Dunkle Schatten von Christoph Ernst

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2012 bei Pendragon.
Ort & Zeit der Handlung: Deutschland / Berlin, 1990 - 2009.

  • Bielefeld: Pendragon, 2012. ISBN: 978-3865323422. 366 Seiten.

'Dunkle Schatten' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Nach 55 Jahren betritt Käthe Hirsch erstmals wieder deutschen Boden. 1938 war sie vor den Nazis in die USA geflohen. Nun folgt sie der Einladung des Berliner Senats und kommt zu einem Besuch. Aber Käthe ist nicht nur da, um sich die Stadt anzuschauen, sondern sie fordert auch das Haus ihrer Eltern zurück, das die Nazis der Familie im Zuge der sogenannten Arisierung geraubt hatten. Wenig später liegt sie tot auf den Bahngleisen. Die Polizei geht von Selbstmord aus. Maja Schäfer, die sich um die Beerdigung ihrer jüdischen Groß­tante kümmern soll, glaubt nicht daran und ermittelt auf eigene Faust. Bald darauf stellt sie fest, dass nichts so ist, wie es scheint und die Welt nicht nur schwarz oder weiß ist.

Das meint Krimi-Couch.de: »Kollaboration und Widerstand, eine Verbindung bis zum Tod« 79°

Krimi-Rezension von Jochen König

Der Pendragon-Verlag hat sich in den letzten Jahren verdient um Romane gemacht, die sich dezidiert mit dem Nationalsozialismus und seinen Folgen auseinandersetzen. Ob Mechtild Borrmann mit Wer das Schweigen bricht (ausgezeichnet mit dem Deutschen Krimipreis 2012), Rainer Gross mit seinen beiden Romanen Grafeneck und Kettenacker, die sich mit Euthanasie und damit verbundenen Menschenversuchen beschäftigen, oder ganz aktuell Jürgen Heimbachs Unter Trümmern und dem vorliegenden Dunkle Schatten von Christoph Ernst.

Ein Novize ist Ernst nicht, ließ er doch schon seinen Detektiv Jacob Fabian in einem Fall ermitteln, dessen Spuren bis zurück nach Auschwitz reichten (Kein Tag für Helden). Von der Verfolgung und Auslöschung der jüdischen Bevölkerung im Dritten Reich handelt auch Dunkle Schatten. Und von viel mehr. »Leider« möchte man fast sagen, denn die Geschichte die Ernst erzählt, platzt nahezu aus allen Nähten.

So mischen sich in den Hauptstrang, der von Käthe Hirschs Rückkehr nach Berlin und ihrem Tod Anfang der 90er erzählt, Betrachtungen über das innerdeutsche Ost/Westverhältnis, das höchst verdächtige Verhalten der Immobilienbranche in der Bundeshauptstadt und am Rande noch der aufkeimende Neofaschismus und die Schwierigkeiten aus der rechten Szene auszusteigen. Alles hochspannende Themen, die der Autor ernsthaft und ohne waghalsige Übertreibungen abhandelt.

Letztlich zu viel von allem, wo jedes Thema für sich (mehr als) einen Kriminalroman wert wäre. So wird mancher Dialog zum Austausch von Thesenpapieren, insbesondere das östwestliche Diwankuscheln zwischen der Hauptfigur Maja Schäfer (weltoffene Westdeutsche) und ihrem ausgespähten Love Interest Hendrik (Ex-DDR-Aktivist) gerät arg parolenhaft. Dabei sind die vorgebrachten Argumente jeweils von überzeugender Nachvollziehbarkeit. Auf dem Papier. (Ich habe damals selbst in Berlin gelebt, und in den ersten Jahren nach der Maueröffnung ging es nicht darum, seine Vorstellung von Selbstverständnis auszutauschen, sondern erst einmal überhaupt miteinander klarzukommen. Und sei es an den endlos langen Schlangen vor der Aldi-Kasse.):

»Die Masse hat nach der D-Mark gekreischt.«
»Nachdem sie mit Begrüßungsgeld abgefüttert worden war.«
»Das waren meine Steuern. Dafür habt ihr dem Saumagenfresser die Wiederwahl beschert!«
»Andersrum! Erst haben eure Westparteien die komatösen Blockflöten reanimiert und die Bürgerbewegungen untergepflügt.«
»Die Zwei-Staaten-Lösung war doch völlig illusorisch!«
»Das war der Mauerfall vor dem 9. November auch. So was weißt du immer erst hinterher.«

So debattieren die beiden seitenlang. Alles einleuchtende Statements – wenn man gemeinsam eine Partei gründen möchte. Aber für ein zukünftig glücklich liebendes Paar eher befremdlich.

Vor allem, da Maja eigentlich ganz andere Dinge umtreiben. Sie leidet unter dem Verlust ihres kürzlich verstorbenen Vaters, der zeitlebens mit seiner jüdischen Vergangenheit haderte; jetzt ist auch noch die bewunderte Tante tot, vermutlich ermordet. Maja selbst augenscheinlich die Hauptverdächtige. Die unfähige Polizei, in Gestalt des Kommissars Ulf Jenninger, ermittelt Maja zu lasch und völlig fehlorientiert. Also muss sie selbst ran. Und kommt – mit Hendriks Hilfe – der Wahrheit so nahe, dass ein dilettantischer Mordanschlag auf sie verübt wird, dem beinahe ihre beste Freundin zum Opfer fällt. Maja lernt viel hinzu, muss lernen. Unter anderem, dass Freund und Feind manchmal äußerst schwer auseinanderzuhalten sind.

Beeindruckend ist Dunkle Schatten immer da, wo er sich der Vieldeutigkeit überlässt. Was macht eine »jüdische« Identität aus, gerade im Umgang mit der eigenen Vergangenheit; wie wird man zum Kollaborateur und wie lebt man damit, wie soll ein Täter-Opfer-Ausgleich funktionieren, in einer Welt, die keine klare Grenzen kennt, in der sich Biographien im Licht der politischen Entwicklung drehen und wenden. Beinahe nach Belieben.

Majas Spurensuche führt fast zwangsläufig in einen moralischen Hexenkessel. In eine Zeit, in der das eigene Leben plötzlich davon abhängen konnte, sich den potenziellen Vernichtern desselben auszuhändigen. Entscheidungen unter Drohungen, Folter und Vergewaltigung zu treffen, die aus einem Opfer einen Kollaborateur machen. Je weiter der Roman voranschreitet, umso mehr rücken die »Greifer« in den Vordergrund, jene Verzweifelten, die sich mit den Machthabern verbündeten, um das eigene Leben zu retten. Dafür aber die eigene Identität opfern – und ihre stigmatisierten Nächsten dazu.

Die Darstellung der Ambivalenz des menschlichen Verhaltens, die Ernst glücklicherweise von einer eindeutigen Verurteilung absehen lässt, macht aus Dunkle Schatten, trotz seiner Schwächen, ein eindrucksvolles und zum Nachdenken anregendes Buch. Christoph Ernst kann das Dilemma nicht lösen, konsequenterweise bietet er auch keine Lösung an, sondern überlässt den Leser seinen eigenen Gedanken.

Ansätze über Ansätze. Dafür ist der Roman nicht genug zu loben. An der Ausführung hapert es indes. Die Kriminalhandlung wird lapidar abgehandelt, das ein und andere Thema hätte man auch für ein weiteres Buch aufsparen können. Doch im Kern ist der Druck spürbar, der Geschichten an die Oberfläche spült, die einfach erzählt werden müssen. Christoph Ernst erzählt eine davon, möchte noch mehr und überhebt sich. Ihn dabei lesend zu begleiten lohnt sich allerdings.

Jochen König, Oktober 2012

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kurt langwieser zu »Christoph Ernst: Dunkle Schatten« 14.07.2016
Das Buch liest sich spannend dahin ...
aber es will letztlich zu viel auf einmal - der Autor hätte sich besser zwischen historischem Sachbuch und Krimi entscheiden sollen; letzterem fehlt etwas die Schlüssigkeit:
dem eingefleischten Logiker tut es weh, wenn vergiftete Pralinen zwar Käthe quasi beim Heimflug töten sollen, allerdings per Zustelldienst an die Adresse von Majas Freundin geliefert werden, an der wiederum Käthe nie wohnte . ???
Scheint offenbar keinem Lektor aufgefallen zu sein, so es denn überhaupt einen gab.
Die historischen Aussagen sind hingegen teilweise sehr interessant .
kurt langwieser, Linz
Darix zu »Christoph Ernst: Dunkle Schatten« 16.05.2013
Christoph Ernst Dunkle Schatten
Käthe Hirsch kehrt nach 55 Jahren nach Berlin zurück. Drei Wochen später liegt sie tot auf den Bahngleisen. Durchschnittsbürger, Nachkommen von Opfern und Tätern, Denunzianten und Mörder, das alles kommt zum Vorschein und wird zu einem fesselnden Krimi.
E. versteht es die jüngere deutsche Geschichte, von den Nazis über die DDR zur Wiedervereinigung, mit deren Problemen mit der Nachkriegsgeschichte zu beschreiben. Seine systemkritischen Anmerkungen sind flüssig zu lese, ohne Oberlehrehaft zu wirken.
Ernst schreibt in einem packenden, sehr gut lesbaren Stil. Er versteht es, die Geschichte erlebbar, spannend zu schildern. Ein sehr guter Kriminalroman.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
bettina hansmeyer zu »Christoph Ernst: Dunkle Schatten« 23.10.2012
Spannende, kurzweilige, niveauvolle Unterhaltung. Schön, dass im Gegensatz zu skandinavischen Krimis nicht in epischer Breite detaillierte Mordszenen beschrieben werden. Gelungen die Verbindung von historischen Fakten und einer spannenden Handlung. Der Schreibstil packend, die Charaktere gut beschrieben - ungern legt man den Roman aus der Hand. Mehr zum Buch und zu Christoph Ernst erfährt der interessierte Leser in einem Interview auf der Seite
www.rzkultur.de.
Bettina Hansmeyer, Labenz
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Brigitte Gerkens-Harmann zu »Christoph Ernst: Dunkle Schatten« 23.10.2012
In "Dunkle Schatten" von Chr. Ernst verbinden sich zahlreiche Aspekte, die für mich eine niveauvolle und unterhaltsame Lektüre ausmachen: So wird man als Leser gleich auf den ersten Seiten mit ungewöhnlichen (botanischen) Substanzen überrascht, kommt sehr schnell in den Plot hinein und wird weiter getragen auf unterschiedlichen kriminalistischen, emotionalen und historischen Ebenen, die Lust machen, das Buch in einem "Rutsch" zu lesen.
B.Gerkens-Harmann, Ratzeburg
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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