Das Krimijahr 2011. Was uns alles erwartet, wenn wir nicht schleunigst flüchten

von Dieter Paul Rudolph

Das Lesen der Verlagskataloge für das kommende Frühjahr gehört zu jenen Beschäftigungen, die das Grauen der Vorweihnachtszeit erst richtig perfekt machen. Ein halbmeterdicker Stapel mit Klappentextdichtung, das ist mehr als das Christkind erlaubt und es braucht etliche Gallonen Glühwein, dazu eklig süßes Gebäck, um diesen Horror einigermaßen zu ertragen. Dabei könnte man getrost auf die Informationen verzichten, unterscheiden sie sich doch im Wesentlichen nicht von denen, die man akkurat ein Jahr zuvor schon über sich hat ergehen  lassen müssen. Immer noch herrscht Mordlust in sämtlichen deutschen Gauen, vom »Mörderischen Attersee« bis hoch auf das nicht weniger »Mörderische Sylt«, todkranke Kommissare ermitteln, liebeskummernde Assistentinnen im Schlepptau, alles läuft auf »düstere Familiengeheimnisse« hinaus und natürlich wird zwischen Mittelalter und Neuzeit jedes geschichtliche Faktum in »historische  Krimis« hineingebacken.

Doch wischen wir den ganzen Schmand einfach einmal von Tisch und fragen uns, wie das bevorstehende Krimijahr AUCH verlaufen könnte. Zugegeben, es ist reine Phantasie, was im Folgenden geschrieben steht, aber alles besitzt einen wahren Kern. Und wenn wir nicht aufpassen, wird es genauso eintreten. Und dann bleibt nur noch eins: Die Flucht auf eine einsame Insel mit garantiertem Krimiverbot …

*

JANUAR: Nachdem die letzte Silvesterrakete gezündet wurde, wartet Sebastian Fitzek mit einem Knaller auf. Er veröffentlicht mit »Der Nasenbohrer« einen weiteren garantierten Bestseller-Thriller. Eine unheimliche Mordserie erschüttert Deutschland. Menschen wie du und ich wachen am Morgen auf und finden ihre Nasen nicht mehr. Den Vorwurf, diesen Plot habe bereits ein gewisser Gogol von vielen Jahren entwickelt, schmettert Fitzek mit dem Hinweis, er kenne keinen Gogol, souverän ab. Noch bevor der Monat zu Ende ist, erscheinen weitere Kriminalromane, die sich um abhanden gekommene Körperteile drehen. Arno Strobel schreibt über »Einohropfer« und Wulf Dorn lässt uns am Schicksal des »Mundräubers« teilhaben. Wir sind begeistert und geben unsere Augen freiwillig ab.

Frohe Kunde auch aus der Politik. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) beauftragt ein hochrangiges Gremium führender deutscher Literaturwissenschaftler mit der Beantwortung der Frage: »Was ist eigentlich ein Krimi?« Ministerin Schavan: »Drei Fragen werden in Zukunft unser Leben bestimmen. Warum schmelzen die Pole und wohin? Kann man Atomstrom unter Umständen essen und wenn ja, zu welcher Sättigungsbeilage? Was ist eigentlich Krimi? Vor allem letzteres ist für die Menschheit von entscheidender Bedeutung.« Wir nicken und zweifeln daran nicht.

FEBRUAR: In Little Rock / Arkansas wird der erste genmanipulierte Mensch gezeugt, der mit allerbesten Voraussetzungen zum Krimiautor ausgestattet ist. Er wird später einmal genau 1200 Wörter Englisch beherrschen, sein erstes gesprochenes Wort wird »mystery« sein, nach spätestens sieben Wörtern setzt er automatisch einen Punkt, um seinen Leser nicht zu überfordern, alle zwanzig Seiten streut er einen besonders brutalen Mord ein – und mit 50 stirbt er dann an Herzversagen. Außerdem wird er der erste Autor sein, der noch als Embryo einen Verlagsvertrag unterschreibt.

Das Gremium zur Beantwortung der Frage »Was ist eigentlich ein Krimi?« hat eine vorläufige Definition auf der Grundlage einer Arbeitshypothese vorgestellt: »Krimi ist ein poetologisch evidentes movens perpetualis, welches auf postmoderner Violenz in nuce basiert, und das alles natürlich avant la lettre und sapienti sat.« Frau Ministerin reagiert euphorisch: »Endlich ein Anfang!«

MÄRZ: Bei der XIV. Krimiolympiade in Bad Mergentheim hat der deutsche Teilnehmer Severin Gebirgig die Goldmedaille im Langstreckenlesen gewonnen. Für das Gesamtwerk von Andreas Franz benötigte er unglaublich schnelle elf Stunden und siebenundvierzig Minuten, was einer durchschnittlichen Lesegeschwindigkeit von 194 km/h entspricht. An irgendwelche Inhalte kann sich Herr Gebirgig (er darf fortan nur noch außerhalb geschlossener Ortschaften lesen) beim besten Willen nicht mehr erinnern. Wir beneiden ihn um diese Fähigkeit.

Wie aus zuverlässiger Quelle durchsickerte, ist sich das Gremium zur Beantwortung der Frage »Was ist eigentlich ein Krimi?« inzwischen fast sicher, wer den Krimi erfunden hat: ein gewisser Friedrich. In der engeren Wahl sind Friedrich Schiller, Friedrich Glauser und Friedrich Dürrenmatt. Keine Chancen werden Friedrich Paul Rudolph und dem Ausputzer der deutschen Fußballnationalmannschaft, Herrn Arne Friedrich, eingeräumt. Letzterer laboriert sowieso an diversen Kapselverletzungen.

APRIL: Eine Krimisensation vermeldet das Haus Heyne. Im Nachlass des viel zu spät verstorbenen Stieg Larsson wurde das Exposé zu einem vierten Lisbeth-Salander-Roman entdeckt. Es trägt den Arbeitstitel »Verdummung« und zeigt little Lisbeth in ihrer stärksten Rolle. Sie wird ertränkt und erhängt, erwürgt und gevierteilt, überlebt das alles mit knapper Not, um weiterhin bösen Schweden den Garaus zu machen. Das Exposé wurde zur Ausarbeitung an Henning Mankell übergeben, der sich seinerseits nun nicht mehr in der Lage sieht, Exposés für deutsche »Tatort«-Krimis beim Frühstück zu verfassen.

Im Umfeld des Gremiums zur Beantwortung der Frage »Was ist eigentlich ein Krimi?« raunt es weitere sensationelle Details. So gab es einmal eine Zeit, als der Krimi Trivialliteratur war! Im Jahre 1911 soll gar ein Detektiv zwischen den Buchdeckeln sein Unwesen getrieben haben, der ohne jegliche Veranlagung zur Depression ermittelte! »Unerhört!« kommentiert Frau Ministerin Schavan und stellt weitere 400.000 Euro Forschungsmittel bereit.

MAI: Die diesjährige Criminale, das Festival zum Einstreichen von Lesehonoraren der AutorInnen-Vereinigung DAS SYNDIKAT findet am Niederrhein statt. Höhepunkt ist wie immer die Verleihung des GLAUSER PREISES für den besten Kriminalroman. Hier kommt es zu einer gelinden Überraschung. Die Jury entscheidet, dass der Preis in diesem Jahr als Wanderpokal vergeben wird und zwar an genau 365 Autorinnen und Autoren (alle Syndikatsmitglieder), die sich jeweils genau einen Tag »Gewinnerin oder Gewinner des Glauser« nennen dürfen und sich auch das Preisgeld in Höhe von 5000 Euro teilen. Macht pro Person aufgerundete 13,70 Euro oder eine Pizza beim Italiener eigener Wahl.

Das Gremium zur Beantwortung der Frage »Was ist eigentlich ein Krimi?« beglückt die Fachwelt mit einer zweiten, diesmal elaborierteren Genredefinition: »Ein Krimi ist, wenn jemand stirbt und zwar nicht freiwillig und jemand ermittelt, wer der Mörder war. Zwischen Anfang und Ende muss es Spannung geben. Was Spannung ist, wissen wir noch nicht genau, aber wir arbeiten dran.«

JUNI: Die gute Nachricht: Der Hype um Detektive, die nach ihrem Ableben ermitteln, ist endgültig vorbei, nur Jutta Profijt hat es noch nicht gemerkt. Die schlechte Nachricht: Der anhaltende Disput und die Präimplantationsdiagnostik (PID) spült eine weitere bis dato unbekannte Spielart des Protagonisten an die Oberfläche: die Eizelle. Gleich mehrere Verlage veröffentliche Kriminalromane in dieser Manier, der noch ein wenig unfertige Held ermittelt im Milieu der Brutkästen und Petrischalen, es geht um Sarrazin-Gene, die von bösen Mächten unschuldigen Eizellen eingepflanzt werden, um Mord aus Leidenschaft im vorembryonalen Zustand und, wen wundert´s, um den ewigen Kampf von Ei und Samen.

Das Gremium zur Beantwortung der Frage »Was ist eigentlich ein Krimi?« gibt bekannt, dass es in diesem Monat nichts bekannt gibt, weil sich die Mitglieder im wohlverdienten Urlaub auf den Kapverdischen Inseln befinden. Frau Ministerin Schavan wünscht viel Sonne, Strand und kalte Drinks.

JULI: Eine furchtbare Hitzewelle hat Deutschland fest im Griff. Grund genug für den rührigen Gmeiner Verlag, den ersten Eisbeutelkrimi auf den sehnsüchtig darauf wartenden Markt zu werfen. Das gewichtige Werk besteht aus 200 Eisplatten, in die der Text des spannenden Romans »Kältetod. Ein Grönland Krimi« geritzt wurde. Nach dem Lesen kann man sich jede Seite zur Kühlung auf die Stirn legen. Vorteil: Man muss den Roman nur einmal lesen. Nachteil: Das Ding macht jedes Regal nass.

Das Gremium zur Beantwortung der Frage »Was ist eigentlich ein Krimi?« weilt noch immer im Urlaub auf den Kapverdischen Inseln. Wie man munkelt, ist das Problem der Definition von »Spannung« beinahe gelöst. »Spannung ist, wenn man sich nicht langweilt.« Dies sei ein epochaler Durchbruch, wird aus dem Bundesministerium für Bildung und Forschung verlautbart. Frau Ministerin befindet sich inzwischen ebenfalls in Urlaub (Ort unbekannt).

AUGUST: Nach dem erwarteten Gewinn der Frauenfussball-WM durch das deutsche Team erfasst eine Welle von Fraufussball-WM-Krimis den inländischen Büchermarkt. Zu den bereits im Vorfeld veröffentlichten 213 Werken gesellen sich binnen weniger Tage weitere 1.504. In ihnen werden insgesamt 2.405 Spielerinnen, 494 Schiedsrichterinnen, 59 Trainerinnen, 34 Reporterinnen sowie ungefähr 4933 Zuschauer ermordet, die Welt wird 56 mal gerettet und der DFB immerhin noch 8 mal. Das dabei vergossene Blut würde ausreichen, ein fußballfeldgroßes Schwimmbecken damit zu füllen, um die nächsten Schwimmweltmeisterschaften auszutragen, die, falls deutsche Schwimmerinnen und Schwimmer gewinnen sollten, Gegenstand von geschätzten 949 Schwimmweltmeisterschaft-Krimi werden könnten, bei denen mindestens 14949 Schwimmerinnen und Schwimmer …und so weiter bis in alle Ewigkeit.

Sondersendung in der ARD. Das Gremium für Beantwortung der Frage »Was ist eigentlich ein Krimi?« gibt verbindlich bekannt, was Spannung ist. Das nämlich: »Spannung ist für den Krimi das, was für die Gemüsesuppe das Gemüse ist.«

SEPTEMBER: Krise auf dem deutschen Krimimarkt! Es werden händeringend neue Regionen für Regionalkrimis gesucht, nachdem alle bisher bekannten mit mindestens 150 Romanen völlig übersättigt sind! Selbst die Idee, die Regionen ihrerseits in immer kleinere Einheiten aufzuteilen (Beispiel: »Mord in der Karl-Liebknecht-Straße. Ein Leipzig / Karl-Liebknecht-Straße-Krimi«) vermag das Minuswachstum nicht mehr zu kaschieren. Die Verlage rufen dazu auf, neu entdeckte deutsche Regionen sofort mitzuteilen, am besten mit dem dazugehörigen Regionalkrimi im Anhang.

Das Gremium zur Beantwortung der Frage »Was ist eigentlich ein Krimi?« ringt sich zu einer epochalen Ausweitung ihres Gegenstandes durch und legt fest, künftig sei auch ein Nichtkrimi dann ein Krimi, wenn in ihm ein Mord geschieht, ermittelt wird und der Leser von einem Anflug echter Spannung befallen wird. Als erster so zum Krimi geadelter Nichtkrimi wird Thilo Sarrazins »Deutschland schafft sich ab« (inzwischen auch als Taschenbuch erschienen) genannt.

OKTOBER: Es ist vollbracht! Wie der Börsenverein des Deutschen Buchhandels am 17. des Monats mitteilt, hat der Marktanteil von Krimis an der Belletristik die Traumquote von 100% so gut wie erreicht. Als letzter Autor von nichtkriminalliterarischer Prosa wird der Lüneburger Alwin Petzoldt identifiziert. Sein Werk »Blümchen und Eierbecherchen wandern hinaus in die Welt« kann selbst nach den neuesten Erkenntnissen des Gremiums zur Beantwortung der Frage »Was ist eigentlich ein Krimi?« nicht als solcher bezeichnet werden, da Blümchen und Eierbecherchen weder serienmorden noch inzestiös miteinander verbunden sind. Herr Petzoldt wird schleunigst des Landes verwiesen.

Schockierendes erreicht uns von oben erwähntem Gremium, das in einer repräsentativen großangelegten Umfrage den typischen Konsumenten von Kriminalliteratur ermitteln konnte. Es handelt sich dabei um die 48jährige Diplomingenieursgattin Heidrun Bollwinkel. Sie lebt als nichtberufstätige Hausfrau kinderlos in einem Zweifamilienhaus nahe Bamberg, besitzt einen Dackel sowie die Mittlere Reife und siebzehn Paar Schuhe. Neben 24 Kriminalromanen im Monat liest sie BILD (täglich), den STERN (beim Friseur) sowie alle Jahre wieder »Das große Plätzchenbackbuch«.

NOVEMBER: Deutschland im trüben Spätherbst – und nichts geht mehr. Die Bahn hat sämtliche Züge zur Inspektion beordert, die Banken verleihen kein Geld mehr, weil sich das nicht lohnt, die Bundesregierung befindet sich seit Wochen in »Klausur«. Schlimmer noch: Die KrimileserInnen streiken, weil seit Januar kein neuer Sebastian Fitzek mehr erschienen ist und die KrimiautorInnen streiken, weil niemand ihnen mehr abnimmt, dass sie Sebastian Fitzek sind. Erst als Fitzek mit »Das doppelte Näschen« einen weiteren spannungstriefenden Thriller auf den Markt wirft, entspannt sich die dortige Lage. Der Plot: Menschen wie du und ich wachen am Morgen auf, heißen alle plötzlich Waldemar Pupinski und haben zwei Nasen im Gesicht, wovon die eine ständig tropft. Ganz Deutschland liest, sogar die Bundesregierung.

Streit im Gremium zur Beantwortung der Frage »Was ist eigentlich ein Krimi?«. Während die Mehrheit den Standpunkt vertritt, ein Krimi habe immer mit der Auflösung zu enden, sonst sei er keiner, versteift sich eine Minderheit auf die Behauptung, ein Krimi, der mit der Auflösung ende, sei langweilig und mithin unspannend, weil man genau das erwartet. Und ein unspannender Krimi sei qua definitionem kein Krimi, sondern eine SPIEGEL-Reportage über Hitlers letzte Tage im Führerbunker.

DEZEMBER: Der weniger bekannte Autor Dieter Paul Rudolph beendet die diesjährige Krimisaison mit der Veröffentlichung der 400. Folge seines Krimiendlosprojekts (http://droodprojekt.wordpress.com/). Das größenwahnsinnige Werk wird bis zum endgültigen Ableben des Schreibers mit einer täglichen Lieferung fortgeführt und als Fragment enden. Rudolph wurde auch mit seinem im Frühjahr bei Conte erschienenen Chat-Schocker »Pixity – Stadt der Unsichtbaren« (288 Seiten, lausige 12,90 €, kann beim Autor ohne Aufpreis mit Widmung und Unterschrift bestellt werden) nicht bekannt und zehrt weiterhin von seiner geringen Popularität als unermüdlicher Mahner gegen schleichwerberisches Product Placement in Kriminalromanen und Krimicouch-Kolumnen.

Das Gremium zur Beantwortung der Frage »Was ist eigentlich ein Krimi?« lanciert geschickt zur Weihnachtszeit seinen vorläufigen Abschlussbericht. Wir zitieren aus dem Fazit: »Es konnte zweifelsfrei festgestellt werden, dass es sich bei Kriminalromanen um Geschriebenes handelt, das der Literatur näher steht als Guido Westerwelle dem Grundgesetz. Wenn Kriminalromane nicht von Kriminalfällen handeln, dann handeln sie von todkranken Kommissaren, merkwürdigen Landstrichen (Eifel, Sauerland, Harz) und düsteren Familiengeheimnissen (Opa hatte Akne und Tante Frieda neigte zur Nymphomanie). Die Spannung ist entgegen früherer Behauptungen nicht das, was das Gemüse in der Gemüsesuppe ist, sondern eher das, was der Hering im Heringssalat repräsentiert. Erfunden hat den Krimi Friedrich der Große. Weitere Erkenntnisse erwarten Sie bitte für 2012.« Ministerin Schavan ist außer sich vor Begeisterung und bewilligt erneut 1 Million Euro.

Seiten-Funktionen: