Wenn es Nacht wird in Tokio von Don Lee

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2004 unter dem Titel Country of Origin, deutsche Ausgabe erstmals 2005 bei Goldmann.
Ort & Zeit der Handlung: Japan / Tokio, 1990 - 2009.

  • New York: W. W. Norton, 2004 unter dem Titel Country of Origin. 315 Seiten.
  • München: Goldmann, 2005. Übersetzt von Renate Reinhold. ISBN: 3-442-45984-2. 376 Seiten.

'Wenn es Nacht wird in Tokio' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

In Tokio verschwindet die junge Amerikanerin Lisa Countryman spurlos. Mit den Ermittlungen werden der amerikanische Botschaftsangestellte Tom Hurley und der japanische Kommissar Kenzo Ota beauftragt. Doch Lisas Schicksal bleibt rätselhaft, zumal nicht klar ist, was die Frau in dieser fremden Stadt eigentlich suchte. Endlich entdeckt Ota eine Spur, die ihn mitten in das so aufregende wie gefährliche Nachtleben Tokios führt …

Das meint Krimi-Couch.de: »Auf der Suche nach Identität im rätselhaften Japan« 78°

Krimi-Rezension von Eva Bergschneider

Der Newcomer Don Lee veröffentlichte im Jahr 2001 »Yellow«, ein Buch mit Kurzgeschichten, die sich mit dem Leben der Asiaten in der »weißen« Gesellschaft Amerikas beschäftigen. Für seinen ersten Kriminalroman »Wenn es Nacht wird in Tokio« erhielt Don Lee den diesjährigen Edgar Allan Poe Award in der Kategorie »Best First Novel«, ein Preis der als absolutes Gütesiegel gilt. Es stellt sich die Frage, ob es dem Autor gelungen ist einen Kriminalroman zu verfassen, der dem Leser glaubhaft Einsicht in die asiatische Lebensart vermittelt und außerdem spannende Unterhaltung bietet.

Eine Geschichte aus drei Perspektiven und..

Tokio 1980: Während die Welt gebannt das Schicksal der amerikanischen Geiseln im Iran verfolgt, bearbeitet Tom Hurley,  amerikanischer Botschaftsangestellter in Tokio und Opportunist, die Vermisstenanzeige von Susan Countryman aus Richmond/Virginia, die ihre Schwester sucht.

Die Bearbeitung des Falls Lisa Countryman geht eher lustlos voran. Tom geht davon aus, dass das Mädchen freiwillig abgereist ist und wendet sich lieber anderen Interessen, Sport und den Frauen, zu. Die Bekanntschaft mit Julia ändert Toms Einstellung zu dem Fall, offensichtlich interessiert sie sich für das Schicksal der jungen Amerikanerin und er hat nun einen Grund, die Suche etwas engagierter anzugehen. Die Affäre mit Julia verlangt ihm einiges mehr ab, als er eigentlich zu geben vorgesehen hatte. Toms Neigung, den Konsequenzen eigener Fehler aus dem Weg zu gehen, treibt ihn zunehmend in die Enge. Welches Spiel spielt Julia mit ihm und was hat das alles mit der verschwundenen Amerikanerin zu tun?

Kenzo Ota, Kriminalassistent und Neurotiker bearbeitet den Fall bei der Tokioter Polizei. Er ist seit 14 Jahren geschieden, ein einsamer Außenseiter, der aufgrund von Geräuschen aus dem Kühlschrank das Appartement wechselt, um sich anschließend bei seiner Vermieterin über Sex-Laute aus der Nachbarwohnung zu beschweren.

Kenzo hat einen Teil seiner Kindheit in den Staaten verbracht. Nach seiner Rückkehr nach Japan fiel es ihm schwer, im japanischen Schulsystem wieder Fuß zu fassen. So wurde aus ihm ein eher mittelmäßiger Polizeibeamter, dem Erfahrungen mit den Amerikanern nachgesagt werden. Kenzos Motivation sich in dem Fall mehr als gewöhnlich zu engagieren, ist dem Umstand zuzuschreiben, dass ihm sein Chef im Büro einen Fensterplatz zugewiesen hat, was einer Degradierung gleichkommt. Hartnäckig folgt Kenzo den Spuren aus dem Leben der Amerikanerin in das bizarre Nachtleben Tokios und erlebt hautnah ein Japan jenseits der Norm.

Lisa Countryman kommt nach Tokio, um ihre Herkunft zu erforschen. Sie wurde als vierjähriges Mädchen aus einem Waisenhaus von einem afro-amerikanischem Ehepaar adoptiert, dass am Militärstützpunkt Yokohama stationiert war.  Sie weiß nur, dass ihre leibliche Mutter Japanerin und ihr Vater zumindest teilweise afro-amerikanischer Abstammung war. Lisas Adoptiveltern nehmen sie zu diversen Militärstützpunkten mit ehe sie schließlich in Norfolk/Virginia ihren Highschool-Abschluss macht, um in Berkeley Kulturantropologie zu studieren. In Tokio gibt Lisa vor, Recherchen für ihre Dissertation durchzuführen. Sie versucht zunächst als Englisch-Lehrerin zu arbeiten und landet schließlich als Hostess im Tokioer Rotlichbezirk. Die Erforschung ihrer Herkunft führt Lisa in ein dunkles Kapitel der japanischen Geschichte.

 …in zwei Zeitebenen erzählt

Der Roman wird abwechselnd aus den drei beschriebenen Perspektiven erzählt.

Lisas Geschichte beginnt am Schluss, Anfang Juli 1980, macht dann einen Sprung zurück zu März und schildert dann ihre Zeit in Tokio. Tom und Kenzos Geschichten beginnen ebenfalls im Juli und beschreiben chronologisch die Bearbeitung des Falls und die Geschehnisse in beider Männer Leben. Dieser Wechsel zwischen den Perspektiven und Zeitsträngen ist vor allem am Anfang etwas schwierig nachzuvollziehen, hat aber durchaus seinen Reiz, da zum Ende die Ereignisse in allen Handlungssträngen komplexer werden, sich gegenseitig immer mehr  beeinflussen und ineinander verzahnen. Obwohl der Leser das Ende schon kennt, wird so ein gut konstruierter Spannungsbogen mit einigen Überraschungsmomenten geschaffen, der eine ganz eigene Anziehungskraft ausübt.

Suche nach Identität

Die Suche nach der eigenen Identität verbindet die drei Hauptcharaktere und zieht sich als roter Faden durch den Roman. Tom ist halb Amerikaner und halb Koreaner, gibt sich aber immer als Hawaianer aus, was für ihn der einfachste Weg ist, trotz des asiatischen Aussehens als Amerikaner anerkannt zu werden. Um das zu erreichen, nimmt Tom es mit der Wahrheit nicht so genau und geht stets den Weg des geringsten Widerstandes.

Kenzos dringendstes Anliegen ist es, in der homogenen Gesellschaft der Japaner  als »normal« anerkannt zu werden. Auffälligkeit und Individualismus sind ihm zutiefst suspekt, unter seinem Verdacht anders zu sein, leidet Kenzo noch mehr als unter seiner Einsamkeit.

Lisas dunkle Hautfarbe verblasste mit den Jahren, was dazu führte, dass sie sich der afro-amerikanischen Umgebung ihrer Eltern nicht wirklich zugehörig fühlte. Nach dem Tod ihrer Adoptiveltern lernte sie Japanisch und ging nach Tokio, voller Hoffnung ihre Wurzeln und einen neuen Anfang zu finden.

Alle drei Hauptpersonen machen sehr unterschiedliche und ebenso faszinierende Entwicklungen durch. Dabei begegnen sie dem Gesicht hinter der Fassade der japanischen Konformität, lernen damit umzugehen oder zerbrechen daran.

Düster und faszinierend zugleich

Der Roman ist in einer sehr düsteren, teilweise unheimlichen Atmosphäre gehalten, hat aber auch seine exotisch schönen und skuril humorvollen Momente.

Als spannenden Thriller kann man Don Lees »Wenn es Nacht wird in Tokio« nicht gerade bezeichnen. Die Schicksale der Protagonisten und die Verkettung der Handlungsstränge durch Manipulation und Betrug zu verfolgen, ist dennoch wirklich faszinierend. Die Personen werden differenziert und psychologisch ausgefeilt charakterisiert. Die Geschichte ist, trotz einiger fremdartiger Elemente,  glaubwürdig und authentisch konstruiert und beinhaltet einige ziemlich unerwartete Entwicklungen.

Don Lee hat als koreanisch-stämmiger Amerikaner einen sehr kritischen Blick auf die japanische Gesellschaft geworfen, der sich mit Rassismus, Menschenrechten und der japanischen Legislative auseinander setzt. Es gelingt ihm dabei, die Denk- und Lebensweise der Japaner realistisch zu vermitteln und sie der westlichen Struktur gegenüber zu stellen.

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Juergen zu »Don Lee: Wenn es Nacht wird in Tokio« 19.08.2009
In Tokio verschwindet die junge Amerikanerin Lisa Countryman spurlos. Als sich ihre Schwester an die US-Botschaft in Tokio wendet hat es zunächst niemand eilig die Nachforschungen voranzutreiben. Zu offensichtlich scheint das Verschwinden der jungen Frau die ihr Geld in einem exklusiven Privat-Club verdiente von ihr selbst gewollt gewesen zu sein. Tom Hurley, der Angestellte der Botschaft, der mit dem Fall betraut wird, konzentriert sich mithin zunächst auch mehr auf sein sorgloses Leben als Sonnyboy und seine Liebschaft mit der attraktiven Frau eines CIA-Agenten. Kenzo Ota, der seitens der Tokioter Polizei auf den Fall angesetzt wird, schlägt sich zunächst auch mehr mit den Demütigungen seiner Vorgesetzten, seinem zu lautem Appartement, seinen Neurosen und seinem desaströsen Privatleben rum. Erst als Ota in der Lösung dieses Vermissten-Falles die Möglichkeit sieht sich zu rehabilitieren und Tom Hurley zur Mitarbeit zwingt, gerät Bewegung in die Angelegenheit. Es stellt sich heraus, dass Lisa Countryman nach Tokio gereist ist um nach ihrer Mutter zu suchen und in den Privat-Clubs, in denen sie arbeitete, mit einigen der wichtigsten Männer der Stadt zusammentraf.
Der Roman beschreibt einerseits die Handlungen der Ermittler (hier laufen die Handlungsstränge am Ende zusammen) und andererseits die letzten Tage im Leben der Lisa Countryman von ihrer Ankunft in Tokio bis zu ihrem Verschwinden. Don Lee hat mit "Wenn es Nacht wird in Tokio" eigentlich nur vordergründig einen Krimi geschrieben. In seinem wunderbar ruhig erzählten, manchmal bewegenden und literarisch durchaus anspruchsvollen Erstling geht es primär um die Suche eines jeden Einzelnen nach Identität, seinen Platz in der Welt.

Thriller-Fans die es gerne "blutig" mögen werden sich mit "Wenn es Nacht wird in Tokio" wahrscheinlich langweilen. Wer allerdings anspruchsvolle Erzählkunst schätzt, "Mystic River", Bücher von Robert Wilson oder auch Haruki Murakami mag, wird hier auf seine Kosten kommen. Mir hat das Buch jedenfalls sehr gut gefallen, da es sich vom Ermittler- und Commissario-Einerlei wohltuend abhebt! Da nehme ich dann auch gerne das eine oder andere "Defizit" in Sachen Spannung in Kauf.
Renate zu »Don Lee: Wenn es Nacht wird in Tokio« 01.07.2009
In Tokio ist die junge Amerikanerin Lisa Countryman verschwunden. Sie hatte dort als Hostess gearbeitet.
Tom Hurley ein Mitarbeiter der amerikanischen Botschaft und der Japanische Kommisars Kenzo Ota versuchen Sie zu finden.
Dieses ist der erste Roman von Don Lee, aber man merkt es Ihm nicht an, sondern man könnte denken, der Autor hätte schon viele solcher Geschichten erzählt.
Dabei ist das Buch kein herkömmlicher Krimi, sondern ein fast leises Buch in dem mehr der gesellschaftliche Hintergrund eines etwaigen Mordes im Vordergrund der Erzählung steht. Es geht vor allem um die Identität der darin Beteiligten. Fast alles Menschen mit Vorfahren verschiedener Rassen.
Wie werden Menschen die nicht zur Mehrheit der Weißen in Amerika oder der Japaner in Japan von der jeweiligen Mehrheitsgesellschaft akzeptiert?
Das Buch jedoch mit den Werken von Haruki Murakami zu vergleichen, hieße beiden Autoren nicht gerecht zu werden. Außer das es ein Krimi ist und in Japan spielt, gibt es bei Don Lee kein loslösen von der Realität und ein verweben mit Traumsequenzen wie bei Murakami, sondern die Geschichte bleibt ziemlich sachlich.
Für alle Leser die in einen leisen Krimi etwas über die japanische Gesellschaft erfahren wollen, ist das Buch dagegen wirklich zu empfehlen.
Anja S. zu »Don Lee: Wenn es Nacht wird in Tokio« 28.05.2007
Dieses Buch ist kein eigentlicher Thriller oder Krimi, aber dennoch sehr gut gemacht mit einem interessanten Thema: der eigenen Identitaet. Die 3 Handlungsstraenge sind geschickt verknuepft und die Informationen ueber Japan gut eingebaut.
Hat mir gut gefallen.
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