Der tibetische Verräter von Eliot Pattison

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2009 unter dem Titel The Lord Of Death, deutsche Ausgabe erstmals 2009 bei Rütten & Loening.
Ort & Zeit der Handlung: Tibet, 1990 - 2009.
Folge 5 der Shan-Serie.

  • New York: Soho, 2009 unter dem Titel The Lord Of Death. ISBN: 978-1569475799. 314 Seiten.
  • Berlin: Rütten & Loening, 2009. Übersetzt von Edgar Rai. 364 Seiten.
  • [Hörbuch] Schwäbisch Hall: Steinbach, 2009. Gesprochen von Bernd Rumpf. ISBN: 3886984567. 4 CDs.
  • [Hörbuch] Berlin: Aufbau, 2010. Gesprochen von Edgar Rai. ISBN: 3-7466-2633-1. 368 CDs.

'Der tibetische Verräter' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuch

In Kürze:

Shan, den ehemaligen chinesischen Ermittler, hat es in die Berge Tibets verschlagen. Obwohl er illegal im Land ist, kann er sich bei einem Bergführer verdingen. In Wahrheit jedoch hat er nur ein Ziel: Er will sich um seinen Sohn kümmern, der hier in dem gefährlichsten Lager Tibets interniert ist. Auf dem Weg zum Camp entdeckt Shan ein verunglücktes Auto. Eine tote Chinesin liegt mit einer Schusswunde hinter dem Steuer, die Beifahrerin, eine blonde Ausländerin, stirbt in seinen Armen.

Shan wird festgenommen und muss fürchten, dass man ihn des Mordes verdächtigen wird. Doch schon nach wenigen Stunden kommt er frei. Da es sich bei der toten Chinesin um eine wichtige Politikerin handelt, hat man schnell einen anderen Schuldigen gefunden: Oberst Tan, der Mann, der Shan einst verhaftete – und der als Einziger seinen Sohn retten kann.

Das meint Krimi-Couch.de: »Ambitioniert, aber langatmig und wenig plausibel« 45°

Krimi-Rezension von Wolfgang Weninger

Bei Rütten & Loening ist im Aufbau-Verlag der sechste Band um den chinesischen Ex-Polizisten Shan erschienen, bei dem »The Lord of Death« in der Übersetzung von Edgar Rai zu Der tibetische Verräter wurde.

Bis dieser allerdings entdeckt wird, hat Shan eine beschwerliche Zeit vor sich. Momentan arbeitet er als Leichenrückholer für am Berg verstorbene Tibeter, denn deren Schicksal im nächsten Leben hängt davon ab, dass sie in Würde beerdigt werden. Und so führt er eben ein Maultier mit einer Leiche über einen unwegsamen Pass am Dach der Welt, als er die Schüsse hört. Es wäre besser für ihn gewesen, sich zu verstecken, aber Shan kann nicht anders, er muss nachsehen. Und so findet er eine ermordete Politikerin, eine sterbende Amerikanerin und im Endeffekt ist seine mitgeführte Leiche weg und er sitzt im Knast.

Dass eine Polizeizelle in diesem Teil der Welt nicht mit der Fürsorge hiesiger Dienststellen betrieben wird, mag den Leser nicht überraschen, aber die Art und Weise, mit welchen Verhörmethoden man Verdächtigen gegenüber im wahrsten Sinn des Wortes operiert, ist für »zivilisierte« Europäer kaum zu begreifen. Nur die Versenkung in das eigene Ich lässt diese Gräueltaten überleben und Shan kommt frei. Aber anstatt schnellstens das Weite zu suchen, beginnt er auf eigene Faust den Fall zu klären und klettert dafür von einem Bergdorf zum nächsten und klappert dabei die von den Chinesen zerstörten Klöster ab, um vielleicht noch einen der tibetischen Mönche und die Wahrheit zu finden. Denn nur die Wahrheit kann den bisherigen und jetzt in Haft befindlichen Leiter der örtlichen Exekutive retten und als Belohnung möchte Shan seinen Sohn zurück, der in einem chinesischen Gulag als Versuchskaninchen für medizinische Experimente herhalten muss.

Pattisons Roman ist beileibe keine leichte Lektüre. Hier findet sich nichts von der Bergsteigerromantik eines Reinhold Messners, hier herrscht nicht nur Krieg zwischen Tibetern und Chinesen, hier blüht das Machtdenken chinesischer Offizieller, die mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln in die eigene Tasche wirtschaften und dabei vor Mord und Folter nicht zurück schrecken.
Dazu kommt eine explizite Anklage gegen den Klettertourismus, der den tüchtigen Geschäftemachern von beiden Seiten in schon fast mafiösen Strukturen ermöglicht, Land und Leute auszubeuten und zu ruinieren. Auch dabei gilt ein Verdrängungskampf, der den einfachen Menschen kaum Raum zum Leben lässt und wer nicht mitspielt, landet in einer der tiefen Felsspalten oder schlimmer.

Dass Eliot Pattison bei allen schreiberischen Fähigkeiten die verwirrenden Machtverhältnisse nicht sonderlich plausibel an den Leser bringen kann, liegt wahrscheinlich an der Vielzahl der Interessen und an dem für unsere Kulturkreise kaum nachvollziehbaren Denkweisen der Menschen und im Speziellen von Inspektor Shan und den Personen, die ihn mal unterstützen und dann wieder fallen lassen. Selbst bei der Auflösung des Falles ist noch keine klare Linie erkennbar und auch die Spannung ist über den gesamten Verlauf eher flach gehalten. Man wundert sich nur, dass Menschen dieses Leben überstehen können und noch mehr wundert es, dass Menschen in dieses Land reisen und auf die Gipfel klettern, wenn sich rundum Dinge ereignen, die jeder Menschenrechtskonvention widersprechen.

Wenn Pattison diesen Roman als Anklage sehen will, dann ist das ob der fehlenden politischen Aussage in die Hose gegangen, wenn es aber um den Kriminalfall an sich geht, dann hat Pattison es verabsäumt, genügend Spannung in die Seiten zu bringen und so ist Der tibetische Verräter nicht Fisch und nicht Fleisch und, abgesehen von den beschriebenen Foltermaßnahmen, auf 360 Seiten auch reichlich langatmig geraten. Da reicht es auch nicht, wenn er noch einige Seiten Geschichte Tibets hinterher schiebt.  

Wolfgang Weninger, Oktober 2009

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Rainer aus Bremen zu »Eliot Pattison: Der tibetische Verräter« 08.06.2012
Gut geschrieben, mal wieder ein Einblick in eine exotische Welt. Pattison verliert sich hier weniger in philosophischen Betrachtungen sondern konzentriert sich auf die Menschen, die Lebensumstände und die Region. Daneben flechtet er ein unbekanntes Kapitel der Weltgeschchte in den Roman ein.
75 Grad für den Krimi und 15 Grad zusätzlich für die Beschreibung der tibetischen Lebensumstände.
0 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Indigo zu »Eliot Pattison: Der tibetische Verräter« 06.10.2009
Ich habe dieses Buch mit Spannung erwartet und quäle mich nun mühsam durch diese langatmige grausame Geschichte, die bis jetzt ( habe erst etwa ein Drittel gelesen) nichts von der Poesie, den farbigen lebhaften Schilderungen des Landes und der Menschen und der liebenswerten "dennoch" Kraft der früheren Bücher hat. Also bisher: schade!
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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