Sympathy for the Devil? Warum sich das Bild des »Krimihelden« geändert hat

von Dieter Paul Rudolph

Was ist nur mit den Krimilesern los? Wir erinnern uns. Früher lagen sie jammernd auf den Couchen der Psychiater und erzählten aus ihren traurigen Existenzen. Wie sie einfach nicht erwachsen wurden, sich ständig nach makellosen Helden mit stählernen Muskeln und turboschnellen Gehirnzellen sehnten, Helden, wie sie in den Kriminalromanen nun einmal gang und gäbe sind. »Und kaum hab ich zehn Seiten gelesen, Herr Doktor, bin ich selber dieser Held! Ich! Der kleine Versicherungsfachangestellte Müller! Sagen Sie mir die Wahrheit, Herr Doktor! Bin ich als Krimileser unheilbar infantil, weil ich an das Gute glaube? Leide ich unter Minderwertigkeitskomplexen, weil ich mit den Helden sympathisiere und gerne so wäre wie sie?«

Der Doktor schüttelte bedenklich den Kopf. Doch, doch, sagte er, es stehe schlimm. Ein schwerer Fall von Trivialitis Criminalis. Dann verschrieb er einem 1200 Seiten Hochliteratur, bitte dreimal täglich zwanzig Seiten lesen, »den Kafka aber nicht auf nüchternen Magen, das kann zu Sodbrennen führen«. Beim Hinausgehen rief er dem schwankenden Patienten nach: »Und lassen Sie sich von meiner Sprechstundenhilfe noch einen Dauerlutscher geben. Oder wahlweise einen Riegel Kinderschokolade!«

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So stellt man sich in literarisch besseren Kreisen den Krimileser vor. Ein Weltflüchtling mit Minderwertigkeitskomplexen, der alles in gut erkennbarem Schwarz und Weiß gezeichnet haben möchte und dazu neigt, auf eine geradezu unanständig intime Weise mit den Helden seiner Lektüre zu verkehren. Denn Kriminalromane gehören zur Trivialliteratur und mit der hat man hierzulande traditionell ein Problem. Ob sich des Abends das ältliche Fräulein Elfriede in die Haut der lieblichen Comtesse Walburga von Dünnmalz liest und mit ihr bis zum guten Ende fiebert oder der unauffällige Bäckergeselle Walter Meier in die Rolle eines Jack Reacher schlüpft und allen Bösewichten dieser Welt die Hirnzellen einzeln zermalmt – das macht dabei kaum einen Unterschied. Krimis liest man mit den Gefühlen, nicht mit dem Verstand. Mit Wirklichkeit hat das alles nichts zu tun. Mit der möchte ein Krimileser gefälligst nichts zu tun haben, denn das Leben ist schon schwer genug. Wer Trivialliteratur im Allgemeinen und Krimis im Besonderen liest, verhält sich eskapistisch, d.h. flüchtet in eine andere, befriedigendere Welt.

Aber es hat sich etwas getan. Die ach so unfehlbaren und moralisch sauberen Sympathieträger in der Kriminalliteratur werden weniger, ja, sie sind beinahe ausgestorben. Schon ein flüchtiger Blick auf die »Helden« der neuesten Produktion bringt uns ins Grübeln. Gerald Donovans Protagonist in Winter in Maine beispielsweise übt gnadenlose Selbstjustiz – weil sein Hund erschossen wurde. Und die Leser fühlen und leiden mit diesem Mann. Oder nehmen wir den bereits erwähnten Jack Reacher. Auch er kann kaum als Figur mit Vorbildcharakter dienen. Erst schießen, dann denken, die Feinde vorsorglich alle um die Ecke bringen, effektiv und immer haarscharf an den Gesetzen vorbei. Schweigen wir ganz von den Serienmördern, die plötzlich im Mittelpunkt der Kriminalliteratur stehen: Der kannibalistische Dr. Hannibal Lecter aus Thomas Harris' Schweigen der Lämmer hat viele Nachahmer gefunden, denken wir nur an Dexter Morgan, den Serienmörder als Serienheld in den Romanen von Jeff Lindsay.

Nicht immer ist es so offensichtlich, dass sich bei den Protagonisten, die naturgemäß als »Sympathieträger«, gar »Identifikationsfiguren« angelegt werden, etwas Grundsätzliches geändert hat. Die Zeiten des total Guten und des total Bösen sind scheinbar vorbei; kaum noch ein Krimi, dessen Helden nicht irgendwie gebrochen, beschädigt, ein Fall für den Psychiater sind. Das gilt längst nicht nur für die Figuren aus schwedischer Krimiproduktion. Auch mit der früher über alle Zweifel erhabene Moral der Helden ist es nicht mehr weit her. Patrick Bomans Held Peabody etwa ist schlicht ein Kotzbrocken, der nur seinen eigenen Vorteil im Sinn hat und die Nöte von Frauen skrupellos ausnutzt, um seinen sexuellen Appetit zu befriedigen. James Sallis' Driver ist nichts weiter als ein gewissenloser Krimineller – und dennoch nehmen wir an seinem Schicksal Anteil, als wäre es unser eigenes. Dezenter zu Werke geht Nora Miedler, deren Protagonistin in Warten auf Poirot zwar wie ein armes Hascherl daherkommt, es aber vielleicht gar nicht ist.

Nun sind solch eher ambivalenten Personen in der Kriminalliteratur nicht neu. Es beginnt wohl schon mit Wilkie Collins und seinem 1860 erstveröffentlichten Roman Die Frau in Weiß. Zwar macht er uns mit dem üblichen Liebes- und Heldenpärchen Walter Hartright und dem weißen Fräulein Laura Fairlie bekannt, doch sind beide dermaßen blutarm, dass wohl nur notorische Leser von Lore-Liebesromanen sich mit ihnen identifizieren können. Die eigentliche Hauptperson jedoch ist der Conte Fosco, ein Erzschurke eigentlich, aber auch ein spannender, in sich zerrissener Charakter, der uns in seinen Bann zieht.

Mit Maurice Leblancs Arsène Lupin betritt ein Held die Bühne, der zwar als Dieb seinen Lebensunterhalt verdient, doch nur die noch größeren Schurken bestiehlt. Mit ihm kann man leicht sympathisieren. Ähnlich verhält es sich mit Peter O’Donnells Titelfigur Modesty Blaise. Früher selbst Anführerin einer Verbrecherbande, bekämpft sie heute das Böse. So etwas verzeiht der Krimileser sofort.

Nein, die Wandlung des Sympathieträgers vom guten Menschen zum – im Extremfall – Bösewicht, ist in ihrer Intensität ein Phänomen neueren Datums. Und lässt – aus der Hüfte geschossen – nur einen Schluss zu: Die Leserinnen und Leser von Kriminalliteratur sind vielleicht gar nicht mehr so naiv und weltflüchtend wie früher. Wenn man sich die Sache etwas genauer überlegt, sind allerdings auch andere Antworten möglich. Könnte es nicht sein, dass die Kriminalliteratur selbst sich weiterentwickelt hat und weniger Klischees bedient? Vielleicht, weil sie sich mehr an der Wirklichkeit orientiert, die nun einmal nicht so schlicht ist, wie man es uns weismachen möchte?

Ich habe unter den TeilnehmerInnen des Krimicouch-Forums eine kleine Umfrage gemacht und wollte wissen, ob sie bei der Lektüre überhaupt Wert auf »Sympathieträger« legen. Mit jemandem zu sympathisieren heißt ja, dass man sich dieser Person, selbst wenn sie nur auf dem Papier existiert, emotional verwandt fühlt. Man kann sie gut leiden – und man leidet mit ihr. Dadurch gerät man aber zwangsläufig in die Welt der Handlung hinein und identifiziert sich am Ende gar mit dem literarischen Vorbild. Das ist, wie schon erwähnt, nun einmal das Wesen von Trivialliteratur, genau dafür wird sie seit jeher geschrieben und innig geliebt. Sie tröstet, sie lenkt ab, sie gibt neue Kraft, sie macht das vielleicht triste Leben erträglich, sie bringt mit ihrem Spannungsbogen, ihrer Dramatik wohlige Schauer in die Langeweile des Alltags.

Nun ist diese Umfrage nicht repräsentativ, neun LeserInnen haben sich an ihr beteiligt. Die Antworten jedoch sind bemerkenswert. Zwar betonen fünf LeserInnen, es seien ihnen schon wichtig, für den Helden oder die Heldin Sympathie zu empfinden. So recht identifizieren wollte sich indes niemand. Auch wurde erwähnt, der Held könne sehr wohl der Bösewicht sein (Beispiele: John Rain von Barry Eisler und der Protagonist in Patrick Süskinds Das Parfüm). Ob jemand sympathisch ist oder nicht, entscheidet sich also nicht nach den Kriterien »gut und böse« (im Gegenteil sind solche Polarisierungen eher ein Grund, einen Helden nicht zu mögen). Und, sehr wichtig: Selbst die Befürworter des Sympathieträgers legen Wert darauf, dass auch andere Kriterien erfüllt werden. Ist das Buch spannend, sind die Charaktere gut ausgearbeitet etc.

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Nun sind wir bislang wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass Kriminalromane mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben und an unsere Gefühle appellieren, während der Verstand mehr oder weniger ausgeschaltet ist. Dies genau aber ist das Hauptargument der Freunde von »Hochliterarischem«, für die Lesen eine intellektuelle Herausforderung und nichts sonst darstellt. Diese Verächter der Unterhaltungsgenres lassen Krimi in der Regel nur dann gelten, wenn er »literarisch« ist (was immer das auch sein mag) oder – eine beliebte Redewendung in diesem Zusammenhang – »mehr als ein Krimi«. Keiner von diesen Experten käme etwa auf die Idee, Kafkas »Verwandlung« mit großer Sympathie für den Protagonisten Gregor Samsa zu lesen, der bekanntlich eines Morgens als Käfer aufwacht. Schließlich geht es nicht um diesen Samsa, sondern um die Fremdheit des modernen Menschen. Man läuft auch nicht Gefahr, sich mit dem Richter in Friedrich Dürrenmatts Der Richter und sein Henker zu identifizieren. Das Thema ist wichtig, nicht die Personen, und genau das unterscheidet schließlich die intellektuell anspruchsvolle, immer in der Wirklichkeit verortete Lektüre von »Hochliteratur« vom wahl- und maßlosen Fressen billiger Kriminahrung.

Stopp. Stimmt das überhaupt? Schauen wir uns einmal an, welche Funktion die maßgeblichen Helden der Kriminalliteraturgeschichte haben. Weltfremd? Kritiklose Zuneigung? Nichts weiter als Gefühlsduselei oder Allmachtsphantasien von in der Wirklichkeit Unterdrückten? Abwarten …

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Beginnen wir mit dem ersten globalen Krimihelden der Geschichte. Seit seinem ersten Auftreten 1887 (A Study in Scarlet) gilt er als Synonym für den unfehlbaren Detektiv, den geistigen Überflieger, dessen scharfer Verstand jedes Geheimnis zu lüften vermag. Sherlock Holmes’ Erfolg ist grandios und bis heute unübertroffen. Schon wenige Jahre nach dem Debüt beherrschen die Abenteuer des Pfeiferauchers, miserablen Geigers und gelegentlichen Kokainkonsumenten das Genre, viele Nachahmer finden sich (auch in Deutschland), es entstehen Parodien, Theaterstücke …

Woher rührte nun dieser Erfolg? In erster Linie wohl aus der Verblüffung über die Art und Weise, wie Holmes seine Fälle zu lösen verstand. Da hatte der Zufall (wie in der damals kursierenden Kriminalliteratur durchaus) keine Chance, die Welt mit all ihren angstmachenden Mysterien war mit Hilfe der kleinen grauen Zellen zu begreifen und zu beherrschen. Holmes war als Sympathieträger und Identifikationsfigur also wie geschaffen für »den kleinen Mann von der Straße«, der einerseits an die Macht des technischen Fortschritts glaubte, diesen Fortschritt aber zugleich nicht verstand.

Denn das ist eminent wichtig: die historische Zeit. Sherlock Holmes erscheint just, als der Glaube an die Beherrschbarkeit der Elemente ihren Höhepunkt erreicht. Gleichzeitig jedoch geraten liebgewordene Dinge ins Wanken, man denke nur an Freuds revolutionäre Theorie von den psychischen Instanzen und Abläufen. Alles wird unübersichtlicher, selbst die früher doch so einfachen Dinge wie der Kauf eines Hauses. Nach der Reichsgründung 1871 etwa beginnen in Deutschland großangelegte Immobilienspekulationen, Vorboten unserer aktuellen Finanzkrise, der frühere einfache Vorgang des Häuserkaufes wird abstrakt, alles hängt wie an unsichtbaren Fäden, die von unsichtbaren Mächten bedient werden.

Was aber Sherlock Holmes zum idealen Sympathieträger in einer dermaßen verwirrenden Zeit werden lässt, ist etwas anderes: Er kommt nicht allein. In seinem Gefolge der allgegenwärtige Dr. Watson, das perfekte Spiegelbild des »kleinen Mannes«, der die Dinge nicht durchschaut und voller Bewunderung zum Meister der Deduktion aufsieht. Hier erkennt sich der Leser selbst, in diesem braven, ein wenig überforderten Mann, den Holmes manchmal ein wenig spöttisch, doch immer sicher durch alle Geheimnisse geleitet.

Das unterscheidet Sherlock Holmes von seinem Urahn, Edgar Allan Poes Auguste Dupin. Der war mindestens genauso unfehlbar, doch es mangelte ihm am »menschliche Äquivalent« Watson. Die Conan-Doyle-Leser identifizierten sich nicht mit Holmes, sondern mit der Situation des Pärchens Holmes / Watson. Und das hatte eben, wie kurz ausgeführt, seinen guten Grund. Nicht Weltflucht war das Motiv, es war im Gegenteil die berechtigte Sorge um den Zustand der Welt und der in den Holmes-Romanen angebotene Optimismus.

Die Meister des »Golden Age« perfektionierten dieses Modell. Ihre Helden sind etwas weniger perfekt als Holmes und tragen daher die »Watson-Anteile« schon in sich. Ältliche Ladies, skurrile belgische Detektive oder exzentrische Adlige – das alles entsprach ebenfalls den Verhältnissen der Wirklichkeit und wirkte aufbauend. Aber die Zeiten hatten sich geändert. Ein schrecklicher Krieg, Inflation, schließlich der große Börsen- und Wirtschaftscrash von 1929 – die Dinge schienen schlimmer als angenommen, »gut« und »böse« verschwammen. So gesehen, war es vielleicht auch mehr als ein erzählerischer Gag, als Agatha Cristie in The Murder of Roger Ackroyd ihren Sympathieträger als das Gegenteil entlarvte und die liebgewonnenen Gewissheiten auf den Kopf stellte.

Die Gegenbewegung kam jedoch aus Amerika. Autoren wie Dashiell Hammett oder Raymond Chandler ersetzten die bewährte und letztlich unrealistisch gewordene Mischung aus Unfehlbarkeit und Naivität durch einen desillusionierten, moralisch schwer geprüften Protagonisten. Er war hart, aber verwundbar, er steckte Prügel ein, machte Kompromisse, seine Fälle endeten selten mit Happyend. Kurz: Diese Sympathieträger spiegelten die Wirklichkeit ebenso wider, wie es einst Sherlock Holmes und Dr. Watson ihrerseits getan haben. Trost allerdings hielten sie nicht mehr parat. In der pointierten Situation lag vielmehr ein Wiedererkennungswert. Wer in Philip Marlowes gelegentliche Melancholie mit einstimmte, wer seine Hoffnungslosigkeit teilte, der erkannte sich selbst in dieser Figur.

Ein weiterer Typus Held entstand in den Dreißiger Jahren mit Georges Simenons Kommissar Maigret. An ihm war nun so gar nichts mehr außergewöhnlich, ein normaler Kleinbürger mit intaktem Familienleben, der seine Fälle weniger mit intellektueller Brillanz als vielmehr mit Menschenkenntnis löste. In diese Kategorie gehört ebenfalls Friedrich Glausers Wachtmeister Studer. Unbestechlich und bieder, mitfühlend und »mit dem Herzen denkend«. Spätestens hier wird das Vorurteil vom weltflüchtenden Leser nicht mehr haltbar. Denn die Welt, durch die sich Maigret und Studer bewegen, ist die Welt des Lesers.

Ein vierter Typ tauchte nach dem Zweiten Weltkrieg auf: der Protagonist des Noir-Krimis. Er ist letztlich zum Scheitern verurteilt, von seinem Verwandten, dem Hardboiled-Detektiv der Hammett/Chandler – Schule unterscheidet er sich vor allem dadurch, dass er seine Hoffnungslosigkeit durch Zynismus erträglich zu machen versucht. Ein »Sympathieträger« im eigentlichen Sinn kann er nicht sein. Man scheut sich auch davor, Figuren wie den Sergeant in den Romanen Derek Raymonds »Helden« zu nennen. Die französische Spielart des Noir schließlich macht dem Helden vollends den Garaus (man vergleiche etwa die Romane von Jean Amila oder Jean-Patrick Manchette).

Ich kann diese historische Typologie der Krimihelden an dieser Stelle leider nur in ihren wesentlichen Punkten antippen. Es sollte dennoch deutlich geworden sein, dass sich die einzelnen Helden und Sympathieträger des Genres nach der jeweiligen geschichtlichen / gesellschaftlichen Situation entwickelt haben und weit komplexer sind als es der allgemeinen Auffassung von Trivialliteratur entspricht. Mit wem ich warum sympathisiere oder mich gar identifiziere, ist ein direkter Reflex auf meine Lebenssituation und den allgemeinen Zustand der Welt, in der ich lebe. So gesehen, ist ein Duo wie Holmes/Watson, das ja Ängste sichtbar macht und gleichzeitig Lösungen bzw. Trost anbietet, auch heute nicht überholt. Mit der Zeit hat sich die Galerie der Sympathieträger komplettiert, sie reicht vom schlichten Übermenschen wie etwa in den Groschenheften bis zur komplexen Persönlichkeit des Noir. Sie sind uns nicht nahe, weil wir so sein wollen wie sie, sondern weil sie an unserer Stelle Konflikte lösen, Probleme auf den Punkt bringen oder ganz einfach zeigen, dass das Leben komplizierter ist als irgendwelche Schwarz-Weiß-Zeichnungen. Das könnte auch die Hinwendung zu den eher dunklen Seiten der menschlichen Psyche erklären. Niemand möchte Hannibal Lecter sein. Aber jeder spürt, dass sich in diesem Bösen auch das Gute verbergen kann – und umgekehrt. Solche »Helden« sind uns also vielleicht deshalb sympathisch, weil sie bei aller Überzeichnung doch unsere Realität wiedergeben und imstande sind, uns zu irritieren. Und Literatur, der das gelingt, ist alles andere als »trivial und minderwertig«.

Wenden wir uns zum Ende dieser Überlegungen einer Heldin zu, die wie keine andere der letzten Jahre Lesersympathien zu wecken vermochte: Stieg Larssons Lisbeth Salander. Man kann von Larssons Romanen halten was man will – aber Lisbeth ist ein Geniestreich, denn sie holt alle Typen von Helden und ihren Sympathisanten ab. Sie gibt das Opfer (behindert, betrogen, missbraucht), die Täterin (rachedürstend, betrügend, brutal), die Detektivin (zusammen mit ihrem eher blassen Sidekick Blomkvist), die Hilflose (gejagt von Polizei und dunklen Mächten gleichermaßen) und die Unfehlbare (körperlich kaum zu überwinden, mit erstaunlichen Computerkenntnissen etc.). Hier vereinigt sich alles, was sich seit Sherlock an Krimihelden entwickelt hat. So betrachtet, kommt der grandiose Publikumserfolg nicht von ungefähr.

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ISSN 1862-7528