Die letzte Fahrt des Admirals von Dorothy L. Sayers

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1931 unter dem Titel The Floating Admiral. A Composite Mystery Novel, deutsche Ausgabe erstmals 1983 bei Wunderlich.
Ort & Zeit der Handlung: England, Dorset, 1930 - 1949.

  • London: Hodder & Staughton, 1931 unter dem Titel The Floating Admiral. A Composite Mystery Novel. 351 Seiten.
  • Tübingen: Wunderlich, 1983. Übersetzt von Alexandra Wiegand. 352 Seiten.
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1987. Übersetzt von Alexandra Wiegand. Alexandra Wiegand. ISBN: 3-499-12112-3. 352 Seiten.

'Die letzte Fahrt des Admirals' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Als Admiral Peniston erstochen in einem Ruderboot gefunden wird, muss sich Inspektor Rudge nicht nur mit widersprüchlichen Indizien und widerstrebenden Zeugen, sondern auch mit den Launen eines widerspenstigen Flusses plagen ... – Klassiker des »Kollektiv-Krimis«, den 13 Mitglieder des legendären »Detection Clubs« zu London 1931 gemeinsam verfassten: trotz der komplizierten Genese entstand ein urbritischer Rätsel-Krimi der etwas trockenen aber zeitlos unterhaltsamen Art.

Das meint Krimi-Couch.de: »Mordnächtliche Umtriebe eines toten Seemanns« 80°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

In Lingham, einem Dorf unweit der Kanalküste in der englischen Grafschaft Dorset, geht Neddy Ware wieder einmal früh am Morgen aus dem Haus, um Fische aus dem Fluss Whyn zu angeln. Dieses Mal ist seine Beute jedoch ungenießbar: Als Neddy ein im Wasser treibendes Ruderboot ans Ufer zieht, liegt auf dessen Boden die Leiche des Admirals außer Dienst Hugh Lawrence Penistone, der sich unlängst in Lingham niedergelassen hat: Ihm wurde ein Dolch ins Herz gestoßen.

Inspektor Rudge aus Whynmouth, der nahen Stadt, übernimmt den Fall. Er findet einen schwierigen Tatort vor. Zwar lässt sich das Boot rasch als Transportmittel des Pfarrers Mount identifizieren, doch es wurde gestohlen und mit der Leiche in den Fluss gestoßen. Vermutlich hoffte der Mörder, es werde in die nahe Nordsee hinaustreiben, doch er kannte offensichtlich die komplexen Strömungsverhältnisse vor Ort nicht: Der Tidenhub beeinträchtigt die Strömung des Whyn, der nur bei Ebbe gen Meer fließt, während die Flut diese Richtung umkehrt. Da in der Mordnacht die Gezeiten wechselten, bleibt die wichtige Frage unklar, wo genau die Leiche in das Boot gelegt wurde.

Die Befragung möglicher Zeugen (oder Täter) gestaltet sich ähnlich problematisch. Admiral Penistone war ein schroffer, unnahbarer Mann, der sich keine Freunde gemacht hat. Nicht einmal Elma Fitzgerald, seine Nichte, die mit ihm im Landhaus »Rundel Croft« lebte, macht einen Hehl aus ihrer Abneigung; der Onkel war gegen die anstehende Heirat mit dem aufbrausenden Arthur Holland.

Auch sonst hüllen sich die die guten Menschen von Lingham in auffälliges Schweigen. Sogar Pfarrer Mount benimmt sich verdächtig. Des Mordrätsels Lösung muss wohl in der Vergangenheit des Admirals gesucht werden, dessen Laufbahn Anno 1911 und in China durch einen vertuschten Skandal verdüstert und verkürzt wurde …

Krimi als Quilt

Die Idee, einen Roman mit stringenter Handlung von mehreren Autoren verfassen zu lassen, wurde natürlich nicht von den Mitgliedern des »Detection Clubs« zu London erstmals in die Tat umgesetzt. Der Gedanke liegt durchaus nahe, und Schriftsteller sind in der Regel nicht abgeneigt, etwas Neues auszuprobieren. In diesem Fall entwickelte sich ein freundlicher Wettkampf zwischen Autoren, die sich die Frage stellten, ob es ihnen gelingen könnte, einen Kriminalroman zu verfassen, der genretypisch die Geschichte eines Verbrechens und seiner Aufklärung erzählte, ohne vorab Tathergang, Motiv und Aufklärung zu fixieren.

In einem Vorwort erklärt Dorothy L. Sayers, selbst Mitautorin und hinter den Kulissen an der Koordinierung des Projektes beteiligt, die daraus resultierende Problematik: Der Plot sollte kein Spielball der Beteiligten werden, sondern im Zuge der Niederschrift eine solide Vorlage bilden, der sich das Autorenkollektiv zu unterwerfen hatte. Jene individuelle Noten, an der erfahrene Leser Romane oder Geschichten von Agatha Christie, G. K. Chesterton und anderen Vertretern des klassischen britischen Rätselkrimis erkennen konnten, mussten für den gemeinsamen Ereigniskurs zurückgenommen werden.

Zwar fiktiv aber gleichzeitig vorgegeben war ein Handlungsbogen, der den Autoren verbot, das Geschehen durch gänzlich neue, vor allem der Überraschung geschuldete Einfälle und Entwicklungen zu bereichern. Jeder Teilnehmer musste die Vorgeschichte und damit die Ideen seiner Vorgänger berücksichtigen, d. h. aufgreifen, erläutern oder verwerfen. Auf diese Weise wurde die Arbeit für jene Autoren deutlich schwieriger, die sich der späteren Kapitel annahmen: Immer mehr Vorgaben mussten gekannt und einbezogen werden.

Profis auf dem Spielfeld

Allerdings überraschten sich die 13 (von 26) Mitglieder des »Detection Clubs« sich quasi selbst: Das Projekt wurde nicht nur planmäßig realisiert, sondern auch zufriedenstellend abgeschlossen. Sayers gab sich beeindruckt vom Einfallsreichtum ihrer Kolleginnen und Kollegen, die über die Fortsetzung der Handlung hinaus jeweils eigene Lösungsvorschläge präsentierten; sie wurden dem Band selbstverständlich beigefügt und belegen, dass sich eine dem Laien fixiert erscheinende Geschichte in den Händen von Profis in gänzlich unerwartete Richtungen bewegen kann.

Strenge Kritiker fanden wie üblich trotzdem das Haar in der Suppe. In der Tat wirkt Die letzte Fahrt des Admirals konstruiert. Angesichts des skizzierten Spielraums, innerhalb dessen die Autoren sich bewegen durften, kann dies nicht erstaunen. Zudem wirken die Rätselkrimis der »Goldenen Ära« dieses Genres aus heutiger Sicht generell oft hölzern: Der Plot steht im Vordergrund, und die Figuren haben sich ihm unterzuordnen, während es heute eher umgekehrt ist. Faule Tricks waren verpönt. Dies galt ganz besonders für die Mitglieder des »Detection Clubs«, denen Gründungsmitglied Ronald A. Knox (1888-1957) – zudem ein Geistlicher – 1929 einen Eid (»solemn oath«) bzw. »Zehn Regeln für einen fairen Kriminalroman« formuliert hatte.

Folgerichtig haben Tatbestände, Indizien und Aussagen in Die letzte Fahrt des Admirals sämtlich Hand und Fuß, obwohl mit dem Fortschreiten der Ereignisse nicht nur sie an Zahl zunehmen, sondern auch die Interpretationen geradezu abenteuerlich wechseln. Was gerade noch galt, wird vom nächsten Verfasser in Frage gestellt, ohne den Handlungsbogen zu beeinträchtigen – wahrlich eine Kunst, weshalb zu entschuldigen ist, dass der Mechanismus hinter der Geschichte ein wenig zu deutlich zu Tage tritt.

Stricke, Bärte, Renekloden

Die Herausforderung war groß, denn obwohl sich die Teilnehmer an die Vorgaben hielten, suchten und fanden sie selbstverständlich Nischen. Außerdem waren sie – in aller Freundschaft – boshaft genug, Indizien ins Geschehen zu schmuggeln, die außerordentlich schwierig zu erklären waren. Den gewieften Krimi-Profis gelang es, aber manchmal mussten sie sich gewaltig anstrengen, um der Logik so in den Sattel zu helfen, wie es der strenge R. A. Knox forderte. Ihm ging schon die kurze Vorgeschichte zu weit, weil sie in China spielte: Allzu oft ließen Autoren geheimnisvolle oder gar mit magischen Kräften begabte Asiaten auftreten, die dank ihrer Fähigkeiten »unfaire« Auflösungen aus ihren Kegelhüten zauberten; dies war durchaus ein Seitenhieb auf erfolgreiche Zeitgenossen wie Sax Rohmer (1883-1959), der dies in seinen ungemein beliebten Romanen um den Superschurken Dr. Fu Manchu exzessiv zelebrierte.

Ungeachtet einer trotzdem gewahrten Indiz-Ökonomie sammelten sich ohnehin mehr als genug Hinweise und Andeutungen an, die einer Erläuterung bedurften. Man muss das Autorenkollektiv loben: Nur ein, zwei Indizien entpuppen sich nachträglich als irrelevant. Der Ehrgeiz war groß, selbst obskure Spuren aufzugreifen und schlüssig in das Geschehen einzubetten. Da wird eine Leine, mit der das leichengefüllte Boot am Anlegepier angebunden werden kann, gleich mehrfach und mit verschiedenen Messern durchschnitten, ein abgeschnittener Bart aus einem verstopften Abfluss gezogen oder ein Häuflein noch feuchter Edelpflaumenkerne entdeckt: Kein Wunder, dass die Figuren neben solchem Detailreichtum verblassen.

Freilich ist die Darstellung einer durchweg überzeugenden und gleichzeitig lebendigen Figur eine Kunst, die selbst 13 erfahrene Schriftsteller überfordert haben dürfte. Die auftretenden Protagonisten weisen durchaus individuelle Züge auf. Dem Leser fällt aber auf, dass diese überspitzt sind und manchmal die Grenze zur Karikatur überschreiten. Nur auf diese Weise ließen sich jene Eigenheiten, mit denen die beteiligten Autoren normalerweise ihre Figuren ausstatteten – was sie auch hier nicht gänzlich unterdrücken konnten (oder wollten) – nivellieren. Nur in einem Fall ging man von diesem Konzept ab: Inspektor Rudge ist ein bemerkenswert farbloser Charakter. Er ist so handlungspräsent, dass Abweichungen im Denken, Reden oder Handeln besonders auffällig wären. Die offensichtliche Stromlinienform seiner Figur macht dies kontrollierbar.

Der Kollektiv-Krimi blieb ein Nischenprodukt, obwohl er immer wieder (und auch vom »Detection Club«) auflebte. Die Werbung liebte ihn stärker als die Kritik, die sich an seinen Mechanismen rieb. Nichtsdestotrotz ist er als Experiment reizvoll, wie Die letzte Fahrt des Admirals belegt. Die beteiligten Autoren legten eindeutig bessere Einzelromane vor als dieses Gemeinschaftswerk, das trotzdem Lese-Spaß!

Autoren

In der Reihenfolge ihrer Mitwirkung verfassten diese Autorinnen und Autoren Die letzte Fahrt des Admirals:

* Diese Autoren legten keine Lösungsvorschläge vor. Sie schrieben den Prolog (Chesterton) sowie die beiden ersten Kapitel (Whitechurch u. Cole/Cole). Hier war die Handlung noch in der Entwicklung begriffen. Ein Klärungsversuch für ein Geschehen, das jede Wendung nehmen konnte, wäre ein sinnloses Unterfangen geworden.

Namen wie Agatha Christie (Miss Marple, Hercule Poirot), Dorothy L. Sayers (Lord Peter Wimsey) und G. K. Chesterton (Father Brown) sind auch der breiten Krimi-Leserschaft weiterhin präsent. Wer ein wenig mit der Genre-Historie vertraut ist, kennt auch Klassiker-Größen wie Henry Wade, R. A. Knox, Freeman Wills Croft oder Anthony Berkeley Cox. Autoren wie Victor Whitechurch, John Rhode oder E. A. Jepson wurden hierzulande kaum oder gar nicht übersetzt; ihre Werke blieben dem englischsprachigen Publikum vorbehalten, das sie keineswegs grundlos ähnlich hoch schätzte wie die der weltweit gerühmten Krimi-Prominenz.

Michael Drewniok, Juli 2015

Ihre Meinung zu »Dorothy L. Sayers: Die letzte Fahrt des Admirals«

Helfen Sie anderen Lesern, indem Sie einen Kommentar zu diesem Buch schreiben und den Krimi mit einem Klick auf die Säule des Thermometers bewerten. Und bitte nehmen Sie anderen Lesern nicht die Spannung, indem Sie den Täter bzw. die Auflösung verraten. Danke!

Ihr Kommentar zu Die letzte Fahrt des Admirals

Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.

Seiten-Funktionen: