Liebe Leserinnen und Leser,
nach einem letzten Aufflackern des Sommers hat der Herbst dieser Tage machtvoll Einzug gehalten. Mit Regen und schleichender Kälte. Ein Wetter, mit dem sich die Bewohner des diesjährigen Gastlandes der Frankfurter Buchmesse bestens auskennen dürften. Island, jene erstaunliche Insel, die gefühlt mehr Autoren als Einwohner besitzt. Und die Hälfte davon schreibt Kriminalromane. Wo es zwischen Geysiren, einsam gelegenen Gehöften und einer immer noch idyllischen Hauptstadt vorkommt, dass ganz Jahre ohne einen einzigen Mord vergehen.
Ein Zustand, von dem die Einwohner Baltimores nur träumen können. 234 waren es 1988, in dem Jahr als David Simon die Beamten der örtlichen Mordkommission hautnah begleitete. Und einen einflussreichen Kriminalreport darüber verfasste. Homicide, ein 800-Seiten starkes Werk, startet im Kunstmann-Verlag einen zweiten Anlauf in Deutschland Fuß zu fassen.
Doch nicht nur Amerika hat Journalisten, die exzellente Bücher schreiben können. So ist der diesmonatige Volltreffer Radikal das literarische Debüt des Spiegel-Online-Redakteurs Yassin Musharbash, der unserem Redaktionsmitglied Jörg Kijanski auch gleich freundlich Rede und Antwort stand. Aus Frankreich wiederum stammt das beeindruckende Einschlägig bekannt der verlässlichen Dominique Manotti, die einmal mehr beweist, dass die Grabenkämpfe des Alltags genügend brisanten Stoff für spannende und kluge Krimis liefern.
Das weiß auch Dennis Lehane, der das Detektivpärchen Patrick Kenzie und Angela Gennaro in Moonlight Mile auf eine letzte Mission schickt. Leider. Doch bevor allzu große Wehmut aufkommt, erinnern wir uns daran, dass Lehane auch ohne die Beiden großartige Bücher verfasst hat und vermutlich noch verfassen wird. Wie Jo Nesbø, der seinen Harry Hole reaktiviert. Aber nicht als Polizist. Vorerst…
Doch nicht nur in den Top-Fünf findet sich reizvolle Lektüre. Die Oktober-Ausgabe ist angefüllt mit den unterschiedlichsten Romanen, die großes Lesevergnügen bereiten; von Klassikern bis zu Debütanten gibt es bemerkenswert wenige Ausfälle. Sogar ein Western lässt sich finden. Pete Dexters epochales Deadwood. Neben Homicide das zweite Buch eines (ehemaligen) amerikanischen Journalisten, das Fernsehgeschichte geschrieben hat.
Nachdem 2003 gar kein Mord passierte, gab es 2004 immerhin derer vier. Ob dies dunkle Autoren-Phantasien ankurbelte, lassen wir mal dahingestellt sein. In Island werden, nicht erst seitdem und nicht erst seit dem großen Bankencrash, Krimis geschrieben. Zwei solide Vertreter ihrer Zunft nehmen diesen Monat Platz auf der Krimi-Couch. Passend zur Buchmesse in Frankfurt. Vielleicht sehen wir uns ja dort. Ich würde mich freuen!
Ihr,
Jochen König

neue Kommentare: