Totenprinz von Christine Westendorf

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2010 bei Blanvalet.
Ort & Zeit der Handlung: Deutschland / Hamburg, 1990 - 2009.
Folge 3 der Anna-Greve-Serie.

  • München: Blanvalet, 2010. ISBN: 978-3-442-37438-0. 416 Seiten.

'Totenprinz' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Eine Tote am Elbstrand! Zunächst scheint Monika Jacobsen einem gestörten Einzeltäter zum Opfer gefallen zu sein, doch als bereits kurze Zeit später eine zweite Frauenleiche entdeckt wird, beginnt die Hamburger Kommissarin Anna Greve, nach Zusammenhängen zu suchen. In einer Onlinedating-Börse wird sie fündig. Und sie nimmt zu dem Mann Kontakt auf, den beide Frauen für den Traumprinzen hielten.

Das meint Krimi-Couch.de: »Kontaktbörse wird zur Todesfalle« 70°

Krimi-Rezension von Andreas Kurth

Die Hamburger Kommissarin Anna Greve steckt nach wie vor kopfüber in privaten Problemen – und muss mit ihren Kollegen einen brutalen Mord am Ufer der Elbe aufklären. Eine verheiratete Frau, offenbar mit ihrer Ehe unzufrieden, hat sich mit einem Unbekannten getroffen und wurde von ihm bestialisch ermordet. Die Ermittler tappen lange im Dunkeln, es erweist sich als höchst schwierig, dem Mörder auf die Spur zu kommen. Derweil schlägt der Täter erneut zu, und den Kriminalisten läuft die Zeit davon, wenn sie einen weiteren Mord verhindern wollen.

Mit dem dritten Roman um die Hamburger Ermittlerin Anna Greve hat Christine Westendorf eine handwerklich saubere Arbeit vorgelegt, die allerdings auch einige Schwächen aufweist. Dabei ist es vor allem die Hauptfigur des Romans, die kaum oder nur ungenügend weiterentwickelt wird. Die privaten Probleme der Kommissarin haben sich nicht geändert, sie wirkt in dieser Hinsicht weiter äußerst entscheidungsschwach und unentschlossen im Hinblick auf ihre Ehe. Im Team des Hamburger Landeskriminalamtes schwimmt sie irgendwie mit, ohne eine herausragende Rolle zu spielen. Problematisch finde ich auch einige der Dialoge, die zuweilen eher einfallslos wirken. Es kommt dem Leser so vor, als habe die Autorin zu viele »uralte« Tatort-Folgen im Fernsehen angeschaut. Positiv könnte man auch sagen, die gute alte Polizeiarbeit wird hier ausgiebig gepflegt.

Wirklich gut konstruiert ist jedoch die Geschichte des Mörders und seiner Opfer. Es geht um Frauen, die aus recht unterschiedlichen Gründen eine tiefe Sehnsucht nach Liebe in sich spüren. Die eine kann die offensichtliche Gefühlskälte ihres Ehemannes nicht mehr ertragen, die andere leidet unter der ständigen Abwesenheit des Gatten, der geschäftlich ständig auf Achse ist. Auch die Protagonistin hat derartige Anwandlungen, denn in ihrer Ehe hat sie einen Mann an ihrer Seite, der nur um sein eigenes Universum kreist. Diese »romantische« Sehnsucht wird vor allem bei der Figur der Amanda deutlich, deren Dialoge mit dem Totenprinz im Internet der Leser von Beginn an verfolgen kann.

Der Hunger nach Aufmerksamkeit führt die Mordopfer zu einer Dating-Seite im Internet – offenbar die einzige Möglichkeit, außerhalb ihrer mittlerweile zum Gefängnis gewordenen Partnerschaften andere Männer kennen zu lernen. Damit greift die Autorin ein hochaktuelles gesellschaftliches Phänomen auf, das auch von anderen Kriminalschriftstellern bereits thematisiert wurde. Egal ob verheiratet oder echte Single-Frau – der unverbindliche Weg über zunächst anonyme Kontakte in der virtuellen Welt ist immer beliebter geworden, weil er viele scheinbare Vorteile bietet. Der Roman macht jedoch erschreckend deutlich, welche Gefahren damit verbunden sind. Ein geschickt recherchierender Mann kann nahezu alles über die tatsächliche Identität der Frauen heraus finden. Er schreibt entsprechende Briefe und Antworten auf die sehnsuchtsvollen Fragen der Frauen, zieht an den richtigen Strippen, ohne tatsächliche Informationen von sich preiszugeben. Und ein Foto gibt es schon gar nicht – das erste Treffen wird zum verhängnisvollen »blind date«.

Als Anna Greve dann selbst Kontakt über das Internet zum Mörder sucht, gehen ihr derart die Pferde durch, dass der Psychologe des Polizei-Teams eingreifen und die Mails formulieren muss. Diese Episode lässt tief blicken und gehört zu den besten Stellen im Buch. Die innere Stimme der romantischen Sehnsucht ist auch bei der Kommissarin derart ausgeprägt, dass ihr die Sache aus den Händen zu gleiten droht. Die dadurch entstehende emotionale Atmosphäre hat Christine Westendorf gut und authentisch geschildert. Gelungen ist auch der dritte Erzählstrang – neben der Sichtweise der Polizei und der Figur der Amanda – in dem die perversen Empfindungen des Mörders geschildert werden. Das Buch insgesamt ist durch etliche überflüssige Nebenaspekte etwas zu lang geraten, aber das Finale hätte ich mir etwas ausgeklügelter gewünscht. Hier verfällt die Autorin gewissermaßen in Hektik, das Ende wirkt etwas unfertig. Dennoch ein insgesamt solider Krimi, der bei etwas sorgfältigerer schriftstellerischer Arbeit durchaus eine bessere Beurteilung hätte erreichen können.

Andreas Kurth, Juli 2011

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Hiltrud Wohlgemuth zu »Christine Westendorf: Totenprinz« 05.02.2012
Das dritte Buch von Christine Westenberg hat mir bestätigt, dass dies keine Schriftstellerin ist, von der ich mehr lesen möchte.
Totenprinz und auch die beiden anderen Bücher um Kommissarin Greve sind durchaus spannend geschrieben, jedoch gespickt mit vielen Detailfehlern wie z.B. der Vorname der Kollegin aus Hannover, im 2. Buch war der noch Sigrid und nun ist er Lydia.
Die Kommissarin selbst ist mir unsympathisch u.a. durch ihre Bemerkungen über das Aussehen von Kollegen, hier war der Psychologe das Opfer. Wenn das Privatleben der Kommissarin schon soviel Platz einnimmt, sollte man verstehen können, was sie eigentlich zu meckern hat. Eine Frau die nach einem langen Arbeitstag lieber mit einem neuen Kollegen auf ein Bier geht als nach Hause zu fahren und sowieso ihre Freizeit meist bei Freundin Paula verbringt, sollte sich nicht über mangelnde Präsenz des Ehemannes aufregen. Lachhaft ist ebenfalls die Liebelei mit dem 10 Jahre jüngeren Schwager, der Profifussballer ist, und dessen einzige Liebe Frau Greve ist.
Alle drei Bücher von Christine Westendorf haben mich dennoch teilweise gefesselt, allerdings war mir immer das Ende zu knapp und hastig formuliert, ich hätte besonders im 2. Buch mehr über die Täterin erfahren.
Alles in allem werde ich keine weiteren Bücher von dieser Schriftstellerin lesen.
Tigo zu »Christine Westendorf: Totenprinz« 13.01.2011
Der dritte Fall für die Hamburger Kommissarin Anne Greve beginnt mit einer Frauenleiche am Elbstrand, die grauenhafte Verstümmelungen aufweist. Während die Polizei noch am Anfang der Ermittlungen steht, wird bereits eine zweite Leiche mit ähnlichen Verletzungen aufgefunden.

Bald wird klar, dass der Täter seine Opfer über eine Datingbörse online auswählt, sehr gekonnt ihre Sehnsüchte und ihrer Einsamkeit nutzt und mit ihnen spielt, um sie zu Treffen an einsamen Orten zu bewegen.

Die Geschichte des dritten Opfers ist sehr anrührend und nachvollziehbar erzählt. Die Unzufriedenheit und Einsamkeit in ihrer Ehe, der Wunsch nach einem Partner, der sie und ihre Sehnsüchte versteht, ihre Träume teilt. Eine Geschichte, in der sich sicherlich viele Leserinnen wiederfinden werden. So deutlich zu beschreiben, wie geduldig Worte sind, wie leicht sich virtuelle Persönlichkeiten erfinden lassen - und wie böse ein Blinddate enden kann, mag als Warnung dieser Tage durchaus Berechtigung haben.

War mir Anna Greve im 2. Band oftmals unsympathisch, ihre persönliche Zerrissenheit und ihr Umgang damit eher nervig, ihr Privatleben mir zu übermächtig, so kommt sie in diesem Buch sehr glaubhaft und lebensecht daher. Die gesamte Geschichte ist sehr intensiv, die schauderlichen Verbrechen sehr bildreich und prägnant erzählt. Das bleibt einem durchaus noch in Erinnerung, wenn das Buch im Regal bereits Staub anzusetzen beginnt.

Klares Manko für mich ist die extreme Anhäufung fehlender Kommata, unvollständiger Sätze, etc. Als schnelle und recht tolerante Leserin bin ich nicht besonders empfindlich in diesem Punkt, aber das ist in diesem Buch selbst mir sehr unangenehm aufgefallen. Dass laut Kurzbeschreibung die Autorin selbst in einem privaten Bildungsinstitut für Orthografie und Schreibtechnik arbeitet, sich im Nachwort bei der Lektorin für deren Gefühl für die Sprache bedankt, mutet da schon ein wenig ironisch an. Die Kritik geht klar an den Verlag, nicht an die Autorin! Lausige Arbeit der Verantwortlichen!

Der Autorin verübele ich das Ende des Romans allerdings. Ich habe mich ernsthaft gefragt, ob neben der Kommata vielleicht auch noch 2-3 Seiten in meinem Exemplar fehlen. Die Geschichte ist viel zu rasant zu Ende gebracht, zu konstruiert, wie abgeschnitten, als sei keine Zeit mehr für einen vernünftigen Ausklang geblieben. Dieses Hackebeil-Ende entzieht sich meinem Verständnis in Gänze und entbehrt m. E. nach jeglicher Logik. Schade, dass dieses spannende Lesevergnügen mit einem negative Eindruck endet.

Von dieser Nörgelei abgesehen, ist Totenprinz ein sehr sehr gutes Buch, das eine gewiss sehr aktuelle Gefahr unserer Zeit bestens aufgreift, und dessen unausgesprochene Warnung in hoffentlich vielen Köpfen noch lange widerhallt. Unbedingt lesenswert!
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