Eine große Hand zum Gruß von Ed McBain

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1960 unter dem Titel Give the boys a great big hand, deutsche Ausgabe erstmals 1963 bei Ullstein.
Ort & Zeit der Handlung: USA / Isola (fiktiv), 1950 - 1969.
Folge 11 der 87.-Polizeirevier-Serie.

  • New York: Simon & Schuster, 1960 unter dem Titel Give the boys a great big hand. 218 Seiten.
  • Frankfurt am Main; Berlin: Ullstein, 1963. Übersetzt von Charlotte Richter. 157 Seiten.
  • Frankfurt am Main; Berlin; Wien: Ullstein, 11973. Übersetzt von Charlotte Richter. 142 Seiten.

'Eine große Hand zum Gruß' ist erschienen als

In Kürze:

Die Polizei findet eine Menschenhand. Ist ihr »Eigentümer« tot, womöglich ermordet? Die Ermittlungen geraten ständig in Sackgassen, bis die Nerven der Kriminalisten bloßliegen. Sie müssen auf weitere Leichenteile warten, was die Untersuchung freilich keineswegs einfacher macht …Der Krimiklassiker aus McBains legendärer, mehr als ein halbes Jahrhundert laufender Serie um das »87. Polizeirevier« gerät zum unwiderstehlichen Cop-Thriller mit frühem »CSI«-Plot, der mit Spannung, Menschlichkeit und lakonisch-rauem Witz erzählt wird.

Das meint Krimi-Couch.de: »Warten auf das nächste Leichenteil« 90°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Isola, eine Großstadt an der Ostküste der USA, im Vorfrühling, der nur im Kalender stattfindet: Dauerregen zerrt an den Nerven der Bürger, zu deren Schutz Streifenpolizist Richard Genero unverdrossen seine Runden dreht. Sein Eifer wird »belohnt«: An einer Bushaltestelle findet er eine Tasche, darin nach neugieriger Suche – eine abgehackte Männerhand!

Das 87. Polizeirevier ist zuständig für den Fall, die Detectives Steve Carella und Meyer Meyer machen sich, unterstützt vom Neuling Bert Kling, an die Arbeit. Leider ist eine Hand kein besonders aussagekräftiges Ermittlungsobjekt. Ein Verbrechen wurde begangen; dies beweist die Tatsache, dass die Fingerkuppen sorgfältig entfernt wurden. So können keine Abdrücke genommen werden. Allerdings könnte der einstige Besitzer der Hand noch leben. Die üblichen Verdächtigen werden befragt, fragwürdige Stadtviertel aufgesucht. Carella und seine Kollegen finden ehebrüchige Seeleute, Striptease-Tänzerinnen, »Fotomodelle«, rauschgiftsüchtige Musiker und andere verdächtige Zeitgenossen, denen jedoch nichts nachzuweisen ist.

Wie die Beamten den Fall auch drehen & wenden – sie wissen genau, dass ihnen eigentlich nur eine Möglichkeit bleibt voranzukommen: Der Rest der potenziellen Leiche muss auftauchen. Genau das geschieht jedoch nicht. Die Untersuchung tritt auf der Stelle, die Nerven liegen blank, neue Verbrechen schreien nach Aufklärung. Andere Leichenteile werden aus dem Fluss gefischt und den entnervten Ermittlern präsentiert, doch das makabre Puzzle will sich nicht fügen, bis in einer Mülltonne eine zweite Hand aufgespürt wird, die endlich »passt«. Der Fall entwickelt sich anschließend eher noch absurder, und als er sich endlich auf grausige Weise löst, wünschen sich die Polizisten fast, dass sie weiterhin im Ungewissen geblieben wären …

CSI gab es schon 1960!

Unterschätzt die alten Meister nicht! Zu den Krimi-Erfolgen des 21. Jahrhunderts gehören die drei originalen »CSI«-Fernsehserien und ihre zahllosen mehr oder weniger offen abgekupferten Klone. Auch auf den Buchmarkt schwappt die Flut der Hightech-Indizien- und Leichenschnüffler mit ungebrochener Macht. (Sie bricht sich höchstens an der Klippe der »Lost Gospel«- & Munkelorden-Thriller.)

Deshalb fällt es schwer zu glauben, dass dieses vor allem in seinen Seziertisch-Episoden recht detailliert und rüde zur beschreibenden Tat schreitende Subgenre keine Neuschöpfung ist, sondern bereits auf eine eigene Geschichte zurückgreifen kann. Nicht einmal an Deutlichkeit lassen es die älteren Vorgänger fehlen, denn wie drückt es Ed McBain im hier besprochenen Roman auf S. 16/17 so treffend aus: »Aber machen wir uns doch nichts vor: Der Tod ist eine wirklich unappetitliche Angelegenheit …Schön ist es nicht, den menschlichen Körper – sei es Mann oder Frau, Kind oder Erwachsener – im Zustand der Auflösung zu sehen.« Dem folgt eine Auflistung überaus verständlicher Hässlichkeiten, die eine in Stücke geschnetzelte, von Kugeln durchlöcherte, allmählich verrottende Leiche um sich verbreitet. Zur Erinnerung: »Eine große Hand zum Gruß« entstand 1960, d. h. in der »guten«, alten Zeit, als derartig geschmacklose Ehrlichkeit angeblich noch unbekannt war.

Vom Unterhaltungswert stetigen Scheiterns

Nicht nur aus diesem Grund haben sich Ed McBains Krimis nach vielen Jahren gehalten, sind nicht gealtert, sondern wie guter Wein gereift: Der Verfasser nannte seit jeher die Dinge beim Namen. Der Unterschied zu manchem Epigonen tat es es jedoch nicht um zu schocken. McBain wollte etwas deutlich machen: Die Gewalt gehört zum Großstadtleben. Sie ist verwerflich und zu verfolgen, sollte aber nicht beschönigt werden. Deshalb dürfen die zahllosen Scheußlichkeiten, die sich um die Ermittlungen in einem Fall, der nur eine abgehackte Hand als Anhaltspunkt bieten kann, nicht isoliert betrachtet werden. McBain integriert sie jederzeit in seine Geschichte, die insgesamt nicht nur vorzüglich geplottet ist, sondern flott und mit der für den Verfasser typischen, recht einmaligen Mischung aus Melancholie und schwarzem Humor abläuft.

Polizeiarbeit besteht in der Hauptsache aus Laufereien, Befragungen ohne Ergebnis und frustrierenden Fehlschlägen. Mit bemerkenswerter Deutlichkeit vermag McBain – nicht umsonst gilt er als Großmeister des »police procedural« – dies seinen Lesern vor Augen zu führen, die sich dennoch niemals gelangweilt fühlen, denn sie werden entschädigt durch ein Panorama des großstädtischen Alltagslebens, das der Rezensent beinahe geneigt ist »literarisch« zu bezeichnen, würde es nicht die Gefahr in sich bergen, dieses Buch auf eine Ebene zu hieven, für die es nicht geschrieben wurde und auf der es im Vergleich mit anderen Werken nur verlieren könnte, ohne es zu verdienen.

Natürlich bleiben nostalgische Lesemomente nicht aus. Amüsant wirkt heute McBains Schilderung der Arbeitsmethoden in der Vermisstenabteilung der Kriminalpolizei von Isola. Bernd Kling, der hier recherchiert, wird von den dort tätigen Beamten durchaus Ernst ermahnt, die dort gesammelten Fakten nicht durch rüde Behandlung zu entwerten – sie werden auf Karteikarten festgehalten, die weder verschmutzt noch geknickt werden dürfen …Die digitale Revolution ist sichtlich noch nicht in Sicht.

Verbrechen ist ihr täglich Brot

Die Romane um das 87. Revier gewinnen ihren Reiz neben der durchdachten Handlung stets auch durch die Meisterschaft, mit der ihr Verfasser den Menschen der Stadt Isola Gesichter zu geben versteht. Nie wird dem Leser beispielsweise die Absurdität bewusst, dass Steve Carella und seine Kollegen, die zwischen 1956 und 2005 Dienst tun, nicht altern, während die Welt um sie herum sich vorsichtig ins 21. Jahrhundert fortschreitet. Jedes Mal wirken sie absolut authentisch, weil McBain ihnen vom Alter unabhängige Biografien schafft: Der Steve Carella in »Eine große Hand zum Gruß« (1960) ist bereits ein anderer Mann als vier Jahre zuvor in »Cop Hater« (dt. »Polizisten leben gefährlich«), und er entwickelt sich weiter, bis wir 2005 in »Fiddlers« (noch keine dt. Übersetzung) Abschied von ihm nehmen müssen.

Wie man es in den Wald hineinruft, so schallt es heraus …Auch diese uralte Binsenweisheit füllt McBain mit Leben. Viele Randexistenzen scheuchen die Beamten des 87. Reviers bei ihren Ermittlungen auf. Ebenso kurz wie scharf charakterisiert der Verfasser sie als Pechvögel, Kriminelle aus Not oder verirrte Seelen, ohne darüber ihre potenzielle Gefährlichkeit vergessen zu lassen. Im Grunde hat auch jeder »redliche« Mensch etwas zu verbergen. Dies vom aktuellen Fall zu trennen fällt den Beamten um Steve Carella schwer, denn ihr Job hat sie chronisch misstrauisch und auch zynisch gemacht.

Dennoch gibt es noch den Punkt, an dem Routine umschlägt in Unglauben und Entsetzen. Die Lösung des Falls der unbekannten Hand ist gleichzeitig schrecklich und theatralisch absurd. McBain versteht es beide Aspekte zu betonen und sogar noch Verständnis für den Mörder zu wecken: Die Welt ist ein harter Ort, das Leben entsprechend schwierig, und manchmal schafft es ein Mensch nicht sich dem zu stellen. Statt dessen klinkt er sich aus und ist plötzlich unaussprechlicher Taten fähig. Der Triumph, den die Polizisten des 87. Reviers üblicherweise bei der Festnahme eines Täters fühlen, bleibt dieses Mal aus: Sie sind Mensch genug geblieben um zu spüren, dass hier die ihnen gleichsam heiligen Gesetze nicht mehr greifen können – eine Auflösung, die leicht ins Rührselige und Unglaubhafte abgleiten könnte, wäre es nicht Ed McBain, der unsentimental und sanft zugleich das Unfassbare in Worte fasst und dem Genre Kriminalroman ein weiteres Highlight aufsteckt.

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