Der fremde Tibeter von Eliot Pattison

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1999 unter dem Titel The Skull Mantra, deutsche Ausgabe erstmals 2000 bei Rütten & Loening.
Ort & Zeit der Handlung: Tibet, 1990 - 2009.
Folge 1 der Shan-Serie.

  • New York: St. Martin, 1999 unter dem Titel The Skull Mantra. 492 Seiten.
  • London: Century, 2000. 492 Seiten.
  • Augsburg: Weltbild, 2001. Übersetzt von Thomas Haufschild. ISBN: 3828906052. 492 Seiten.
  • Berlin: Aufbau, 2002. Übersetzt von Thomas Haufschild. ISBN: 3-7466-1832-0. 495 Seiten.
  • [Hörbuch] Schwäbisch Hall: Steinbach, 2007. Gesprochen von Wolfgang Rüter. 7 CDs.

'Der fremde Tibeter' ist erschienen als TaschenbuchHörbuch

In Kürze:

Fernab in den Bergen von Tibet wird die Leiche eines Mannes gefunden – den Kopf hat jemand fein säuberlich vom Körper getrennt. Shan, ein ehemaliger Polizist, der aus Peking nach Tibet verbannt wurde, soll rasch einen Schuldigen finden, bevor eine amerikanische Delegation das Land besucht. Immer tiefer dringt Shan in die Geheimnisse Tibets ein. Er findet versteckte Klöster, Höhlen, in denen die Tibeter ihren Widerstand organisieren – und muß sich bald entscheiden, auf welcher Seite er steht.

Das meint Krimi-Couch.de: »Ein kulturell geprägtes Krimiereignis« 94°Treffer

Krimi-Rezension von Thomas Kürten

In einer der hinterletzten Gegenden auf dem Planeten Erde geschieht ein großes Verbrechen. Nicht dass das eine große Überraschung darstellen würde, nein: Seit Jahren passiert hier beinahe täglich Unrecht, wird hier ein Volk von einem anderen, größeren Volk geknechtet. Die Besatzer gehen gegen den meist friedlichen Widerstand in Form von Sitzstreik oder Arbeitsverweigerung mit den brutalsten Mitteln vor. Es mag sein, dass das besetzte Land ehemals auch ein Staat war, in dem Menschenrechte verletzt wurden, das kann und soll aber keine Rechtfertigung sein für das Vorgehen der kommunistischen Militärs gegen ihre größten Feinde, die buddhistischen Mönche. Die Rede ist von Tibet, der vor über 50 Jahren von den Chinesen besetzt und annektiert wurde.

Die politische Lage auf dem Dach der Welt bildet aber nur die Kulisse für das Verbrechen, über das die 404. Strafkolonie bei Ausübung ihrer täglichen, ermüdenden Arbeit stolpert: Beim Bau einer Straße entdecken die Häftlinge eine männliche Leiche, gekleidet in amerikanischen Jeans und Hemden. Woran es dem Toten fehlt, ist der Kopf. Da sich der Bezirksstaatsanwalt zu einem Aufenthalt in Hong Kong abgemeldet hat, kommt der Gefängnisdirektor auf eine unkonventionelle Idee. Unter den Häftlingen der 404. befindet sich Shan, der in Peking einst die Akten der Behörden auf Korruption untersuchte und anscheinend einem Minister mit seinem Wissen zu bedrohlich erschien. Shan soll nun zunächst die Identität der Leiche klären und möglichst zugleich den Mörder finden.

Mal was anderes: ein ermittelnder Strafgefangener

Eine ungewöhnliche Rolle, die diesem Häftling da zufällt. Ob seine Lage realistisch ist, vermag der Verfasser dieser Zeilen nicht zu urteilen, da er über die innenpolitischen Verhältnisse nicht im Bilde ist. Aber zumindest ist ein ermittelnder Strafgefangener mal was anderes. Sein Widersacher ist der stellvertretende Ankläger des Bezirks, dem vom Gefängnisdirektor keine Kompetenz zugestanden wird. An eine baldige Aufklärung seitens der Staatsanwaltschaft glaubt der Direktor jedenfalls nicht. Dabei wäre dies wichtig, da bald eine erste Gruppe amerikanischer Touristen durch den Bezirk reisen wird.

Bei der Entdeckung einer Höhle machen chinesische Soldaten kurz später einen grausigen Fund. Ein Teil der Höhle, wahrscheinlich vor Jahrhunderten zu einer heiligen Stätte der Buddhisten geweiht, birgt in hohen Regalen etliche Schädel zwischen zwei vergoldeten Schädeln befindet sich der Kopf des Leichnams, wodurch die Identifizierung der Leiche ermöglicht wird. Es handelt sich um den Bezirksstaatsanwalt.

Alte Mönche als Tatverdächtige

Was immer Shan in der Folge unternimmt, meistens ist ihm der stellvertretende Staatsanwalt einen kleinen Schritt voraus. Er weist Kellner an, nicht gegenüber Shan auszusagen. Er nimmt Spuren vom Haus des Ermordeten und lässt sie anschließend von einer Putzkolonne entfernen. Fortwährend scheint er die Arbeit Shans zu sabotieren und sehr bald kann er einen alten Mönch als Tatverdächtigen präsentieren, der vor einigen Jahren einen Aufstand anführte. Von fünf Anführern inzwischen der vierte, der eines Mordes beschuldigt wird und im Schnellverfahren exekutiert werden soll. Aber Shan glaubt nicht daran, dass der alte Mönch der Mörder sein soll. Er setzt seine Ermittlungen ungebremst fort. Schade, dass der Mönch selber nichts dazu sagen kann, denn dieser befindet sich in einem mehrjährigen Schweigeritual und kann sich davon nicht so einfach befreien.

Was Pattison macht, ist großartig. Mit viel Feingefühl schildert er die Befindlichkeiten der Menschen in Tibet, die in der Ausübung ihrer Religion von einem Willkürregime behindert werden. Ihm gelingt dabei jedoch zu differenzieren. Er ist weit davon entfernt, einfach auf gute Tibeter und böse Chinesen zu pauschalisieren. Gleichzeitig versteht er es, durch die Verlagerung der Handlung an Schauplätze mit großartiger Atmosphäre, die Leser von der Faszination Tibet spüren zu lassen. Mit Begeisterung schafft er eine Schilderung von alten Klöstern und Höhlen, aber auch von modernen Verwaltungsgebäuden und Szenen in den Straflagern. Als besonders bemerkenswert empfinde ich die Einbindung einer amerikanischen Bergbaugesellschaft in die Handlung, die deutlich macht, wie wenig Fremde von den vorherrschenden Konflikten verstehen. Erschreckend, wie sehr ihr guter Wille durch böse Machenschaften ausgenutzt werden kann und wie sehr auch durch ihre eigene Anwesenheit das Land ausgenommen wird.

Eine Reise in ein unbekanntes Land

In anspruchsvollem Stil hat der Amerikaner Pattison hier einen absolut unamerikanischen Kriminalroman geschrieben, der nicht nur durch einen gut durchdachten und spannenden Fall begeistern kann. Vielmehr versteht er es, mit seinen Lesern eine Reise in ein weithin unbekanntes Land zu unternehmen. Er schafft es durch für uns ungewöhnliche Tatmotive eine fremd erscheinende Kultur zu vermitteln, wodurch Der fremde Tibeter zu einem außergewöhnlichen Leseerlebnis reift.

Thomas Kürten, Februar 2007

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randomplay zu »Eliot Pattison: Der fremde Tibeter« 10.07.2016
Ich hatte igendwie nach dem Buch wirklich eine schwarze Welt vor mir inklusive Gitter vor allen Fenstern, da ich nun mal den Dalai Lama verehre. Die zum einen geschilderte Unterdrückung der Tibeter ist eine wichtige Botschaft, aber - die Fiktionalität lässt sich einen immer wieder fragen -, wie viel ist jetzt total gesponnen und was genau passiert aktuell mit tibetischen Mönchen in China. Ich finde bei diesem Thema sollte man sich für ein echtes Engagement und Aufklärung entscheiden und nicht auf den Rücken eines bedrohten Volkes eine tw. recht flugs in die Zufallskombinationen rutschende Handlung erfinden. Einerseits ist es gut, dass die massiven Bedrohungen und der Vernichtungswille auf chinesischer Seite thematisiert werden, andererseits entlässt die fiktionale Form aus der Verantwortung. Die Wilkür der chinesischen Regierung ist Fakt aber wie viel Faktenwissen ist im Buch enthalten und wie viel ist das gekonnte Spiel mit Furcht und Schrecken. Mir ist das Thema zu daueraktuell und zu ernst, um es für eine Krimihandlung mit viel Fantasie auszuschlachten.
hankhauser zu »Eliot Pattison: Der fremde Tibeter« 24.04.2011
Hab knapp zweihundert Seiten gelesen, jetzt ist Schluß. Kultur in allen Ehren, aber bis jetzt existiert so überhaupt kein Tempo. Die Handlung ist wie die Umgebung in der sie spielt, irgendwie total spröde. Man begegnet Personen, es ereignen sich Ereignisse und man weiß nicht, ob das überhaupt irgendeine Bedeutung hat. Könnte das später eine Rolle spielen, oder ist es "Deko"? Na ja, vielleicht gehts ja erst mit dem zweiten Band erst so richtig los. Hat sich damit ja zehn Jahre Zeit gelassen, glaub ich...
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Gaspar zu »Eliot Pattison: Der fremde Tibeter« 22.01.2011
Im Jahr 2000 hat dieser Roman den Edgar Award für das beste Erstlingswerk bekommen. Der Roman handelt ausschließlich im besetzten Tibet und hat einen Strafgefangenen als Ermittler. Es ist kein normales Gefängnis im westlichen Sinne, sondern ein "lao gai" - ein Lager für politische Häftlinge. Die Handlung beschäftigt sich erwartungsgemäß mit der buddhistischen Kultur und der jüngeren Geschichte Tibets. Probleme hatte ich mit der Figur des Oberst Tan, dessen Motivation für mich nie so recht klar wurde. Warum braucht er einen kritischen Ermittler, wenn er sowieso davon überzeugt ist, dass die Tat von einem Tibeter begangen wurde!? Tan hätte ein intelligenter Mann sein können, der genau weiß, dass nur eine unabhängige Person die Wahrheit heraus finden würde. Wissen ist Macht. Der Ermordete hätte auch sein Freund sein können. Selbst wenn alle Kommunisten böse sind, müssen sie noch lange nicht dumm sein.
Die ungewöhnliche Geschichte setzt sich insgesamt positiv vom Mainstream ab und ist spannend geschrieben. Es gibt immer wieder überraschende Wendungen, wobei der unglaubliche Zufall leider(!) auch eine wichtige Rolle spielt.

88 °
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
schnurz zu »Eliot Pattison: Der fremde Tibeter« 23.10.2010
Wirres Zeug. Kein roter Faden, keine nachvollziehbare Motivation der Ermittlungen. Die Schilderung des chinesisch besetzten Tibet kann einen trotzdem in den Bann ziehen. Doch ist das alles glaubhaft? Sollte man da nicht lieber ein gutes Sachbuch zum Thema lesen und/oder sich für einen buddhistischen Meditationskurs anmelden?
2 von 3 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
mylo zu »Eliot Pattison: Der fremde Tibeter« 06.07.2010
Nun wie auch aus den Vorkritiken erkennbar spaltet das Buch nicht nur die Leserschaft. Auch lege es gespalten in meiner Meinung zurück ins Regal wo ich noch weitere Bücher von Pattison habe. Diese werde ich nach und nach mal später lesen.
Nun Der Fremde Tibeter ist was die Vermittlung über die tibetische Kultur, ihrer Weltanschauung und Geschichte angeht ein Meisterwerk und hat mir viele bislang nicht bekannte Dinge vermittelt. Auch das Verbrechen Chinas, das diese einzigartige Kultur so mit Gewalt unterdrückt wird gut geschildert.
Was die Kriminalhandlung betrifft so ist sie schwer zu verflogen, nicht immer aus unserer Weltanschauung zu verstehen und, na ja die Spannung hält sich eher in Grenzen. Aber die Figuren sind sehr interessant und mit sehr viel Charakter dargestellt. Ein mir bislang unbekannter Typ eines Polizisten - ist er überhaupt ein Polizist- eher ein Ermittler - dieser Shan.
Zusammengefasst bin ich froh das Buch gelesen zu haben und ich gebe in seiner Gesamtheit dem Buch 80 Punkte, was ich dem reinen Krimi nicht geben könnte.
Romili zu »Eliot Pattison: Der fremde Tibeter« 16.06.2009
Erst beim 2. Mal lesen wurde das Buch für mich flüssig ...kann aber auch daran liegen, dass ich ein Tibetfan bin und mich zuerst nur die Geschichte faszinierte .
Sonst kann ich mich nur "jana" anschließen.
Trotzdem(oder gerade darum ) habe ich mit Begeisterung auch die andren Bücher gelesen .

Denke aber mit Krimi hat keins der Bücher wirklich zu tun
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Kallisto73 zu »Eliot Pattison: Der fremde Tibeter« 02.06.2008
Ein ausgezeichnetes Buch. Nicht ganz so spannend und rasant geschrieben wie die China-Krimis von Andy Oakes, aber dennoch sehr gut!
Ich gebe 90 Grad.
Das Buch sei v.a. denjenigen ans Herz gelegt, die bereit sind, sich auf eine intensive Auseinandersetzung mit der Geistesgeschichte Tibets einzulassen. Vieles muß man erst einmal durchdenken und nachvollziehen, bevor man der Handlung folgen kann. Das ist sicherlich nicht jedermanns Sache. Ich kann die Leser verstehen, die den Roman zäh fanden. Wie die deutsche Übersetzung ist, kann ich leider nicht beurteilen, aber das englische Original ist auch sprachlich äußerst reizvoll.
Das Ende kam für mich sehr überraschend, war aber durchaus nachvollziehbar.
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Joachim zu »Eliot Pattison: Der fremde Tibeter« 17.08.2007
Ich kann den "Hype" um dieses Buch bzw. Reihe nicht nachvollziehen. Ich fand diesen Roman außerst zäh und ziemlich langweilig. Es wollte absolut keine Spannung aufkommen, der Schreibstil von Pattison und eine zähe Handlung ließen mich bei der Hälfte des Buches kapitulieren. Ein guter Krimi muß fesseln, dies war hier eindeutig nicht der Fall. Schade!
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Zarah zu »Eliot Pattison: Der fremde Tibeter« 14.04.2006
Ich mochte dieses Buch von Anfang an, da es Spannung gut mit Kultur vereint. Auf der einen Seite ist es spannend zu verfolgen, wie es dem Hauptprotagonisten Shan z.B. im Gulag ergeht, auf der anderen Seite lernt man sehr viel über die tibetische Kultur und darüber, wie die chinesische Regierung mit den Tibetern umgeht.
1 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
frunk zu »Eliot Pattison: Der fremde Tibeter« 14.11.2005
Wer über die politischen und kulturellen Zusammenhänge in Tibet lernen will, bitte schön, gar nicht ohne - wer einen guten Krimi lesen will, nein danke: als solcher selten schlecht: weder spannend noch irgendwie glaubhaft (Lagerinsasse als Vermittler, selbstgenehmigte Gefängnisausflüge, Shans geniales Befreiungstransparent etc. ), dafür unklar, verwirrend und klischeebeladen.
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