Der Tote trägt Hut von Colin Cotterill

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2011 unter dem Titel Killed at the whim of a hat , deutsche Ausgabe erstmals 2013 bei Goldmann.
Ort & Zeit der Handlung: Thailand, 2010 - heute.
Folge 1 der Jim-Juree-Serie.

  • New York: Minotaur, 2011 unter dem Titel Killed at the whim of a hat . 374 Seiten.
  • München: Goldmann, 2013. Übersetzt von Jörn Ingwersen. ISBN: 978-3-442-47702-9. 460 Seiten.

'Der Tote trägt Hut' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Was haben eine liebenswert-verrückte Sippe, ein Hut tragendes Skelett und ein ermordeter Mönch gemeinsam? Sie alle halten Kriminalreporterin Jimm Juree ordentlich auf Trab. Jimm Juree, Mitte dreißig und Kriminalreporterin bei einer thailändischen Zeitung, lebt mit ihrer gesamten exzentrischen Familie unter einem Dach. Als die schrullige Bagage in ein verschlafenes Provinznest übersiedelt, glaubt Jimm, ihr Leben, zumindest aber ihre Karriere sei zu Ende. Doch dann überschlagen sich die Ereignisse: Erst wird durch Zufall ein alter VW-Bus ausgegraben, in dem die Hut tragenden Skelette zweier Männer sitzen, dann wird der Abt des örtlichen Tempels brutal ermordet. Jimm wittert ihre Chance auf eine Exklusivreportage. Doch bei ihren Recherchen braucht sie nicht nur Geduld und Glück sondern auch die Unterstützung ihrer kauzigen Sippe.

Das meint Krimi-Couch.de: »Toller Start in eine neue Reihe« 86°Treffer

Krimi-Rezension von Matthias Kühn

Die Reihe, die Colin Cotterill um den unvergesslichen Dr. Siri Paiboun schuf, hat viele Leute begeistert: »Auf genau diese Bücher wartet man« so begann Lars Schafft die Rezension des ersten Buches, das den deutschen Markt mit ein paar Jahren Verspätung erreichte. Sechs Bände sind es in relativ kurzer Zeit geworden bisher, ganze drei sind bei uns noch gar nicht erschienen. Auch seine immerhin fünf Stand-Alones warten noch auf ihre deutsche Veröffentlichung. Da kann noch einiges kommen. Da stimmt der Satz also im Wortsinn: Auf genau diese Bücher wartet man.

Leicht, locker, listig

 Es genügt eigentlich schon, sich die User-Kommentare auf der Krimi-Couch anzusehen: »Leicht, locker, listig geschrieben, sarkastisch«, »herrlich«, »ein wahrer Glücksgriff«, »absolut empfehlenswert« eher selten findet sich so etwas: »Ich fand das Buch nach all den Lorbeeren hier sehr enttäuschend«. Manchen waren die verrückten, oft von Situationskomik geprägten Geschichten dann doch zu weit weg vom Genre des Kriminalromans.

Nun erschien im Sommer dieser Roman hier bei uns, der eine nächste Reihe eröffnet. Protagonistin ist die Mittdreißigerin Jimm Jeree, deren Karriere als Polizeireporterin einer thailändischen Zeitung schwer ins Stocken gerät. Einen Teil der Schuld daran trägt ihre überaus skurrile Familie vor allem die Mutter Mair, die gern mal für die komplette Familie entscheidet. Auch der Rest ist nicht ohne:

Am einen Ende des Küchentisches saß meine Schwester Sissi, die früher mein älterer Bruder Somkiet gewesen war. Den Platz am anderen Ende des Tisches nahm mein Bruder Arny ein. Er war das, was man allgemein als Bodybuilder bezeichnete, und heute Abend spannte sich das T-Shirt derart stramm über seine Muskeln, dass es wie aufgemalt aussah.

Das vermeintliche Karriereende wird zur großen Chance

An jenem Abend erfährt Jimm, dass ihre Mutter alles verkauft hat, weil sie »in eine zauberhafte Ferienanlage im Süden investiert« hat:

Mair leuchtete vor Stolz. »Wir werden es ganz bestimmt wundervoll haben. Ein Traum wird wahr.«
Es war einer dieser Träume, die man bekommt, wenn man kurz vorm Schlafengehen scharf gewürztes Hoor Mok mit klebrigem Reis isst. Ich spürte den Knoten direkt. Im Süden? Im Süden sprengten sich die Leute gegenseitig in die Luft. Alle flohen nach Norden, aber wir sollten in den Süden ziehen.
»Wie weit südlich?«, frage ich.
»Ziemlich weit«, sagte sie.

Es ist das Ende für Jimm und ihre Karriere, das ist ihr sofort klar. Aber sie geht mit; der Familienverbund schlägt alles. Und natürlich ist es nicht das Ende. In Gegenteil. Für sie, für ihre Sippschaft und für uns beginnt das Abenteuer im unwirtlichen Süden erst richtig. In diesem Provinznest, das Jimm von ganzem Herzen verabscheut.

Schnell hat sie einen Fall, über den sie berichten kann auch weil sie sich als Koryphäe aus dem Norden aufspielt, die angeblich nur des Falles wegen in den Süden gekommen ist zu diesen minderbemittelten, bedauernswerten Geschöpfen. Der Fall ist so abgedreht, wie man es von Cotterill erwarten darf: Im Garten des alten Mels wird ein VW-Bus ausgegraben mit zwei Skeletten drin samt Hüten. Kurz danach geschieht ein Mord, von dem sie durch die Unbedarftheit eines Polizisten erfährt. Jimm ahnt einen großen Coup und klemmt sich dahinter.

Witzige Figuren, starke Dialoge, überraschende Wendungen

Mit Jimm Juree hat Cotterill eine Figur geschaffen, die leichter greifbar ist als Dr. Siri, weniger verschroben und offener das erleichtert die Identifikation. Und er hat ihr eine wirklich verrückte Familie verpasst, an die man sich im Laufe der Geschichte so sehr gewöhnt, dass sie als völlig normal durchgeht. Mitunter ignoriert der Autor allerdings das Risiko, dass die ungewöhnliche Sippe nicht nur der Journalistin, sondern auch der Leserschaft auf die Nerven geht aber er haut selten übers Ziel hinaus.

Was immer wieder sehr schön ist: Cotterill lässt Jimm plaudern, schimpfen, fluchen, mit sich ringen und über andere herziehen. Das ist oft herrlich politisch unkorrekt nicht nur die Menschen im Süden Thailands bekommen das zu spüren, auch Einwanderer wie Birmanen, »die alle auf der Straße laufen, als gäbe es in Birma keine Bürgersteige. Und sogar Deutsche.

So ist Der Tote trägt Hut ein großer Spaß mit überaus witzigen und bemerkenswerten Figuren, die oft gleichzeitig liebenswert und schrecklich sind. Die Dialoge sprühen vor Humor und Echtheit, die Geschichte überrascht mit ausgeklügelten Wendungen. Nur gelegentlich driftet der Roman etwas in Geschwätzigkeit ab.

Eine Nebenrolle nimmt übrigens George Walker Bush ein: Allen Kapitelanfängen steht ein Zitat des ehemaligen US-Präsidenten voran. Mein Lieblingszitat bezieht sich zwar nicht auf Thailand, dafür auf ein anderes asiatisches Land: «Seit nunmehr anderthalb Jahrhunderten bilden Amerika und Japan eines der großen, verlässlichen Bündnisse moderner Zeiten." Das sagte er 2002 in Tokio. In diesem Buch gibt es eine Menge Leute, die himmelschreibenden Mist erzählen. Aber der wahre Trottel, so wohl das Anliegen von Cotterill, ist der Mann, der für die Kapitelüberschriften sorgt. Ein schöner Trick, blödsinnige Aussagen kleiner Lichter zu relativieren.

Jetzt wird es Zeit, dass der zweite Band kommt, der im Original Grandad, There’s a Head on the Beach heißt. Hoffentlich wieder in einer flüssigen, tollen Übersetzung von Jörn Ingwersen. Wie gesagt: Auf solche Bücher wartet man.

Matthias Kühn, November 2013

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walli007 zu »Colin Cotterill: Der Tote trägt Hut« 01.04.2017
Der Brunnen

Old Mel und der minderbemittelte Neffe von Da wollen einen Brunnen graben. Das heißt der minderbemittelte Neffe gräbt und Old Mel gibt Anweisungen. Die Arbeit geht jedoch nicht lange gut. Der Junge stößt beim Graben schon nach kurzer Zeit auf Widerstand. Irgendetwas ist im Weg und das muss beiseite geschafft werden. Plötzlich stürzt der Junge ein und landet in einen alten Bulli zwischen zwei Leichen. Die Reporterin Jimm Juree, die mit ihrer Familie vor kurzem in den Süden Thailands gezogen ist, hat endlich zu tun. Schon bald muss sie allerdings entscheiden, was wichtiger ist: zwei Skelette im Bulli oder ein toter buddhistischer Abt.

In diesem ersten Band um die Kriminalreporterin Jimm Juree lernen wir, dass die junge Frau ihr Leben in der Stadt doch sehr vermisst. Völlig unerwartet hat ihre Mutter alles verkauft und ist mit der Familie an die Südküste gezogen. Dort hat sie ein heruntergekommenes Ferienresort gekauft, das absolut nichts abwirft. Der jungen Journalistin fehlt nicht nur das Stadtleben, sondern auch ihr Zeitungsjob. Eigentlich möchte sie so schnell wie möglich wieder weg. Doch vorher will sie die Rätsel um die Toten lösen. Tote in einem Ort, an dem man kaum eine Polizeistation braucht, denn eigentlich passiert dort nie etwas. Aber nun gibt es Jimm Juree und mit ihr kommt das Abenteuer.

Man muss sich bei dieser Reihe um die sympathisch chaotische Jimm Juree und ihre schräge Familie nicht an die Reihenfolge halten. Nach dem dritten Band kann man sich getrost auch den ersten zu Gemüte führen. Man entdeckt eine verschrobene Familie, hinter deren Schrulligkeiten sich ganz eigene Geschichten verbergen. Und Jimm Jurees Herangehensweise an die Todesfälle ist schon unkonventionell. Mit Witz und Frechheit mischt sie sich in die Polizeiarbeit ein und fügt auch abwegige Spuren zusammen. Und so unterhält dieser skurrile Krimi, bei dem man nebenbei noch ein wenig über das Leben im Thailand von heute lernen kann.
tassieteufel zu »Colin Cotterill: Der Tote trägt Hut« 30.11.2015
Das Leben von Kriminalreporterin Jimm Juree wird ordentlich durcheinander gewirbelt, als ihre Mutter den kleinen Laden der Familie in Chiang Mai, der zweitgrößten Stadt Thailands, einfach so verkauft und dafür eine herunter gekommene Ferienanlage im eigentlich nicht wirklich erschlossenen Süden erwirbt. Jimms interessantes Reporterleben ist auf einen Schlag vorbei und sie muß sich nun eher hausfraulichen Pflichten in der Ferienanlage widmen. Doch als bei Grabungsarbeiten für einen Brunnen ein alter VW Bus mit 2 skelettierten Leichen gefunden wird, weckt das sofort Jimms Reporterinstinkte und als kurze Zeit später in einem Kloster ein Abt ermordet wird, scheint endlich wieder eine vielversprechende Story für Jimm drin zu sein. Gemeinsam mit der örtlichen Polizei und mit Hilfe ihrer recht schrägen Sippe beginnt Jimm ihre Ermittlungen.
Das Buch lebt zum großen Teil von den wirklich schrägen Charakteren. Jimm und ihr pensionierter Opa, der früher Polizist war, sind hier die Normalsten. Mutter Mair, die ein recht bewegtes Leben hinter sich hat, scheint trotz ihrer 59 Jahre schon leicht dement zu werden und überrascht ihre Sippe des öfteren mit recht bizarren Aktionen. Jimms jüngerer Bruder Arny, ein Bodybuilder ist extrem schüchtern und hatte noch nie eine Freundin. Besonders exotisch ist aber Jimms älterer Bruder, der nach einer Geschlechtsoperation nun Sissy ist und sich nach einem glamourösen Leben als Schönheitskönigin nun etwas gehen läßt und als Internetkriminelle tätig ist. Ihr verdankt Jimm auch einen Großteil ihrer Hintergrundinformationen, die Sissy illegal aus dem netzt fischt.
Der Einstieg ins Buch war für mich zunächst etwas gewöhnungsbedürftig, die fremd klingenden Namen mußten sich erstmal „festsetzen“ damit man die Charaktere auch auseinander halten konnte. Zudem war auch die gesamte polizeiliche Ermittlungsarbeit recht abenteuerlich, der Autor hat hier vermutlich gut recherchiert, aber die Uhren ticken halt anders in Thailand und so wie das Land zwischen Tradition und Moderne, zwischen Korruption und Bestechung, traditionellem Glauben, Familienverbundenheit und individueller Lebensgestaltung schwankt, das spiegelt sich auch in dem Krimi wieder. Vieles scheint für uns Europäer einfach unverständlich oder gar komplett verrückt, wenn z.B. die Identität einer Leiche am Etikett seines Anzugs ermittelt wird. Steht „Armani“ drin, muß der Tote unweigerlich Italiener sein……. Trotzdem gelingt es Jimm am Ende mit Hilfe ihrer schrägen Familie und eines schwulen Polizisten beide Fälle stimmig aufzulösen, so dass auch keine Fragen offen bleiben..
Eine witzige Beigabe sind die teils absonderlichen, teils unverständlichen Zitate von George W. Bush Jr., die an der Intelligenz dessen Mannes ordentlich Zweifel aufkommen lassen!

FaziT: Ein etwas anderer Krimi der durch seinen exotischen Hintergrund zunächst etwas gewöhnungsbedürftig ist, aber auf Grund der liebenswerten und teils sehr schrägen Charaktere und des trockenen Humors doch großen Lesespaß bietet und neugierig auf die weiteren Fälle von Jimm Juree macht.
vifu zu »Colin Cotterill: Der Tote trägt Hut« 16.07.2014
Dies war mein Einstieg zu Colin Cotterill. Wie schön dass es solche Bücher gibt!
Die verschrobene Krimihandlung gerät zwar ob der umfangreichen Personenskizzen etwas in den Hintergrund, ist aber, genau wie bei Hitchcock, nur Schmiermittel der Geschichte :-)
Sehr amüsant und lesenswert. Ich hab den nächsten Band schon da liegen!
Wunderbarer Urlaubsbegleiter und 85° von mir
Gesche zu »Colin Cotterill: Der Tote trägt Hut« 08.08.2013
Wieder mal ein großer Coup von Colin Coterill. Nachdem ich nun voll in die Dr.Siri Serie eingestiegen bin, wandte ich mich nun Jimm Juree zu. Und wurde nicht entäuscht. Anders als bei Dr. Siri, spielt die Geschichte im Jahr 2008, also praktisch im Jetzt. Jimm ist Kriminaljournalistin in Thailand und mit großen dedektivischen Fähigkeiten, sowie mit ordentlicher Selbsironie und sprachlichem Witz ausgestattet. Doch damit enden auch die Ähnlichkeiten mit dem wundervollen Dr. Siri. Flott und erzählerisch kraftvoll, liest sich der Roman gut dahin. Alle Figuren, inklusive der Hauptprotagonistin, sind sehr lebendig und erzählerisch dicht aufgebaut. Die Fall ist logisch und spannungsreich erdacht. Kurzum, man kann sich auch in die neue Heldin schnell "verliben" und freut sich auf jedes weitere Kapitel und natürlich weitere spannende Abenteuer mit Jimm Juree. Danke Mr. Coterill!
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