Target 5 von Colin Forbes

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1972 unter dem Titel Target Five, deutsche Ausgabe erstmals 1974 bei von Schröder.

  • London: Collins, 1972 unter dem Titel Target Five. ISBN: 0002218674. 256 Seiten.
  • Düsseldorf: von Schröder, 1974. Übersetzt von Susan & Manfred Meurer. ISBN: 354772855X. 309 Seiten.
  • München: Heyne, 1977. Übersetzt von Susan & Manfred Meurer. ISBN: 3-453-00686-0. 270 Seiten.
  • Düsseldorf; Wien; New York: Econ, 1989. Übersetzt von Susan & Manfred Meurer. ISBN: 3-430-12861-7. 309 Seiten.
  • München: Pavillon, 2001. Übersetzt von Susan & Manfred Meurer. ISBN: 3-453-17675-8. 269 Seiten.

'Target 5' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

Das meint Krimi-Couch.de: 80°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Mitten in der Nacht und auf offener Strecke holt ihn das FBI aus dem Zug, der ihn in die verdienten Ferien tragen sollte: Keith Beaumont, britischer Abenteurer und Arktis-Experte, der schon mehrfach für den US-Geheimdienst tätig geworden ist, muss zurück nach Grönland, das er gerade erst verlassen hat, um einen ungewöhnlichen Auftrag zu übernehmen.

Wir schreiben das Jahr 1972. Der kalte Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion ist auf seinem Höhepunkt. Sogar in der Arktis belauern sich die beiden Supermächte. Die Machthaber beider Seiten plagt die Angst, der Gegner könne über das Dach der Welt eine Invasion starten. Deshalb unterhält man Militärstützpunkte und noch weiter im Norden kleine 'Forschungsstationen'.

Eine seltene Laune des aktuellen Polarwinters bringt es mit sich, dass sich zwei riesige Eisinseln vor der Ostküste von Grönland einander auf vierzig Kilometer genähert haben. »Nordpol 17« trägt eine Station der Sowjets, während die Amerikaner ihrer schwimmenden Insel den Namen »Target 5« gegeben haben.

Auf »Nordpol 17« nutzt ein Mann die Gunst der Stunde: Michael Gorow, Meereskundler von Weltrang, hat genug von der Diktatur in seinem Heimatland. Er signalisiert den Amerikanern seine Bereitschaft überzulaufen. In Washington ist man entzückt, denn Gorow war es, unter dessen Leitung gerade das neue Unterwasser-Ortungssystem der UdSSR auf dem arktischen Meeresboden verlegt wurde. Freilich behalten Militär und Geheimdienst den Wissenschaftler in der Sowjetunion aus diesem Grund besonders sorgfältig im Auge.

Nun hält sich Gorow zu Forschungszwecken auf »Nordpol 17« auf. Nur hier kann er sich absetzen, doch allein wird er den Marsch über das vereiste Nordmeer gen »Target 5« nicht schaffen. Deshalb sollen ihn Keith Beaumont und seine beiden alten Freunde und Mitstreiter Sam Grayson und Horst Langer in Empfang nehmen und in Sicherheit bringen.

Bevor das Unternehmen begonnen hat, wissen die Russen schon Bescheid. Sie haben einen Maulwurf im amerikanischen Sicherheitssystem platziert, der Beaumont in der US-Militärbasis Thule auf Grönland in Empfang nimmt. Zwar kann der Brite ihn entlarven und ausschalten, aber das Unglück ist schon geschehen: Der Agent konnte noch seinen Chef benachrichtigen, den gefürchteten Oberst Igor Papanin, Leiter der Sicherheitsbehörde für besondere Aufgaben für den arktischen Militärbereich der UdSSR. Der hochintelligente Mann setzt sofort alle verfügbaren Kräfte gen »Nordpol 17« in Marsch – und sollte ihnen Gorow entkommen, werden sie nicht zögern, sich »Target 5« zuzuwenden.

Beaumont ist sich dessen wohl bewusst. Als Gorow tatsächlich seinen Häschern entwischen kann, beginnt in der Eiswüste ein erbitterter Wettlauf. Beide Seiten unterschätzen freilich sträflich ihren eigentlichen Gegner: den Polarwinter, der schon bald erbarmungslos die ersten Opfer fordert …


Romane wie dieser sind es, die dem Leser bewusst machen, welcher Verlust das Ende der Sowjetunion für die Unterhaltungsliteratur bedeutet hat. Wir haben ihn noch längst nicht verwunden; idealere Bösewichte hat es seither nicht mehr gegeben: Ein ganzes »Reich des Bösen«, wie Ronald Reagan es einst so poetisch nannte, bevölkert von finsteren, bis an die Zähne bewaffneten Kommunistenteufeln, die nur auf ihre Gelegenheit lauerten, über die wahren Verfechter der Freiheit auf diesem Planeten – die Vereinigten Staaten von Amerika und, allerdings weniger von Bedeutung, ihre westlichen Verbündeten (= Handlanger). Die ganze Welt dient als Schachbrett für das »Spiel« – das unauffällige, deshalb aber nicht weniger verbissene Ringen um die Vorherrschaft, ausgetragen von den Geheimdiensten der Supermächte, da ein offener Schlagabtausch angesichts des auf beiden Seiten angehäuften Atomwaffen-Arsenals reiner Wahnsinn gewesen wäre.

Das ist der Stoff, aus dem mehr als vier Jahrzehnte lang die (Alb-)Träume waren. Weil der Mensch sich den Dingen, die er fürchtet, gern spielerisch nähert (das »Godzilla-Syndrom«), gibt es ein unendliche Zahl von Filmen und Büchern, die vor dem Hintergrund des Kalten Krieges spielen. Einige Autoren verdanken ihren Weltruf sogar dem geschickten Spiel mit der Angst vor den 'Roten’ und ihren Tücken; John le Carre ist vielleicht der bekannteste von ihnen.

Colin Forbes erreicht nun ganz gewiss nicht le Carres Klasse.. Er begann seine Karriere in den 60er Jahren mit einer Reihe von Romanen, die allerlei Abenteuer wackerer britischer Soldatenhelden während des II. Weltkriegs beschrieben. Dies waren im Grunde reine Wild West-Geschichten, in denen die Nazis die Rolle der bösen Indianer übernahmen. Allerdings lesen sich diese knalligen Reißer durchaus spannend; nicht umsonst sind sie seit Jahrzehnten sogar in Deutschland immer wieder nachgedruckt worden und haben eindrucksvolle Auflagenzahlen erreicht. (»Gehetzt«, »Die Höhen von Zervus« oder vor allem »Das Double«, eine wüste Räuberpistole um einen durch einen Doppelgänger ersetzten Adolf Hitler, sind alle im Heyne-Verlag erschienen.)

Daneben widmete sich der fleißige Forbes natürlich auch dem Agententhriller. Die Sowjets erwiesen sich als ebenso dankbare Schurken wie die Nazis. Oberst Papanin, der in »Target 5« auf russischer Seite die Fäden in der Hand hält, ist der roboterhafte Apparatschik par excellence. In Russland ist es immer kalt und dunkel, die Menschen schleichen graugesichtig und geduckt daher, immer gewärtig, von der Polizei oder dem Geheimdienst auf offener Straße verhaftet und verschleppt zu werden, damit man sie foltern und ihnen 'Landesverrat’ vorwerfen kann. Aber Russen sind auch schlau, und dies manifestierte sich für den Durchschnittswestler der 1960er und 70er in der schwer verständlichen, ärgerlichen Tatsache, dass sie stets die Schachweltmeisterschaft für sich entschieden. Natürlich konnte ihnen das nur gelingen, weil sie – anders als die braven und vom wahren Sportsgeist beseelten Amerikaner – das Schachspiel nur als Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln begriffen. Folglich schleppt sogar der grimmige Papanin stets ein Schachspiel mit sich herum, auf dem er in den weniger freien Minuten, die der Große Bruder im Kreml ihm gewährt, die nächsten Züge gegen den Klassenfeind einübt. Auch die Verräterhatz im Eis betrachtet Papanin als Spiel, das er unter allen Umständen zu gewinnen trachtet.

Den diabolischen Sowjets stemmen sich reinen Herzens die Verteidiger des Westens entgegen. Gut, General Dawes lockt Keith Beaumont mit einem faulen Trick in die Arktis, aber es muss halt so handeln, weil es doch im Dienst einer guten Sache ist. Und weil er im Herzen ein wahrer Patriot und Dawes zwar ein harter Brocken, aber eigentlich ein patenter Kerl ist, lacht der brave Keith bald wieder anerkennend über seinen schlauen Chef und lässt Gedanken an Manipulation und Machtmissbrauch gar nicht erst aufkommen. Immerhin verlässt er sich doch auf ihn – und dabei ist er nicht einmal Amerikaner! Ganz verleugnen mochte Colin Forbes also seine Herkunft – und sein treues britisches Publikum nicht. Ohnehin spielt Beaumonts Nationalität für die Handlung überhaupt keine Rolle.

Von der holzschnittartigen Weltsicht einmal abgesehen, funktioniert »Target 5« als Abenteuerroman ausgezeichnet. Die 'Realität’ des Jahres 1972 weckt heute nicht nur nostalgische Gefühle, sondern lässt »Target 5« ebenso irreal wirken wie die leicht Science Fiction-lastigen Film-Agententhriller dieser Zeit.

Darüber hinaus fesselt Forbes Roman durch die grandiose arktische Kulisse. Der Kampf des Menschen gegen das ewige Eis stellt sich 2001 kaum anders dar als 1972. Diese Passagen sind quasi zeitlos, und weil Forbes sein Handwerk versteht, sind sie auch heute noch spannend zu lesen.

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