmäßig
ordentliche kleine Mädchen betrachtete es mit
einem vielsagenden Stirnrunzeln. »Du hältst deine Sachen nicht
in Ordnung«, schalt sie.
»Sehr scharfsinnig erkannt«, murmelte Barbara. »Und die
Überraschung? Ich weiß, dass du nicht Geburtstag hast.«
Hadiyyah klopfte mit dem Inlineskate auf den Boden und
wirkte plötzlich verlegen, was ihr ganz und gar nicht ähnlich
sah. Barbara stellte fest, dass sie sich das dunkle Haar heute
selbst geflochten hatte, denn ihr Scheitel ergab ein Zickzackmuster,
und die roten Schleifen am Ende der Zöpfe waren schief
angebracht, die eine Schleife zwei Zentimeter höher als die
andere. »Na ja«, begann sie, während Barbara den Inhalt der
ersten Einkaufstüte auf der Arbeitsplatte ausbreitete. »Er hat es
nicht direkt gesagt, aber ich nehme an, es hat damit zu tun, dass
Mrs. Thompson ihn angerufen hat.«
Barbara erkannte den Namen von Hadiyyahs Lehrerin. Sie
warf dem kleinen Mädchen über die Schulter einen Blick zu und
zog fragend eine Augenbraue hoch.
»Weißt du, es gab eine Teeparty«, berichtete Hadiyyah. »Na ja,
es war nicht wirklich eine Teeparty, aber so haben sie’s genannt,
denn wenn sie gesagt hätten, was es wirklich war, wär es allen
so peinlich gewesen, dass keiner hingegangen wäre. Und sie
wollten, dass alle hingingen.«
»Warum? Was war es wirklich?«
