Ungeheuer von Claudia Puhlfürst

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2010 bei Blanvalet.
Ort & Zeit der Handlung: Deutschland, 1990 - 2009.
Folge 1 der Lara-Birkenfeld-Serie.

  • München: Blanvalet, 2010. ISBN: 978-3-442-37354-3. 350 Seiten.

'Ungeheuer' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Immer wieder quälen grausame Albträume die Journalistin Lara Birkenfeld. Bruchstückhafte Szenen, in denen sie von einem perversen Täter nachts durch den Wald gehetzt wird. Dann stößt sie in der Redaktion auf einen Fall, der ihre diffusen Ahnungen in ein völlig neues Licht rückt. Und es bleibt nicht der einzige Mord dieser Art – die Opfer sind alle weiblich, jung, blond. Gemeinsam mit dem Psychologen Mark Grünthal nimmt Lara die Spur des Serienmörders auf. Und ihre erschreckenden Visionen werden beinahe Realität.

Das meint Krimi-Couch.de: »Ich bin so wild nach deinem Erdbeerblond« 32°

Krimi-Rezension von Jürgen Priester

Lara Birkenfeld ist Lokalredakteurin bei der »Tagespresse«, einer kleinen regionalen Tageszeitung irgendwo in Deutschland. Hier mal eine Gerichtsverhandlung, da mal ein Hausbrand, aber so richtig viel Arbeit scheint da nicht anzufallen, deshalb hat sie Zeit genug, ihren verstörenden Träumen auf den Grund zu gehen. Lara ist jung, gutaussehend, von zierlicher Statur, mit meergrünen Augen und erdbeerblondem Haar. Zur Zeit ist sie solo und so ist dann niemand da, der sie trösten könnte, wenn sie von ihren nächtlichen Albträumen heimgesucht wird. Doch diese »Visionen« sind ihr von klein auf vertraut. Die Großmutter selig nannte das »Die Gabe« – unscharfe Bilder zukünftiger Ereignisse. Diesmal sind sie besonders heftig. Lara träumt von jungen Frauen, die nackt durch den Wald gehetzt werden etc. bis sich eine Schlinge um ihren Hals zuzieht. Noch ahnt sie nicht, dass ihre Träume schon Realität sind.

Martin Mühlmann ist Pharma-Vertreter irgendwo in Deutschland. Auch sein Job bietet ihm viel Freizeit, die er ausgiebig nutzt, um seiner Leidenschaft nachzugehen. Martin ist psychopathischer Serienmörder und jagt junge, gutaussehende, zierliche, blonde Frauen. Sein Idol ist Edward Theodore Gein. Der ist nicht etwa irgendein amerikanischer Sunnyboy, sondern bekannt geworden als der »Schlächter von Plainfield«, der u.a. auch Vorbild für die Figur des Buffalo Bill in Thomas Harris' Das Schweigen der Lämmer war.

Apropos Das Schweigen der Lämmer – 23 Jahre ist es jetzt her seit Thomas Harris mit diesem Roman das Serienkiller-Thema bekannt gemacht hat und das Interesse daran scheint auch nach gefühlten tausend Publikationen dieser Art noch immer wach zu sein. Claudia Puhlfürst beschäftigt sich in Ungeheuer ausführlichst mit der Psyche eines Serientäters, läuft damit, wie viele andere, Gefahr, sich auf unsicheres Terrain zu begeben. In der Biographie der Autorin ist zu lesen, dass neben anderen Disziplinen die Humanethologie, also Verhaltensforschung unter stammesgeschichtlichen Aspekten, ihr Spezialgebiet ist. Sicher eine gute Voraussetzung, um ein exaktes Serientäterprofil zu beschreiben. Folglich trifft man bei der Beschreibung von Herrn Mühlmanns Kindheit und Jugend auf alles, was einen Psychopathen kennzeichnet. Doch es sind Informationen aus dritter Hand, die beim Leser zu keinerlei Verständnis führen – wie könnte es auch anders sein. Wenn Martin Mühlmann Sperma absondernd, in einen Ganzkörperanzug gehüllt, mit Nachtsichtgerät und Chirurgenbesteck seiner Beute nachsetzt, stellt er bestenfalls ein Zerrbild eines Menschen dar, das eher lächerlich wirkt, als dass es Emotionen wie Abscheu oder Angst auslöst. Er ist ein diffuses »Ungeheuer«, ein Konglomerat aus allem, was die Serienmörder-Idylle so hergeben kann, sowohl Lustmörder als auch Soziopath – eine Chimäre, die man nur kopfschüttelnd betrachten kann. Wenn man ihn so hantieren sieht oder seine erschröcklichen Gedanken liest, und das muss man bis zum Erbrechen, dann ist man geneigt, das Buch schnellstens zu entsorgen.

»Es (das Organ) sah aus wie ein zu lange gebratenes Rumpsteak. Aber er hatte ja nicht vor, das Teil zu essen. Weder dieses noch irgendein anderes. Er war Doctor Nex, nicht irgendein dahergelaufener Kannibale.«

Das Organ, das, wie wir lesen konnten, nicht zu seinen kulinarischen Präferenzen zählt, ist eine Gebärmutter, die er aus dem Körper eines Opfers entfernt hat, um sie zusammen mit einer Brustwarze in ihr Herz einzupflanzen. Geht’s denn noch? Das ist nicht einmal schwarzer Humor, sondern todernst gemeint. Diese Stelle, wahllos herausgegriffen, gibt einen kleinen Einblick auf das, was dem Leser hier zugemutet wird. Claudia Puhlfürsts Versuch, der Täterseite mehr Raum zu geben, kann nur als gescheitert angesehen werden.

Der Roman ist als Thriller angelegt. In diesem Genre braucht es nicht unbedingt polizeiliche Ermittlungen. Was sollten sie im Fall des »Ungeheuers« auch ermitteln? Der Täter hinterlässt keine Spuren, operiert bundesweit und über die Grenzen hinaus, wählt seine Opfer nur nach ihrer äußeren Erscheinung. Irgendwo in Deutschland bemüht sich eine Sonderkommission, aber nicht innerhalb der Geschichte. Vor Ort tritt zwar ein Kommissar auf, aber der dient nur als Reibungsfläche für die Hauptprotagonistin. Lara Birkenfeld mit ihren »Visionen« muss die Suche nach dem Täter schon selber übernehmen. Etwas Unterstützung erfährt sie vom Psychologen Mark Grünthal, der wenigstens schon mal als Profiler im Einsatz war, aber so richtig profilieren kann der sich auch nicht.

Diese Konstellation ließe sich zu einem spannenden Privatduell zwischen Birkenfeld und Mühlmann ausbauen. Aber die Redakteurin zeigt keinerlei kriminalistischen Spürsinn, hat weder Konzept noch Intuition. Auch ihre »Visionen« helfen ihr nicht weiter. Gottlob springt nun der Täter in die Bresche. Martin Mühlmann, der sich das Dilemma nicht länger ansehen kann, entwickelt ein Interesse an öffentlicher Wahrnehmung, möchte seine Genialität bewundert sehen, was ihm zum Verhängnis werden könnte.

Claudia Puhlfürst hat schon in ihren früheren Romanen (Löwe-Graichen-Reihe) die Täterseite besonders herausgestellt. Ob ihr es ihr damals gelungen ist, weiß der Rezensent nicht zu beurteilen. In Ungeheuer wirkt ihr psychopathischer Serientäter wie eine gutbürgerliche Ausgabe von Sqweegel , dem Wesen mit dem Ganzkörperkondom (Zuiker/Swierczynski). Martin Mühlmann erreicht zwar nicht dessen Monstrositäts-Level von 26, aber für einen guten 20er reicht’s allemal.
»Was Sie immer schon über Serientäter wissen wollten und nie zu fragen wagten« – hier gibt es eine komplexe Antwort in der Gestalt von Martin Mühlmann. Bei Genre-Neulingen mag das Geschehen noch einen gewissen Kitzel hervorrufen. Wer mehr als drei Serienkiller-Thriller gelesen hat, für den ist Claudia Puhlfürsts Ungeheuer ein alter Hut, das erst langweilt, dann auch noch nervt. Das gebetsmühlenartige Runterleiern der immer gleichen Merkmale und Handlungen hat doch schon vor Urzeiten seinen Reiz verloren. Wenn das Äußere einer Heldin zufällig mit dem Opferprofil des Täters übereinstimmt, weiß nun mittlerweile jeder, was passieren wird – erst recht, wenn die Heldin in Serie geht. Der zweite Lara-Birkenfeld-Roman ist gerade erschienen. Wir wollen hoffen, dass die Autorin ihrer erdbeerblonden Heldin neben dem Sensenmann mehr Raum zur Entfaltung gewährt hat.

Jürgen Priester, Juli 2011

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tantesita zu »Claudia Puhlfürst: Ungeheuer« 10.07.2014
Ich habe vor geraumer Zeit "Das Ungeheuer" gelesen und kann mich der Meinung von Jürgen Priester absolut nicht anschließen.Ich habe bereits sehr viele Thriller und auch Psychotherapie gelesen und fand das Buch in keinster Weise langweilig oder nervig. Es mag sein, das dieses Buch nicht an "Seelenangst von Veit Etzold" heranreicht, aber spannend geschrieben ist es allemal.
Vielleicht sollte bei Rezensionen darauf geachtet werden (so hilfreich sie auch sein mögen ), das der persönliche Geschmack nicht zu stark hervortritt. Sonst kann es passieren, daß ein Buch unnötig zerrissen und den Autoren unrecht getan wird, sowie den eventuellen Lesern eine objektive Meinung verwehrt bleibt.
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