Die siebte Stunde von Elisabeth Herrmann

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2007 bei List.
Folge 2 der Joachim-Vernau-Serie.

  • Berlin: List, 2007. ISBN: 978-3-471-79553-8. 416 Seiten.
  • [Hörbuch] Hamburg: Audiobuch, 2007. Gesprochen von Boris Aljinovic. ISBN: 389964266X. 6 CDs.

'Die siebte Stunde' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuch

In Kürze:

Ein mörderisches Spiel, ein rätselhafter Selbstmord und ein quälendes Geheimnis: Als Anwalt Joachim Vernau an einer Privatschule eine Jura AG übernimmt, begegnen ihm die Schüler voller Vorbehalte. Als er herausfindet, was hinter ihrem Schweigen steckt, ist es fast zu spät. Ein eindringlicher Kriminalroman um Schuld und Verantwortung und die Hilflosigkeit aller angesichts dessen, was nicht sein darf. 

Das meint Krimi-Couch.de: »Vampire in Berlin« 70°

Krimi-Rezension von Thorsten Sauer

Wenn eine »Schwarze Königin«, mehrere Vampire und andere düstere Gestalten eine Rolle spielen, muss es sich nicht zwangsläufig um einen Fantasy-Roman handeln. Für Elisabeth Herrmann, die mit Die 7. Stunde ihren zweiten Roman nach einem viel gelobten Debüt vorlegt, sind es Zutaten zu einem ganz und gar weltlichen Krimi, der im Berlin der Gegenwart spielt.

Hinter der Fassade

Joachim Vernau und seine alte Freundin Marie-Luise kämpfen mit ihrer gerade gegründeten Anwaltskanzlei Monat für Monat ums Überleben und gegen unbezahlte Rechnungen. Da kommt der Auftrag einer Privatschule, die Jura AG – den so genannten »Teen Court« – zu leiten gerade recht, um den uralten, firmeneigenen Volvo vor dem Schrottplatz zu retten.

Der 2Teen Court» ist eine Schülergruppe, die kleinere Verstöße gegen die Hausordnung der Privatschule diskutiert und selbstständig Maßnahmen gegen die Verantwortlichen festlegen kann. Damit das Ganze unter fachmännischer Leitung steht, wird – in Ermangelung einer entsprechenden Lehrkraft – Vernau die Aufgabe des Tutors der Gruppe zuteil. Ein einfacher Job wie es scheint. Im Gegensatz zur in Sichtweite liegenden Hauptschule, sind dem Gymnasium für die Söhne und Töchter betuchter Eltern, echte Probleme oder gar Kriminalität scheinbar völlig fremd.

Doch es brodelt hinter der exklusiven Fassade der Schule. Der Selbstmord einer Mitschülerin scheint die Jugendlichen zutiefst zu verstören. Der vermeintlich leichte erste Gehversuch Vernaus als Pädagoge entpuppt sich angesichts der ablehnenden Haltung seiner Schüler als echte Herausforderung und auch die Hausordnung der ehrgeizigen stellvertretenden Schulleiterin Oettinger hat es in sich. Vernau stellt Fragen und entdeckt, dass einige Schüler einem Live-Rollenspiel verfallen sind, das nicht nur mit Fantasie und Gummiwaffen gespielt wird, sondern sich in der Realität blutig fortsetzt. Als er ahnt wohin das führen kann, ist es fast zu spät.

Out time oder In-Time?

Wer in den Achtzigern aufgewachsen ist, kennt Rollenspiele womöglich nicht nur unter dem Kürzel MMORPG und versteht darunter 2World of Warcraft« im Internet mit Teilnehmern rund um den Globus, sondern als »Das schwarze Auge«, das als Pen-and-Paper Rollenspiel ohne Computer auskam, weil in der Phantasie und mit dem berühmten zwanzig seitigen Würfel gespielt wurde. Echte Fans haben sich schon damals nicht nur mit dem Brettspiel zufrieden gegeben, sondern das Erlebnis durch entsprechende Kostüme und Schauplätze verstärkt. Es mag überraschen, aber auch im 21. Jahrhundert gibt es noch eine ebenso verschworene wie aktive Gemeinschaft von Live-Rollenspielern. Die Berliner Vampire sind so eine Gruppe. Die Autorin hat selbst einige Erfahrungen als Ghul (wer das Buch liest, wird dieses Geschöpf näher kennen lernen) bei dieser Gruppe und einiges, was Vernau widerfährt, dürfte sich direkt aus den Erfahrungen der Autorin ableiten.

Der Hintergrund der Geschichte, die Gemeinschaft der Rollenspieler, fesselt und bildet eine interessante Grundidee für den Roman. Herrmann gelingt es – zumindest phasenweise – die Faszination, denen Rollenspieler erliegen, zu vermitteln. Auch wenn einiges etwas zu skurril anmutet. Wohl deshalb stellt sie an das Ende des Romans ein ausführliches Nachwort, in dem sie einige Einblicke in ihre Recherchen gibt.

Insgesamt kränkelt der Roman ein wenig an der fehlenden Glaubwürdigkeit. Die Berliner Luxus-Privatschule ist mit ihren weltfremden Schülern aus der Oberschicht nur schwer in der Berliner Realität vorstellbar. Die stellvertretende Schulleiterin wirkt mit ihrer Engstirnigkeit und dem zerfressenden Ehrgeiz mehr wie eine Gouvernante aus dem 19. Jahrhundert, denn als moderne Schulmanagerin, die sie darstellen soll.

Die Geschichte selbst dagegen ist eigentlich reizvoll. Rollenspiele leben von charismatischen Spielleitern, die den Fortgang des Spiels lenken, die Einhaltung der Regeln überwachen und letztlich die Mitspieler ein wesentliches Stück manipulieren können. Was passiert, wenn die wichtigste Regel des Rollenspiels, das »Out-Time« gehen, also das Verlassen des Spiels, plötzlich nicht mehr möglich ist. Verbunden mit einem geheimnisvollen Selbstmord und kleinen unheimlichen Begebenheiten in der Schule, sind damit fast alle Bestandteile für einen guten Krimi gegeben. Aber eben nur fast. Es fehlen die interessanten, glaubwürdigen Figuren, die den Leser an die Geschichte binden.

Doch trotzdem, auch wenn Die 7. Stunde einige Schwächen hat, ist der neue Roman von Elisabeth Herrmann ein spannender unverbrauchter Plot um skurrile Rollenspiele, Klassenverbände, Außenseiter und die Katastrophe, die sich aus dieser Mischung entwickeln kann. Man kann den Roman denen ans Herz legen kann, die selbst einmal als Elf, Zwerg, Magier oder Waldmensch Aventurien unsicher gemacht haben aber nie über das gute alte »Das schwarze Auge« hinausgekommen sind.

Thorsten Sauer, September 2007

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mabu zu »Elisabeth Herrmann: Die siebte Stunde« 19.08.2009
Elisabeth Herrmann hat einen wunderbaren Humor, ich musste an einigen Stellen richtig lachen. Wie der Vorgänger, "Das Kindermädchen", machen die Akteure Spaß und sind allesamt interessant. Man möchte die Protagonisten gerne persönlich kennen lernen.
Grundsätzlich kann auch ich nicht viel mit Rollenspielen anfangen und finde Merkwürdigkeiten wie Conventions eher albern. Aber gerade deswegen fand ich die Lektüre über die Berliner Vampire sehr fesselnd. Nicht nur, dass ich einen guten Einblick in diese Szene bekommen habe, es stimmte mich auch nachdenklich.
Wie im wahren Leben gibt es auch bei solchen Spielen Außenseiter. Was macht sie dazu? Wie kommen sie mit dieser "Rolle" klar? Wie viele Menschen sind unter uns, von denen wir nicht einmal ahnen, dass sich kleine oder größere Abgründe auftun? Was macht man, wenn man es merkt? Schreitet man ein? Guckt man weg? Ist man peinlich berührt?
Am meisten hat mir gefallen, dass das Ende nicht unglaubwürdig war, es hätte einfach nicht gepasst.
Hier gibt es keine Helden bzw Bösen, die einfach schwarz und weiß sind, sie haben alle einen Charakter und irgendwie, irgendwo und irgendwann auch immer ihre Gründe, so zu sein, wie sie sind.
Ja, das finde ich glaubwürdig und wichtig in einem Roman.
Ich hoffe sehr, dass es eine Fortsetzung von Joachim und Marie-Luise gibt, ich würde mich mehr als freuen. :-)
Bewertung: 95°
Keera zu »Elisabeth Herrmann: Die siebte Stunde« 08.03.2009
Ich freue mich, dass ich die Romane von Elisabeth Herrmann entdeckt habe. Im Hintergrund eine faszinierende Stadt, noch dazu in Deutschland, im Vordergrund mit Joachim Vernau eine zwar wirtschaftlich erfolglose, aber nicht gebrochene oder gestörte Persönlichkeit, wie man sie in so vielen Krimis findet. Vernau hat zwar eine beträchtliche Skepsis gegenüber "dem Guten im Menschen", glaubt aber an persönliche Verantwortung besonders gegenüber jungen Menschen.
Die Story ist interessant und originell. Ich habe noch nie an einem Rollenspiel teilgenommen, fand aber die Schilderung gut nachvollziehbar und sehr informativ.
Und die Glaubwürdigkeit der Geschichte - wieso sind die Schüler weltfremd? Irgendwas ist mir da entgangen.
Aber egal, ich fand den Krimi gut und spannend und freu mich auf den nächsten.
E. Wolter zu »Elisabeth Herrmann: Die siebte Stunde« 27.02.2009
Ich habe das Buch gelesen, verschlungen und verstanden!
Der vielleicht bessere Einblick bot sich mir, da ich bereits an der Berliner Vampirrunde teilgenommen und Frau Herrmann selbst erlebt habe, wie sie ihren Ghul darstellte.
Ich freue mich auf ihr demnächst erscheinendes Buch und wünsche ihr weiterhin so viel Erfolg!
clare1512 zu »Elisabeth Herrmann: Die siebte Stunde« 28.01.2009
Schade, hatte mich so auf das Buch gefreut. Habe das Kindermädchen nicht gelesen sondern gefressen.
Leider konnte mich dieses Buch nicht fesseln. Die Spannung fehlt . Vielleicht hat es aber auch damit zu tun, daß ich mich mit dem Thema Rollenspiele nicht anfreunden kann.
Frau Hermann: Bitte wieder die Richtung Kindermädchen.
0 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Anja S. zu »Elisabeth Herrmann: Die siebte Stunde« 02.01.2009
Auch der 2. Band um Joachim Vernau ist locker vom Hocker (schnoddrig) geschrieben, gut zu lesen und recht spannend. Das Thema ist originell gewählt und gut recherchiert, allerdings ziemlich ungewöhnlich, um nicht zu sagen unglaubwürdig. Mir hat der Erstling "Das Kindermädchen" bedeutend besser gefallen, ich hoff sehr, dass Frau Hermann in dieser Tradition weiter macht.
Krimi-Tante zu »Elisabeth Herrmann: Die siebte Stunde« 08.10.2008
Ich poste jetzt hier nochmal meinen Eintrag vom Januar 2008 rein - der ist verschwunden. Schade, es standen hier nämlich noch andere Meinungen, die auch alle weg sind...
Jetzt aber:

Obwohl ich - seitdem ich mich auf der Krimicouch tummle - eigentlich nur noch mehr oder weniger gute Krimis lese - für mich ist dieses Buch eine Ausnahme im positiven Sinne. Seit Stieg Larsson habe ich mich nicht mehr so gut beim Lesen Unterhalten gefühlt - dieses Buch ist mein persönlicher Volltreffer!
Flotte Sprache, bisweilen muss man sehr schmunzeln, insbesondere wenn es um die Problematik mit dem alten Volvo geht, die ich sehr gut nachempfinden konnte.
Ansonsten: Entgegen der oben stehenden Rezension ist der Krimi für mich mit sehr glaubhaften Charakteren ausgestattet, die Autorin schreibt so, dass man sich die Szenen bildhaft vorstellen kann und der Plot ist klasse aufgebaut, hält seine Spannung, da dem Leser nach und nach Häppchen zugeworfen werden und sich irgendwann das große Ganze, das eigentlich hinter der Geschichte steckt, offenbart. Diesen Krimi auf das "Rollenspiel" zu reduzieren, wie der Rezensent es oben tut, wird dem Buch in keinster Weise gerecht. Und man muss auch in keinster Weise ein Rollenspiel gespielt haben, um das Buch gut zu finden oder zu verstehen - mit Fantasy hat das hier überhaupt nichts zu tun! Es geht eher um das Thema Privatschulen (und hier um "mehr Schein als Sein"), Schuld und Zivilcourage.
Mein Fazit: Unbedingt lesen!!!
Frank zu »Elisabeth Herrmann: Die siebte Stunde« 01.08.2008
Ein wirklich lesenwerter deutscher Krimi, spielend in Berlin. Wie schon eine Vorschreiberin meinte, bevölkert mit skurillen - aber glaubwürdigen- Gestalten und einer von der ersten Seite an packenden Geschichte.
Die Geschichte um einen Anwalt der aus finanziellen Gründen eine (Teilzeit) Arbeit an einer elitären Berliner Privatschule annimmt, und dabei einem perfiden Mordkomplott auf die Schliche kommt, weiß von der ersten Seite an zu unterhalten.
Die bereits mehrfach erwähnte Rollenspielrahmenhandlung bleibt acuh für Nichtinsider jederzeit nachvollziehbar + übersichtlich.
Da ich den Vorgänger (Das Kindermädchen) nicht gelesen habe, ist mein SuB wieder höher geworden.
95%
Jan Lutzens zu »Elisabeth Herrmann: Die siebte Stunde« 15.04.2008
Hallo,

ich habe den Volvo - der in dem Buch "mitspielt", vom damaligen Eigentümer erworben.

und so sah / sieht er aus:
http://www.volvo244dls.de/Projekt-244-DLS.htm

Schöne Grüße

Jan
kafe zu »Elisabeth Herrmann: Die siebte Stunde« 28.01.2008
Ich kann mich Krimi-Tante anschliessen: Passenderweise habe ich erst vor kurzem Stieg Larrson entdeckt und war (selbstverständlich) begeistert.
Beim Stöbern in der Biblio griff ich - mehr aus der Not hinaus (die Bücher die ich wollte waren verliehen) - zur "7. Stunde". Und "bumm":
Ich war von der ersten Seite an gefesselt. Der Schreibstil ist gut, witzig, "urban" und sympathisch, die Figuren sind allesamt echte "Typen" die ein Buch ausmachen (Sieht man ja auch beim "großen" Larsson, der einen Großteil seines Erfolges der Figur der Lisbeth verdankt).
Der Stellenwert von Freundschaft und Familie, auch in eher alternativen Ausführungen (z.B. die Senior-WG), wird unterhaltensam betont.
Gerade die Tatsache, dass ein Fantasy-Plott so real eingebunden wird, find ich spannend. David gegen Goliath bzw. Underdog vs. Upperclass zieht eh immer und endlich mal keine "Böser-Serienkiller-foltert-im-dunklen-Gewölbe" Story.
Lesen!
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Thorsten Sauer zu »Elisabeth Herrmann: Die siebte Stunde« 15.01.2008
Hallo Krimi-Tante!

Freut mich, dass dir das Buch gefallen hat aber noch mehr freut es mich natürlich, dass du dich mit meiner Rezension auseinandersetzt. Ich stimme dir zu. Man sollte den Krimi nicht auf das Rollenspiel reduzieren und das habe ich auch nicht getan (oder zumindest nicht beabsichtigt). Ich betone in meiner Rezi den Aspekt der Privatschule und der Manipulation. Aber hier ist der Roman aus meiner Sicht tatsächlich schwächer als in den Teilen über die Rollenspiele. Mir fehlt es einfach an der Glaubwürdigkeit. Daher verschenkt Hermann das Potential ein wenig. Trotzdem bleibt es ein "spannender, unverbrauchter Plot", wie ich es oben geschrieben habe. Aber eben kein Volltreffer auch wenn ich deine Argumentation nachvollziehen kann.
Noch einmal Danke für dein Feedback und viel Spaß beim weiterstöbern auf der Krimi-Couch!

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