Von Arsen bis Zielfahndung von Christine Lehmann und Wolfgang Büttner

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2009 bei Argument.

  • Hamburg: Argument, 2009. ISBN: 978-3886197200. 250 Seiten.

'Von Arsen bis Zielfahndung' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Was passiert bei einer Obduktion? Wer stellt einen Haftbefehl aus? Was sind Totenflecken und warum sollte man das überhaupt wissen? Antworten auf diese und viele andere Fragen liefert dieses kurzweilige, unterhaltsame Krimi-Handbuch.Was ist der Unterschied zwischen Mord und Totschlag? Welches Gift wirkt wie? Woran merkt man, dass ein Toter ermordet wurde und sich nicht etwa selbst umgebracht hat? Wofür genau ist eine Staatsanwältin zuständig? Und wie sieht eine Wasserleiche wirklich aus? Auf den Dauerseller Das Wort zum Mord (Anja Kemmerzell und Else Laudan) folgt jetzt Von Arsen bis Zielfahndung, der zweite Leitfaden für alle, die Interesse am Krimihandwerk haben.

Die Lisa-Nerz-Schöpferin Christine Lehmann hat sich gemeinsam mit dem polizeikundigen Fahnder Manfred Büttner das Ziel gesetzt, Sachverstand in die deutsche Krimikultur zu bringen. Mit solchem Handwerkszeug kann jeder Autor, jede Autorin ihre Szenarien wirklichkeitstreu gestalten. In Krimis sind rund die Hälfte aller Täter Frauen, im wahren Leben liegt die Frauenquote bei Mördern unter zehn Prozent. Die überwältigende Mehrheit dieser Morde wird mit Gift begangen das heißt aber nicht, dass 90 % aller Giftmorde von Frauen begangen werden!
Von der korrekten Art, Funksprüche abzusetzen, über eine Auflistung, welche Abteilung wann am Tatort eintrifft, bis zur Besoldung der einzelnen Dienstränge reicht die Themenpalette. Und auch wenn Lehmann und Büttner ihren Kolleginnen nicht alle Arbeit abnehmen wollen, gibt es als Sahnehäubchen eine kleine Giftkunde und viele weitere mörderische Details.

Das meint Krimi-Couch.de: »Wenig erhellendes Sammelsurium«

Krimi-Rezension von Jochen König

Das aktuelle Handbuch für Krimiautorinnen und Neugierige nennt sich das Kompendium Von Arsen bis Zielfahndung von Manfred Büttner und Christine Lehmann im Untertitel. Damit ist die Absicht umrissen und die Zielgruppe benannt. Doch leider erfüllt das 250 Seiten starke Werk seinen Anspruch bei weitem nicht. Ein mäßig unterhaltsamer Schmöker für Neugierige, die ein wenig über Verbrechen und Polizeiarbeit erfahren wollen, trifft den Sachverhalt schon eher. Bereits der Begriff »Handbuch« ist übertrieben: es fehlen schlichteste Suchmöglichkeiten, selbst ein simples Register ist nicht vorhanden.

Zwar sind die Kapitelangaben relativ ausführlich, aber zeigen sie bereits wie willkürlich die Zusammenstellung ist. Da bekommt die »Ohnmacht des Opfers« drei Seiten – mit den Untertiteln »Erpressung« und »Das Stockholm Syndrom«; direkt im Anschluss ist die »Frauenquote« dran; unter »Mordende Mütter« werden das »Münchhausen Stellvertreter-Syndrom«, »Neonatizid« und »Unbemerkte Schwangerschaft« auf vier Seiten zusammengefasst, bevor es mit den dreiseitigen »Triebtätern« (Null Frauenquote) weitergeht.

Viel neues erfährt man nicht, einzelne Verfahrensabläufe werden erläutert und in Vergleich zu diversen Krimis (Buch und Film) gesetzt, die natürlich mehr oder minder schwerwiegende Fehler im Faktischen aufweisen. Dabei begeben sich Lehmann und Büttner mächtig auf’s Glatteis. Sie kommen ins Rutschen mit dem immanent erhobenen Vorwurf, dass die Akkuratesse bei der Beschreibung realer Abläufe vielen Romanen und Filmen fehlt. Endgültig schlagen sie hin mit ihrer naiven Vermittlung der Idee einer gerechten Welt, in der all das stimmt, was offiziell geschrieben steht; die Buchstaben des Gesetzes für Ermittler heilig sind, und wissenschaftliche Kräfte sauber und vor allem korrekt arbeiten. Zwar weisen die Autoren auf Schwachpunkte hin: zu wenig Obduktionen, schlampige Ausführungen und Pannen wie jene, als verunreinigte Wattestäbchen ein kriminelles Phantom kreierten, das Straftaten en masse beging, jede Menge genetischer Spuren hinterließ und trotzdem nicht fassbar wurde. Bis sich herausstellte, dass keineswegs ein- und derselbe Täter an unterschiedlichen Orten straffällig wurde, sondern eine Marge Wattestäbchen beim Verpacken von einer Mitarbeiterin des Herstellers kontaminiert, sprich berührt wurden, und somit unbrauchbar waren.

Doch trotz dieser offensichtlichen Mankos gehen sie den nächsten, kritischen Schritt nicht. StPO und die behördlich vermittelte Realität werden nicht in Frage gestellt. Mag sein, dass es offiziell verboten ist, dass Polizisten und Staatsanwälte Verdächtige unter Druck setzen; dass genau dies – und sei es in Ausnahmefällen – geschehen kann, bis hin zu Folter und Tötungsdelikten steht doch wohl kaum außer Frage. Genauso wie es unfähige, korrupte oder schlicht faule Staatsorgane und Mediziner gibt, die ein Verbrechen nicht erkennen, wenn es vor ihrer Nase geschieht, bzw. geschehen ist. Wer erinnert sich nicht an die Leiche, die angeblich das Endprodukt eines nicht durch Fremdeinwirkung herbeigeführten Todes war, bis beim Aufbahren Kugeln aus diversen Schusswunden fielen. Der Totenschein war zuvor natürlich ohne Obduktion ausgestellt worden. Genau wie das »natürliche« Ableben jenes Mannes, dem noch die Schlinge des Stricks um den Hals hing, an dem er sich erhängt hatte. Dummerweise war er vorm Eintreffen des Arztes vom Dachsparren geschnitten worden. »Unmodische Krawatte«, wird sich der Doktor gedacht haben.

Ob man sich also genau an die StPO hält, das technisch Machbare als Grundlage wählt, oder den Beamtenjargon beherrscht, sagt rein gar nichts über die Qualität eines Werkes aus. Die interne Logik und Entwicklung muss stimmig sein. Dann dürfen sich Beamte auch schon mal siezen und »mein« statt »der Kollege« sagen. Wenn dem nicht so wäre, wären »Niedrig und Kuhnt« die leuchtenden Vorbilder jedes Krimischaffenden und Jerome Charyns Citizen Sidel würde die Niederungen des Genres markieren. Dabei ist es genau umgekehrt. Während Charyns Bürgermeister und Präsidentschaftskandidat auf Verbrecherjagd recht unrealistisch daherkommt, sind Niedrig, Kuhnt und Kollegen geradezu hyperreal. Doch während das eine ein künstlerisches Glanzstück ist, spielen die anderen in einer lausigen Doku-Soap mit erhöhtem Trash- und Albernheitsfaktor. Insofern fast schon wieder gut: wenn man sehen will, welch arme Leuchten unseren Justizapparat vertreten, bieten Niedrig, Kuhnt und Konsorten vom K11, K12 und K-wasauchimmer Paradebeispiele en gros.

Insofern ist Von Arsen bis Zielfahndung ein schlechter Ratgeber für angehende Autorinnen, lenkt es doch das Augenmerk auf Nebensächlichkeiten. Zur Verteidigung kann man anbringen, dass man die Realität nicht beugen muss, wo es nicht nötig ist. Warum also eine fiktive LKA-Abteilung aufmachen, wenn es das Polizeirevier vor Ort auch tut?

Aber wir sind ja keine Krimiautorinnen, sondern schlicht neugierig. Und da lässt sich tatsächlich die ein oder andere Wissenslücke schließen. Da wir jedoch in multimedialen Zeiten leben, hat Von Arsen bis Zielfahndung nichts Tiefergehendes zu bieten, was nicht auch ein kurzer Blick auf Google und Wikipedia verraten würde. Dass die Autoren stolz darauf hinweisen, dass sie bestimmte Verfahren Türen zu knacken nicht genauer erläutern, um Straftaten keinen Vorschub zu leisten, wird absolut lächerlich, wenn ich genau jene Informationen mit zwei Klicks im Internet erfahre. So gibt sich das ganze »Handbuch« derart dienstbeflissen und –eifrig, dass eine angehende KHKin rot um die Bäckchen werden dürfte.

Besagte KHKin (Kriminalhauptkommissarin) weist außerdem auf ein sprachliches Übel hin, welches das Nachschlagwerk vollends in den Abgrund reißt. Irgendeine pseudofeministische Teufelin hat Büttner und Lehmann geritten, die bundesdeutsche Justiz fast ausschließlich mit Polizistinnen, Richterinnen, Staatsanwältinnen und Rechtsmedizinerinnen zu bestücken. Dass die im Buch benannte Statistik (14% der Polizeikräfte sind weiblich) dem Weiblichkeitswahn Hohn spricht, ist gar nicht mal ausschlaggebend. Dass die weibliche Form – Kalauer ich sehe dich, nehme dich aber nicht wahr – nicht einmal konsequent angewandt wird, wiegt viel schwerer und zieht diesen Manierismus ins Lächerliche. Denn während positiv konnotierte Staatsbedienstete stets weiblichen Geschlechts sind, sind »Täter« durch die Bank männlich. Ebenso wie Chefs und Kriminalräte. Und so bleibt die noble Absicht bestenfalls fern am Horizont erkennbar. In der Ausführung ist Von Arsen bis Zielfahndung ein plattitüdenreiches und unfreiwillig komisches Werk, dessen Informationsgehalt in einer vernetzten Welt gegen Null tendiert.

Dass sich etliche kleine sachliche Fehler eingeschlichen haben, macht die Geschichte auch nicht sympathischer. »"Doch Schlangen sind ungefährlicher als wir denken. [...] Außerdem sind sie taub.« Von wegen. Man kann ihre Ohren zwar nicht sehen, aber sie besitzen ein Innenohr mit Hörschnecke, das recht präzise funktioniert.

Schlampig recherchiert, holperig geschrieben. Da sind die Durchsagen eines Zugbegleiters auf dem Plettenberger Bahnhof eloquenter – und vor allem spannender: der potentielle Selbstmörder auf den Gleisen zwischen Plettenberg und Werdohl entpuppt sich eine Stunde später als Flüchtling vor einem mehrjährigen Haftaufenthalt (oder wie heißt es korrekt?). Und die Polizei tappt im Dunkeln. DAS ist die Realität. Vor allem in der Nacherzählung interessanter als manches Buch darüber. Eine Stunde Stillstand im Bahnhof und alle Gifte sind durch. Richtig spannend und erhellend ist beides nicht.

Jochen König, April 2010

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