Strand der Ertrunkenen von Domingo Villar

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2009 unter dem Titel La playa de los ahogados , deutsche Ausgabe erstmals 2010 bei Unionsverlag.
Ort & Zeit der Handlung: Galicien, 1990 - 2009.

  • Madrid: Siruela, 2009 unter dem Titel La playa de los ahogados . 445 Seiten.
  • Zürich: Unionsverlag, 2010. Übersetzt von Carsten Regling. ISBN: 978-3293004146. 477 Seiten.

'Strand der Ertrunkenen' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Die Leiche eines Fischers wird an die galicische Küste geschwemmt. Seine Hände sind mit einer Plastikfessel zusammengebunden, was auf einen Freitod nach alter Seemannsart schließen lässt. Inspektor Leo Caldas zweifelt an der Selbstmordtheorie und hört sich im Heimatort des ertrunkenen Fischers unter den abergläubischen Dörflern um. Der Geist eines verstorbenen Kapitäns soll umgehen und an dem Fischer Rache genommen haben. Doch Caldas gibt wenig auf derlei Seemannsgarn. Bei seinen Ermittlungen stößt er auf unrühmliche Details aus der Vergangenheit des Fischers, die diesem zum Verhängnis geworden sind.

Das meint Krimi-Couch.de: »Leo Caldas kommt in Fahrt« 82°

Krimi-Rezension von Dieter Paul Rudolph

»Biederste Konfektion« hatte der Rezensent Domingo Villars Erstling Wasserblaue Augen nach der Lektüre ernüchtert bescheinigt und das Folgewerk daher nicht gerade mit rasender Ungeduld erwartet. Gelesen hat er es dennoch und kann nach 475 Seiten feststellen: Der Autor hat sich erheblich gesteigert.

Villars Serienheld heißt Leo Caldas und ist Inspektor bei der Polizei in der galicischen Hauptstadt Vigo. Ein ungnädiges Schicksal hat ihn zudem zum »Radiopolizisten« befördert. Einmal die Woche beantwortet er die Fragen der Zuhörer und genießt daher eine Popularität, die ihm eigentlich lästig ist.

Galicien liegt, wie man weiß, in Spanien, aber es ist eben nicht das Spanien des zweiwöchigen Sommerurlaubs. Das Wetter eher unberechenbar, eine raue Meerlandschaft, die Menschen ein wenig eigen, was auch Caldas Assistent, der zugezogene Estévez, allenthalben lautstark beklagt. Eher wortkarg sind die Galicier, fressen alles in sich hinein – und dann läuft das Fass manchmal unvermittelt über und die Katastrophe ist da.

Um eine solche Katastrophe scheint es sich zu handeln, als die Leiche eines Fischers aus dem Meer geborgen wird. Nicht der erste Fall von Suizid, bei dem sich jemand selbst die Hände fesselt und ins Wasser springt. Rasch erkennt Caldas jedoch, dass diese Theorie falsch sein muss und der Tod des Fischers nichts anderes als ein Mord.

Was nun beginnt, kennen routinierte Leser aus einer Vielzahl von Polizeiromanen. Es wird ermittelt, manch falsche Fährte begangen, überraschende Nebenwege tun sich auf und führen endlich auf Umwegen zum Ziel, der sogenannten »Wahrheit«. Rasch findet Caldos heraus, dass der tote Fischer vor Jahren mit der übrigen Crew eines Kutters Schiffbruch erlitt, bei dem der Kapitän ertrank. Ein mysteriöser Fall, zumal sich die Besatzung seitdem aus dem Wege geht, als lastete ein furchtbares Geheimnis auf ihnen. Und ist der tote Kapitän wirklich tot? Einige wollen ihn gesehen haben. …und warum hat jemand »Mörder« auf das Boot des später Ertrunkenen geschrieben?

Manchmal ist es klug, einen Roman langsam zu erzählen. So auch im Fall von Strand der Ertrunkenenen, das den Erstling bereits vom Umfang her um mehr als das Doppelte übertrifft. Villar hat genügend Raum den Alltag der Fischer zu beschreiben und die Personen zu skizzieren. Er tut dies unaufdringlich, niemals geschwätzig, mit einer genau dosierten Prise Humor und selbst das obligatorische Privatleben des Helden wird eher am Rande ausgebreitet, ohne dabei an Eindringlichkeit zu verlieren.

Villar hat also mit Strand der Ertrunkenenen ein weiteres solides Stück Spannungsliteratur in die große Bibliothek der Polizeiromane gestellt. Sein Leo Caldas beginnt sich mit all seinen Stärken und Schwächen zu entwickeln, die Komposition des Ganzen wirkt stimmig, auch die obligatorischen Schwenks sind sinnvoll und nicht nur oberflächlicher Spannung wegen inszeniert. So kann es weitergehen.

Dieter Paul Rudolph, Juni 2010

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Ahotep zu »Domingo Villar: Strand der Ertrunkenen« 02.10.2011
An der galicischen Küste wird ein toter Fischer aufgefunden – mit gefesselten Händen ertrunken.
Was zunächst wie ein Selbstmord nach alter Seemannsmanier aussieht, entpuppt sich rasch als Mord, der mit einem Schiffsunglück in der Vergangenheit des Toten zusammenzuhängen scheint, bei dem der Kapitän des Schiffs ertrank, während sich der tote Fischer und der Rest der Besatzung damals retten konnten.
Die wortkargen Bewohner des Fischerdorfs glauben nun, Kapitän Sousa´s Geist sei zurückgekehrt, um sich zu rächen, Inspektor Caldas gibt nicht viel auf altes Seemannsgarn und bringt nach und nach Licht ins Dunkel jener verhängnisvollen Nacht des Schiffunglücks.

Das klingt weder besonders originell noch actionreich, tatsächlich beschreibt der Hauptprotagonist selbst seine Ermittlung - und damit einen Großteil der Handlung – treffend als „ins Stocken geraten – wie ein Schiff, das von der Ebbe überrascht wird und auf einer Sandbank strandet“. Erst gegen Ende wird „die ersehnte Flut einsetzen und das Boot (die Handlung) Fahrt aufnehmen“, aber auch dann leider ohne viele Wendungen, der Leser kann sich die Lösung des Falles schon bald zusammenreimen und wird auch nicht mehr sonderlich überrascht.

Die Stärke des Buches aber liegt viel mehr in der Art, wie erzählt wird als in der Handlung selbst und macht es daher trotzdem lesenswert!
Es gibt wunderschöne, sehr stimmungsvolle Beschreibungen der Landschaft – zum einen regnerische Tage, ein stürmisches Meer, scharfe Klippen…grausiges Wetter wie es zu gruseligen Geschichten wie sich rächenden Geistern ertrunkener Kapitäne passt, dann wieder werden lebensfrohe Augenblicke im Buch zum Beispiel betont durch Beschreibungen wunderschöner Ausblicke von Weinbergen auf einen sanft dahinplätschernden Fluss oder auf eine Meeresbucht.

Um dem Leser eine gewisse Stimmung zu vermitteln, bedient sich der Autor auch bestimmter Melodien quasi wie einer Filmmusik, so pfiff der tote Fischer gerne die traurige Melodie von „Solveigs Lied“ aus Peer Gynt, auf die im Buch oft in etwas melancholischen Momenten Bezug genommen, sie gesummt oder gespielt wird,
während die „an einen Comicfilm erinnernde“, „dämliche“ Melodie von Promenade/ Walking the Dog das Buch wiederum ein wenig auflockert, indem sie den Inspektor oft in seinen Denkpausen stört, was den Leser ab und an zum Schmunzeln bringen mag.

Auch bringt der Autor dem Leser die Gefühlswelt seines Hauptprotagonisten mehr als einmal näher, indem er ihn bestimmte Filmszenen beschreiben lässt.

So gelingt es dem Autor ganz gut, eine bestimmte, ziemlich melancholische Atmosphäre zu vermitteln, dieses gewisse romantische Bild eines stürmischen Meeres, verschlossenen Fischern, spukenden Geistern und eines einsamen Kommissars….allerdings ohne dass es allzu kitschig wird!

Dafür sorgt schon der zugezogene Assistent des Kommissars, der alles etwas bodenständiger betrachtet, sich ständig über das Wetter und über die wortkarge Art der Galicier beklagt, den Brauch der Fischer auszuspucken, wenn sie den Geist des Kapitäns erwähnen als persönliche Beleidigung auffasst und mit seiner (zu) praktischen Denkweise die oft (zu) weitschweifende Caldas´ ausgleicht und die für den Leser romantisch dargestellten Klischees ins Lächerliche zieht.

Die Nebenstränge der Handlung, das Familienleben des Kommissars oder die Radiosendung haben zwar nichts unmittelbar mit dem Fall zu tun, sind eher nebensächlich, aber sie bieten Kontraste zur Haupthandlung, heben durch Stimmungswechsel den besonderen Erzählton des Autors hervor und werden zudem so mit eingebunden, dass sie den Handlungsverlauf weder stören noch völlig sinnlos wirken, sondern viel mehr die Erzählung ergänzen.
Das Buch wirkt insgesamt stimmig.

Ich würde den Roman jedem empfehlen, der eine wirklich schön und empfindsam erzählte, etwas traurige Geschichte lesen möchte und dessen Hauptaugenmerk nicht in erster Linie auf einer actionreichen, besonders spannenden Handlung liegt.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Carlos Matthe zu »Domingo Villar: Strand der Ertrunkenen« 25.06.2011
Na ja, hatte eigentlich mehr erwartet gehabt. Ganz nett sind die fast zu klischeehaften Schilderungen des einfachen Fischerlebens in Galicien (Pontevedra) und die kleinen Seitenhiebe gegen die großen Städte, wenn wieder einmal der Bezug zur Natur leicht überhöht gepriesen wird. Aber genau das ist es auch, wenn es einem denn gefällt, was den Roman letztlich doch sympathisch macht. Es sind Schilderungen eines einfachen, "unvernetzten" und fast nicht mehr europäisch-zeitgenössischen Lebens, das Spanien tatsächlich noch besitzt und was das Buch letztlich doch lesenswert macht. Am Ende steigert sich auch der Plot beachtlich, was den reinen Krimifan, wenn es den denn gibt, ebenfalls zufrieden stellt.
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