Das Double von Colin Forbes

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1983 unter dem Titel The Leader and the Damned, deutsche Ausgabe erstmals 1986 bei Heyne.

  • London: Collins, 1983 unter dem Titel The Leader and the Damned. ISBN: 0002227053. 478 Seiten.
  • München: Heyne, 1986. Übersetzt von Wulf Bergner. ISBN: 3-453-02322-6. 526 Seiten.
  • Klagenfurt: Kaiser, 1992. Übersetzt von Wulf Bergner. ISBN: 3704321427. 299 Seiten.

'Das Double' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Im Frühjahr 1943 fällt Adolf Hitler einem Attentat zum Opfer. Reichsleiter Martin Bormann hält dies geheim, damit die Nazis die Herrschaft über das Deutsche Reich behalten können. Das klappt, weil er dem »Führer« schon vor Jahren ein Double schuf, dem ein Schauspieler Personenschutz und Mediengestalt gibt. Bormanns Marionette lebt sich allerdings zu intensiv in die Hitlerrolle ein und hält sich schließlich für den echten »Größten Feldherrn aller Zeiten«. Zugleich droht die Scharade sowohl den Alliierten als auch den Sowjets bekannt zu werden, die allerlei Geheimagenten gen Deutschland in Gang setzen ... – Zwar hanebüchener, aber gut erzählter historisierender Thriller. Das banale Böse des Nazi-Alltags dient dem Verfasser nur als Folie für ein buntes Abenteuer-Garn, das er vor allem Mittelteil als simple Hit-and-Run-Story spannend zu spinnen weiß.

Das meint Krimi-Couch.de: 70°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Im März 1943 gelingt es dem deutschen Widerstand, eine Bombe in das Flugzeug zu schmuggeln, das Adolf Hitler, Diktator des »Dritten Reiches«, von der russischen Kriegsfront in sein geheimes Hauptquartier, die »Wolfsschanze«, bringen soll. Der Anschlag gelingt, Hitler ist tot, aber Reichsleiter Martin Bormann, skrupelloser Schattenregent im Schatten seines »Führers«, kann das Attentat, das die Nazi-Führungsspitzen wie Kegel aus ihren angemaßten Ämtern stoßen würde, zunächst geheim halten.

Bormann hat einen Plan: Vor Jahren schon hat er ein Hitler-Double gefunden und sorgfältig ausgebildet. Heinz Kuby war einst Schauspieler. Die Rolle seines Lebens beherrscht er inzwischen perfekt. Nun soll er den Krieg als Marionette Bormanns fortsetzen. Die Herausforderung ist gewaltig. Wie können Kuby und Bormann die Nazi-Bonzen und Generäle täuschen, die Hitler seit vielen Jahren kennen? Aber Kuby hat nicht nur Aussehen und Art, sondern auch Hitlers Größenwahn übernommen. Allmählich beginnt er sich für den wahren »Führer« zu halten. Bormann steckt in der Klemme, denn er kann auf Kuby nicht verzichten.

Noch schlimmeres Ungemach droht an anderer Stelle. Die Alliierten planen einen gewagten Agenteneinsatz gegen das Reich. Sie wollen in Erfahrung bringen, wo sich die »Wolfsschanze« befindet und was sich dort abspielt. Ein sorgfältig präparierter »Überläufer« wird eingeschleust: Ian Lindsay ist ein Neffe des Herzogs von Dunkeith. Hitler hat ihn vor dem Krieg in seiner Eigenschaft als Mitglied der Englisch-Deutschen-Gesellschaft persönlich kennen und schätzen gelernt. Jetzt will Lindsay angeblich dem »Führer« ein geheimes Friedensangebot unterbreiten. Hitler, dem wegen der deutschen Schwierigkeiten an der Ostfront eine Ruhepause im Westen sehr gelegen käme, müsste eigentlich anbeißen – nur dass Hitler nun Kuby ist, der Lindsay niemals getroffen hat …

Als ob die Verwirrung nicht schon gewaltig genug wäre, hat sich in der britischen Spionageabwehr ein sowjetischer »Maulwurf« eingegraben. Der erfährt von Lindsays Mission und meldet diese Information sogleich nach Moskau weiter. Diese Sensation wird vom »Specht«, einem weiteren Sowjet-Agenten im Umfeld des »Führers«, bestätigt. Kuby und Bormann müssen nun die ganze Welt täuschen, denn die Tatsache, dass es den echten Hitler nicht mehr gibt, würde den Lauf der Geschichte in eine völlig neue Bahn bringen. Das Täuschungsprojekt ist gigantisch, und dabei können alle Beteiligten gefährliche Fehler nicht vermeiden …

Was wäre, wenn …Mit diesen drei Worten begann schon so manche spielerische Diskussion zwischen Historikern. Geschichte ist Vergangenheit und damit ein Fluss erstarrten Geschehens, das sich zwar deuten, aber nicht mehr ändern lässt. Theoretisch kann man dies freilich sehr wohl tun, indem man im Oberlauf die Strömung ein wenig umleitet. Schon Kleinigkeiten könn(t)en da viel ausrichten.

Hier ist es der Tod von Adolf Hitler, einer zentralen Gestalt der Weltgeschichte. Wann immer es ihn sagen wir nach 1923 erwischt hätte, wäre diese völlig anders verlaufen. Je weiter wir uns dem Schicksalsjahr 1945 nähern, desto spektakulärer würden die Folgen.

Colin Forbes wählt das Jahr 1943. Eine kluge Entscheidung, denn hier schien der Fluss der Geschichte kurz einzuhalten, bevor er in ein völlig neues Bett zu fließen begann. Mit der Stalingrad-Katastrophe war es vorbei mit dem scheinbar ungebremsten Vorstoß der deutschen Kriegsmaschine an allen Fronten. Die Waagschalen begannen sich gegen das Reich zu senken. Noch schien die Partie unentschieden zu sein. Wer jetzt den richtigen Zug machte, schlug den Weg auf die Gewinnerseite ein. Das konnten aus zeitgenössischer Sicht durchaus auch die Deutschen sein.

In diese prekäre Situation platziert Forbes sein Garn vom Hitler-Double, das den echten »Führer« ersetzen muss. Der Rollentausch allein führt bereits zu einer schier endlosen Kette bedrohlicher Krisen und Komplikationen auf deutscher Seite, die der Verfasser in immer neue und spannende Szenen zu kleiden weiß. Die Dynamik wird weiter gesteigert, als Forbes einen britischen Doppelagenten einführt, der seinerseits durch einen Sowjet-Spion überwacht wird. Und schließlich hat der zweite Hitler eigene Pläne, die über ein Marionettendasein weit hinausgehen.

Kuby/Hitler und Bormann – Lindsay – »der Specht«: Das ist das Dreieck, das sich in den nächsten Monaten und Jahren immer wieder dreht und mit der Spitze in eine andere Richtung zeigt. Den Lauf der realen Geschichte darf Forbes nicht allzu drastisch ändern, um seinem Thriller die Glaubwürdigkeit zu erhalten, aber hinter den Kulissen darf er mit den Fakten »spielen« und sie zu einem alternativen Mosaik der Vergangenheit neu zusammensetzen. Das Ergebnis überzeugt, weil der Autor die Balance zwischen Tatsache und Spekulation findet und das Gleichgewicht zu halten weiß.

»Das Double« gehört in eine Nische des historischen Romans, die hierzulande verständlicherweise besonders aufmerksam beobachtet wird. Die Schrecken des »Dritten Reiches« sind sehr real – nach Ansicht vieler Kritiker zu real, als dass man sie als Kulisse für reine Unterhaltung einsetzen, d. h. Schindluder mit ihnen treiben dürfte. Die »Siegermächte« sehen dies verständlicherweise wesentlich lockerer; es fehlt das Gefühl der Verantwortung für das Grauen. Ersetzt wird es durch die Gewissheit, die Schrecken beendet zu haben.

Das ist selbstverständlich eine arg verkürzte Deutung. Sie erklärt indes das sachte Unbehagen, das den deutschen Leser vielleicht erfasst. Dabei ist »Das Double« nicht mehr als eine spannende Geschichte, über weite Strecken sogar nur eine Hetzjagd durch Nazi-Mitteleuropa mit den üblichen Zwischenfällen, Fallen und Fluchten in letzter Sekunde. Forbes hat dies nie anders geplant. Die Realität, d. h. hier besonders die realen Figuren des »Dritten Reiches«, nutzt er, um der Handlung mehr Glaubwürdigkeit zu verschaffen. Wer »Das Double« deshalb für einen Roman mit Sachbuch-Anspruch hält, ist selbst Schuld und hält womöglich auch »Hogan’s Heroes« (dt. »Ein Käfig voller Narren«) für die Dokumentation des Alltags in einem Weltkrieg II-Gefangenenlager …

Die Figurenriege von »Das Double« lässt sich in zwei Gruppen teilen. Da haben wir zum einen die fiktiven Gestalten wie Ian Lindsay, den »Specht« oder Christa Lundt. Hier kann sich Autor Forbes darauf beschränken, bekannte Rollenbilder mit Leben zu füllen. Lindsay ist natürlich der mutige Agent im Dienst des »Guten«, der sich manchmal die Finger schmutzig machen muss, um diesem zum Sieg zu verhelfen. Als Figur, welche die Handlung voranbringt, erfüllt er seinen Zweck. Besondere Tiefe ist nicht erforderlich und wird von Forbes auch nicht angestrebt. »Lindsay« ist aus diversen Elementen des Thriller-Genres zusammengesetzt.

Das gilt auch für seine imaginären Mitspielerinnen und Mitspieler. So ist Christa Lundt in erster Linie deshalb mit an Bord, weil sogar eine Geschichte, die in frauenfeindlichen Nazi-Kreisen spielt, auf eine weibliche Hauptfigur nicht verzichten kann; womöglich verirrt sich ja auch eine Leserin in die Forbes-Ecke der Buchhandlung, und auch auf deren Geld hat man es schließlich abgesehen …Ansonsten ist Lundt klug und hübsch (die Reihenfolge wechselt), hat aber nicht wirklich viel zu sagen, sondern wird als Kristallisationspunkt emotionaler Verwicklungen eingesetzt. Recht bald wird sie zudem von der handfesten Paco abgelöst, die viel besser in diese Kriegszeit passt, d. h. so beschäftigt damit ist den Nazis in die Suppe zu spucken, dass sie ihr Liebesleben bis auf weiteres ad acta gelegt hat.

Gruppe Zwei umfasst die realen Figuren wie Hitler & seine Gang, Stalin usw. Sie verhalten sich so, wie es diejenigen historischen Sachbücher, die Forbes zwecks Recherche gelesen hat, den Originalen zuschreiben. Je höher die Informationsdichte, desto enger wird der Spielraum, in dem der Verfasser sich bewegen kann. Deshalb ist Hitler/Kuby der Hitler, wie wir ihn aus diversen Büchern und TV-Filmen zu »kennen« glauben. Über den für die Nazi-Geschichte bedeutenden Bormann ist allgemein wenig bekannt, so dass Forbes hier mehr Spielraum besitzt. Aus Eva Braun darf Forbes dagegen ungestraft ein hohlköpfiges Flittchen machen; es sorgt beim Leser nur für geringe Irritation …

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Jochen Winkel zu »Colin Forbes: Das Double« 28.03.2016
Ein Roman, den ich - was ganz selten vorkommt! - zweimal gelesen habe. Wirklich alles fiktiv?? Hitler soll nach einigen Zeitzeugen wirklich damals umgebracht worden sein. UNd es ist auch immer wieder durchgesickert,dass viele Planungen (z.Bsp. Panzerschlacht bei Kursk) durchgesickert seien, also verraten aus Rastenburg. Also alles nur von Forbes total frei erfunden. Wahrscheinlich zum Großteil, aber vielleicht ist doch einFunke Wahrheit an der Story? Wurde übrigens nicht wirklich der "Verräter" (aus dtsch. Sicht) im Kreml an die Wand gestellt? Wäre für eine Antwort für meine Fragen und (fragwürdigen) Thesen d. einen Fachmann sehr dankbar. Mein Papa und mein Opa (hohes Tier unter Göring angeblich?) waren dabei, deswegen mein Interesse.st
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