Spur der Wölfe / Mystic River von Dennis Lehane

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2001 unter dem Titel Mystic River, deutsche Ausgabe erstmals 2002 bei Ullstein.

  • New York: Morrow, 2001 unter dem Titel Mystic River. ISBN: 0688163165. 401 Seiten.
  • München: Ullstein, 2002 Spur der Wölfe. Übersetzt von Andrea Fischer. ISBN: 3-550-08362-9. 509 Seiten.
  • München: Ullstein, 2003 Mystic River. Übersetzt von Andrea Fischer. ISBN: 3-548-25796-8. 509 Seiten.
  • Berlin: Ullstein, 2004 Mystic River. Übersetzt von Andrea Fischer. ISBN: 3-548-26143-4. 509 Seiten.

'Spur der Wölfe / Mystic River' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Katie Marcus ist die Lieblingstochter ihres Vaters Jimmy: 19 Jahre jung, selbstbewusst und intelligent und mit einem strahlenden Lächeln gesegnet. Für Jimmy, den Exganoven und früheren Bandenchef, ist Katie der sichtbare Lohn seines neuen, ehrlichen Lebens als Inhaber eines kleinen Kiosks. Zusammen mit Sean Devine und Dave Boyle, seinen besten Freunden seit frühesten Kindertagen, wuchs Jimmy in den »flats«, einem ziemlich harten Viertel Bostons auf. Ihre Freundschaft und ihre Kindheit endeten jedoch an dem gleichen Tag, an dem Dave von zwei Fremden ins Auto gezerrt und Tage später völlig verstört aufgefunden wurde. Zwar wurde nie darüber geredet, was mit Dave geschah, und auch er selbst sprach nie davon, doch nach dem traumatischen Ereignis trennten sich die Wege der drei Freunde. Als Katie Marcus 25 Jahre später auf brutale Weise ermordet wird und Sean Devine die Leitung der Ermittlungen übernimmt, wird die gemeinsame Vergangenheit wieder lebendig und längst vergessene Ereignisse lassen Jimmys Suche nach Vergeltung zur Tragödie werden.

Das meint Krimi-Couch.de: »Ein klasse Krimi, ein großes Drama«

Krimi-Rezension von Michael Matzer

Als Kinder waren sie Freunde – bis einer von ihnen von Unbekannten entführt wurde. Als er zurückkehrte, war er verändert. Nun, ein Vierteljahrhundert später, sind alle drei in einen schrecklichen Mordfall verwickelt: Nun erweist sich, wie sie zu Männern geworden sind, welche Werte sie haben – und ob einer von ihnen sterben wird.

Die Geschichte entwickelt sich zielgerichtet wie ein abgeschossener Pfeil, mit unerbittlicher Konsequenz bis zu ihrem logischen Ende.

Im Mittelpunkt stehen drei Jungen, doch der Ort, wo sie aufwachsen, ist die vierte Hauptfigur. Dieser Ort ist die Grenzlinie zwischen dem Bostoner Arbeiter- und Proletenviertel »The Flats«, das direkt an einem Kanal, dem Penitentiary Channel, liegt, und dem Viertel der »besseren Leute«, The Point, liegt. Die Grenzlinie wird von der Buckingham Avenue bezeichnet, kurz Bucky genannt. Diese Örtlichkeiten werden mit höchster Detailgenauigkeit gezeichnet; sie spielen eine wichtige Rolle, auf welcher Seite jemand steht.

Jimmy Marcus und Dave Boyle stammen aus The Flats, doch Sean Devines Elternhaus steht im Point – er soll später das College besuchen. Doch ihre Väter sind Freunde und Kollegen in der Schokoladenfabrik, und so kommt es, dass die ungleichen Kinder zusammen spielen und etwas unternehmen. Jimmy Marcus hat ein tollkühnes Naturell, ist ein notorischer Lügner und Dieb. Dave Boyle ist ein blasser Junge, eine Waise, der bei seiner verbitterten Mutter unter ihrer Fuchtel leben muss. Er ist stets froh, wenn er sich an Sean und Jimmy dranhängen kann, und Jimmy duldet ihn gewissermaßen.

Es ist 1975, als etwas Entscheidendes passiert, das alle drei verändern wird. Sie spielen gerade mitten auf der Straße, als sich ein Auto nähert, aus dem ein Mann steigt, der wie ein Polizist auftritt. Er will sie alle drei mit auf die Wache nehmen, doch Kimmy und Sean weigern sich. Nur Dave steigt tränenüberströmt in den Wagen und verschwindet. Es ist kein Polizeiauto, und der Polizist und sein Fahrer keine Bullen. Dave redet nie darüber, was sie mit ihm gemacht haben, als er vier Tage später seinen Peinigern entkommen kann und wieder in seine Nachbarschaft zurückkehrt. Von nun an ist er wie gebrandmarkt.

Im Jahr 2000 wird die blutüberströmte Leiche von Jimmy Marcus´ 19-jähriger Tochter Katie mit eingeschlagenem Schädel und durchschossener Schulter im Park gefunden. Sie wurde nicht vergewaltigt, lediglich ihr Auto weist Gewalteinwirkung auf. Jimmy Marcus, inzwischen Ladenbesitzer in The Flats, ist wenig später kurz vor dem Ausrasten, durchbricht sämtliche Polizeiabsperrungen und identifiziert sein Ein und Alles: Ihr Körper ist bereits schwarzviolett angelaufen.

Sean Devine leitet die Ermittlungen in diesem Mordfall, muss aber bei jedem Fehler seine Suspendierung befürchten. Man hat ihn auf dem Kieker. Schon bald findet er heraus, dass Katie, ein ausnehmend hübsches Mädchen, am Abend vor ihrem Tod mit zwei Freundinnen eine wilde Zechtour durchs Viertel unternommen hatte. Sie wollte nämlich am nächsten Morgen nicht zurück in Papis Laden zur Arbeit, sondern mit ihrem Freund nach Las Vegas durchbrennen, um zu heiraten.

Dieser Freund, Brendan Harris, erweist sich als unschuldig, das heißt, er hat ein Alibi. Und sein Bruder Ron ist von Geburt an stumm. Doch auch Jimmy Marcus stellt Ermittlungen an, und seine hammerharten Schwäger von der Seite seiner Gattin unterstützen ihn nach Kräften. Es gibt nämlich zweierlei Arten von Justiz in The Flats: die lokale und die offizielle der Bullen.

Wenige Tage später trifft er Dave Boyles Gattin Celeste. Sie erzählt ihm, wie Dave am Morgen nach Katies Verschwinden in ihre Wohnung gekommen sei, blutüberströmt und mit einer verletzten Hand. Ein schwerer Verdacht fällt auf Dave – Celeste muss verrückt gewesen sein, als sie ihn belastete. Oder von Jimmys männlichem Charme betört, wie er gerne denkt.

Jimmy war einst ein schwerer Junge gewesen, ein Einbrecher, Dieb und wahrscheinlich sogar ein Mörder (er tötete Brendan Harris´ Vater). Er leitete eine Bande und saß mehrere Jahre ab. Nun leitet er immer noch insgeheim eine Bande, scheint aber eine reine Weste zu haben. Bis er Informationen erhält, die Dave weiter belasten. Doch ist Dave wirklich schuldig? Wer ist Dave wirklich, der schizophrene Dave, der zurückgezogene Dave, der so gern dem Alkohol zuspricht, um – was? – zu vergessen?

Es wird ein Wettlauf gegen die Zeit, wer zuerst die Wahrheit herausfindet und Justiz an Dave Boyle übt, sei sie nun gerecht oder nicht: Jimmy Marcus oder Sean Devine.

Es ist ein geradezu ein klassisches Drama, das der Autor in seinem Roman sich entfalten lässt. Alte Feindschaften zwischen Ex-Freunden und Ressentiments zwischen unterschiedlichen Klassen brechen auf. Althergebrachte Auffassungen über die Ausübung von Gerechtigkeit prallen aufeinander: The Flats gegen The Point, mit der Buckingham Avenue als Demarkationslinie.

Diese soziale Geographie, die mit so vielen Werten einhergeht, ist wie gesagt äußerst genau und einfühlsam geschildert. Die Figuren scheinen daher manchmal nicht aus eigenem Antrieb zu agieren, als hätten sie keinen freien Willen, sondern als würden der griechische Chor mitsamt Götterriege auftreten, um sie zu ihren jeweiligen verhängnisvollen Taten zu treiben. Das gilt ganz bestimmt für Dave Boyle und Jimmy Marcus. Dave trifft sogar das Fatum, die Schicksalsgöttin persönlich – natürlich in seinen schizophrenen Alpträumen – und sie scheint es nicht gut mit ihm zu meinen.

Die Bedeutung des Mileus stellt allerdings auch ein gewisses Problem dar: Denn welcher Leser kann schon Sympathie oder gar Bewunderung für einen »Helden« empfinden, der von den beschriebenen Mächten angetrieben wird, aber kaum eigenen Willen besitzt, der ihn aus der Masse heraushebt? Daher ist es die wichtigste Aufgabe des Autors, die spezifische Psychologie seiner Hauptfiguren herauszuarbeiten, ihre unverwechselbaren Erfahrungen zu schildern (etwa Jimmys finstere Vergangenheit) und sie so als Herren ihres Schicksals darzustellen. Das gelingt ihm hervorragend. Erst daraus kann der Höhepunkt des Dramas tragische Größe erreichen. Erst dann kann der Wettlauf mit der Zeit eine spannende Rolle spielen, denn dann ist die Welt kein Uhrwerk.

Ich habe das Buch im Original in wenigen Tagen gelesen. Die handlung schreitet rasch voran, und eine wichtige Enthüllung folgt der nächsten. Wer hat die arme Katie so bestialisch zugerichtet – war es ein Psychopath, ein Betrunkener oder war es Mutwillen und Willkür?

»Spur der Wölfe«, so hat die amerikanische kritik erkannt, ist Dennis Lehanes Annäherung an die Great American Novel à la Philip Roth oder John Updike; allerdings wird hier eine ganz andere Art von Bürgern untersucht – keine Mittelständler aus Suburbia, sondern Arbeiterklassenangehörige, die eine verschworene Gemeinschaft bilden.

Zuweilen erinnern bestimmte Auseinandersetzungen, aber auch die exakte Milieustudie an das Sachbuch »Die Gangs von New York« von Herbert Asbury, das von Martin Scorsese verfilmt wurde (und das möglicherweise im Januar in unsere Kinos kommt). Auf jeden Fall ist es ein besonderer Thriller mit bemerkenswerten Hauptfiguren – ich kann mich noch Wochen nach der Lektüre an Jimmy Marcus erinnern: an seine Trauer, seine Wut und seinen Rachedurst.

Ihre Meinung zu »Dennis Lehane: Spur der Wölfe / Mystic River«

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Heino Bosselmann zu »Dennis Lehane: Spur der Wölfe / Mystic River« 28.01.2015
Qualifizierte Krimiunterhaltung

Drei Freunde, einer privilegiert, zukünftig mit Karriere bei der Polizei, zwei Underdogs, einer davon ein wendiger Typ, klug, fit, wach, perspektivisch kriminell, der andere das armselige Opfer einer Entführung durch Missbräuchler, infolgedessen tendenziell schizophren. Und: Opfer bleibt leider allzu oft eben Opfer. –

Anfangs besticht der Band durch eine gekonnte Schnittechnik, die ans Kino erinnert, so wie dem ganzen Buch als ein mit Prosa aufgerüstetes Screenplay erscheint. Flott werden die Entwicklungslinien der drei Jungen in deren Zukunft hinein gezeichnet, die dann zur Gegenwart für die eigentliche Handlung wird. – In deren Zentrum steht das Gewaltverbrecher an der Tochter eines der drei Helden. Hier trifft sich das Trio in einer Art Zwangsläufigkeit wieder – erwachsen, verändert, teilweise geläutert, aber doch den in der Kindheit angelegten Mustern und Festgelegtheiten verhaftet. Operari sequitur esse.

Der Autor bahnt eine Spur des Hauptverdachts an. Sie liegt im Kontext der Vorhandlung allerdings allzu nahe, so dass man ihr der Leser akeptisch nicht folgen möchte. Und richtig, wie so oft nahte der Täter aus gänzlich unvermuteter Richtung. …

Lehanes Roman bietet dichte Milieuschilderungen der amerikanischen Urbanität, gut fotografiert, leinwandstimmig, atmosphärisch. Man verfolgt Handlung und Schilderungen gern, ist durchaus gespannt, nur wirkt das alles im Vergleich zu den Größen des literarischen Krimis doch etwas glatt und nachcoloriert. Dem gängigen Geschmack kommt das entgegen, wer aber durch härtere Stoffe imprägniert ist oder gar nach echt existentialistischen Helden abseits des gängigen „Kinos“ sucht, nach den großen einsamen Charakteren, die – oft genug an sich selbst verzweifelt – im modernen amerikanischen Krimi nicht selten sind, den haut das alles nicht um. So viel Mystic verbirgt sich nicht im „Mystic River“. Nein, das soll nicht arrogant klingen. Lehane gelingt eine gut gebaute Story. Nur schimmert der Bauplan ein wenig durch. Gut, sehr gut erzählt, aber keine famose Literatur. Die der Krimileser freilich nicht immer sucht. Hier wird professionell unterhalten.
Metaljoken zu »Dennis Lehane: Spur der Wölfe / Mystic River« 12.05.2014
Buch und Film sind einfach nur großartig. Sagenhaft, wie die Story konstruiert und mit Spannung und Rasanz sowie exakten Lokalkollorits-Beschreibungen (Boston) und wichtigen -Bezügen zur Story vorangetrieben wird. Ein Meisterwerk des spannenden wie psychologisch raffinierten Kriminalromans!! Leseempfehlung höchster Kategorie!!
Stefan83 zu »Dennis Lehane: Spur der Wölfe / Mystic River« 12.05.2014
Blickt man in der Geschichte des Kriminalromans zurück, fällt auf, dass es immer wieder Schriftsteller gab, die versuchten, mit einem ihrer Werke aus dem Genre auszubrechen, den Schritt Richtung ernsthafter Literatur zu vollziehen (Ob es sich bei vielen Krimis heutiger Tage nicht gar bereits um diese handelt, ist eine Diskussion für sich). Fakt bleibt jedenfalls: Dieser eine große Wurf ist weder planbar und der Erfolg vom Namen des Autors gänzlich unabhängig (Bestes Beispiel ist wohl Stephen King, der Jahrzehnte am Fließband veröffentlichen musste, um schlussendlich doch mit dem „National Book Award“ geehrt zu werden und damit die wohlverdiente Anerkennung zu bekommen). Bei vielen andere blieb es aber bei dem einen Versuch, wandte sich bald wieder der Schuster seinen Leisten zu. Die wenigen Ausnahmen, welche Fuß fassen konnten, haben jedoch letztlich nicht nur das Image des Spannungsromans aufpoliert, sondern auch Breschen geschlagen, durch die heutige Generationen von Schreiberlingen wesentlich einfacher hindurchgehen können. Neben so großen Namen wie James Ellroy oder Joe R. Lansdale gehört da meiner Ansicht nach vor allem einer genannt – Dennis Lehane.

Bei all den vielen großartigen Spannungsromanen, die ich in den letzten Jahren lesen durfte, fällt es logischerweise irgendwann schwer, gewisse Highlights im Hinterkopf, Inhalte der einzelnen Bücher in Erinnerung zu behalten. Letztlich muss das Werk zwischen den Händen großen Eindruck hinterlassen haben, um auch über die Lektüre hinaus zu wirken – und bei Lehanes Büchern war das, und das macht den Bostoner Autor so einzigartig, bisher jedes Mal der Fall. Dementsprechend gestaltete sich auch diesmal die Vorfreude auf „Spur der Wölfe“, ein 2001 veröffentlichter Roman, der von Clint Eastwood zwei Jahre später unter dem Titel „Myster River“ Oscar-prämiert verfilmt, nach vier Bänden aus der Reihe um die Privatdetektive Patrick Kenzie und Angela Gennaro, denselben Schauplatz, nämlich die Vororte Bostons, aus einer gänzlich andere Perspektive zeigt. Dies sei an dieser Stelle explizit erwähnt, da „Spur der Wölfe“ nicht nur in Punkto Action und Humor einen deutlichen Kontrast zu den vorherigen Werken Lehanes darstellt und der geneigte Serien-Fan nicht mit falschen Erwartungen das Buch in Angriff nehmen sollte.

Kurz zur Story: Wir schreiben das Jahr 1975. Die drei Freunde Jimmy Marcus, Sean Devine und Dave Boyle spielen mitten auf einer Straße in East Buckingham, dem Arbeiterviertel Bostons, als ein Moment alles verändert. Ein Auto hält an, der Fahrer, vorgeblich Polizist, will die drei zurück zu ihren Eltern bringen und bittet sie einzusteigen. Nur Dave folgt diesem Aufruf, setzt sich auf den Rücksitz und verschwindet – für vier ganze Tage lang. Als er wiederkehrt, seinen Peinigern entkommen, ist nicht nur Daves Kindheit schlagartig vorbei. Auch die Wege der anderen beiden trennen sich endgültig, bis sie sich fünfundzwanzig Jahre später auf schreckliche Art und Weise wieder kreuzen.

Im Penitentiary Park wird die brutal zugerichtete Leiche der 19-jährige Katie Marcus gefunden, Jimmys über alles geliebte Tochter aus erster Ehe. Mit den Ermittlungen wird ausgerechnet Sean beauftragt, der nach einer kurzzeitigen Suspendierung gerade wieder seinen Job beim Bostoner Morddezernat aufgenommen hat. Gemeinsam mit seinem Partner Sergeant Whitey Powers versucht er den Tathergang zu rekonstruieren und gleichzeitig Jimmy davon abzuhalten, auf eigene Faust den Mörder zu jagen. Keine einfache Aufgabe, zumal dieser selbst einige Zeit im Knast gesessen und immer noch beste Kontakte zur kriminellen Unterwelt hat.

Währenddessen kämpft Celese Boyle, Ehefrau von Dave, mit ihrem Gewissen. In der Nacht des Mordes ist dieser blutüberströmt nach Hause gekommen, behauptet von einem Straßenräuber mit einem Messer überfallen worden zu sein. Möglicherweise habe er den Angreifer gar getötet. Bereitwillig hilft Celeste bei der Vernichtung jeglicher Indizien, bis ihr langsam Zweifel kommen. Die Geschichte ihres Mannes hat einige Lücken. Und auch sein Verhalten macht ihr zunehmend Angst. Als sie durch das Fernsehen von Katie Marcus' Ermordung erfährt, kommt ihr ein schrecklicher Gedanke – Könnte Dave der Täter sein?

Was auf den ersten Blick wie der typische Beginn eines typischen CSI-Kriminalromans aussieht, entpuppt sich schon nach ein paar Seiten als eine Mischung aus moderner Milieustudie und klassischem Sozialdrama, in der es weit weniger um die forensischen Untersuchungen der Leiche oder das übliche Katz-und-Maus-Spiel zwischen Mörder und Justiz geht, als vielmehr um das gesellschaftliche Leben vor den Toren Bostons. Hier zwischen den „Flats“ und dem „Point“, der Grenze zwischen den Malochern und den besseren Leuten, spielt die Herkunft eine große Rolle, bedeuten wenige Meter Straße den Unterschied zwischen Gewinner und Verlierer. Lehane, selbst im Problemviertel Dorchester aufgewachsen, entführt den Leser in eine Welt von Ressentiments, Klassenunterschieden und alten Feindschaften, welche derart eindringlich geschildert wird, dass man die Atmosphäre mit einem Messer schneiden könnte. Selten war ich mehr drin in einem Setting, mehr Teil der Handlung eines Romans, als in „Spur der Wölfe“, das keinerlei künstlicher Ingredienzen bedarf und nur aufgrund naturalistischer Beobachtung eine unheimlich klaustrophobische Stimmung erzeugt.

Den gleichen Detailgrad legt Lehane auch bei seinen Figuren an, die, allesamt mit nuancierter Feder gezeichnet, menschlicher und glaubhafter nicht sein könnten. Ihre Erfahrungen, ihre Vergangenheit, ihrer Herkunft – all das bestimmt ihr Handeln innerhalb des Plots und macht es zugleich schwer, Sympathien oder Antipathien zu verteilen. Das übliche Gut und Böse – es verschwimmt im grauen Dunst der Hinterhöfe und Gassen, wo das Schicksal eine Hure ist, die Glück und Unglück ohne Maß verteilt, ohne Rücksicht auf Recht oder Gerechtigkeit. So hat die Tragik der Ereignisse letztlich auch ihren Ursprung in den verschiedenen Protagonisten: Dem ehemals tollkühnen, jetzt kühlen und wortkargen Jimmy, dessen frühere kriminelle Taten immer noch Schatten auf die Gegenwart werfen. Dem ehrgeizigen, gewissenhaften, aber auch engstirnigen Sean, der die Trennung seiner Frau einfach nicht verkraftet. Und, im Zentrum des Geschehens und durch sein undurchsichtiges Verhalten auch verantwortlich für das Spannungsmoment des Romans – Dave, der ewige Verlierer, dessen Kindheitstrauma ihn dazu zwingt, eine Lüge zu leben. Seine „Verwandlung“ innerhalb des Romans gehört mit zum Besten, was ich bisher lesen durfte. Hinsichtlich des Gänsehautfaktors fühlt ich mich hier an den großen Stephen King erinnert.

Wie Dennis Lehane diese drei Menschen, ihre Schicksale miteinander verwebt, die Höhen und Tiefen der Figuren beschreibt, das beeindruckt, bedrückt, bewegt. Mitunter so sehr, dass wir die Frage nach der Identität des Mörders zuweilen gar vergessen. Genauso wie die Tatsache, dass zwischen dem Fund der Leiche und der Auflösung am Ende in Punkto Handlung eigentlich nicht viel passiert. Keine Verfolgungsjagden, keine Schießereien, keine kessen Sprüche. Nur ein scharf geschnittener, unheimlich dichter Plot, durchsetzt von einer Aura des Geheimnis- und Unheilvollen, die den Leser bis zur letzten Seite gefangen nimmt und sogar dort noch einige Überraschungen bereithält.

„Spur der Wölfe/Mystic River“ ist – ob als Buch oder Film – ein einzigartiges, weil außerordentlich einprägsames und emotional mitreißendes Erlebnis, das den Vergleich mit den „Great American Novels“ unserer Generation an keiner Stelle scheuen muss. Boston pur bis in die letzte Zeile – unbedingte Leseempfehlung!
meni77 zu »Dennis Lehane: Spur der Wölfe / Mystic River« 07.01.2014
Mystic River zählt meiner Meinung zu den ganz großen Romanen von Lehane, ich habe Jahre zuvor zwar den Film schon gesehen (auch gut gelungen von Eastwood) und trotzdem fand ich das Buch noch sehr spannend. Vielleicht weil ich den Schluss nicht mehr ganz im Kopf hatte:) Er baut die Charakter sehr detailgetreu auf, behält stetig den Faden in der Hand und baut die Spannung der Handlung stetig auf. Die Beschreibung des Milieus habe ich weder langweilig noch überflüssig empfunden, Lehane hat es immer schon brutal drauf, eine Spitzenmischung aus Erzählung und Dialog entstehen zu lassen, ich mag es nämlich auch nicht, wenn zu viele Dialoge oder zu wenig Dialoge in der Story enthalten sind. Mystic River bekommt ganz starke 96 Grad, da hätten sonst alle Kritiker ihre Berechtigung in der Lotterie gewonnen:)
fresno89 zu »Dennis Lehane: Spur der Wölfe / Mystic River« 13.04.2012
Mit diesem Buch ist Dennis Lehane wirklich eine tolle, düstere Milieu-Studie gelungen. Super skizzierte Charaktere, in die man sich gut hineinversetzen kann und die tiefen, seelischen Abgründe hinter diesen Personen sind sehr realistisch beschrieben.
Die Spannung basiert vornehmlich auf dem charakterlichen, seelischen Zerfall fast aller Personen in dem Roman, als auf die geschehenden Verbrechen.
Ein lesenswertes Buch von Lehane, wenn es auch nicht ganz an die Patrick Kenzie-Reihe heranreicht.
mabu zu »Dennis Lehane: Spur der Wölfe / Mystic River« 01.02.2011
Selbstverständlich hat sich nichts daran geändert, dass Lehane sehr gut schreiben und beschreiben kann, aber dennoch hat mich dieses Buch streckenweise sehr gelangweilt. Die endlosen Beschreibungen des Wohnviertels interessieren mich kein Stück. Es ist wichtig zu wissen, in welcher Umgebung eine Handlung spielt, aber so sehr auf die Details einzugehen? Die Charaktere waren für mich diesmal ziemlich unsympathisch und mir war es eigentlich egal, ob und wer stirbt oder lebt oder liebt. Jimmy ist definitiv noch der Interessanteste und ja, ihn möchte mal als Kumpel haben. Schade, sonst ist ein Lehane ein Fest für mich, diesmal gibt es nur 70°.
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Bibliophagos zu »Dennis Lehane: Spur der Wölfe / Mystic River« 24.08.2009
Vorab meine Wertung: 90 Grad.

Mehr als 500 Seiten hat Lehane zustande gebracht. Und ich muss sagen, es ist ihm ein Kunstwerk gelungen. Viele, facettenreiche Charaktere betreten die Bühne und die Ereignisse bündeln sich in einem grandiosen Finale. Der Sprachstil ist sicher, die Blickwinkel auf die Geschehnisse sind abwechslungsreich und nicht zuletzt ist der Schauplatz mystisch.
Frank zu »Dennis Lehane: Spur der Wölfe / Mystic River« 05.08.2009
Erinnerte mich häufig an einen Film (Sleepers). Nicht bewältigte Vergangenheitstraumata, die dann Jahre/Jahrzehnte später Einfluß auf das Leben nehmen.
Ein klassischer Krimi ist das Buch eigentlich nicht, eher eine "Tragödie" oder (auch) eine Millieuschilderung.
Lehane beschreibt seine Hauptcharaktere großartig, niemand hat nur ein "Gesicht", vieles lauert hinter der/den Fassade(n).
Lehane begeistert mich immer wieder, da er es schafft, den Leser über seine Geschichten nachdenken zu lassen. Und damit ist er vielen seiner Zunft weit voraus.
90%.
Sonny zu »Dennis Lehane: Spur der Wölfe / Mystic River« 10.06.2008
Ich bin doch etwas enttäuscht von diesem Buch. Es scheint, als wäre es Lehanes "wichtigstes Projekt" und er konnte sich nicht entscheiden, was rein soll und was nicht. Letzlich hat er alles rein gepackt und das Buch unnütz überfrachtet. Alles in allem könnte man gut 100 Seiten zusammenstreichen. Streckenweise wirkte es auf mich recht zäh. Auch, dass nach rund 300 (von 509) Seiten mit nur einem Satz die Lösung praktisch klar war, bringt diesem Buch von mir keine Punkte ein.

Einzig Lehanes großartiges Talent selbst die übelsten Gauner so sympathisch darzustellen, dass man sie sich als besten Freund gut vorstellen kann, fasziniert mich immer wieder.

Fazit: Kein wirklich spannendes Buch, aber abraten würd ich auch nicht.
sue82 zu »Dennis Lehane: Spur der Wölfe / Mystic River« 07.06.2008
Wieder ein klasse Lehane. Die drei Hauptcharaktere sind realistisch beschrieben, die Story sehr gut und spannend bis zur letzten Seite.
Fazit: Mit Lehane macht man nichts falsch, absolut zu empfehlen. 90°

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