Unfall oder Mord von
Buchvorstellung und Rezension
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 1950 unter dem Titel Accident by Design, deutsche Ausgabe erstmals 1958 bei Humanitas.
- London: Collins, 1950 unter dem Titel Accident by Design. 245 Seiten.
- Konstanz: Humanitas, 1958. Übersetzt von Ernst Müller. 187 Seiten.
- Gütersloh: Signum, 1964. Übersetzt von Ernst Müller. 187 Seiten.
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Das meint Krimi-Couch.de: »Lustiges Erben-Gemetzel, Old English Style«
Krimi-Rezension von Michael Drewniok überspringen
Gar düster ist die Stimmung in Templedean Place, dem palastartigen Landsitz der Familie Vanstead – dies nicht nur, weil Sir Charles, der betagte Patriarch, im Sterben liegt, denn wie es aussieht, wird trotzdem er seinen Nachkommen – und Erben – zu deren Missvergnügen noch einige Zeit erhalten bleiben. Derweil spielt Tochter Judith bereits die Herrin im Haus, eine Rolle, die ihr von Schwägerin Meriel wütend streitig gemacht wird.
Diese kämpft um ihr Stück vom Kuchen; nicht unbedingt für sich, sondern für Sohn Alan. Gatte Gerald, Judiths Bruder, ist ihr keine große Hilfe. Nachdem er und Judith, die sich in Malaysia eine Existenz aufgebaut hatten, im Pazifik-Krieg nicht nur ihr Hab und Gut, sondern fast auch ihr Leben in einem Internierungslager der Japaner verloren hatten, ist Gerald ein gebrochener Mann, der demütig auf den Tag wartet, an dem ihm sein Erbe zufällt. Dann allerdings will er Vanstead-Köpfe rollen lassen, und auch den Hochmut der Vanstead-Bediensteten hat er nicht vergessen oder vergeben; das hat er mehr als einmal durchblicken lassen, wenn ihn doch der Zorn übermannte.
Keine kluge Entscheidung, dies laut werden zu lassen, obwohl es ja sein könnte, dass Gerald und Meriel eines Tages einfach nur Pech hatten, als des Nachts vor ihrem Automobil plötzlich eine ungünstig auf der Straße abgestellte Dampfwalze auftauchte. Als dann jedoch der junge Alan offensichtlich einer Giftattacke erliegt, gibt es keine Ausflüchte mehr: Ein Mörder geht um in Templedean Place.
Leider ist die Zahl der Verdächtigen quasi identisch mit den Bewohnern von Templedean. War es Herbert Standish, der devote, heimlichtuerische Privatsekretär, der um seine bequeme Stellung fürchten musste, weil ihn Gerald Vanstead nicht ausstehen konnte? Oder Gilbert Barton, der brave Pächter und Verwalter der Ländereien von Templedean, zwar schlicht im Geiste, aber arg besorgt, von Gerald davon gejagt zu werden, und das, wo er doch gerade die schöne Elizabeth heiraten möchte? Oder Edward Beach, der zwielichtige Chauffeur der Vansteads, der Gerald ob einer Jugendsünde einst heftigen Verdruss mit dem Vater beschert hatte, was ihm der so Gescholtene niemals vergessen hatte? Oder Walter Vanstead, Sir Charles’ Bruder, ein mürrischer, alter und vor allem mittelloser Hagestolz, der wenig Wohlwollen von seinem Neffen Gerald zu erwarten hatte, mit dem er sich schon lange überworfen hatte? Oder …
Eigentlich konnte niemand Gerald, seine Gattin oder den jungen Alan leiden, wie Inspector Young und Sergeant Brown von der örtlichen Polizei zu ihrem Leidwesen feststellen müssen. Aber nachdem feststeht, dass Alan einige giftige Tollkirschen seiner letzten Mahlzeit beigemischt wurden, greift Scotland Yard ein und schickt den berühmten Oberinspektor Macdonald in die Provinz. Der steckt bald tief im Gefühlssumpf von Templedean und muss zu seinem Leidwesen erkennen, dass ihm vor allem eines gelingt: den Mörder in Unruhe zu versetzen – und zu neuen Untaten anzustacheln …
Die Bewohner von Templedean sind verblüffend bodenständig. Der II. Weltkrieg liegt zum Zeitpunkt der Handlung (1950) erst wenige Jahre zurück und hat deutliche Spuren hinterlassen. Die Welt der müßig-reichen Großgrundbesitzer, die dem Cozy seine Heimat gibt, ist schon im Niedergang begriffen, und Lorac macht daraus auch keinen Hehl. Daher treten versponnene viktorianische Jungfern nur am Rande auf, während die weiblichen Figuren sich nach den Erfahrungen eines auch an der Heimatfront harten Krieges nicht mehr in die passive Weibchen-Rolle zurückdrängen lassen. Maßvoll zwar, aber trotzdem deutlich bringt Lorac so den Landhaus-Krimi der eigentlich gefährlichen Realität näher, und siehe da: Es funktioniert! Jedenfalls empfindet der dem Pseudo-Skurrilen eher abholde Leser die Abwesenheit wirrköpfiger Pfarrer, bauernschlauer Landwirte oder knorriger Ex-Soldaten als Erleichterung. Sogar der totkranke Sir Charles, dem eigentlich die Rolle des gottgleichen Adeligen zugedacht ist, entpuppt sich als ganz im Hier und Jetzt ansässiger Zeitgenosse.
Das Gesetz bleibt allerdings etwas farblos. Auch hier gibt es zwar den gutmütigen, aber etwas dämlichen Dorfpolizisten, aber der spielt nur eine Nebenrolle. Die erste Hälfte unseres Romans führt die örtliche Dienststelle die Ermittlungen, bis dann Inspektor Macdonald auf der Bildfläche erscheint. Mit ihm hatte Lorac 1931 ihre Schriftsteller- Karriere begonnen, dem sie in den nächsten zwanzig Jahren 48 (!) weitere folgen ließ. (Damit war ihr Schaffensdrang längst nicht erschöpft; um sich nicht selbst Konkurrenz zu machen, veröffentlichte Lorac unter einem zweiten Pseudonym – Carol Carnac – ebenso fleissig weitere Krimis – und als »Carol Rivett« auch zwei »richtige« Romane.)
Zweifellos schlägt sich dieses Arbeitstempo in der Qualität nieder. Interessanterweise leidet aber nicht die Geschichte, sondern die Figurenzeichnung. Man wird nicht warm mit diesem Inspektor Macdonald; er bleibt seltsam konturenschwach, besitzt keine Ecken, keine Kanten, während Lorac z. B. die Bauersfrau Elizabeth mit wenigen Zeilen lebendig werden lässt. Macdonald ist tüchtig, aber farblos. Vielleicht ließ ihn gerade das zum idealen Helden für eine lang laufende, schnell produzierte Serie werden.
Der Plot an sich lässt aber wie gesagt wenig zu wünschen übrig. Zwar schleppt sich die Geschichte im Mittelteil manchmal ein wenig dahin, werden einige falsche Fährten gar zu offensichtlich gelegt, aber die Auflösung gelingt dennoch überzeugend – sicherlich nicht genial, aber wir wollen nicht mehr verlangen als das Genre hergeben kann. Gegen eine Wiederentdeckung der E. C. R. Lorac, wie sie gerade z. B. Margery Allingham oder Mignon G. Eberhart (im Goldmann-Verlag) erfahren, ließen sich deshalb kaum Einwände erheben. Bis es so weit ist, wird sich der nun neugierig gewordene Leser wohl auf den deutschen Flohmärkten oder in den Internet- Antiquariaten umtun müssen; wenigstens geht mit dem Grad der Vergessenheit, der diese Autorin anheim gefallen ist, ein erfreulich niedriges Kaufpreis-Niveau einher.
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