Das tibetische Orakel von Eliot Pattison

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2002 unter dem Titel Bone Mountain, deutsche Ausgabe erstmals 2003 bei Rütten und Loening.
Ort & Zeit der Handlung: Tibet, 1990 - 2009.
Folge 3 der Shan-Serie.

  • New York: St. Martin’s Minotaur, 2002 unter dem Titel Bone Mountain. 424 Seiten.
  • Berlin: Rütten und Loening, 2003. Übersetzt von Thomas Haufschild. ISBN: 335200594X. 655 Seiten.
  • Berlin: Aufbau, 2005. Übersetzt von Thomas Haufschild. ISBN: 3-7466-2136-4. 652 Seiten.

'Das tibetische Orakel' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Shan, ein ehemaliger chinesischer Polizist, der nach Tibet verbannt wurde, soll eine gefährliche Expedition leiten. Um eine alte tibetische Prophezeiung zu erfüllen, muß eine heilige, steinere Figur in ein fernes Tal im Norden zurückgebracht werden. Shan hat seltsame Gefährten. Außer seinem Freund Lokesh ziehen eine Nonne mit ihm, ein Mädchen, das »Orakel« genannt wird, und ein Tibeter, der offensichtlich stumm ist. Doch die Expedition steht von Beginn an unter einem schlechten Stern. Der Mönch, der sie führen soll, wird ermordet und stirbt vor ihren Augen, und Shan erfährt, dass die Figur den chinesischen Besatzern gestohlen worden ist. Daher ist die halbe Armee auf der Suche nach ihnen. Doch warum jagen die Chinesen so verzweifelt einer Steinfigur nach, die allenfalls für ein paar weltentrückte Tibeter eine Bedeutung zu haben scheint? Immer weiter dringt Shan in zerklüftete Bergregionen vor, immer rätselhafter wird ihm ihre Reise. Er spürt, dass es nicht allein um diese heilige Figur geht – es geht um ein falsches Kloster, um einen Berg, aus dem Blut fließt, und um einen geheimen Lama, der den Schlüssel für die Befreiung Tibets in seiner Hand hält.

Das meint Krimi-Couch.de: »Wenn einer eine Reise tut...« 72°

Krimi-Rezension von Thomas Kürten

In Tibet ticken die Uhren anders. Alles ist irgendwie mystischer und die Tibeter sind fest verwurzelt in einer tiefen Religiosität, einem unbeirrbaren Glauben in die Lehren des Buddhismus. In kaum einem anderen Land der Welt wäre es wohl in der heutigen Zeit noch vorstellbar, dass eine Karawane mit einem alten Relikt, dem Auge einer Buddhastatue, aufbricht, um es in das Tal zurückzubringen, aus dem es einst von den chinesischen Besatzern gestohlen wurde. In dieser Karawane befindet sich auch Shan, der nach seiner Entlassung aus einem Lao Gai, jenen berüchtigten chinesischen Arbeitslagern in Tibet, noch immer ohne Papiere zusammen mit den alten Mönchen Lokesh und Gendun durch den Tibet streift. Der Grund für seine Teilnahme an dieser Karawane ist ein Orakel, dass gesagt hat, nur ein Chinese könne das Auge an seinen angestammten Platz zurückbringen. Für Gendun und Lokesh stand sofort fest, dass nur Shan dieser integere Chinese sein kann.

Doch noch bevor die Reise losgehen kann, wird ein junger Mönch offenbar von einem alten Mönchswächter umgebracht. Eine Gestalt, wie sie schon seit Jahrzehnten nicht mehr im Tibet aufgetaucht ist. Überstürzt wird das Lager verlassen und der lange Fußmarsch begonnen, denn das Tal liegt einige Tagesmärsche im Norden. Unterwegs trifft Shan auf einen amerikanischen Diplomaten, der auf der Suche nach einer jungen Frau, Mitarbeiterin eines Projekts, dass im tibetischen Hochland nach Öl bohrt. Die Frau ist seit Monaten verschwunden und wurde von den Chinesen für tot erklärt, aber ihre Lebensgeschichte wirkt eine Faszination auf den Amerikaner aus, so dass er sie unbedingt finden muss, und seien es auch nur ihre sterblichen Überreste. Zufälliger Weise bohrt die Projektgesellschaft genau in dem Tal nach Öl, in das das Auge gebracht werden soll, weswegen der Amerikaner seinen Weg mit der Karawane und Shan fortsetzt.

Die Karawaner zieht weiter – und wird bestohlen

Ziemlich schnell hat die Karawane den größten Teil ihres Weges zurück gelegt, aber auf dem letzten Abschnitt beginnt eine Herumeierei, die schließlich darin endet, dass Shan nachts überfallen und das Auge gestohlen wird. Aber von wem? Ist ein Verräter in der Karawane oder haben die Mönche aus dem nahen Gompa, die sich den chinesischen Besatzern in heuchlerischer Weise unterworfen haben, ihre Finger im Spiel? Oder ist es gar eine Einheit des chinesischen Militärs, deren Chef das Auge jahrelang als Briefbeschwerer diente?

In den Bergen trifft Shan mit seinen Gefährten auf Widerstandskämpfer und Leute, die von dem Ölprojekt aus dem Tal vertrieben wurden. Sie künden von der Rückkehr eines alten Lamas, die kurz bevorstehe und das Tal retten werde. Und als sich die Karawane trennen muss, gerät das kleine Mädchen, das mit ihren Orakelsprüchen das Schicksal der gesamten Gruppe voraus gesehen hatte, in größte Gefahr.

Übertrifft in zwei Punkten die beiden Vorgängerromane

Nach zwei fesselnden Romanen um den ehemaligen chinesischen Staatsbeamten Shan, der einem tibetischen Arbeitslager entkommt und fortan seinen neuen Freunden bei der Auflösung von äußerst eigenwilligen Rätseln und Missionen hilft, legt Elliot Pattison einen dritten Roman vor, der seine beiden Vorgänger in punkto buddhistischer Traditionen und Mystik noch bei weitem übertrifft. Das beginnt bereits im ersten Kapitel, dass haarklein Shan und die Mönche beim anfertigen eines Mudras, eines kunstvollen Bildnisses aus verschiedenfarbigem Sand, beschreibt, wofür der Sand sogar aus zugefrorenen Gebirgsbächen besorgt werden muss. Das setzt sich fort über die Beschreibung von Klöstern, Höhlen und Bergpässen, von Gebeten und Ritualen.

Was dabei leider auf der Strecke bleibt, ist die Spannung. Oft wirkt die Handlung zu konstruiert und dem Aufbau von atmosphärischer Stimmung unterworfen. Der Autor ist ein Meister darin, den Tibet in all seinen Facetten und Nuancen zu beschreiben. Gerade im Mittelteil drängt sich jedoch der Eindruck auf, dass es dem Autor wichtiger war, an welchem Ort eine Szene spielt, als welchen Inhalt sie bietet. Vielleicht liegt das Problem darin, dass Shan eine zunächst ungewohnte Rolle erfüllen muss. Im ersten Teil ist er nämlich der Gejagte und kann sich nicht um die Ermittlung der Todesumstände des jungen Mönchs kümmern. Leider hat er keine genaue Ahnung, wer sich alles an die Fersen der Karawane gehaftet hat und steht relativ unbeholfen da, als ihm das Auge entrissen wird. Erst langsam kann er die gewohnte Rolle des Jägers übernehmen.

Sehr hohe Messlatte, deswegen nur leidlich spannend

Die Messlatte hatte Pattison mit den ersten beiden Romanen sehr hoch gelegt. »Der fremde Tibeter« und »Das Auge von Tibet« konnten neben einzigartiger Schauplätze und Atmosphäre auch mit der interessanten Aufklärung von ungewöhnlich motivierten Verbrechen aufwarten. Mit letzterem kann »Das tibetische Orakel« nicht im gewohnten Maße dienen. Der Autor kompensiert dies mit der Darstellung von Missverhältnissen in der chinesisch-tibetischen Gesellschaft, dem Werteverlust durch die freiwillige Unterwerfung eines buddhistischen Klosters unter kommunistische Leitbilder und dem Amtsmissbrauch chinesischer Beamter fern der Hauptstadt Peking. Aber wie schon oben erwähnt, das Spannungsniveau seiner Vorgänger erreicht »Das tibetische Orakel« bei weitem nicht.

Ihre Meinung zu »Eliot Pattison: Das tibetische Orakel«

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isy3 zu »Eliot Pattison: Das tibetische Orakel« 22.08.2014
Eliot Pattison hat sein Tibet-Thema noch lange nicht ausgeschöpft und nimmt den Leser erneut mit auf eine Reise in die Kultur des tibetischen Buddhismus. Ganz nebenbei lernt man hier vieles über die derzeitigen Entwicklungen in dem von China besetzten Land und wie der Widerstand gebrochen werden soll, den die Bevölkerung gegen die systematische Zerstörung ihrer Kultur leistet.
Die Handlung des Romans ist wieder superspannend, wie man es von diesem Autor bereits aus den zwei Vorgängerbänden "Der fremde Tibeter" und "Das Auge von Tibet" kennt: Wir begleiten den smpathischen Expolizisten Shan auf einer geheimen Mission. Da gibt es brutale Morde, spannende Verfolgungsjagden, Untergrundbewegungen, Intrigen, geheime Tempel, mystische Begebenheiten, Beschreibungen von Straflagern und ganz knallharte Kriminalität. Shan ist kein Tibeter sondern Chinese und hat jahrelang in einem Arbeitslager zugebracht. Hier hat er unter den politischen Gefangenen - hauptsächlich tibetische Mönche - echte Freunde gefunden. Der Buddhismus, wie er von den gefangenen Mönchen praktiziert wird, hilft ihm die Greuel des Lagerlebens zu überstehen und nicht psychisch an den Nachwirkungen der Mißhandlungen in der Gefangenschaft zugrunde zu geehen. Meiner Ansicht nach ist das Buch gerade dort am spannendsten und beeindruckendsten, wo es um Psychologie geht und sich die Figuren weiterentwickeln.
Ich empfehle das Buch für den langen Flug, weil man bei dem packenden Plot sofort die ganze Welt um sich herum vergißt. Die geldbeutelschonende Taschenbuchausgabe macht den dicken 650-Seiten-Wälzer zu einem preiswerten Lesevergnügen. Leider macht Pattison aber so süchtig, daß ich die Taschenbuchausgabe sines nächsten Buches nur schwer abwarten kann.
Ulla.v.Keiser zu »Eliot Pattison: Das tibetische Orakel« 28.01.2009
Ich bin ganz glücklich, die Tibeter Bücher gefunden zu haben. Ich habe die ersten drei gelesen und bin froh noch weitere vor mir zu haben!! Sie sind spannend und machen unglaublich betroffen. Es ist ja so, dass die Chinesen während der "Kultur-Revolition" im eigenen Land genau so rigeros alles Traditionelle und Schöne und Erhabene rücksichtslos vernichtet haben und auch alle Gebildeten verfolgt und ausgelöscht haben - und in diesen Büchern schmeckt man die ganze Qual der Tibeter, die man nun meint persönlich zu kennen. Die Landschafts Schilderungen sind wunderschön und die Begegnungen mit den Mönchen fast mystisch beschrieben.Ja, ich bin dankbar für diese Bücher!
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Christoph Fischer zu »Eliot Pattison: Das tibetische Orakel« 18.05.2007
Ich lese momentan das dritte Buch (bin auf den letzten Seiten), nachdem ich die ersten beiden verschlungen habe. Die Rezension von Herrn Kürten finde sehr treffend. Der Zauber Tibets mischt sich wieder mit der bedrückenden Athmosphäre der chinesichen Besatzung. Shan, Lokesh und seine Gefährten sind ständig bedroht - und dennoch finde ich in Teil 3 Längen, durch die ich mich durchkämpfen mußte. Das wird mich zwar nicht von der Lektüre des 4. Bandes abhalten - doch die Spannungskurve der Krimihandlung war mir diesmal hinter den beiden anderen.
Stefanie Havlik zu »Eliot Pattison: Das tibetische Orakel« 06.01.2007
Mich verzaubern die Bücher von Pattison, vorallem das 3.te Buch. Von mir aus könnten die Bücher noch mehr Seiten haben, ich tauche in die fremde Welt ein und bin traurig, wenn ich wieder auftauchen muss. Von den bisher erschienenen Bänden gefällt mir dieser am besten.
Anja S. zu »Eliot Pattison: Das tibetische Orakel« 17.05.2005
Mir gefallen alle Buecher um Shan und Lokesh und das Serien-Held-Gefuehl stellt sich tatsaechlich nicht ein.
Ich war mehrmals in Nepal und China, daher ist mir die Atmopshaere etwas vertraut.
"Der fremde Tibeter" hat mir von den dreien bisher am besten gefallen, aber dieses hier liegt auf zweiter Stelle.
Habe es ein ganzes Wochenende am Stueck gelesen!!!
Werde auf jeden Fall noch den 4. Band lesen!!!
Deborah zu »Eliot Pattison: Das tibetische Orakel« 26.04.2005
mit der Information über die ermüdenden Ort-Beschreibungen gewinnt das Buch wieder ein wenig an Erwecken von Neugioerde für mich...............sehr aktuell bezüglich eines Traumes, den ich mir vor 15 Jahren (etwa) interpretieren ließ......
Pascal zu »Eliot Pattison: Das tibetische Orakel« 01.04.2005
Auch der 3. Teil der Reihe um Shan ist wie die beiden Vorgänger ein sehr schönes Buch. Eigentlich muss man nur die Kritiken zum fremden Tibeter lesen, um auch über diese Buch Bescheid zu wissen.

Einziger Kritikpunkt, wie bei den Vorgängern auch: Die Geschichten sind mir einfach ca. 250 Seiten zu lang, zu komplex und überfüllt mit Fakten. Aus jedem der Bücher könnte man 2 Stück machen.

Das vierte werde ich wohl nicht mehr lesen. Irgendwie hat der Zauber beim Lesen des 3. Teiles aufgehört.
whitemouse/ manu zu »Eliot Pattison: Das tibetische Orakel« 02.03.2004
Shan erscheint auch bei seinem dritten Auftritt erfreulicherweise kaum als Serienheld. Zumindest nicht im ursprünglichen Sinn. Was mich an den Werken von Pattison besonders fasziniert, sind die Beschreibungen der tibetischen Kultur und ihre Fremdartigkeit, die Figuren,
die exotische Kulisse.....
seine romanchronik des tibetischen freiheitskampfes gegen die chinesische unterdrückungspolitik wird in diesem band beeindruckend fortgesetzt.
ein ungewöhnlich guter Ermittler und ein ungewöhnlich guter (kriminal)roman.
sehr empfehlenswert.
Norbert Eckenroth zu »Eliot Pattison: Das tibetische Orakel« 29.01.2004
Ich lese nun das dritte Buch von Pattison und mir gefallen die Geschichten, die Einblick in den tibetischen Buddhismus geben und vor Augen führen, was in Tibet unter der chinesischen Diktatur vor sich geht, wenn auch in der fiktiven Form von Kriminalromanen. Die Figur des Shan, eines ehemaligen chinesischen Kriminalisten der jahrelang in einem chinesischen Zwangslager geschuftet hat und dort seinen (bhuddistischen) Weg fand, ist auch noch nicht so vorhersehbar, wie die Brunettis, Montalbanos und wie sie alle heißen, die man irgendwann dann doch zu gut kennt.
Ein muß auch für Krimileser, die van de wetering schätzen.
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