Der stumme Zwilling von Dan Vyleta

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2011 unter dem Titel The quiet twin, deutsche Ausgabe erstmals 2011 bei Berlin Verlag.
Ort & Zeit der Handlung: , 1930 - 1949.

  • London: Bloomsbury, 2011 unter dem Titel The quiet twin. 348 Seiten.
  • Berlin: Berlin Verlag, 2011. Übersetzt von Werner Löcher-Lawrence. ISBN: 978-3827009715. 416 Seiten.

'Der stumme Zwilling' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Wien, 1939. Mysteriöse Gewalttaten erschüttern ein Wiener Mietshaus. Die junge Zuzka, beobachtet in den Fenstern zum Innenhof rätselhafte Dinge. Sie zieht den Arzt Anton Beer zu Rate, und als beide den Vorfällen nachgehen, eröffnet sich ihnen ein Kabinett von Sonderlingen, Nazi- Spitzeln, begehrenswerten Frauen – und potenziellen Mördern.

Das meint Krimi-Couch.de: »Biedere Soiree« 42°

Krimi-Rezension von Wolfgang Franßen

Neo Noir ist ein Begriff aus der Filmbranche, der gerne jenem Kino angeheftet wird, das sich an der klassischen, düsteren Bebilderung aus den 40igern, 50igern orientiert. Etwa Point Black mit Lee Marvin oder Vertigo von Alfred Hitchcock. Selbst die Dirty-Harry-Reihe wird von manchem dazu gezählt. Um es gleich vorneweg zu sagen: Der stumme Zwilling hat damit überhaupt nichts zu tun, auch wenn er vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs spielt und der Autor sich bemüht, eine Geschichte der klaustrophobische Enge aus Misstrauen, Angst vor Verfolgung und biederem Spitzeltum zu entwerfen.

Da gibt es die junge Zuzka, den Dr. Anton Beer, die Haushälterin Vesalius, Lieschen und ihren trinkenden Vater, da geschehen gleich vier Morde im Umkreis eines Wiener Mietshauses und dringen merkwürdige Geräusche aus dem Keller in die Wohnungen. Doch die Handlung entspinnt sich so betulich, dass man zu Anfang noch hofft, man befände sich in einem blassen Remake von Arthur Schnitzlers Traumnovelle.

Dann jedoch muss man mit zunehmender Langweile sich fragen, was verspricht der Klappentext da: ein Kabinett der Sonderlinge, angesichts eines Arztes, der seinen Freud kennt und sich vom Mysterium eines ausgebluteten Hundes heraus gefordert fühlt? Vyleta legt Fährten aus, die in die Irre führen sollen, so dass der eigentliche Kern der Geschichte lange Zeit verborgen bleibt. Vorausgesetzt man dringt als Leser zu ihm vor und hat angesichts der schwülstigen Sprache nicht vorher aufgegeben.

Als sich die Tür öffnete, hatte er noch mit dem Hosenlatz zu tun. Er trug kein Hemd und hatte die Hosenträger über ein baumwollenes Unterhemd gezogen, auf dem oben zwischen den Brustmuskeln ein kalter Schweißschatten lag. Er war barfuss und stand o-beinig auf den Außenseiten der Füße, um den Kontakt mit den kalten Dielen zu minimieren. Seine Zehennägel waren ungepflegt und schmutzig.

Noch Fragen? Also wer sich diesen Mann nicht vorzustellen vermag, dem kann nicht geholfen werden. Es ist genau dieser Reichtum an Ausleuchtung von Szenerie wie Akteuren, der die Geschichte totschlägt. Die Überfrachtung führt dazu, dass Spannung, gar das Empfinden von Angst nicht aufkommen will.

Wenn der Verlag dann Vyleta noch mit Paul Auster vergleicht, fragt man sich, welches Verwirrspiel, auf dessen Klaviatur Auster so meisterhaft zu spielen imstande ist, Vyleta heraufzubeschwören versucht. Nazis, Euthanasie fallen dem Wiener Mief zu Grunde. Dass Oktober 1939 ist, die Welt in den Abgrund stiert, die Deutschen wieder einmal der Meinung sind, sie müssten Krieg führen, wird zur Randnotiz Wiener Privatismen. Der beabsichtigte Alptraum schleicht eher umher, als dass er einem den Schlaf raubt.

Das erste Opfer ist ein Mann, zweiundzwanzig Jahre, Mitglied der SS, das zweite Opfer Mitglied der Arbeitsfront, das dritte Opfer eine Frau, erwürgt und missbraucht in einem Fabrikhinterhof aufgefunden, das vierte Opfer Student und Mitglied der Burschenschaft Teutonia. Eine bunte Palette. Ein Serienmörder geht um, während Zuzka Briefe an ihre tote Schwester schreibt, Dr. Beer seine Homosexualität versteckt, während das heikle Thema der Ermordung von körperlich und geistig behinderten Menschen, von Zwangsterilisation sich allmählich enthüllt.

Das Spiegelbild des heraufziehenden Grauens im Dritten Reich soll sich anhand von Einzelschicksalen manifestieren.

In der Nachbemerkung schreibt der Autor:

Dabei ging es mir mehr darum, diesen Menschen, diesen »gewöhnlichen Österreichern«, die ich ins Zentrum meines Romans gestellt habe, gerecht zu werden als den genauen historischen Details.

Das ist Vyleta gelungen. Wie unter dickem Staub ruhen sie in sich. Trotz aller Wortkunst sind sie dem Museum der Geschichte und dem guten Willen entsprungen. Wir sehen ihnen bei ihrem Treiben zu, aber sie berühren uns nicht.

Wolfgang Franßen, April 2011

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karola zu »Dan Vyleta: Der stumme Zwilling« 09.05.2011
Der Rezension kann ich nicht ganz zustimmen. Zwar ist es mehr ein geschichtlicher Roman mit Elementen eines Krimis als ein klassischer Krimi und das hätte der Verlag deutlicher sagen müssen.Ich bin aber mit dem Buch auf keinen Fall gelangweilt gesewesn, sondern habe es in einem Atemzug übers Wochenende gelesen. Stilistisch wunderschön, historisch sehr gut recherchiert (kein Wunder, wenn man die berufliche Herkunft des Autoren bedenkt), düstere, vorzüglich geschilderte Atmosphäre - mir hat das Ganze sehr gut gefallen.Das Einzige, was mich persönlich gestört hat, ähnlich wie auch den Rezensenten, ist, dass fast am jeden Buchcharakter und am jeden Opfer was Sonderliches hängte. Für mich war die Grenze überschritten, als es sich zeigte, das Dr. Anton Beer nicht nur Psychiater ist, was ihn meiner Meinung nach schon ausreichend von allen anderen abhebt, sondern auch noch Homsexueller. Was hatte es für eine Bedeutung für die Erzählung? Seine Frau konnte ihn auch aus einem anderen, gewöhnlicherem Grund verlassen haben, der den bunten Hintergrund nicht überbunt machte.Alles in einem ein spannendes, sehr schön geschriebenes, lebhaftes Buch, dass ich schon weiter empfohlen habe. Ich mache mich jetzt an "Pavel&Ich".
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