Stolz und Vorurteil: Die E-Book-Revolution und warum sie gelingen könnte

Von Dieter Paul Rudolph

Haben Sie schon den Bestseller von Nika Lubitsch gelesen? Steht noch vor dem Shades of Grey-Hype. Kennen Sie Monströs von Chris Karlden, auch so ein Hit und kostet nur 99 Cent? Genauso wohlfeil Das Rotkäppchen-Syndrom von Peter Niemtsch. Sehr beliebt auch Der Hundeflüsterer von B.C. Schiller. Ach, kennen Sie nicht? Nie gehört, geschweige gelesen? Dann besitzen Sie keinen E-Book-Reader von Amazon oder sind generell eine/r von diesen altmodischen PapierleserInnen. Aber nicht mehr lange, glauben Sie mir. Denn merke: Das E-Book ist auf dem Siegeszug. In den USA schon länger, jetzt auch bei uns.

Wer sich ein wenig auskennt im großen Land der geraunten Prognosen und »des nächsten Big Thing«, wird jetzt mitleidig den Kopf schütteln. Schließlich verheißt man uns den endgültigen Durchbruch des E-Books seit Jahren, sein Anteil am gesamten Buchmarkt ist jedoch nur moderat gestiegen. Konkrete Zahlen liegen nicht vor, die Angaben schwanken zwischen zwei und fünf Prozent. Das E-Book also vielleicht doch ein Rohrkrepierer? Einer von mehreren, seit der Untergang von Drucksachen aller Art vorhergesagt wird? Erinnern wir uns: Mit dem Computer kam die Vision des »papierlosen Büros«. Die hielt man so lange für realistisch, bis jemand auf die Idee kam, man könne das, was da digital auf der Festplatte schlummerte, doch auch ausdrucken… Seitdem erstickt man unter Papierbergen. Auch die Literatur, besonders die Krimis, sah sich einer Revolution gegenüber. Jahrhundertelang waren Texte veröffentlicht worden, die man von links nach rechts und vorne nach hinten las. Mit dem Digitalen kam nun die Technik des Hyperlinks. Texte wurden plötzlich zu »Flächen«, durch die der Leser nach eigenem Gusto wandern konnte. Von einem Hauptstrang aus verzweigten sich weitere Wege, wurden zusätzliche Informationen zugänglich. Zunächst auf CDs, dann im Internet entstanden »interaktive, multimediale Krimis« – die in etwa den Charme von billigen Computerspielen oder öden Klick-Orgien versprühten. Durchgesetzt haben sie sich jedenfalls nicht.

Das ist schade, denn die erweiterten Möglichkeiten der Technik sind prinzipiell imstande, die Dramaturgie von Literatur im Allgemeinen und Krimis im Besonderen zu verändern. Wenn eine Story nicht mehr »stringent« verläuft, sondern auf unterschiedlichen Wegen von den Lesern erkundet wird, hat das natürlich Auswirkungen auf die Erzählstrategie. Ein Unterfangen, das mit enormem Aufwand verbunden ist und vielleicht einen neuen Typus von Autor erfordert. Warten wir, ob er irgendwann am Horizont auftaucht.

Wenn schon nicht inhaltlich, so veränderte der Siegeszug des Digitalen doch rein technisch die Bücherwelt. Wen die Umstände zum »Selbstverleger« machten (sprich: wer nicht bei einem Verlag unterkam), der braucht heute nicht mehr wie früher sein Manuskript als Selbstzahler für teuer Geld zu veröffentlichen. Die Technik des »book on demand« ermöglicht es jedermann, quasi umsonst als Autor vor die Welt zu treten. Gedruckt wird eben »auf Nachfrage«, Lagerbestände, die dann im Keller verstauben, gibt es nicht. Und manchmal, siehe Nele Neuhaus, ist diese Selbstinitiative der Beginn einer traumhaften Karriere…

… meistens jedoch nicht. Denn neben dem gängigen Vorurteil (das auch in den meisten Fällen zutrifft), es handele sich bei Selbstverlegtem um Literatur, die besser in der Schublade geblieben wäre, bleibt das Grundproblem unangetastet: Wie erfährt der potentielle Leser, dass es mein Werk überhaupt gibt? Dazu gleich mehr.

Kommen wir zurück zum E-Book. Es hat, jenseits romantisch-verklärter Vorstellungen vom »Kulturgut und haptischen Ereignis Buch«, offensichtliche Vorteile, nimmt keinen wertvollen Platz in zu kleinen Wohnungen in Anspruch, verfügt über variable Schriftgrößen, ist überall verfügbar und zumeist billiger als die gedruckte Variante (auch darauf müssen wir gleich noch zu sprechen kommen). Leider erlauben sich die Anbieter der Lesegeräte gerade den gleichen Fehler, an dem schon andere Innovationen auf dem Unterhaltungs- und Elektroniksektor gescheitert sind oder unnötig verzögert wurden. Man ist sich nämlich nicht einig, in welchem Format die E-Books und mit ihnen die Lesegeräte angeboten werden sollen. Ein sehr ärgerlicher, weil umständlicher Kopierschutz kommt hinzu, der etwa das grundsätzlich mögliche Verleihen der bezahlten Bücher zum größeren Akt macht. Prinzipiell jedoch gilt: E-Books sind neben Book on Demand eine weitere interessante Chance für Autoren, ihre Werke anzubieten. Bleibt das oben erwähnte alte Problem: Wie kommt das Buch zum Leser?

Das System Amazon…

Als Autor eines Verlags kann ich mich auf die dort geknüpften Verbindungen verlassen, darauf, dass ein Vertreter Buchhandlungen abklappert, eventuell Anzeigen geschaltet und Rezensionsexemplare verteilt werden. Der Autor selbst wird die berühmten »sozialen Netzwerke« nutzen, seine Homepage auf dem aktuellsten Stand halten, Lesungen durchführen… doch ohne das Knowhow und den Apparat seines Verlags wird es ihm schwerfallen, überhaupt wahrgenommen zu werden.

Der Online-Versandhändler Amazon führt mehrere Millionen Bücher in seinem Sortiment. Gebe ich mein E-Book diskret dazu, fällt das nicht weiter auf. Vielleicht erbarmen sich meine Verwandten und Freunde, ein Exemplar zu kaufen, mit viel mehr darf ich allerdings nicht rechnen. Nun ist Amazon aus einem ganz bestimmten Grund jedoch daran interessiert, seinen Kunden möglichst viele möglichst preiswerte, gar kostenlose E-Books anzubieten. Sein Lesegerät Kindle nämlich lechzt nach Futter. Es arbeitet mit einem proprietären Dateiformat, also nicht mit dem sonst gängigen Epub, die Amazon-E-Book-Welt ist eine Binnenwelt, die Angebot und Nachfrage intern regeln muss. Deshalb hatte Amazon eine Idee…

Um mein Buch bekannt zu machen, darf ich es bei Amazon nämlich für begrenzte Zeit verschenken, innerhalb von drei Monaten exakt fünf Tage lang. In diesem Zeitraum habe ich auch einen Exklusivvertrag mit Amazon abgeschlossen und darf mein Werk auf keiner anderen Plattform anbieten. Verschenken? Wozu soll das gut sein? Die meisten Autoren wollen ihre Bücher verkaufen… Doch genau da greift das System Amazon. Wenn ich ein Buch zum kostenlosen Download anbiete und 4000 oder mehr Kindle-Besitzer davon Gebrauch machen, gilt jeder dieser Downloads als »Kauf«. Ich bekomme zwar kein Geld dafür, tauche aber NACH der Aktion auf diversen Listen auf, mit deren Hilfe sich KÄUFER dann informieren. Und dann wird tatsächlich gekauft…

… und wie KrimiAutorinnen davon profitieren können

Ich habe vor kurzem selbst von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht und meinen Erstling Menschenfreunde von 2008 als E-Book bei Amazon hochgeladen und angeboten. Prompt erklomm ich Rang 1 – bei den Gratisbüchern. Über 3000 Downloads binnen drei Tagen, ich verspürte am eigenen Leib, wie sich Bestsellerautoren fühlen müssen, wenn man ihnen ihre Arbeit aus den Händen reißt. Gut. Verdient habe ich daran nichts. Aber das war auch gar nicht meine Intention. Über 3000 Kindle-Besitzer hatten einen Titel von mir auf ihrem Lesegerät, würden vielleicht reinschauen, würden das Buch lesen, es würde einigen von ihnen gefallen, sie würden andere Bücher von mir kaufen… Werbung also. Macht übrigens jeder Verlag, wenn er kostenlose Bücher an Rezensenten verteilt oder Buchhändler mit »Leseexemplaren« bestückt.

Was danach kam, hat mich allerdings verblüfft. Ich HABE verkauft! Von den Menschenfreunden gingen binnen eines Monats ca. 160 Exemplare über den virtuellen Ladentisch, zum moderaten Preis von 3,35 Euro, von denen mir ca. 70 % als Autorenhonorar verblieben, ein Satz, von dem man ansonsten nur träumen kann (von jedem Papierexemplar habe ich damals knappe 5 % bekommen…). Und das war noch gar nichts. Andere Autoren verkaufen ihre Bücher bei Amazon tausendfach. Ich war dennoch mehr als zufrieden, und Amazon war es natürlich auch. So etwas nennt nicht nur der BWLer eine Win-Win-Situation. Dass dieses ganze System eines Tages wie eine Finanzblase zerplatzen kann – sehr gut möglich. Im Moment funktioniert es aber noch.

Also alles perfekt? Ende des Verlagswesens, wie wir es kennen, es lebe der Selbstverleger? Nicht ganz. Man braucht nur einen Blick in die angebotenen Krimis zu werfen, um festzustellen, wie genau diese schöne neue Welt aussieht. Dass jeder und jede seine/ihre Ergüsse publik machen kann, nun, das nehmen wir hin. Dass die feilgebotenen Werke aber durch die Bank unlektoriert sind, dass kein kundiges Auge sich der Rechtschreib- und Grammatikfehler annimmt, dass sich unbeholfene Formulierung an unbeholfene Formulierung reiht, also alles fehlt, was eigentlich Aufgabe des Verlagsapparates ist, lässt sich schwer ertragen.

Noch schwerer zu ertragen ist allerdings die Selbstdarstellung mancher dieser Möchtegerns, die sich als »unabhängige Autoren« oder, weil es noch cooler klingt, als »independent« bezeichnen. Das hat etwas von »revolutionär, gegen den Mainstream«, ist aber in Wirklichkeit nichts weiter als der Etikettenschwindel von Leuten, die den Markt mit minderwertigen »Krimis« überschwemmen, die auch inhaltlich so bieder daherkommen, dass es einen graust. Ausnahmen gibt es natürlich, wie überall. Und einen Vorteil haben diese Bücher auch: Sie werden zumeist spottbillig angeboten und schlagen wenigstens auf diesem Gebiet die Angebote »richtiger Verlage«.

Bei dieser Gelegenheit ein paar Worte zur Preisgestaltung, die ein ständig thematisiertes Ärgernis in diversen E-Book-Foren zu sein scheint. Zunächst einmal: E-Books sind, wie ihre papiernen Kollegen auch, preisgebunden. Das heißt: Ein Buch muss auf sämtlichen Plattformen zum gleichen Preis angeboten werden. Falsch ist hingegen die oft kolportierte Behauptung, der Preis von E-Books sei an die der Papierausgabe gekoppelt! Obwohl man genau das glauben könnte. Normalerweise liegt der Preis der digitalen Variante etwa 20 % unter der des Papierbuchs. Das gilt nicht nur für Taschenbücher, sondern auch für Hardcovers! Was natürlich ein Witz ist. Datei ist Datei und der Käufer eines E-Books bekommt kein Hardcover-E-Book, auch wenn er genau dafür bezahlt.

Allerdings: Die Kosten für die Verlage bleiben in etwa die gleichen, ob sie nun ein E-Book oder eine Printversion anbieten. Abzüglich der Druckkosten natürlich, die aber selten über 20% der Gesamtkosten liegen, abzüglich auch der Lagerkosten. Wer es noch nicht weiß: Den Löwenanteil am Buchpreis kassieren die Grossisten und Buchhändler, gelegentlich über 50 %. So betrachtet, sind die gängigen Preise für E-Books mitnichten zu hoch. Und merke: Man bezahlt nicht nur den reinen Materialwert, sondern den Inhalt! Und der bleibt ja gleich.

Zwischenfazit: Es tut sich was – aber nichts Gutes. Das E-Book wird zum Medium der Talentlosen. Einspruch! Denn neben dieser Entwicklung gibt es eine andere, und die ist wirklich dazu geeignet, den Krimimarkt (beschränken wir uns weiterhin auf ihn) zu verändern. Auch hierzu ein konkretes Beispiel.

2003 veröffentlichte der in den USA lebende, aber deutsch schreibende Autor Peter J. Kraus seinen Krimierstling Geier. Die Kritik war begeistert, das Buch schaffte es in die engere Auswahl zum Glauser-Preis – und verschwand danach wie sein Schöpfer sang- und klanglos von der Bildfläche. Der Knaur-Verlag, in dem Geier erschienen war, legte keinen Wert mehr auf weitere Krimis von Peter J. Kraus, ein Umstand, den der Schreiber dieser Kolumne seit Jahren bedauert. Erst 2011 tauchte Kraus im Saarbrücker Conte Verlag mit Joint Adventure erneut auf und bewies, dass er zur Spitzenklasse gehört.

Vor kurzem nun hat Peter J. seinen längst nur noch antiquarisch zu habenden Geier als E-Book bei Amazon publiziert. Und siehe da: Die Datei hat sich innerhalb weniger Wochen mehrere tausend Mal verkauft! Das hat den Autor ermutigt, auch die Fortsetzung Aasgeier elektronisch zu publizieren – als Erstveröffentlichung. Wieder mit durchschlagendem Erfolg.

E-Books sind also ein Segen für all jene Autoren, die trotz nachgewiesener Klasse irgendwie aus dem normalen Markt gefallen sind. Ein weiteres Beispiel wäre Marcus Starck, ein in Australien lebender Österreicher, dessen Erstling SexDotCom (Pulpmaster Verlag) ebenfalls für Furore sorgte, dem Autor jedoch keinen Folgevertrag einbrachte. Als E-Book ist das Werk nun ebenso wieder verfügbar wie der Nachfolger 419 – Ohne Namen wird mich der Tod nicht finden, von dem es noch keine Printausgabe gibt.

Kein deutsches Phänomen. Die grandiose Liza Cody etwa, seit längerem von ihrem amerikanischen Verlag aussortiert, veröffentlicht nun digital und nutzt daneben die Möglichkeit des Book on Demand, ihre Werke eigenständig zu vertreiben. Das ist auch bitter notwendig, denn nicht nur in den USA wird die sogenannte Backlist, also der Katalog der bisher erschienenen Werke eines Autors, immer kurzlebiger. Was sich nicht in einem überschaubaren Zeitrahmen verkauft, wird gnadenlos verramscht und verschwindet aus den Gesamtverzeichnissen der Verlage, ist also »nicht mehr lieferbar«. Mit der E-Book-Technik eröffnen sich hier neue Chancen für Autoren. Wenn nämlich ein Verlag nichts mehr mit den ihm übertragenen Verwertungsrechten plant, fallen sie zurück zu den Urhebern. Und die verwerten nun selbst…

Bei alledem stehen die Verlage unter Zugzwang. Einerseits besitzen sie das Knowhow, das vielen der veröffentlichten Werke abgeht. Andererseits agieren sie zögerlich, pflegen eine Hochpreispolitik und verfallen in die gleichen Fehlermuster wie die CD-Industrie. Das E-Book als lukrative Zweitverwertungsschiene, bei dem der Käufer noch einmal mit Kosten belastet wird, die das Printprodukt längst wieder eingespielt hat. Das ist kein Plädoyer für die billigheimernde Geiz-ist-Geil-Philosophie. E-Books haben ihren Preis und müssen ihn haben. Etwas Flexibilität täte dem Markt aber dennoch gut.

Wagen wir zum Abschluss einen spekulativen Blick in die Zukunft. Der Anteil der E-Books wird weiter ansteigen, ohne indes die Printerzeugnisse verdrängen zu können. Autoren werden vermehrt die Sache in die eigenen Hände nehmen, ihre Backlists elektronisch publizieren, ansonsten jedoch weiterhin mit Verlagen zusammenarbeiten. Aber wohl autonomer, eher in einem Dienstleistungs- denn in einem Abhängigkeitsverhältnis. Wer sich den geänderten Verhältnissen nicht anpasst, wird gnadenlos auf der Strecke bleiben, so sind nun einmal die Spielregeln der Marktwirtschaft. Für kleine Verlage ergeben sich neue Chancen. Sie können via E-Book auch sperrige Werke anbieten, das neue Medium gewissermaßen als Testgelände für den Printbereich nutzen. Die Überschwemmung mit dem unsäglichen Schund wird zurückgehen – hoffentlich. Irgendwann werden auch diejenigen, die jeden zusammengepanschten Schaumwein für edlen Champagner halten, übersättigt sein. Schlecht sieht es für Buchhandlungen aus. Das Sterben dort wird weitergehen.

Und die Kriminalliteratur? Hier greift nüchterne mathematische Statistik. Je größer der Ausstoß an Texten, als Print- oder elektronisches Produkt, desto höher die Chance, dass sich unter all den Nichtigkeiten auch Diamanten befinden. Man wird sie nur suchen müssen. Dem steht nichts im Wege.

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