Mord vor der Premiere von Edmund Crispin

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1944 unter dem Titel The Case of the Gilded Fly, deutsche Ausgabe erstmals 1976 bei Heyne.
Ort & Zeit der Handlung: , 1930 - 1949.
Folge 1 der Gervase-Fen-Serie.

  • London: Victor Gollancz, 1944 unter dem Titel The Case of the Gilded Fly. 158 Seiten.
  • München: Heyne, 1976. Übersetzt von Leni Sobez. ISBN: 3-453-10288-6. 277 Seiten.
  • Köln: DuMont, 1999. Übersetzt von Barbara Sibold. ISBN: 3832148450. 277 Seiten.

'Mord vor der Premiere' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Elf Personen steigen an einem Oktobernachmittag im Bahnhof Oxford aus einem Zug. Sie reisen in verschieden Klassen und in verschiedener Mission. Nach Ablauf einen Woche sind drei von ihnen tot, Yseut Haskell, die schöne und provokative Schauspielerin, wird mit einer Kugel im Kopf aufgefunden. Keiner hat sie gemocht. Am wenigsten der Regisseur Robert Warner. Doch wie läßt sich der Verdacht des Literaturkritikers Gervase Fen beweisen? Unvermutet findet er sich in der Rolle des Detektivs wieder.

Das meint Krimi-Couch.de: »Ein Thriller, der neugierig macht auf mehr« 80°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Elf Personen reisen in der Woche zwischen dem 4. und dem 11. Oktober 1940 mit dem Zug von London nach Oxford. Zwischen einem Professor für Englische Sprache und Literatur, einer sozialistisch angehauchten Theaterregisseurin, einem Dramatiker, drei Schauspielerinnen, von denen zwei auch Schwestern sind, dem Chief Constable von Oxford, einem Kirchenmusiker, einem verkrachten Studenten, einer mausgrauen Studentin und einem bekannten Journalisten scheint es nur marginale Gemeinsamkeiten zu geben. Doch binnen einer weiteren Woche kommen drei dieser elf Männer und Frauen auf gewaltsame Weise ums Leben, und die übrigen acht werden einander besser kennenlernen, als ihnen lieb ist.

Ausgerechnet eingangs erwähnter Professor ist es, der die Zusammenhänge zwischen den Morden und die darin verwickelten Reisenden herstellt. Der Name Gervase Fen hat nicht nur in der Wissenschaft einen guten Klang. Auch als Amateur-Detektiv konnte der etwas zerstreute Sprachforscher schon mehrfach auf sich aufmerksam machen. Zwar hält sich die Begeisterung der Polizei in Grenzen, doch Fen erhält Rückendeckung von einem alten Freund, Sir Richard Freeman, besagtem Polizeichef von Oxford.

Robert Warner, der Dramatiker, sieht in Oxford der Aufführung seines neuen Stückes entgegen. In der letzten Zeit hat er ein wenig Pech gehabt, so dass er nun in der Theaterprovinz sein Heil suchen muss. Viel hängt für ihn ab vom Erfolg, so dass er recht nervös ist.

Auch unter den Schauspielern gärt es. Besonders die wenig begabte, aber sehr von sich eingenommene und allgemein verhasste Yseut Haskell sorgt für Aufregung. Angesichts ihrer ständigen Intrigen und notorischen Unzuverlässigkeit ist es vielleicht kein Wunder, dass sie einem wahrlich theatralischen Mordanschlag zum Opfer fällt. Die Schar der Verdächtigen ist überschaubar, aber groß, und wie das so üblich ist bei einem Verbrechen unter lockeren Künstlern, ist es mit ihren Alibis nicht weit her.

Nur Gervase Fen ist sich sicher, den Mörder bereits zu kennen. Nur an Beweisen fehlt es noch. Während der Professor und die Polizei eifrig ermitteln, ist der Mörder ebenso fieberhaft damit beschäftigt, seine Spuren zu verwischen. Dennoch kommt der zweite Mord für alle Beteiligten völlig überraschend …

Edmund Crispin (1921-1978), der eigentlich Robert Bruce Montgomery hieß, gehört trotz seines leider recht schmalen Werkes zu den wichtigsten Autoren des »klassischen« Kriminalromans. Als Schriftsteller verdiente sich Crispin nur wenige Jahre seinen Lebensunterhalt, denn eigentlich war er Musiker – zunächst Organist und Chorleiter am St. Johns College in Oxford (aha!), wo er auch moderne Sprachen studiert hatte (nochmals aha!), später Komponist, der sich weigerte, zwischen »guter« E- und »minderwertiger« U-Musik zu trennen und neben Oratorien, Orchesterstücken und einer Kinderoper 38 Filmmusiken schuf!

Zwischen 1944 und 1951 verfasste Crispin in rascher Folge acht Romane um den detektivisch begabten Professor Gervase Fen, in dessen Wesen man zumindest in den frühen Bänden viel von seinem geistigen Vater wiederfindet. Nach einer mehr als 25- jährigen Pause ließ Crispin zur großen Überraschung von Kritikern und Leserschaft nur ein Jahr vor seinem frühen Tod einen neunten Fen-Roman folgen, der reizvoll das Bemühen erkennen lässt, das zu diesem Zeitpunkt mausetote »Goldene Zeitalter« des klassischen englischen Kriminalromans (das mit dem II. Weltkrieg auszuklingen begann) nicht nur nostalgisch aufzugreifen, sondern weiterzuentwickeln; über den Erfolg kann man geteilter Meinung sein.

»Mord vor der Premiere« ist indes Crispins Debut, erschienen noch während des Krieges. Der Kriegsalltag der Zivilbevölkerung fließt immer wieder und quasi nebenbei in die Handlung ein, die sich dadurch vom typischen britischen »Landhaus-Krimi«, der jeglicher Realität in der Regel enthoben ist, abhebt. Sogar ein Sexleben wird den Protagonisten behutsam zugebilligt – Agatha Christie hätte sich wahrscheinlich eher die Schreibhand abgehackt!

Natürlich wirkt »Mord vor der Premiere« sechs Jahrzehnte nach seiner Erstveröffentlichung trotzdem steif und altmodisch. Das war schon 1944 nicht anders. Man bedenke: Zu diesem Zeitpunkt hatten Raymond Chandler und Dashiell Hammett ihre wichtigsten, ungleich moderneren Werke bereits veröffentlicht! Für ein Debut liefert Crispin dennoch nicht nur eine achtbare, sondern eine vorzügliche Story, die ihn sogleich in die Reihen der britischen Thrillerelite katapultierte. Aber er geht auf Nummer Sicher – die Handlung ist merklich als Kriminalrätsel konzipiert, die den Leser unterhalten und ihm nach und nach dieselben Wege zu seiner Lösung aufzeigen soll, die auch Gervase Fen und seine Mitstreiter entdecken. Die Figurenzeichnung passt sich dagegen dem Plot an und muss schon damals in vielen Punkten arg reißbrettartig gewirkt haben.

Selbstverständlich sind die Charaktere leicht überzeichnet und angemessen skurril, wie wir es aus unzähligen »britischen« Komödien (von denen die besonders typischen aus Hollywood stammen ...) kennen. Nicht überraschend dürfte es sein, dass genau diese Künstlichkeit sie für den heutigen Leser so nostalgisch-lebendig wirken lässt.

Ansonsten geht es recht gemächlich zu in diesem Krimi; dem ehrwürdigen Schauplatz Oxford angemessen, möchte man meinen. Die Welt des Theaters, die auf mehr auf Schein als auf Sein, über Falltüren und unter künstlichen Himmeln aufgebaut ist, war schon immer sehr beliebt als Schauplatz literarischer Verbrechen. Die Kulissen sind übersichtlich, das Ensemble ist es auch, und so kann der Schriftsteller-Novize leichter die Übersicht behalten. Des Rätsels Lösung ist angemessen vertrackt, sie wird standesgemäß vom Amateur-Detektiv im Beisein aller Verdächtigen präsentiert, während sich die Polizei bescheiden im Hintergrund hält, und endet in einer großen Verfolgungsjagd, die den Täter mit der Unterstützung eines auf dramatische Wirkung bedachten Schicksals der schnöden irdischen Gerechtigkeit enthebt – ein Thriller, der neugierig macht auf mehr, was vom Herausgeber der DuMont-Kriminalbibliothek Volker Neuhaus im gewohnt informativen Nachwort glücklicherweise in Aussicht gestellt wird.

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Crispinfan zu »Edmund Crispin: Mord vor der Premiere« 19.04.2013
Fortsetzung:

...und sein schuljungenhaft-eitles, bewusst provozierendes Gehabe kann als arrogant missverstanden werden – wie er seither leider oft etikettiert wurde.

Gervase wird nämlich mit dem blick des außenstehenden Nigel geschildert; Gervase selbst kennt die Lösung ja viel zu früh und „vor dem letzten Kapitel darf nichts herauskommen“.

Diese unernste Grundhaltung, diese Verspieltheit proklamiert der Autor bereits, ohne sich ganz zu trauen: „Die göttliche Gabe des reinen Unsinns in Sprache und Handlung schwindet leider dahin.“ Ganz Ähnliches hat G.K. Chesterton, „Pater Brown“-Erfinder und Gideon-Fell-Vorbild gesagt!

Den Unterschied zu Autoren wie Ellery Queen verdeutlicht dabei die Stelle: „Das ist jetzt der Punkt, wo ich einspringen und den Bösewicht vor den Augen meiner Liebsten entwaffnen sollte. Jedoch, fügte er behaglich hinzu, ich werde nichts dergleichen tun.“

Auch in sexuellen Dingen zeigt sich Crispin, ohne je plump zu sein, schon ungewöhnlich locker und damit frisch.

Höchst, äh, zeitgemäß-klerikal die Erklärung, die Gervase nebenbei für eine Gespenstergeschichte findet: eine kleine Perle ihrer Gattung, ganz im Stil von M.R. James.

Kurz: Der nette Einstand eines Autors, der mit „Glimpses of the Moon“ das andere Ende seiner Skala erreichen wird.
Crispinfan zu »Edmund Crispin: Mord vor der Premiere« 19.04.2013
Die gute Krimi-Dampflok bringt die Verdächtigentruppe, und sie nimmt auch die meisten wieder mit: Nigel und Nicholas, Jane und Jean, Robert und... Leider verwirrt sogar der deutsche Text, indem er Robert zweimal Richard nennt. Übersetzung und Druckkorrektur hätte man sich ausgefeilter gewünscht!Der Roman ist ein Erstling: Der Whodunnit-Plot im Theatermilieu ist eher konventionell; das dreist spinnöse Beiwerk späterer Crispins fehlt weitgehend; zu platt ist die Figur des einfältigen Ermittlers; Gervase Fen, hier noch als Familienvater, wirkt mitunter grob "wie die Figuren aus >Alice
Stefan83 zu »Edmund Crispin: Mord vor der Premiere« 01.10.2008
Wenn man vom "Golden Age" der Kriminalromane spricht, fallen den meisten wohl zu allererst Namen wie Agatha Christie, John Dickson Carr oder Dorothy L. Sayers ein. Edmund Crispin hat, zumindest im deutschsprachigen Raum, den Bekanntheitsgrad dieser Autoren nie erfahren, was unter anderem auch daran liegt, dass seine Werke ganz am Ende dieser Ära veröffentlicht worden sind. Crispin, dessen eigentlicher Name Robert Bruce Montgomery lautet, hält sich dennoch in seinen Werken strikt an die Regeln des Genres und hat sich dafür als Vorbilder Carr und Michael Innes gewählt. An letzterem orientiert sich auch sein Serienheld. Wie Innes, so ist auch Hobbydetektiv Gervase Fen Literaturwissenschaftler und lehrt in Oxford. In der Tradition aller anderen vorhergegangenen Detektive, hat auch er diese eigentümliche "Mord-Lust" geerbt und die störende Eigenschaft, die Arbeit der Polizei im schlechtesten Licht darstehen zu lassen. Im Gegensatz zu Kollegen wie Sherlock Holmes, ist er jedoch ein Freund des Polizeichefs und das sonstige Problem der Rivalität zwischen offiziellem und privatem Ermittler wird hier scheinbar perfekt gelöst: Sir Richard von der Oxforder Polizei akzeptiert fraglos die Überlegenheit des Philologen und versucht stattdessen, Fen auf dessen eigenem Feld zu schlagen und sich als der bessere Kenner englischer Poesie zu erweisen. Crispins Erstling, "Mord vor der Premiere", spielt im Jahre 1940 während des Höhepunkts der Luftschlacht um England. Überall im Land herrscht Verdunklung und der berühmte Regisseur Robert Warner wählt das Oxforder Theater als Schauplatz für die Aufführung seines neuestes Stücks, das ihm wieder zu altem Glanze verhelfen soll. Mitgereist ist eine ganze Gruppe verschiedenster Schauspieler, darunter auch Yseut Haskell, eine mittelmäßige Akteurin, die es sich in ihrer Vergangenheit mit vielen der anderen verscherzt hat. Ihre eitle, selbstgefällige Art ist auch beim Regisseur selbst verhasst, der sich vor Jahren auf eine Affäre mit ihr eingelassen hatte. Es kommt, was in einem "Golden Age"-Krimi kommen muss. Yseut Haskell wird ermordet und es gibt keinen, der ihr gewaltsames Ableben nicht begrüßt. Fen nimmt die Ermittlungen auf. Natürlich werden durch mehrere Andeutungen hier und da dem Leser alle Hinweise auf den Mörder vorgegeben, die dieser aber ebenso natürlich weder lesen noch deuten kann. Was mir sonst bei Christie und Doyle so gefallen hat, vermag hier leider nicht zu überzeugen. Die Figuren wirken einfach zu überzeichnet, die Atmosphäre des skurillen, bequemen Oxfords zu gequält, so dass mir ein richtiger Zugang zum Plot stets verwehrt blieb. Hinzu kommt die Hauptfigur Fen. Eine arrogante Unnahbarkeit ist man von den Genrekollegen gewohnt. Aber Fen bleibt in Crispins Debüt derart blaß (Den Mordfall erlebt man eigentlich fast komplett durch die Augen des Journalisten Nigel), das Freude an der Figur nie aufkam. Insgesamt ist "Mord vor der Premiere" ein nur streckenweise amüsanter Vertreter des "Golden Age", der zwischen Parodie und ernstgemeintem Krimi pendelt und erst gegen Ende hinsichtlich der Spannung an Fahrt gewinnt. Der zumeist süffisante Ton war meine Sache nicht.
4 von 4 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
krimifan24 zu »Edmund Crispin: Mord vor der Premiere« 17.03.2008
Als großer Fan des Golden Age und vor allem von JD Carr und Michael Innes, als deren Nachfolger Crispin ja immer wieder genannt wird, griff ich zu diesem Buch, Crispins Erstlingswerk - und wurde leider ziemlich enttäuscht.
Eine endlose Vorgeschichte, dann passiert "endlich" der Mord, und man sieht sofort: hier will jemand seinem großen Vorbild JD Carr nacheifern. Das gelingt leider nicht wirklich, Gervase Fen hat als Persönlichkeit keine Chance gegen Gideon Fell, die Ermittlungen gestalten sich äußerst langatmig, und die Auflösung des Rätsels samt Identität des Mörders sind schlußendlich alles andere als spektakulär.
Habe übrigens später "Schwanengesang" gelesen; eine Geschichte, die in einem ähnlichen Milieu spielt, aber insgesamt wesentlich spannender ist als diese.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Elmar zu »Edmund Crispin: Mord vor der Premiere« 04.07.2004
Die Kommentare hier sind wirklich ärgerlich. Hammett und Chandler haben ihre 'ungleich moderneren Romane' schon vorher veröffentlicht, haha...Der hard boiled Roman ist einfach eine andere Gattung als der Whodunit, das kann man doch nicht über denselben Kamm scheren! Schon mal das Buch von Siegfried Kracauer über den Detektivroman gelesen? Oder Brechts Aufsätze dazu? Da findet man einiges über die 'Modernität' des Whodunit.
Aber abgesehen davon: So grandios ist Crispin wirklich nicht. Der Humor ist verkrampft, der Plot wenig originell - die späteren Bücher sind besser, aber auch sie leiden unter der Oxford-Bildungshuberei des Autors.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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