Über das Nützliche und das Unnütze oder: Wie ich einmal am Krimi verzweifelte

von Dieter Paul Rudolph

Wer hält den Weltrekord im Krimidauerlesen in Biergärten? Welcher inzwischen klassische Krimiautor verhungerte elend? Welche bekannte Autorin tötete die Mutter ihrer Freundin? Bei wem war der »Frauenverbrauch« größer als der Wortschatz? Und was, zum Teufel, ist bitte ein MacGuffin?

Arbeitet man an einem Krimikalender, wird man bisweilen mit Fragen konfrontiert, die man bis dahin nicht für möglich gehalten hätte. Der Verleger und Mitherausgeber hat einen bei Wein, Bier und lecker Essen (die Burschen wissen genau, wie man Autoren rumkriegt) dazu verdonnert, für jede Kalenderwoche eine Kolumne zu schreiben. Nicht mehr als 1800 Zeichen (so ungefähr, später kann man ja noch kürzen...), für jeden etwas dabei, für den erfahrenen Experten wie für den Newbie, Information meets Entertainment und heißt fortan Infotainment, aber nicht flach, Gott bewahre, aber noch weniger zu intellektuell. Eine Mischung aus Kulturprogramm und Soapsender, wenn möglich, das müsste doch leicht zu machen sein.

Und ich ging in mich. Durchatmen, überlegen. Was ist eigentlich wichtig bei »Krimi«? Eine knackige Definition, versteht sich. Krimi ist …Hm, ich muss gestehen: keine Ahnung. Krimi ist so viel und je mehr man darüber nachdenkt, desto weniger weiß man darüber. Woraus besteht Krimi? Aus Spannung, aus Ratlosigkeit, aus Neugierde, aus erfüllten und enttäuschten Erwartungen. Wozu liest jemand Krimis? Um die Langeweile zu vertreiben, um sich mental aufzuputschen, um die Welt um sich herum zu vergessen, um sie aus einem anderen Blickwinkel wahrzunehmen, durch die rosarote Brille zu beschauen – oder in all ihren Zwischentönen aus Grau, Grau, Grau. All das könnte irgendwie wichtig sein und die Leute interessieren – oder auch nicht. Eine Erkenntnis, die mich nicht unbedingt weiterbrachte.

Also rettet man sich zunächst dorthin, wo einem bei einem Kalender keine Gefahren drohen. Zu den runden Geburts- und Todestagen. Mist. Heinrich Steinfest, der hochgelobte Autor, wichtig, wichtig, wird schon 2011 50 Jahre jung. Schlecht für einen Kalender für das Jahr 2012. Dafür wird Horst Bieber 70, aber – so höre ich den Verleger ausrufen – wer ist Horst Bieber? Der Vater von Justin oder was? Wenn doch wenigstens Henning Mankell 65 werden würde! Wird er auch, aber erst 2013. Und ob er dann tatsächlich in Rente geht? Ha! Vor 100 Jahren starb Jacques Futrelle! Jacques Who? Na, der hat den Professor van Dusen erfunden – ok, kennt jetzt niemand -, aber die Hörspiele von Michael Koser, »Der letzte Detektiv«, die kennt man durchaus und da ist der Held eben jener Professor van Dusen …Der Verleger ist skeptisch. Na ja. Zeit, meinen größten Trumpf aus den Ärmel zu ziehen. Futrelle starb 1912, in der Nacht des 15. April, um genau zu sein. Klingelts? 15. April 1912: Da kollidiert ein Schiff namens TITANIC mit einem Eisberg und sinkt. Und wer befindet sich leider an Bord des unglücklichen Schiffes? Der noch unglücklichere Jacques Futrelle samt Ehefrau! Letztere wird gerettet, doch der Herr Gemahl weigert sich ritterlich, eines der Boote zu besteigen und – »bekommt eine Kolumne im Krimikalender!«, jaucht der Verleger. Genau. Immerhin. Da ist einer nicht umsonst gestorben.

Überhaupt die Toten. Sie erweisen sich für den Kalendermacher nach und nach als ergiebiger als die Lebenden. 1932 stirbt Edgar Wallace! Hatte schwere Diabetes, kümmerte sich nicht drum, genoss sein Leben in Saus und Braus – gut so, Herr Wallace, darauf 1800 Zeichen! Vor 50 Jahren hat auch William Faulkner seinen letzten Schnaufer getan – »Moment mal«, interveniert der Verleger und Mitherausgeber, »das war doch ein Nobelpreisträger! So einer schreibt doch keine Krimis!« Hat er aber, ich kanns belegen! »Okay«, brummelt der Verleger, "dann rein mit ihm. Aber zum Ausgleich machst du irgend was mit Stieg Larsson, der ist doch auch schon tot.» Ist er. Aber sein Todestag wird sich erst 2014 zum zehnten Mal jähren. «Egal», entscheidet der grausame Mensch. «Schreib doch einfach: Vor zehn Jahren hat Stieg Larsson, die Figur der Lisbet Salander erfunden. Kein Schwein kann dir das Gegenteil nachweisen und wenn doch, lassen wir es auf einen Prozess ankommen, die Presse stürzt sich drauf und etwas Besseres kann uns eh nicht passieren.» Stimmt auch wieder.

Ich muss sowieso flexibler werden, denn das mit den runden Geburts- und Todestagen macht den Kolumnenkohl nicht besonders fett. Überhaupt: Das sind doch alles biografische Zufälle, das ist doch nicht wirklich wichtig. Liebhaberinnen und Liebhaber von solchen Krimikalendern möchten mit den wirklich wichtigen Dingen des Krimileselebens gefüttert werden, man muss ihnen die Fragezeichen zu Ausrufezeichen umbiegen. Was etwa ist ein Plot? Nein, das ist eben nicht einfach «die Handlung»! Ein Schauerroman ist keine Unterhaltungsliteratur für Voyeuristen und die Gothic Novel spielt nicht zur Zeit der Völkerwanderung, als die Westgoten und die Ostgoten sich Rom vorgeknöpft haben oder so. «Prima», murmelt der Verleger, «das packst du alles in ein schönes Glossar.» In Ordnung. Für zusätzliche Arbeit bin ich immer dankbar.

Dankbar war ich auch für die Email eines TV-Senders, der mir ein unmoralisches Angebot unterbreitete. «Lieber dpr! Sicher kennen Sie unsere unglaublich erfolgreiche Serie Die zehn größten Punktpunktpunkt aller Zeiten, vor allem Die zehn größten Fußgängerzonen aller Zeiten und Die zehn größten Die zehn größten Punktpunktpunkt aller Zeiten – Folgen. Wir planen nun zu Beginn der neuen Staffel eine Ausgabe Die zehn größten Krimiereignisse aller Zeiten und möchen bei Ihnen anfragen, welche Ihnen dazu einfallen. Natürlich laden wir Sie gegen Honorar als Experte ins Studio ein, das Catering ist erstklassig, die Maskenbildnerin gerade solo und ein großer Fan von Ihnen."

Ich setzte mich in einen gemütlichen Sessel, ließ meine Gedanken schweifen und begann zu schreiben:

DIE ZEHN EPOCHALSTEN KRIMIEREIGNISSE ALLSTER ZEITEN!

1841: Auf einer Expedition durch die bizarre Kneipenlandschaft Baltimores entdeckt der Quartalssäufer Edgar Poe den Krimi und macht sich spontan an die Erstbesteigung.

1920: Der Luxemburger Norbert Jacques fährt über den Bodensee, das Gesicht eines seiner Mitpassagiere prägt sich ihm ein und bereits ein paar Jahre später nimmt er es zum Vorbild für die dämonische Figur des Dr. Mabuse.

1946: Humphrey Bogart legt während den Dreharbeiten zu The Big Sleep Lauren Bacall flach.

1948: Charles P. Alleridge erfindet den wiederverwendbaren Duschkopf, den red herring und die Brotmaschine für Beinamputierte.

1951: Der Schweizer Schwerautor Friedrich Dürrenmatt kann seine Miete nicht mehr bezahlen und schreibt einen Krimi.

1955: Dpr erblickt das Licht der Welt und hält es für die dubiose Beleuchtung einer Zuhälterkneipe.

1967: Der Großkritiker R. findet, auch Krimis könnten unter gewissen Umständen Literatur sein und wartet fortan auf den ersten literarischen Krimi.

1978: In Winsen an der Luhe beschließt der örtliche Fremdenverkehrsverein, den ersten Regionalkrimi in Auftrag zu geben. Er heißt »Der Plattitüdentsunami von Winsen an der Luhe, Prospekte auf Anfrage«.

1989: Deutschland wird wiedervereinigt (Helmut Kohl) und ein Jahr später Fußballweltmeister (Andy Brehme). Henning Mankell schreibt den ersten literarischen Krimi, muss aber von seiner Frau darauf aufmerksam gemacht werden und verbrennt das Manuskript.

2012: Bei Günter Grass läuft es verkaufsmäßig auch nicht mehr so gut. Sein Agent erinnert ihn an Friedrich Dürrenmatt (siehe 1951) und stellt den Kriminalliteraturnobelpreis in Aussicht.

Nach der Niederschrift fiel ich in eine tiefe Depression. War es wirklich die Frage, was wichtig ist oder nicht? Musste man sich stattdessen nicht fragen, ob überhaupt etwas wichtig ist, wenn wir über den Krimi reden? Denn was ist der schon? Ein Produkt wie Almhüttenkäse mit Plastikrinde, FDP-Politiker oder solarbetriebene Zahnbürsten. Wegwerfware, ein Quantum Zeitvertreib, Fließbanderzeugnis mit immergleichem Mechanismus: Am Ende ist einer der Mörder und, boah, ich hab’s doch geahnt! Nicht die Sprache ist von Bedeutung, nicht der Bezug des Inhalts zum wirklichen Leben, nicht sein Platz in der geistigen Entwicklung der Menschheit vom Jäger und Sammler zum Besteller eines Starbucks-Kaffees, sondern sein Platz im Regal der verbrauchten und dann für immer abgelegten Bücher. Papier. Nicht einmal geeignet für die diskreten Geschäfte an stillen Örtchen.

Das saß. Natürlich kennt man das Phänomen der »Krimisucht«. Jemand greift nach einem Thriller und »kann ihn nicht mehr aus der Hand legen«. Ein Fall für wahlweise den Chirurgen (Krimitransplantation) oder den Irrenarzt. Aber das macht Krimis etwa so wichtig wie Zigaretten oder Schnaps. Sie sind wohl ein Wirtschaftsfaktor, ein Rauschmittel, doch das Leben ohne sie wäre gesünder.

Hat jemals ein Krimi die Welt verbessert? Überhaupt verändert? Wenigstens ein bisschen? Ok, für einzelne Menschen schon. Bestsellerautoren zum Beispiel, die nach Davos übersiedelten und dort beim Après-Ski schmachtende Witwen ins Lotterbett texteten. Oder den stillen Autor X, der nach dem fünften Misserfolg seinen Laptop endgültig zuklappt, Hartz IV beantragt und nur noch Gedichte schreibt, die er seiner Schublade zu lesen gibt. Aber sonst? Fehlanzeige. Wenn es den Krimi nicht mehr gäbe, würde ihn bald kein Mensch mehr vermissen, so wie mich bald niemand vermissen wird, wenn ich diese Kolumne nicht mehr weiterführe. Überhaupt: Es gibt nur noch eine Sache, die unwichtiger ist als das Schreiben eines Kriminalromans: ÜBER einen Kriminalroman schreiben.

»Tut mir leid«, sagte ich also am nächsten Tag zu meinem wie vom Donner gerührten Verleger, »ich ziehe mich aus dem Geschäft zurück. Such dir einen anderen für den Mord(s)kalender, gibt ja genug. Mit Krimiexperten kann man die Straße pflastern und das, was übrigbleibt reicht allemal noch für zehn Jahre Feuilleton.« Der Verleger schwieg und sah mich lange an. »Warum?« schluchzte er endlich. Ich hielt meine Tränen zurück und antwortete: »Weil alles so sinnlos ist. Eitle Schreiberlinge, intrigante Kritiker, desinteressiertes Publikum. Ich werde mich fortan den wahrhaft wichtigen Dingen des Lebens widmen: ein Haus bauen, ein Apfelbäumchen pflanzen und einen Sohn zeugen. Oder, wenn letzteres misslingen sollte, eben meine Panini-Fußballbildchensammlung «WM 1990» komplettieren.«

Zu Hause erwartete mich die Hölle. Windschiefe babylonische Türme ungelesener Krimis, die mir alle »Lies mich!« entgegenschrieen. »Lest euch doch selber!« schrie ich rüde zurück. "Und werdet erst mal wichtig, ihr Angeber! Was habt ihr mir schon alles versprochen! Nervenkitzel, bis man sich die Fingernägel abknabbert! Haha, und was war? Nichts war! Eingeschlafen bin ich! Ich begann, die Türme abzutragen. Sorry, liebe Leute, die ungelesenen Bücher werden ungelesen bleiben. Ich besitze einen großen Papierkorb, der sich schlagartig füllte..

Beim Hinaustragen der schweren Last ging ich am Briefkasten vorbei. Natürlich: Büchersendungen. Ungeöffnet entsorgen? Ich machte einen Fehler und öffnete die Päckchen. Im ersten steckte der neue Roman von Guido Rohm, Blutschneise. Okay, mal anlesen, wegwerfen kann mans immer noch.

Das war sein Albtraum. Sein Tiefschlaffiasko. Max Vonderscheids ganz privater Nachthöllenritt. Er spürte jede Zelle seines Körpers. All diese unzähligen winzigen Gefängniszellen, die einen Trakt ergaben. Die mehrere Trakte bildeten. Seine Extremitäten. All die verschiedenen Seitenflügel, die in seinem Rumpf mündeten, dem Hauptgebäude …

Als ich fertig mit dem Anlesen war, dunkelte es bereits. Ich hatte den Roman auf Seite 86 abgebrochen, auch Patrick Pécherots Boulevard der Irren bis Seite 47 angelesen, irgendeine finstere geheime Macht hatte mich in die Texte hineingezogen, ich kannte sie nicht, aber ich hatte sie fürchten gelernt. Also war das Lesen von Kriminalromanen doch eine Sucht und ich rückfällig geworden. Ich schämte mich. Ich aß eine Kleinigkeit und las weiter. Immerhin schädigte Lesen nicht die Gesundheit, jedenfalls stand davon nichts auf dem Cover. Später, es war schon finstere Nacht, packte ich das dritte Päckchen aus, es war, natürlich, ein weiterer Krimi, George V. Higgins, Die Freunde von Eddie Coyle. Auf den war ich bei der Recherche von Higgins’ Daten für den Mord(s)kalender gestoßen, ein Dialogroman sei das. Und sofort hatte ich an Arthur Landsberger denken mussen, der ja auch einen Dialogroman …kannte wieder kein Mensch außer mir. Jedenfalls: Der Titel wurde notiert und vergessen, bis der geschätzte Krimikritiker tkl en passant äußerte, der Higgins sei sowieso sein Lieblingskrimiautor.

So geht das also. Krimifieber. Ein Kieselstein wird ins stille Wasser geworfen und sofort bilden sich Kreise und kreisen und kreisen. Deshalb lese ich Krimis. Weil sie Kreise ziehen. Wichtige oder unwichtige, das ist völlig egal. Sie bewirken etwas. Was? Keine Ahnung. Auch völlig egal.

Ich rief meinen Verleger und Mitherausgeber an. »Hast du schon einen anderen Deppen gefunden für...äh, du weißt schon.« Nein, habe er leider noch nicht. »Es muss ja ein Volldepp sein, einer wie du eben. Was soll ich mit Halbdeppen.« Das leuchtete mir ein. »Weißt du übrigens, wer den Weltrekord im Krimidauerlesen in Biergärten hält?« fragte ich. »Du wirst es mir sagen«, antwortete der Verleger. »Garski heißt der gute Mann. Und er hat auch mal einen Krimi gegen eine Treppe gelesen oder so.« »Aha«, sagte der Verleger. »Hochinteressant. Schreib eine Kolumne drüber.«

Natürlich tat ich das sofort. Und noch 53 andere entstanden. Und jetzt ist ein Buch draus geworden. Völlig unnötig. Man braucht es also dringend.

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