Black Mass. Der Pate von Boston von Dick Lehr & Gerard O就eill

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2000 unter dem Titel Blass Mass. Whitey Bulger, the FBI, and a Devils Deal, deutsche Ausgabe erstmals 2015 bei Goldmann.

  • New York: PublicAffairs/Perseus Books Group, 2000 unter dem Titel Blass Mass. Whitey Bulger, the FBI, and a Devils Deal. 417 Seiten.
  • Mnchen: Goldmann, 2015. 鈁ersetzt von Joachim K顤ber. ISBN: 978-3-442-15869-0. 512 Seiten.

'Black Mass. Der Pate von Boston' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Krze:

Als sie Kinder waren, wuchsen John Connolly und James »Whitey« Bulger zusammen in den rauen Stra絽n im Sden von Boston auf. Jahrzehnte sp酹er, Mitte der 70er, treffen sie erneut aufeinander. Connolly ist mittlerweile fr das FBI in Boston t酹ig, und Whitey gilt als einer der skrupellosesten Akteure der irischen Mafia. Connolly, der zgig die Karriereleiter erklimmen will, setzt alles daran, Bulger als Informant fr das FBI anzuheuern. Sie vereinbaren ein Treffen und einigen sich schnell. Doch Bulger hat ganz eigene Vorstellungen davon, wie ihm diese Zusammenarbeit ntzen k霵nte …Die wahre Geschichte eines verh鄚gnisvollen Abkommens zwischen dem FBI und der irischen Mafia, das vollkommen au絽r Kontrolle geriet und alle Beteiligten in den Abgrund riss.

Das meint Krimi-Couch.de: »Im Boot mit dem B飉en« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Lange war der 1929 geborene James J. »Whitey« Bulger »nur« ein skrupelloser, leidlich erfolgreicher Kleinkrimineller, der im von irischen Auswanderern dominierten Sdviertel der Hafenstadt Boston im US-Staat Massachusetts, sein Unwesen trieb und dafr u. a. als Bankr酳ber auf der gefrchteten Gef鄚gnisinsel Alcatraz einsa. Nach seiner Entlassung wandte Bulger an, was er dort gelernt hatte, und etablierte eine kleine aber verschworene Bande, die sich mit der 顤tlichen Mafia arrangieren und selbstst鄚dig agieren konnte.

Bulgers Aufstieg zum »Paten« von South Boston begann, als er in den 1970er Jahren Informant des 顤tlichen FBI-Bros wurde. Ein ehrgeiziger Agent und sein entscheidungsschwacher Chef sahen in Bulger den idealen Verbndeten. Doch der clevere Verbrecher manipulierte und instrumentalisierte die Gesetzeshter. Im Schutz des FBI schaltete Bulger nach und nach seine kriminelle Konkurrenz aus und etablierte sich als Schutzgelderpresser und Drogenh鄚dler.

Untersuchungen der durchaus aufmerksamen Polizei liefen ins Leere, weil Bulgers FBI-Kontakte diese behinderten und verschleppten; oft war der Gangster sogar gewarnt und ber laufende Ermittlungen in Kenntnis gesetzt. Gleichzeitig wurden FBI-Aktien frisiert’ und schlie羦ich gef鄟scht, um Bulger als Informanten halten zu k霵nen. L鄚gst pflegten die fr ihn zust鄚digen FBI-Agenten auch privat freundschaftlichen Umgang mit dem Verbrecher, der unter seinem Schutzschirm immer dreister agierte und schlie羦ich ungehemmt zu morden begann.

Als Mitte der 1990er Jahre das Komplott endlich aufflog und Bulger verhaftet werden sollte, griffen seine FBI-Kumpane ein letztes Mal zum Telefon. Bulger gelang die Flucht. Mehr als anderthalb Jahrzehnte narrte er seine Verfolger, w鄣rend seine FBI-Verbndeten versuchten, die unheilige Allianz nachtr輍lich zu vertuschen …

Narren dealen mit dem Teufel

Manche Geschichten muss man einfach x-fach mit Beweisen belegt sehen, um sie glauben zu k霵nen. Anders als der Zyniker, der ohnehin davon ausgeht, dass diese Welt schlecht ist, wiegt sich der normale Zeitgenosse lieber in dem Glauben, er lebe au絽rhalb jener Globusregionen, die nachweislich von Irren regiert werden, in einem System, das insgesamt funktioniert und h鐼hstens in Einzelf鄟len korrumpiert ist.

Seit einigen Jahren l酲st sich dieser Glauben erschreckend leicht ins Wanken bringen; dies vor allem, wenn die USA ins Spiel geraten. Sp酹estens seit 9/11 hat man sich dort von l酲tigen Brgerrechten weitgehend befreit, kann sich relativ frei der Jagd auf echte und vor allem dazu ernannte »Terroristen« widmen sowie dabei ungehemmt jene belauschen, die verd踄htig sind oder es werden k霵nten.

Mit einer scheinbar g鄚zlich anders gelagerten »True-Crime«-Story treten die Journalisten Dick Lehr und Gerard O’Neill den Beweis an, dass dieser Drang der US-Strafverfolgung, sich notfalls selbst kriminell zu bet酹igen, quasi systemimmanent ist. Hinzu kommt eine grunds酹zlich egoistische Einstellung, die nicht die Aufgabe in den Mittelpunkt stellt, sondern den pers霵lichen Aufstieg zum Ma aller Dinge werden l酲st. »Black Mass« erz鄣lt deshalb die Geschichte eines Verbrechers, der schlicht nutzte, was man ihm anbot. Dabei wurden Recht und Moral ber viele Jahre systematisch gebogen und gebrochen, wobei der angerichtete Schaden deutlich gr廲er als der eingebildete Nutzen war.

Die Schwarze Messe nimmt ihren Lauf

Ende der 1980er Jahre begannen Journalisten des »Boston Globe« eine Artikelserie ber die Brder James und William Bulger. Der eine war ein Unterweltboss, der andere ein hochrangiger Politiker. Beide hatten sie Dreck am Stecken, wobei Billy Bulger als Senatsmitglied die interessantere Zielperson zu sein schien. Im Laufe der Ermittlungen entstand und verdichtete sich der Verdacht, dass »Whitey«, der 鄟tere Bulger-Bruder, als Informant des FBI einen Schutz genoss, der jedes legale Ma berschritt.

In den n踄hsten Jahren blieb die Zeitung am Ball. 1995 platzte die Bombe. Whitey Bulger flchtete, und das FBI musste buchst踀lich die Hosen herunterlassen. Nun wurde endlich offenbar, was schon lange mehr als ein Gercht war. Die Journalisten Lehr & O’Neill machten sich daran, die Fakten zu sammeln, zu sichten und auszuwerten, Zeugen zu finden, zu berreden und zu interviewen. Nach jahrelanger Arbeit ver鐪fentlichten sie 2000 »Black Mass«, die angemessen dickleibige Rekonstruktion der Aff酺e Bulger.

Die Lektre ist ebenso spannend wie deprimierend. Lehr & O’Neill haben ihre Hausaufgaben gemacht. Sie k霵nen praktisch jedes Detail mit Belegen untermauern. Tats踄hlich gehen sie oft unn飆ig in die Breite, weil sie sich nicht von Unwichtigem trennen k霵nen. Dies betrifft beispielsweise die Biografien von Personen, die fr das Prim酺geschehen mehr oder weniger Randfiguren bleiben, oder allzu ausfhrliche Streifzge durch die US-Geschichte. In diesem Zusammenhang wird der amerikanische Drang deutlich, Historie zu personifizieren: Ereignisse mssen buchst踀lich Gesichter’ bekommen, die zur Identifikation oder Ablehnung einladen. Dabei erreichen die Autoren mehr als einmal TV-Klischee-Niveau.

Der Sturz in den Abgrund

Vielleicht k霵nen die Beteiligten dieses Dramas nur sichtbar bleiben, wenn ihre Profile signifikant berzeichnet werden. Sisyphos pers霵lich k霵nte angesichts der Bemhungen verzweifeln, die es einerseits kostete, den Sumpf aus Lgen, Vermutungen und Wahrheiten trockenzulegen, um die Ergebnisse andererseits in Worte zu fassen. Der Anhang enthllt ein wahres Gebirge aus Aktenpapier. Jede Beh顤de saugt Informationen an sich, will aber m鐷lichst geheim halten, in welchem Umfang dies geschieht. Darber hinaus waren die Agenten Connolly und Morris, die sich von Bulger um den Finger wickeln, belgen und bestechen lie絽n, Meister darin, den allt輍lichen Papierkram fr ihre Zwecke zu nutzen. Lehr & O’Neill zeichnen akribisch nach, wie sie bertrieben, logen oder nie geschehene Vorg鄚ge durch die Abheftung als Aktennotiz offiziell werden lie絽n.

Erst unter dem Schirm des FBI konnte Bulger zum Unterweltk霵ig aufsteigen. Die Beh顤de missbrauchte ihre Macht, indem sie der Polizei und der Justiz noch ihre Untersttzung versagte, als diese l鄚gst mit eigenen Untersuchungen begonnen hatten. FBI-Agenten schreckten nicht einmal davor zurck, Bulger ber anstehende Abh顤aktionen oder Razzien zu informieren.

Mit vergleichbarer Energie widmete sich die Beteiligten dem Versuch, sich von aller Schuld reinzuwaschen, als sich die »schwarze Masse«, zu dem das Komplott herangewuchert war, an die 猈fentlichkeit quoll. Whitey Bulger flchtete und verschwindet quasi aus seinem’ Buch; man vermisst ihn nicht, denn Lehr & O’Neill ist es ohnehin nie gelungen, aus einem schlauen aber brutalen, b飉artigen und bellaunigen Mann eine charismatische Pers霵lichkeit zu machen. Viel interessanter sind die nun ausfhrlich geschilderten Duelle, die vor US-Gerichten ausgefochten wurden. Sie sagen viel ber eine Gerechtigkeit’ aus, die davon abh鄚gen kann, wie erfolgreich ein exorbitant bezahlter Anwalt juristische Haarspalterei betreibt. Notfalls werden Bndnisse geschlossen, sodass ein Angeklagter pl飆zlich als Kronzeuge mit Immunit酹sschutz vor die Gerichtsschranken tritt.

Aufprall mit Echo

Black Mass erschien erstmals im Jahre 2000. Die Katastrophe vom 11. September 2001 hatte sich noch nicht ereignet, der Amoklauf entfesselter »Heimatschutzbeh顤den« nicht begonnen. Deshalb sind Lehrs & O’Neills Gedanken ber die Vorrechte einer Beh顤de wie das FBI, die ber die normale Gesetzgebung quasi erhaben ist, von besonderem Interesse: Sie verraten, dass schon lange vorher etwas schiefzulaufen begann in den USA.

Die Brisanz w踄hst, wenn hinter objektiv gutem Willen die typische menschliche Niedertracht lauert. FBI-Agenten wie John Connolly oder John Morris betrachteten die Zusammenarbeit mit Whitey Bulger und seiner Winter Hill Gang als Sprungbrett fr pers霵liche Karrieren. Sie missbrauchten die ihnen anvertraute Macht sp酹er weiter, um ihre Verfehlungen und Verbrechen zu verwischen. S鄝tliche Kontrollmechanismen versagten, zur Rechenschaft gezogen wurden nur wenige.

Leider basiert die deutsche 鈁ersetzung auf einer bereits angejahrten Vorlage. Nur ein kurzer Epilog informiert darber, dass Whitey Bulger seinen Verfolgern 2011 nach sechzehnj鄣riger Flucht ins Netz ging und nun eine doppelt lebenslange Strafe (plus fnf Jahre; die US-Justiz ist eine Fundgrube fr absurde Details) absitzt. Dass John Connolly 2008 fr seine zahlreichen Vergehen zu einer vierzigj鄣rigen Haftstrafe verurteilt wurde, ist Lehr & O’Neill seltsamerweise keine Anmerkung wert,

In Deutschland w酺e dieses Buch wahrscheinlich nie erschienen; zu fern liegt Boston, und James Bulger ist keineswegs »einer der gef鄣rlichsten Gangster der US-Geschichte«, wie es auf dem Cover hei腷. Anlass wurde die Verfilmung des Werkes, wobei Schauspieler Johnny Depp die Bulger-Rolle bernahm. Black Mass kam Ende 2015 in die Kinos, entwickelte sich zu einem Blockbuster und galt als sicherer Kandidat fr die »Oscar«-Verleihung 2016.

Michael Drewniok, November 2015

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