Das Auge von Tibet von Eliot Pattison

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2001 unter dem Titel Water Touching Stone, deutsche Ausgabe erstmals 2002 bei Rütten und Loening.
Ort & Zeit der Handlung: Tibet, 1990 - 2009.
Folge 2 der Shan-Serie.

  • New York: St. Martin’s Minotaur, 2001 unter dem Titel Water Touching Stone. 419 Seiten.
  • Berlin: Rütten und Loening, 2002. Übersetzt von Thomas Haufschild. ISBN: 3352005842. 697 Seiten.
  • Berlin: Aufbau, 2003. Übersetzt von Thomas Haufschild. ISBN: 3-7466-1984-X. 697 Seiten.
  • [Hörbuch] Schwäbisch Hall: Steinbach, 2008. Gesprochen von Wolfgang Rüter. ISBN: 978-3886985869. 8 CDs.

'Das Auge von Tibet' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuch

In Kürze:

Früher hat Shan ein unbescholtenes Leben in Peking geführt – bis er bei der Partei in Ungnade fiel und nach Tibet in ein Straflager verbannt wurde. Es gelang ihm jedoch, zu fliehen und in einem geheimen Kloster Unterschlupf zu finden. Seither lebt er in der Gesellschaft der Mönche und wartet darauf, das Land mit Hilfe der Vereinten Nationen verlassen zu können. Als das Kloster die Botschaft erhält, eine Lehrerin sei getötet worden und ein Lama verschwunden, wird Shan, der Ermittler, in den Norden geschickt. Zusammen mit einem Mönch, einem Widerstandskämpfer und einem alten Tibeter soll er den Mord an der Lehrerin aufklären …

Das meint Krimi-Couch.de: »Für Fans fremder Kulturen und spannender Kriminalromane« 84°

Krimi-Rezension von Thomas Kürten

Viele Mythen ranken um das Land, in dem man dem Himmel so nah ist, wie in keinem anderen Land dieser Erde. Tibet und seine Bewohner, in der Großzahl ehrfürchtig gläubige Buddhisten, die ihre ganz eigene Weltanschauung und Weisheit von Generation zu Generation weitergeben. Ein unterdrücktes Volk, eine unter dem Joch der chinesischen Besatzungsmacht bedrohte Kultur. In der Kulisse von abgelegenen Hochgebirgspässen, Tälern und Wüsten spielen die Kriminalromane des Amerikaners Elliot Pattison, der seinen Ermittler Shan Tao Yun außergewöhnliche Verbrechen aufklären lässt und dabei auf beeindruckende Weise ernüchternde Einblicke in die Willkürherrschaft einer Besatzungsmacht gewährt.

Shan ist ein faszinierender Charakter. Einst selber als Strafgefangener in ein Arbeitslager gesteckt worden, da er in seinem Beruf als Ermittler in einem Ministerium in Peking einigen Parteifunktionären zu unangenehm geworden war, konnte er im Debütroman Pattisons (Der fremde Tibeter) als Dank für die Aufklärung eines Falles seine Freiheit wieder erlangen. Shan entschied sich, im Tibet zu bleiben und in ein Kloster zu gehen. Er ist der stets wissbegierige, hinterfragende Chinese, dem in Tibet aufgrund seiner Herkunft zwar fortwährend Skepsis, aber für seinen Ermittlungserfolg und sein Engagement auch großer Respekt entgegnet wird. Ein heimatloser Fremdkörper, der den Vorhang von Klischee und Vorurteil zu lüften vermag und weniger Chinese von Tibeter, als vielmehr Gut von Böse unterscheiden kann. Wie Wasser den Staub von einem alten Stein spült, so bringt sein Hinterfragen stets die Wahrheit ans Licht.

Aus dem Gefängnis an den Rand der Wüste

Jener Shan folgt seinem Lehrmeister, dem Lama Gendun, und seinem Freund aus dem Gefängnis, Lokesh, in eine Provinz nördlich von Tibet, nach Xinjiang am Rande der Wüste Takla Makan. Hier soll eine Lehrerin gestorben und ein Lama verschwunden sein. Bald stellt sich heraus, dass die Lehrerin nicht eines natürlichen Todes gestorben ist und außerdem die Schüler ihrer Klasse, bestehend aus Waisen, die bei verschiedenen Clans untergebracht sind, ebenfalls in großer Gefahr sind. Zwei Jungen sind bereits ebenso ermordet worden. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt und Shan kann es nicht verhindern, dass weitere Jungen getötet werden. Wer macht Jagd auf die kleinen Jungen und was ist sein Motiv? Was hat es nebenbei mit dem Amerikaner auf sich, der von den Chinesen in einem Arbeitslager heimlich hingerichtet wird? Und wieso beginnt die Öffentliche Sicherheit nicht mit den gewöhnlichen Repressalien gegen die ethnischen Minderheiten, als ein Leutnant der Geheimpolizei ermordet wird? Es ist Shans Aufgabe, in dieses verworrene Netz Ordnung zu bringen.

Während Shan in »Der fremde Tibeter« noch in einem der berüchtigten Lao Gai Gefangenenlager sowie verborgenen Klöstern in den Bergen Tibets ermittelt, agiert er hier in einer vollkommen anderen Kulturregion. In Xinjiang leben Uiguren und Kasachen. Reitervölker, die traditionell innerhalb eines Clans in Jurten, den typischen zentralasiatischen Zelten, wohnen und von der Viehzucht leben. Neben dem eigentlichen Kriminalfall schildert Pattison auch die Verbrechen der chinesischen Besatzungsmacht, mit denen der Widerstand der ethnischen Minderheiten gebrochen werden soll, wie Clans auseinander gerissen werden und dies als Kampf gegen die Armut propagiert. Und er lässt es nicht aus, dass auch unter den chinesischen Besatzern linientreue und -untreue Personen agieren. Natürlich beschreibt er auch den zaghaft anmutenden, gemeinsamen Widerstand unter Kasachen, Uiguren und den Eluosi, den wenigen russischstämmigen Weißen in Westchina.

Die atmosphärische Schilderung der Kulisse ist Pattisons Stärke

Pattisons Stärke, was wohl nach diesem Buch keiner mehr anzweifeln wird, ist die atmosphärische Schilderung einer Kulisse. Davon bietet der Roman Beispiele im Überfluss. Sei es die Übernachtung in einem Jurtenlager, die Erkundung von Eishölen, verlassenen Wüstenstädten, geheimen Klöstern oder einfach die Fußmärsche durch das Gebirge, Pattison versteht es, jedem Ort seine eigene Mystik einzuhauchen. Allein die meisterhafte Beschreibung der Szenerie vermittelt dem Leser einen Hauch von Abenteuer, da eine in unseren Breitengeraden nahezu unbekannte Kultur somit auf begeisternde Weise von ihm vorgestellt wird. Er kann seine Leser vom Zauber und der Mystik Zentralasiens anstecken.

Wenn es etwas zu beanstanden gibt an diesem Buch, dann ist es seine Länge. Über 700 Seiten benötigt Pattison, um die Geschichte zu entwickeln, die Spannungshöhepunkte zu setzen und schließlich ein dramatisches Ende zu kreieren. Zugegebenermaßen eine lange Erzählstrecke und leider schafft er es nicht von Anfang an in gleichem Maße, die Leser zu fesseln. Auf den ersten 150 Seiten bietet er nämlich leider nur Spannung. Hier erkennt auch Shan noch nicht die Dimension des Falles, an dem er arbeiten soll. Erst danach nimmt das Buch langsam an Fahrt auf, kann den Spannungsbogen halten und fesseln. Am Ende, nachdem Shan das Geheimnis logisch erfasst hat, flacht es dann leider auch wieder ein wenig ab. Auch wenn es sich beim »Auge von Tibet« erneut um ein sehr gutes Werk des Amerikaners Elliot Pattison handelt, bleibt es dennoch leicht hinter der Spitzenqualität seines Vorgängers zurück. Wer sich von fremden Kulturen und spannenden Kriminalromanen gleichermaßen begeistern lassen kann, wird um dieses Werk nicht so leicht einen Bogen machen können.

Ihre Meinung zu »Eliot Pattison: Das Auge von Tibet«

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bluesbetty zu »Eliot Pattison: Das Auge von Tibet« 26.09.2012
Der Beginn war etwas holprig. Obwohl als Fortsetzung von "Der Fremde Tibeter" geschrieben, konnte man erst keine Zusammenhänge erkennen. Dann wurde das Buch aber richtig gut. Trotzdem bin ich mir aber sicher, dass dieser Roman nicht jedem Krimi-Couchler gefallen wird. Schnelle Handlungen, viel Blut oder Perversitäten gibt es hier nicht. Trotz Mord(en) tue ich mich schwer, diesen Roman als Krimi zu bezeichnen. Er enthält einfach zuviel anderen Stoff. Da wäre vorallendingen die sehr eindrucksvolle Beschreibung eines Lebens unter einer Willkürherrschaft. Pattison lenkt hier sehr wirkungsvoll die Aufmerksamkeit auf die Unterdrückung der Tibeter, aber teilweise auch Uiguren und Kasachen. Es gibt reichlich Einblicke in den Buddhismus, das Leben der Reitervölker aber auch Hinweise auf den Widerstand gegen die Besatzer. Und dazu lebendige Beschreibungen der Umgebungen, in der sich alles abspielt.
Sarah zu »Eliot Pattison: Das Auge von Tibet« 31.08.2011
Schade, dass sowenig Gefühl für Tibet bei Kallisto73 vorhanden ist. Das Buch ist wie "Der fremde Tibeter" eine wunderbare Hinführung in eine für uns unbekannte und auch fremde Kultur. Der Völkermord an den Tibetern erhält ein Gesicht und durch Pattison eine Stimme. Großartige Kunst und unbedingt auch die folgenden Bücher lesen!
0 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
wolko zu »Eliot Pattison: Das Auge von Tibet« 10.09.2009
Als Urlaubslektüre war der dicke Schmöker gedacht. Nach zaehem Kampf durch 160 Seiten spannungsloser Belehrungen über tibetische Gutmenschen und chinesische Teufel habe ich mich völlig entnervt entschieden mir den Urlaub nicht weiter zu verderben.
Ich griff zu Grange's :Das Herz der Hölle.
Der Urlaub scheint gerettet!
Von dem politisch vorbelasteten Pattison kann ich nur jedem abraten!
Nie wieder!
2 von 3 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Kallisto73 zu »Eliot Pattison: Das Auge von Tibet« 15.09.2008
Ich kann mich nur anschließen.
Man muß allerdings bereit sein, sich auf die spirituellen Elemente einzulassen. Und man sollte kein Happy End erwarten.
Die Hoffnungslosigkeit der Lage der Minderheiten ist in diesem Buch noch stäker zu spüren als in Band 1. Was mich erfreut hat, war die Darstellung der Staatsanwältin Xu. Sie wird eindeutig auch als Opfer der Kulturrevolution gezeigt, ihre Täterschaft wird nicht dementiert, aber es wird klar gezeigt, daß die jungen Rotgardisten oft einfach nur mißbraucht und zu Tätern gemacht wurden.
2 von 3 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Sukhan K. Strathus zu »Eliot Pattison: Das Auge von Tibet« 20.07.2005
Wer sich für die Situation Tibets interessiert, erhält in Eliots Pattisons "Shan"-Reihe Informationen, die im fiktionalen Gewand daherkommen, aber ganz offenbar weitgehend den tatsächlichen Zuständen in dieser chinesischen Kolonie entsprechen. Sympathisch, dass mit Ermittler Shan (und nicht nur mit ihm) ein Chinese gezeigt wird, der nicht dem Klischeebild des westlichen tibetromantischen Gutmenschen vom erzbösen Chinesen entspricht, sondern selbst Opfer des autoritären Regimes in Peking ist und durch seinen Aufenthalt in Tibet ein Verständnis für die Tibeter entwickelt, von dem die chinesischen Kolonialisten lichtjahre entfernt sind - auch wenn sie nicht müde werden zu betonen, dass ihre Annexion Tibets eine "Befreiung" sei. Die Fälle selber sind absolut spannend und hochkomplex beschrieben. Die vielschichtig und oft doppelbödig aufgebauten Fälle fordern einiges vom Leser - Freunde schneller Krimikost der klar definierten Schurken und Helden kommen hier nicht auf ihre Kosten. Anspruchsvollere Leser können sich an einem detailliert ausgemalten Sittenbild des heutigen Chinas (und der Länder, die unter Chinas Gewaltherrschaft fallen) satt lesen. Krimi-Tipp des Jahres!!
3 von 5 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
philocrima zu »Eliot Pattison: Das Auge von Tibet« 21.05.2005
Immer wieder lese ich in englischen und deutschen Besprechungen, daß Eliot Pattisons Bücher "zu lang" sind - ich möchte aber keinen einzigen Satz missen! (Ich lese alle englischen Bücher im Original, da ich Amerikanerin bin.) Endlich einmal wieder ein Autor, der sich langsam vorarbeitet und dem Leser Zeit läßt, mitzukommen. (Dieser schablonenhafte Stil eines Dan Brown z.B., so spannend er auch schreibt, wäre Pattison sicher unglaublich fremd.) Wie man im Laufe seiner bis jetzt 4 Bücher uns ersten einmal die Hauptpersonen immer mehr vermittelt, dann die Landschaft, die Religion, die Gottheiten, die Grausamkeiten eines Lebens unter Besatzung und dann noch dazu den Strang des aufzuklärenden Verbrechens (nun ja, meistens mehrere verwobene) ist meisterlich. Bei Schubert werden auch seine "Längen" beklagt - aber nur, weil viele Menschen, geradezu heutzutage, schnell, schnell "zu Potte kommen" wollen, zappen, "Information" in kleinen Brühwürfeln; Pattison macht's anders und ich bin sehr dankbar!!
1 von 3 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Angela Merck zu »Eliot Pattison: Das Auge von Tibet« 04.03.2005
Wie schon im fremden Tibeter, ist das Auge von Tibet ein Buch, das man nahc dem Einlesen und vertraut werdn mit fremden Begrifflichkeiten nicht mehraus den Hand legen möchte. Pattison gelingt es seien Figuren lebendigst agieren zu lassen.
Außerdem sind seine Schilderungen der Orte so faszinierend, dass es mich verlock mich mit einigen Sachbüchern weiter zu beschäftigen.
Er berührt und unterhält auf großartige Weise.
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Pascal zu »Eliot Pattison: Das Auge von Tibet« 08.02.2005
Wieder ein ganz tolles Buch mit einem sehr "aufregenden" Ende. Eine grandiose Fortsetzung vom fremden Tibeter.
Einzig und alleine habe ich auszusetzen, dass das Buch zu viele Seiten hat. 400 oder max. 500 hätten gereicht. Zeitweise musste ich mich durch einzelne Kapitel durchkämpfen.

Ich empfehle jedem, mit dem fremden Tibeter anzufangen. Es ist zwar nicht zwingend notwendig, aber ich bin der Meinung, dass man dadurch die Ängste von Shan viel besser verstehen kann.

Ich freue mich schon auf meine nächste Reise nach Tibet mit dem tib. Orakel.
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k.d. zu »Eliot Pattison: Das Auge von Tibet« 29.06.2004
Etwas mühsamer Einstieg zu Beginn für Nicht-Chinesische Literaten. Die Handlung gewinnt zunehmend an Spannung, aussergewöhnlich kritischer Umgang mit der Politik der Chinesen in Bezug auf die Tibeter und viel Hintergrundswissen. Trotzdem bleiben die Lösungen dieses Kriminalromans teilweise spirituell, und oft unergründlich.
Anja S. zu »Eliot Pattison: Das Auge von Tibet« 13.02.2004
ein wunderbares Buch mit klugem Plot, dichter Atmosphaere, sympathischen Charakteren, das obendrein auch noch sehr, sehr spannend ist und viele Informationen ueber Tibet und die chinesichen Unterdrueckungspolitik liefert. und es ist genauso gut wie "Der Fremde Tibeter", was auch schon selten ist, da meistens die folgenden Buecher deutlich schlechter sind.

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