Gefallene Blüten von Clementine Skorpil

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2013 bei Argument.

  • Hamburg: Argument, 2013. ISBN: 978-3867542128. 345 Seiten.

'Gefallene Blüten' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Mit dem jungen Kommunisten Lou sucht Ai Ping in den Bordellen von Shanghai nach ihrer verschwundenen Enkelin. Dabei stolpern sie über ein mörderisches Komplott Ein atmosphärisch bestrickender Spannungsroman über die Weltstadt Shanghai in den zwanziger Jahren.Shanghai 1926: Die eigenwillige Ai Ping verlässt zum ersten Mal ihr Heimatdorf, um in der Großstadt nach ihrer verschollenen Enkelin zu suchen. Gerüchten zufolge soll das Mädchen sich dort als Kurtisane verdingen. Aber wie will Ai Ping sie aufspüren? Zum Glück kann sie den kommunistischen Studenten Lou Mang überreden, in den Freuden häusern Shanghais nach Pflaumenblüte zu fragen.
Lou Mang, der in Paris Medizin studiert hat, sieht sich eher als Revolutionär nur widerstrebend lässt er sich von der Dame Ai Ping als Detektiv einspannen. Doch bald packt ihn das Jagdfieber, denn das Verschwinden der jungen Frau scheint mit dem Mord an einem stadtbekannten Unternehmer zusammenzuhängen.
Dann bekommt Lou Mang einen Brief mit einer abgehackten menschlichen Zehe darin! Offenbar sind er und Ai Ping bei ihren Recherchen der Verbrecherorganisation Green Gang in die Quere gekommen, einem berüchtigten Syndikat von Drogenschmugglern. Und bald erfahren sie am eigenen Leib, wie effizient Shanghais Unterwelt organisiert ist.

Das meint Krimi-Couch.de: »Pflaumenblüte im Madennest« 94°Treffer

Krimi-Rezension von Matthias Kühn

Shanghai 1926 – eine Metropole, in der es »genauso viele Banditen wie anständige Leute, oder sogar mehr« gibt. Korrupte Politiker, skrupellose Fabrikanten und fiese Bordellbesitzer haben überall ihre Finger im Spiel. Wer gefährlich wird, muss sterben.

Sterben musste auch Liu Er – in den Armen der Kurtisane Pflaumenblüte. Und zwar in einem Madennest, wie Bordelle dort genannt wurden. Die wunderschöne Pflaumenblüte ist die Enkelin der Hauptfigur eines unglaublich lebendigen Romans: Ai Ping bringt ihr Drachenamulett zum Pfandleiher, verlässt mit dem Geld ihr Dorf und macht sich mutig mit der ihr unbekannten Eisenbahn auf den Weg in die Stadt, in der die Straßen so breit sind wie Flüsse. Sie kommt in der Pension »Stiller Bambushain« unter, ist entsetzt über die Zimmerpreise und den Dreck, freundet sich aber mit der Wirtstochter Meiling an.

In Shanghai trifft Ai Ping auf die zweite Hauptfigur, die im krassen Gegensatz zur einfachen, konservativen Ai Ping steht, die an Dämonen glaubt und auch sonst eher archaische Vorstellungen von Leben und Tod hat: Der weltgewandte Lou Mang hat in Paris studiert und sich sein Studium mit einem Job in einer Ziegelfabrik finanziert. So kam er in Kontakt zur Arbeiterbewegung, beteiligte sich an Streiks und wurde zum glühenden Kommunisten, der sich auf eine klassenlose Gesellschaft freut. Sein Problem: Er hat nicht einmal das Geld, um seine Miete zu bezahlen.

Das übernimmt schließlich Ai Ping. Sie engagiert den gebildeten, verschrobenen Herrn als Detektiv, weil sie als alte Frau nicht durch die Bordelle der Stadt ziehen kann, um ihre zur Kurtisane gewandelte Enkelin zu suchen. Nach einer Weile lässt sich Lou darauf ein; weil die Miete bezahlt ist, und weil ihn »dieses Rätsel allmählich interessiert«. Nun aber bekommt er wieder ein Problem, besser: zwei Probleme. Nummer eins: Die Suche nach der schönen Enkelin kommt wichtigen Leuten der Green Bang zu Ohren, beispielsweise Großohr Du und Pockennarben-Huang. Nummer zwei: Kommunisten sind in Shanghai noch nicht sehr häufig anzutreffen und zudem wenig beliebt bei den Strippenziehern.

Hier kommt eine historische Tatsache ins Spiel, die diesen Roman außergewöhnlich macht: Shanghai stand 1926 ein großer Umbruch bevor, den zwar Leute wie Lou Mang und seine Mitstreiter wie Mao Zedong und Zhou Enlai kommen sahen, aber sicher nicht in dieser Heftigkeit. Immerhin waren schon 1925 demonstrierende Studenten von britischen Soldaten erschossen worden.

Clementine Skorpil musste, um ein düsteres Zeitgemälde anzufertigen, das in allen Farben leuchtet, nur wenige Personen erfinden; die historisch verbrieften Personen, zu denen auch die Großkopferten der Green Bang zählen, genügten ihr beinahe schon.

Nur ein gutes Jahr später verübte Chiang Kai-shek, der ebenfalls auftaucht, gemeinsam mit der Guomindang ein gewaltiges Massaker unter Kommunisten und Arbeitern: mehr als 5000 Menschen wurden ohne Gerichtsurteile hingerichtet. 1926 aber war Shanghai noch ein Paradies für vergnügungs- und geldorientierte Europäer – und für Kapitalisten wie den ermordeten Liu Er, die so billig wie möglich Textilien produzieren wollten:

»Er war der Besitzer einer großen Fabrik?«
»Ja.«
»Was für einer Fabrik?«

Schneerose betrachtete die Stickerei auf ihrem weißen Schuh: Ein Eisvogel saß auf einem Kiefernzweig. Opiumschwaden zogen durch den Raum – Gao war bereits mit der nächsten Pfeife zugange. Schneerose wedelte den Rauch mit ihrem Fächer fort. »Er hatte eine Seidenspinnerei in Pudong. Mit vielen Arbeitern und Arbeiterinnen.«

»Und Kindern«, ergänzte Lou grimmig.
»Ja, vermutlich auch Kindern.«

Die Mächtigen haben keine Skrupel; wer bei diesen Zeilen an Brände in Bangladesch und an Veronas Lieblingsläden denkt, liegt natürlich nicht ganz falsch. Aber dieser Roman wird nie vordergründig parabelhaft, er zieht nie überdeutlich Parallelen zu unserer Zeit; das machen wir Leser und Leserinnen schon selbst. In einer anderen Szene führt Lou Mang einen Nachbarsjungen, der behauptet, »dass das mit dem Kommunismus Blödsinn« sei, zu einer Fabrik, in der Seide hergestellt wird. Der Junge sieht, wie fünf-, sechsjährige Kinder dazu gezwungen werden, Fäden aus einer kochenden, blutschlierigen Lauge zu fischen und geht kotzen:

»Caoan wischte sich mit dem Ärmel den Mund ab. «Warum jagen wir diese Teufel nicht aus dem Land?»
Lou hob die Schultern. «Es gibt noch zu wenige, die kotzen», sagte er.

Die Macht in Shanghai hat zu dieser Zeit vor allem die Qibang, genannt Green Bang, mit anderen Worten: die organisierte Kriminalität. Sie beherrscht Politik und Polizei und verdient Geld durch Fabriken, Bordelle und Börse. Großohr Du ist so etwas wie der Pate der Stadt, Pockennarben-Huang, der mit einer Bordellbesitzerin liiert ist, sein Lehrmeister. Durch diese Macht wird das riesige, brodelnde Shanghai zum Dorf, in dem niemand etwas unbemerkt machen kann – nur ist es nicht nachbarliche Kontrolle, wie Ai Ping sie kennt, sondern die pure Diktatur der Reichen.

So verschwindet Lou in den Fängen der Green Bang, Ai Ping sucht sich den nächsten Helfer aus – den pensionierten Kreisbeamten Wei Long, der notgedrungen für die Green Bang tätig ist. Auch der zählt schon bald nicht unbedingt zu den Gewinnern.

In diesem Buch tummeln sich zahlreiche Gestalten, die alle leben und atmen und also echt sind: bescheuerte Ganoven, widerliche Banker, höfliche Japaner, ausgekochte Kurtisanen, opiumsüchtige Kulis – und historisch verbürgte Figuren. Allen voran Mao Zedong: Der wird als «großspurig» beschrieben, als einer, der «einem feucht-fröhlichen Abend im Kreise schöner Frauen sicher nicht abgeneigt» ist. Und als Lyriker wird er so richtig schön lächerlich gemacht. Mao trägt ein Gedicht vor, eine «Ode an den Traktor":

»Lou hielt den Kopf während der Lesung gesenkt. Schon als Junge hatte er sich für seinen Bruder geschämt, wenn er vom Lehrer getadelt wurde, weil er seine Zeichen nicht gelernt hatte. Doch kaum war Mao Zedong fertig, sprangen die Genossen von den Sitzen, Hockern und Zeitungsstapeln und applaudierten. Auch Lou stand auf und klatschte, sogar lauter als sein Nachbar. Mao Zedong winkte ab. Endlich verebbte der Applaus. Die Genossen strömten zum Ausgang.
Lou drängte sich an Zhou Enlais Seite. Sie gingen zur Straßenbahn. «Das Gedicht ...», sagte Lou.
«Die Gedichte unseres Genossen Mao haben den bürgerlichen Ästhetizismus vergangener Jahrhunderte überwunden», erklärte Zhou.«

So wunderbar nebenbei lächerlich gemacht wurde wohl kaum jemand seit Hitler in Wir sind Gefangene von Oskar Maria Graf. Zhou Enlai, übrigens, war später jahrzehntelang Premierminister Chinas.

Aber die historischen Figuren sind nur ein Teil des Vergnügens, den Gefallene Blüten beschert. Dieser grandiose Roman vermittelt das Gefühl, die Autorin hätte vor Ort recherchiert – im Shanghai des Jahres 1926. Geschrieben wurde das Buch aber von einer Österreicherin, Jahrgang 1964, einer Historikerin, Sinologin und Journalistin. Clementine Skorpil kennt die Gepflogenheiten der Zeit ganz genau, die Bräuche, die Gerüche, die Konventionen und Traditionen – und unzählige längst vergessene Begriffe. Sie lässt uns einfühlsam durch dieses vergangene Shanghai ziehen. Und sie erzählt komische, geradezu irrsinnige Episoden rund um erfundene und historische Figuren. So ganz nebenbei spielt auch die Moral eine Rolle. Nicht säuerlich oder mit dem Zeigefinger: Vielleicht ist Gefallene Blüten ein feministischer Roman, ein sozialistischer oder sogar eine gut versteckte Parabel. Was dieser Roman aber in jedem Fall ist: ein verdammt gut recherchierter, perfekt konzipierter und überaus clever strukturierter historischer Kriminalroman.

Matthias Kühn, Mai 2013

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Stefan83 zu »Clementine Skorpil: Gefallene Blüten« 25.07.2015
Dominique Manotti, Merle Kröger, Christine Lehmann, Monika Geier, Anne Goldmann – und bald folgt die Wiederentdeckung von Malla Nunn. Der Verlag Ariadne/Argument ist inzwischen längst weit mehr als nur ein Geheimtipp und hat sich – auch aufgrund der vielen Titel, welche immer wieder auf der Krimi-Zeit-Bestenliste landen – einen festen Platz im elitären Kreis derer erobert, die Kennern des Genres „das Besondere“ fernab des Mainstreams kredenzen. Soll heißen: Wer zwischen Bushaltestelle und Arbeitsplatz mal schnell einen Reißer schmökern und möglichst wenig Zeit investieren will (und vielleicht auch kann), ist hier in der Regel beim falschen „Anbieter“ gelandet bzw. mit den Titeln der oben genannten Schriftstellerinnen eher schlecht beraten, die vom Leser genauso viel fordern, wie sie ihm letztlich wiedergeben. Auch Clementine Skorpils „Gefallene Blüten“ – bereits im März des Jahres 2013 erschienen und von mir (sträflicherweise) mehr als zwei Jahre unbeachtet geblieben – macht da keine Ausnahme. Ganz im Gegenteil:

Nachdem ich noch kurz zuvor den ebenfalls historischen Kriminalroman „Wer übrig bleibt, hat Recht“ (von Richard Birkefeld und Göran Hachmeister) für die genaue Recherche und das perfekt eingefangene Flair hoch gelobt habe, muss ich hier nun Kopf kratzend nach größeren Superlativen suchen. Skorpil – Historikerin, Journalistin und Lektorin – setzt tatsächlich neue Maßstäbe, wenn es darum geht, fiktive Handlungen mit real-geschichtlichen Ereignissen zu verknüpfen. Und sie tut dies derart hervorragend, einfühlsam und detailliert, dass man für die Dauer der Lektüre das 21. Jahrhundert vollkommen ausblendet. Gänzlich gebannt der Handlung folgend, welche im Jahr 1926 ihren Anfang nimmt:

Shanghai. „Die Stadt über dem Meer“. Mitte der 20er Jahre ein Hotspot, der zwar zu den schicksten, aber auch zu den verruchtesten Orten der Welt zählt und sich hinsichtlich Gewalt und Kriminalität nicht hinter dem Chicago desselben Zeitraums verstecken muss. In dem Chaos, das der Chinesischen Revolution von 1911 gefolgt ist, konnte sich keine der um Macht ringenden Parteien durchsetzen. Warlords besetzen und beherrschen kleinere oder größere Territorien und herrschen auf ihrem Gebiet wie Sonnenkönige. Die Regierung in Bejing übt ihre Funktion de facto nur in der Hauptstadt und der unmittelbaren Umgebung aus, wohingegen die über Jahrzehnte andauernde Besiedlung Shanghais durch die Europäer, die Stadt in mehrere Zonen unterteilt hat. Das International Settlement, von Amerikanern und Engländern verwaltet, die Französische Konzession und die Chinesenstadt (Zhabei). Jede Zone verfügt über eigene Gesetze, Legislative und Exekutive, was die Strafverfolgung extrem erschwert. Am Opiumhandel verdienen die Kolonialmächte Unsummen. Und auch illegales Glücksspiel und Prostitution florieren.

Das muss auch die alte, eigenwillige Ai Ping erfahren, welche ihr Heimatdorf verlassen hat, um in Shanghai nach ihrer verschollenen Enkelin zu suchen. Auf schmerzenden (gebundenen) Füßen wandert sie durch die riesige Stadt und verzweifelt bald an ihrer mangelnden Eignung als Detektiv. Die Spur, welche sie zu den Kurtisanenhäusern, ins Reich der „wilden Hennen“, führt, verliert sich und Ai-Ping sieht keinerlei Möglichkeit mehr herauszufinden. Zum Glück stößt sie auf den kommunistischen Studenten Lou Mang. Ein Weltverbesserer, der unermüdlich versucht, die Fabrikarbeiter zu agitieren und einer kommenden Revolution den Weg zu bereiten – und der leider chronisch pleite und nicht mal in der Lage ist, seine Miete zu bezahlen. Die übernimmt nun Ai Ping im Austausch für seine Dienste als Ermittler. Und seine Arbeit trägt bald Früchte. „Pflaumenblüte“, wie Ai Pings Enkelin in Kurtisanenkreisen heißt, war offensichtlich vor ihrem Verschwinden mit dem Komprador Liu Er zusammen. Ist sie gar in dessen Ermordung verwickelt? Oder wurde sie ebenfalls umgebracht?

Lou Mangs Nachforschungen kreuzen schnell die Wege der „Green Gang“, der größten Triade Shanghais. Und dessen Pate Du Yuesheng, genannt „Großohr Du“, ist bekannt dafür, mit Störenfrieden kurzen Prozess machen...

Ai Ping, Lou Mang, Wei Long, Du Yuesheng – Ich muss ehrlich gestehen, dass mir der Einstieg in „Gefallene Blüten“ alles andere als leicht gefallen ist, zumal ich seit jeher keinen wirklichen Bezug zum östlichen Asien (Korea, China und Japan) aufbauen konnte und mich hier in erster Linie die „Gangster“-Thematik bzw. der zeitliche Kontext und das europäische Flair Shanghais lockten. Dementsprechend zäh gestaltete sich die Lektüre auf den ersten Seiten, weswegen ich kurzzeitig gar mit einem Abbruch kokettiert habe. Nachträglich lässt sich nur konstatieren: Was wäre das ein Fehler gewesen, denn nachdem man sich erst einmal an das ungewohnte Umfeld gewöhnt und die Namen den Figuren zugeordnet hat (das Personenregister am Anfang ist da sehr hilfreich!), saugt einen die in allen Belangen außergewöhnliche Geschichte geradezu zwischen die Buchdeckel. Das Moloch Shanghai, seine Bewohner, sein Klima, sein Sound – Clementine Skorpil fängt dies bis ins kleinste Detail ein, was entweder Zeichen der ausführlichen Recherche oder ein Beweis für Seelenwanderung ist. Anders lässt sich jedenfalls nicht rational erklären, warum eine Österreicherin derart authentisch eine längst vergangene Zeit lebendig macht.

Wenn sich Ai Ping mit gebundenen Füßen (bisher hatte ich davon noch nichts gehört – die anschließende Beschäftigung mit dem Thema hat den Roman noch tiefer wirken lassen) durch die engen Gassen der Stadt schleppt, meint man die verschwitzte Kleidung am Körper kleben zu spüren, den Geruch exotischer Gerichte in der Nase zu riechen, den Lärm der Kulis in den Ohren zu hören. Wie bereits eine andere Rezensentin auf loveybooks äußerst treffend bemerkt: „... ein Erlebnis für alle Sinne“ Und gleichzeitig auch ein musterhaftes Beispiel dafür, wozu Literatur in der Lage ist, wenn der/die Richtige die Feder führt. Atmosphäre ist das Stichwort – und die ist hier tatsächlich so dicht und dick, dass man sie mit dem Messer schneiden kann. Und das nicht nur, weil man mit Adjektiven überhäuft wird oder die Autorin sich in seitenlangen Beschreibungen ergeht. Nein; Clementine Skorpil findet genau das richtige Maß zwischen notwendigem Spannungsbogen und Landschaftsmalerei, wodurch dieses Sinneserlebnis stets ein kurzweiliges bleibt, das sich keinerlei Atempausen gönnt.

Auch in der Zeichnung der Figuren geht Clementine Skorpil äußerst geschickt vor. Sieht man mal von den beiden Hauptprotagonisten sowie dem hilfreichen „Mandarin“ Wei Long ab, wird der Rest dieses durchweg ziemlich düsteren Zeitgemäldes gänzlich von historischen Figuren getragen. „Großohr Du“, Victor Sassoon, Lin Guisheng, „Pockennarben-Huang“ – sie alle hat es wirklich gegeben und mussten nur dezent der Handlung angepasst werden, um in dieser zu funktionieren, denn vieles von dem, was Skorpil hier erzählt, ist tatsächlich so passiert. Vom Brand des Palace Hotels bis hin zu den Vorbereitungen des Massakers, das im Namen Chiang Kai-Sheks ein Jahr später unter den Kommunisten verübt worden ist. Und auch an dieser Stelle muss wieder ein Extra-Lob ausgesprochen werden. Geschichtlich verbriefte Personen zu verwenden ist kein neuer Kniff und wird von vielen Schriftstellern gerne genutzt – selten, wirklich sehr selten, betten sie sich aber dermaßen perfekt und fließend ein. Von Künstlichkeit keine Spur. Die Struktur des Romans wird an keiner Stelle einem Aha-Effekt geopfert. Wozu auch, reichen doch die realen Zustände der damaligen Zeit gänzlich aus, um dem Werk Tiefgang und emotionale Durchschlagskraft zu verleihen.

Kinder, die mit bloßen Händen in Lauge Seide kochen. Frauen, die ihren Körper dem Meistbietenden verkaufen. Väter, die ihre Söhne wie Fleisch an spezielle Liebhaber auf dem Land verscherbeln. Die sozialen Missstände des Shanghais der 20er Jahre unterfüttern den ohnehin bedrückenden Roman noch zusätzlich und lassen gleichzeitig den Nährboden erkennen, auf dem in nicht allzu ferner Zukunft Mao Zedong schließlich seine Revolution ernten wird (Der „Großspurige“ hat übrigens auch einen kleinen, augenzwinkernden Auftritt, dessen lyrische „Versuche“ betreffend). Überhaupt sollte Skorpils feines Gespür für Humor Erwähnung finden, der die im Ganzen doch äußerst bittere und in seinen Bildern nicht selten drastische Geschichte etwas auflockern kann. Dass die Autorin dann nebenbei und gut versteckt auch noch Zeit findet, unser eigenes Handeln einer Nachbetrachtung zu unterziehen, ist nur ein weiterer Beweis ihrer Klasse.

„Gefallene Blüten“ – von mir anfangs als Roman der Kategorie „Lesen-und-weiterverschenken“ angedacht – entpuppt sich nach knapp 350 gelesenen Seiten als eine meiner persönlichen Entdeckungen des Jahres. Ein sowohl in Sprache als auch in historischer Akkuratesse herausragendes Werk, das mir lange im Gedächtnis bleiben wird und meine Neugier für das China der 20er Jahre erst so richtig befeuert hat. Sehr geehrte Frau Skorpil – vielen Dank dafür und gerne, gerne mehr davon!
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