Winters Knochen von Daniel Woodrell

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2006 unter dem Titel Winter´s bone, deutsche Ausgabe erstmals 2011 bei Liebeskind.
Ort & Zeit der Handlung: USA / Ozark Mountains, 1990 - 2009.

  • New York: Little, Brown and Co., 2006 unter dem Titel Winter´s bone. ISBN: 978-0316057554. 193 Seiten.
  • München: Liebeskind, 2011. Übersetzt von Peter Torberg. ISBN: 978-3935890762. 224 Seiten.

'Winters Knochen' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Jessup Dolly taucht unter, als der Winter kommt. Seiner Familie, die in bitterarmen Verhältnissen im Hinterland von Missouri lebt, fehlt es an allem. Sie haben kaum etwas zu essen und nicht einmal genug Feuerholz, um das Haus warm zu halten. Aufopferungsvoll kümmert sich Jessups sechzehnjährige Tochter Ree um ihre pflegebedürftige Mutter und die beiden jüngeren Brüder. Doch dann passiert das Unvermeidliche. Die Polizei steht vor der Tür und teilt Ree mit, dass ihr Vater, der schon einmal wegen Drogengeschäften im Gefängnis war und nun erneut unter Anklage steht, das Haus für seine Kaution verpfändet hat. Wenn Jessup nicht bei Gericht erscheint, verliert seine Familie alles, was sie hat. Ree bleibt eine Woche Zeit, um ihren Vater zu finden – tot oder lebendig.

Das meint Krimi-Couch.de: »Wintertime winds blow cold this season« 91°Treffer

Krimi-Rezension von Jochen König

Laut Martin Compart ist Daniel Woodrell der »Poet des White Trash«. Keine Einwände, denn dieser Vorgabe lässt sich mit dem vorliegenden Roman leicht folgen: Winters Knochen ist ein weiterer poetischer Meilenstein, der mit beiden Beinen fest in den Ozarks steht, mitten in der Welt des »White Trash«, zwischen Menschen, die in altersschwachen Häusern am Rande des Existenzminimums (und darunter) leben, in Wohnwagen und noch mieseren Behausungen; aber auch auf großen Gehöften und Anwesen, wenn die gesellschaftliche Stellung innerhalb diverser Clans (verbunden mit erfolgreichen, aber höchst illegalen Geschäften) dies erlaubt.

Hier gelten eigene, eherne Regeln, wer sie bricht, kann froh sein, wenn er nur mit Schimpf und Schande behandelt, bzw. davongejagt wird. Da zählt auch die verwandtschaftliche Basis wenig, denn zumindest weitläufig verwandt ist in den Ozarks jeder mit jedem. All die Dollys, Miltons, Boshells und Bromonts und wie sie noch heißen mögen. »Das Gesetz« steht für die Justiz der Vereinigten Staaten, und die zählt nicht gar so viel in den Ozarks. Hier wo sich mehr oder minder begabte Crystal Meth-Produzenten und –Konsumenten ein munteres Stelldichein geben. In den Knast gewandert ist (fast) jeder schon einmal; entweder wegen Drogen-, oder Eigentumsdelikten, Körperverletzung bis hin zum Mord. Kann passieren. Das sitzt man aus. Die Familie wird notdürftig mitversorgt von den Anverwandten, und wenn man den Knast wieder verlässt, macht man da weiter, wo es vorher endete.

Jessup Dolly ist auf Bewährung draußen. Wenn er verurteilt wird, drohen ihm bis zu zehn Jahren Haft. Sollte das ein Grund sein, um die Bewährungsauflagen zu verletzen und zu verschwinden? Genau das befürchtet »Das Gesetz« in Gestalt von Deputy Baskin und begibt sich zum Haus der Dollys, um die vier verbliebenen Familienmitglieder zu informieren, dass ihr Heim futsch ist, wenn Daddy nicht zur angesetzten Gerichtsverhandlung erscheint. Denn der armselige Besitz war die Einlage für die gestellte Kaution. Ree Dolly, der sechzehnjährigen Tochter Jessups, bleibt eine Woche, um ihren Vater zu finden. In welchem Zustand auch immer.

Von ihrer Mutter, deren Verstand sich in ein buntes Nirwana verabschiedet hat, ist keine Hilfe zu erwarten, und die beiden Brüder Sonny und Harold sind noch zu klein, um Ree ernsthaft beistehen zu können. Also schmeißt sie nicht nur Haushalt und Erziehung, sondern ist bei der Suche ganz allein auf sich gestellt. Zumindest zu Beginn, denn auch die weitere Verwandtschaft steht ihr vorerst nicht bei. Ein Grund könnte sein, dass Jessup möglicherweise den Codex gebrochen und Verrat an der Sippe begangen hat, und somit nie wieder vor Gericht erscheinen wird. Ree bereitet sich auf das Schlimmste vor. Und bekommt zumindest brummigen Rückhalt von ihrem finsteren Onkel Teardrop sowie Unterstützung von ihrer besten Freundin Gail, die sich allerdings auch noch um Sohn Ned und den eher zwangsweise akzeptierten als geliebten Kindsvater und damit Ehemann Floyd kümmern muss.

Winters Knochen ist ein Country Noir von atemberaubender Klarheit. Wie ein tiefer Atemzug in klirrender Kälte, irgendwo in sternenklarer Nacht, weit abseits der Zivilisation. Der am hellsten leuchtende Stern in tiefer Dunkelheit heißt Ree Dolly. Eine der faszinierendsten Hauptfiguren der jüngeren Literaturgeschichte. Denn Daniel Woodrell gelingt das Kunststück dieses sechzehnjährige Mädchen mit Verantwortung und Tatkraft, gepaart mit einer gehörigen Portion Halsstarrigkeit, auszustatten, ohne ihre Glaubwürdigkeit zu untergraben. Ree ist ein Produkt ihrer Umgebung und doch viel mehr. Ihre natürliche Intelligenz und Ausstrahlung beeindruckt nicht nur den Schulbusfahrer, sie nötigt selbst denen Respekt ab, die Ree misshandeln, um sie von ihrem Ziel abzubringen, den Vater zu finden. Und damit die drohende Obdachlosigkeit von ihren engsten Familienangehörigen abzuwenden. Die Szenen, in denen Ree ihre kleinen Brüder darauf drillt der feindlichen Welt Paroli bieten zu können, sowie ihre verzweifelten Versuche dem entschwindenden Verstand der Mutter noch ein winziges Funkeln zu entlocken, sind Literatur, die eindrücklicher kaum sein kann.

Woodrell vermeidet, selbst in der rigoros und knallhart geregelten Welt der Ozarks, jede Schwarzweiß-Zeichnung. Ree geht es um das Wohl der Familie, im Hinterkopf hat sie aber sehr wohl ihren Absprung (Richtung Army) aus der dumpf brütenden Welt des scheinbar vorbestimmten Schicksals. Ein unbegabterer Autor hätte aus Winters Knochen eine simple Rachegeschichte gemacht. Doch selbst, nachdem man ihr, im Wortsinn, die Scheiße aus dem Leib geprügelt hat, stellt Ree atavistische Rachegelüste ihrem gewählten Ziel hinten an. Das verschafft ihr Respekt selbst von Menschen, die sie nicht einmal ansatzweise verstehen. Ree ist die Hoffnung, dass selbst in finstersten Zeiten und Gegenden Menschlichkeit sich ihren Weg bahnen kann. Doch Woodrell verklärt diese Hoffnung nicht, denn sie ist mit viel Arbeit, Entbehrungen und vor allem Schmerz verbunden. Doch es gibt sie, und das zeigt nicht nur Ree, sondern auch Gail, Rees Schulfreundin, die durch ihre Begegnung mit Ree die vorsichtige Emanzipation wagt. Wobei ihre Probleme mit Zwangsehemann Floyd, der immer noch seine verflossene große Liebe beehrt, eher kleiner Natur sind, gemessen an dem Grabenkampf, der zwischen machtbeflissenen Clans mitten im Crystal Meth-Paradies tobt.

Winters Knochen zeigt ein bröckelndes Gebilde männlicher Dominanz. Frauen leiden unter den wie in Stein gemeißelten Regeln, die wie so oft keinen anderen Sinn haben, als einen patriarchalischen Status Quo zu bewahren, mag er so erbärmlich sein wie nur möglich. Die klugen Frauen versuchen ihn zu überwinden, die starken setzen ihn durch. Mit dem schlechten Gewissen, dass etwas total aus dem Ruder läuft.

Es ist nur konsequent, dass die Hoffnung weiblich ist, während die scheinbar so starken Männer sich im Ausleben sterbender Rituale peu a peu auflösen. Wobei das Buch keinen Zweifel daran lässt, dass die Hoffnung nur eine milde und in erster Linie individuelle ist. Sie liegt im Ausbruch und nicht in der Änderung herrschender wirtschaftlicher und krimineller Verhältnisse.

Und so bleibt Winters Knochen eine Bestandsaufnahme der Finsternis, in deren Mittelpunkt allerdings ein heller Lichtstreif ist. Das erste Meisterwerk des noch jungen Jahres.

PS.: Man sollte Daniel Woodrell aber nicht auf reine »White Trash Poesie« reduzieren. Er ist thematisch vielfältiger. Bereits seine ersten Romane, die St. Bruno-Trilogie, die in den Bayous spielt, macht sich gut neben den hervorragenden Dave Robicheaux-Büchern James Lee Burkes. Nicht zu vergessen den Bürgerkriegsroman Zum Leben verdammt (Woe To live On), den Ang Lee ganz ansprechend, aber wie üblich etwas zu lang, unter dem Titel »Ride With The Devil« verfilmte.

Jochen König, Februar 2011

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Heino Bosselmann zu »Daniel Woodrell: Winters Knochen« 02.09.2016
Heino Bosselmann

Leben und Sterben der Verdammten

Belletristisch meisterhafte und namentlich den europäischen Leser stark beeindruckende Darstellungen zum Schicksal jener, die die Gesellschaft ausgeschlossen hat, bilden in der amerikanischen Literatur mittlerweile ein eigenes Genre. Der Meister und Doyen dieses Bereichs scheint mir der grandiose Cormac McCarthy zu sein. Seine Meisterschaft und epische Breite wird von dem jüngeren Daniel Woodrell nicht unbedingt erreicht, dennoch erzählt dieser schmale Roman sehr eindrucksvoll, passagenweise vielleicht gar etwas zu artifiziell eine extrem harte Geschichte um eine junge Frau, fast noch ein Mädchen, die, völlig auf sich allein gestellt, um das Durchkommen ihrer beiden halbwüchsigen Brüder und ihrer dementen Mutter ringt. Sozialdarwinismus erscheint vor dem Hintergrund der Brutalität dieses Lebensraum fast als Euphemismus.

Offenbar gibt es im Westen und Mittleren Westen der USA oder überhaupt in der Provinz des weiten Landes Regionen, in denen Staatsferne und bitterste Armut eine Parallelgesellschaft entstehen ließen, die vormodern auf Clanstrukturen aus Verwandtschaft und Vasallitäten beruht, quasimafiös in ihren Begriffen von Ehre und Schuld, durchgehend kriminell, aber von ganz eigener Ethik. Jemanden zu verpfeifen, gar den Cops zu verraten, das ist die Todsünde. Wer noch Pfründen hat, um damit zu wuchern, wer etwas gilt, der fährt Pick-up, vertreibt Drogen an die Frustrierten und Zukurzgekommenen und versammelt hinter sich eine zwielichtige Klientel armer Lumpen.

Ree Dolly aber ist auf sich selbst gestellt. Die Dramatik der Story lebt davon, dass sie zwar tough und mit ihren Springerstiefeln um Militanz bemüht ist, aber doch als eigentlich zartes Wesen einer Fronde rüder Kraft und der widerwärtiger Kaltherzigkeit von Pumpgun-Kerlen und deren Anhang aus brutalisierten Mannsweibern gegenübersteht, sehr schön beschrieben mit ihren starken Kiefern, immensen Busen, Gesichter wie Haferbroten und dem Geruch nach Entenfett und brauner Soße, nach Stroh und nassen Federn. Knasterfahrene Typen, die Treadrop, Littel Arthur, Spider, Catfish und Cotton Milton und Sleepy John heißen oder einfach Dog und Punch. Frauen, die rücksichtsloser zuschlagen als ihre Männer. Ree als ihr Opfer zu identifizieren und ihr im Wortsinne den Kot aus dem zu Leib prügeln, das ist offenbar ein veritables Kommunikationsangebot in diesem so stumpfsinnigen wie aufs eigene Überleben reduzierten Milieu.

Dabei geht es Ree Dolly nur darum, mitten im lausigen Winter ihr primitives Haus zu retten, Im Wortsinne das Dach überm Kopf und damit das buchstäblich Letzte, was sie überhaupt noch hat, bevor sie mit den kleinen Brüdern und der schwachsinnigen Mutter in eine nasse Höhle ziehen müsste oder als Wölfin in der Steppe zu leben hätte. Ihr Vater nämlich, Jessup Dolly, einer der alten Warlords, ist verschwunden, weil er nicht wieder in den Knast wollte; und das Haus ist als Kaution eingesetzt, nur zu retten also, wenn er vor Gericht erscheint oder sein Tod erweislich ist. Letzteres ist freilich stets naheliegender als das Erste. Für den Nachweis braucht man dort kein Schreiben; zwei abgesägte Hände reichten hin. Jessup hat es sich mit den anderen Rottenführer verscherzt, er hat mit dem Sheriff geredet, ist daher zum Outlaw dieser Verbrechergesellschaft geworden und wird seinen Preis zahlen.

Mit dem Sheriff nämlich redet man nicht. Warum auch? Er steht hinsichtlich Brutalität ganz und gar nicht jenen nach, über die er wacht, und das Empfinden oder gar Mitleid geht ihm ebenso ab wie den Schwerstkriminellen. ' Irgendwo da draußen ist es wohl noch, das stahlharte und von miesen Sheriffs vertretene Recht, das allerdings für sich auch alles andere als das Gegenteil von Unrecht ist.

Starkes Buch aus einem Verlag, der sich schon auf dieser Schiene eindrucksvoll profilierte.
christina klein zu »Daniel Woodrell: Winters Knochen« 09.04.2011
Als Woodrellfan und um bei den Fakten zu bleiben möchte ich anmerken dass Rees Vater Jessup Dolly "NICHT auf Bewährung ist" sondern statt pre-trial jail auf Kaution bis zur Gerichtsverhandlung frei bleibt. Ansonsten bin ich nun nach dem Lesen der deutschen Übersetzung entsetzt was der Übersetzer Peter Torberg stellenweise aus dem Original gemacht hat. Hier wurden stellenweise MASSGEBLICHE Sachen geschrieben die im Original gar NICHT oder signifikant anders stehen. Trotzdem empfehle ich dieses Buch auf Deutsch zu lesen, soferne man es nicht im Original lesen kann. Es ist ein Must-Read
Susanne zu »Daniel Woodrell: Winters Knochen« 21.02.2011
Diesen Roman bekam ich als Tip einer Buchhändler-Freundin, als ich auf der Suche nach einem Nachfolger für Thomas Willmann "Das finstere Tal" auf der Suche war.
Langsam entsteht die Landschaft, die Figuren vor der Phantasie, entwickelt sich die Düsternis der unbarmherzigen Geschichte. Was ein junges Mächen, auf sich gestellt, innerhalb einer Woche auf der Suche nach ihrem auf Bewährung in Freiheit, aber verschwundenen Vater in der Woche erlebt.
Ein "weibliches" Buch, mit viel Platz für Beschreibungen dessen was Männer in dieser beschriebenen großen Sippengemeinschadt tun, und wie sie ihre Frauen zur Unterwerfung zwingen. Düster, mit kleinen Hoffnungsschimmern, deren Realisierung man der Protagonistin Ree wünscht am Ende einer Geschichte die zaghaft nach eine Fortsetzung fragt.
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