Totensteige von Christine Lehmann

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2012 bei Argument.
Folge 10 der Lisa-Nerz-Serie.

  • Hamburg: Argument, 2012. ISBN: 978-3867541893. 400 Seiten.

'Totensteige' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Ein Interview für die Wochenendausgabe: Lisa Nerz fährt zur Wasserburg Kalteneck, wo das Institut für Grenz­wissenschaften residiert. Ihr Gesprächspartner erweist sich ­jedoch als Leiche – im von innen verschlossenen Zimmer. Noch mysteriöser mutet an, dass ihm jemand die Eingeweide herausgeschnitten hat. Das Herz fehlt. Irritiert von so viel Aberglauben zweifelt Nerz an der Lösung der Kripo, die zügig den Malergesellen Yuri Katzenjakob verhaftet. Der junge Mann hatte zwar Gelegenheit, aber weder Mittel noch Motiv. Lisa Nerz recherchiert und stößt auf seltsame Experimente, Gerüchte und viel Geld. Letzteres ruft Staatsanwalt Richard Weber auf den Plan. Die Journalistin und der Staatsanwalt gehen Hinweisen auf eine mögliche Verschwörung nach. Die Spur führt zunächst nach Schottland. Doch in den dunklen Verliesen von Edinburgh wendet sich das Blatt: Nun sind Lisa Nerz, Richard Weber und ihre Begleiter das Ziel mysteriöser Anschläge. Im nächsten Moment werden sie als ausländische Attentäter von Polizei und Presse gejagt! Und die Gegner wissen immer ganz genau, wo sie gerade sind.

Das meint Krimi-Couch.de: »Ein Feuerwerk der Fabulierkunst« 94°Treffer

Krimi-Rezension von Jürgen Priester

Ich bin noch voll im Rausch!
HAMMERKLASSE
Dieses Buch ist echt der absolute Wahnsinn. Die Ereignisse überschlagen sich regelrecht und sorgen für reichlich Action!
(..)
Lest dieses BUCH
Ich verspreche euch, es ist grandiös!»

Die Autorin möge dem Rezensenten verzeihen (er weiß, dass sie Spaß versteht), denn dieser Kommentar ist geklaut und bezieht sich auf ein anderes, schmalbrüstiges Werk eines amerikanischen Thrillerautors. Aber die jugendliche Begeisterung, die aus diesen Zeilen strömt, kann der Rezensent in seinem gesetzten Alter nur schwerlich toppen. Ähnlich, wenngleich in anderen Worten, hat er nach Beendigung der Lektüre von Totensteige auch empfunden.

Man könnte Christine Lehmanns 10. Folge ihrer Lisa-Nerz-Reihe ohne weiteres als ihr bisheriges Opus magnum bezeichnen. Magnum nicht allein wegen seines, im Vergleich zu den Vorgängern, stolzen Umfangs von 537 Seiten. Die Autorin hat halt viel zu erzählen und davon ist – das sei schon mal vorausgeschickt – nicht eine einzige Zeile langweilig. Magnum ist es, weil es der Autorin gelingt, verschiedene Subgenres des Spannungsromans vom klassischen «Locked-Room-Mystery» bis hin zum modernen Verschwörungsthriller zu einem harmonischen Ganzen zu verbinden. Magnum ist auch ihr Thema, denn es geht um nichts Geringeres als die Wahrheit, die sich im subatomaren Bereich der Quantenphysik eher als Wahrscheinlichkeit darstellt, und auch eine philosophische Annäherung an die «Große Wahrheit» endet in Unschärfe. Mit «Natur der Dinge» umschrieb der jüdische Philosoph und Religionskritiker Spinoza diese «Letzte Wahrheit", als er versuchte, einen entpersonifizierten Gottesbegriff zu definieren.

Christine Lehmann nähert sich der Wahrheit über das Gebiet der Parapsychologie, deren beschriebene Phänomene wir mit gebührender Skepsis betrachten, da zum einen in diesem Bereich viel Scharlatanerie betrieben wird und zum anderen einer Verifizierung der Phänomene durch Wiederholung Grenzen (Elusivität) gesetzt sind. Wer schon wäre besser geeignet, Licht in diese Angelegenheit zu bringen, als Schwabenreporterin Lisa Nerz.

Lisa Nerz möchte für die Wochenendausgabe ihrer Zeitung einen ausführlicheren Artikel über parapsychische Phänomene schreiben. Neben der Recherche in Archiven und Internet nimmt sie auch Kontakt zu einschlägig bekannten Zirkeln auf. Ein weiterer Weg führt sie zum Institut für Grenzwissenschaften und Parapsychologie in Holzgerlingen, um den Institutsleiter Gabriel Rosenfeld zu interviewen. Als sie dort eines Montagmorgens ankommt, trifft sie nur auf Rosenfelds Stellvertreterin Derya Barzani und dessen Sekretärin Desirée Motzer. Beide Damen sind noch ahnungslos ob des Schicksals ihres Chefs, der derweil ermordet und bestialisch zugerichtet direkt hinter der verschlossenen Tür seines Büros liegt. Wie die Polizei feststellt, geschah der Mord schon am Freitagnachmittag. Ein Verdächtiger ist schnell gefunden. Zur vermuteten Tatzeit war nur eine weitere Person im Institut tätig: der aus Rumänien stammende Maler und Anstreicher Juri Katzenjacob. Blut an seiner Kleidung, Fußspuren und Fingerabdrücke im Büro belegen seine Anwesenheit am Tatort. Katzenjacob legt ein Teilgeständnis, bestreitet aber energisch, Rosenfeld ermordet zu haben. Die Indizien lasten schwer, aber die größte Frage bleibt: wie konnte Katzenjacob das Büro verlassen? Und was waren seine Motive? Wer Lisa Nerz kennt, weiß, dass sie die Beantwortung solcher Fragen nicht der Polizei überlässt, sondern sich selber dahinterklemmt.

Der an sich überschaubare Fall schlägt hohe Wellen. Die Medien haben spitz gekriegt, dass ihm etwas Mysteriöses anhaftet. Ist Katzenjacob mehr als ein einfacher Anstreicher? Besitzt er vielleicht parapsychische Fähigkeiten? Ist er gar ein Parapsychopath, der aus dem Gefängnis seine Ränke schmiedet?

Während die Presse die Psi-Suppe hochkocht, versucht Lisa, Rosenfelds Institut zu durchleuchten. Sie stößt auf ein hochdotiertes Preisgeld, auf seltsame Sponsoren und verwandtschaftliche Verquickungen. Zusammen mit ihrem Freund Oberstaatsanwalt Richard Weber und Derya Barzani vom Institut reist sie zuerst nach Edinburgh, dann alleine nach Spanien, um ehemalige Institutsmitarbeiter aufzuspüren und zu befragen. Es werden abenteuerliche Unternehmen, denn Unbekannte setzen alles daran, Lisas Nachforschungen zu torpedieren.

In der Zwischenzeit nimmt der Hype um Juri Katzenjacobs vorhandene oder nicht vorhandene Psi-Fähigkeiten groteske Ausmaße an. Die Weltmeinung ist gespalten. Eine besonnene Minderheit spricht ihm grundsätzlich jede besondere Fähigkeit ab. Doch die Mehrheit, durch die Medien aufgestachelt, macht ihn für alles Unglück in der Welt verantwortlich. Selbst Oma Scheible, Lisas sonst so robuste Nachbarin, kann sich dem Psi-Fieber nicht entziehen:

»Des war wieder der Bue, der wo Psi kann, gell? Des Schiff, wo
g’sunke isch, des war auch der, saget se im Fernsehe. Und jetzt
des Kernkraftwerk in Frankreich.«

Lisa Nerz´ Recherchen über die Hintergründe der Vorgänge am Holzgerlinger Institut werden nur zum Teil von Erfolg gekrönt. Der Themenkomplex Parapsychologie offeriert nur wenige saubere Lösungen. Je weiter sich Lisa der Wahrheit zu nähern glaubt, je ferner scheint diese zu verschwinden. Ihre Suche nimmt obsessive Züge an. Zeitweilig glaubt sie sogar, selbst über paranormale Kräfte zu verfügen. Sie wirkt verunsichert, weil sie die Dinge, die mit ihr und um sie herum geschehen, nicht einordnen kann. Auch Richard Weber, der sonst stoisch wie der Fels in der Brandung wirkt, zeigt angesichts der Massenhysterie Nerven. Er fällt eine für ihn möglicherweise weitreichende Entscheidung.

Der Rezensent hat sich seine "über 90°- Bewertungen für ganz besondere, außergewöhnliche Romane vorbehalten; Totensteige ist einer davon.Was Christine Lehmann hier auf über fünfhundert Seiten zelebriert, ist wahre Fabulierkunst. Man spürt in jeder Metapher, jedem Satz, jeder Szene, dass sie wohl durchdacht, aber spontan entstanden sind. In der Leserunde zu Totensteige im Krimi-Couch-Forum (Link – s.u.) verriet die Autorin ihr Geheimnis:

»Jawoll! Ich schreibe mit Ernst und Leidenschaft, aberauch immer mit einem riesigen Lachen im Hintergrund.«

Diese Eigenschaften spürt der Leser nicht nur, sie werden auch auf ihn übertragen. Fasziniert erlebt man mit, wie die Autorin die Spirale des Wahnsinns immer höher schraubt, bis sie in einem finalen Ultimatum endet.

Dieser vielseitige Plot, der auf verschiedenen Ebenen dargeboten wird, sucht in der deutschen Kriminalliteratur seinesgleichen. Hier paaren sich Wissen, Fantasie und Inspiration mit Humor und Sprachgewalt. Mit Totensteige hat Christine Lehmann sich und ihrer Heldin ein Denkmal gesetzt.

Krimi-Couch-Leserunde zu Totensteige

Jürgen Priester, August 2012

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wampy zu »Christine Lehmann: Totensteige« 16.02.2015
„Totensteige“ ist ein Kriminalroman von Christine Lehmann, der 2012 bei Argument als Taschenbuch erschienen ist. Es ist der aktuelle Fall für die Journalistin Lisa Nerz, die sich nun mit Grenzwissenschaften auseinander setzen muss.
Es beginnt mit einem locked-room-mystery auf einer Forschungsanlage für parapsychologische Effekte. Mit überschäumender Freude wird Lisa Nerz ins Rennen geschickt, muss mit extremen Situationen zurechtkommen, schlägt sich aber mit der Unterstützung ihres befreundeten Anwalts tapfer. Die Autorin brennt ein Feuerwerk an Ideen und sprachlichen Kreationen ab. Dabei gerät der eigentliche Fall zur Nebensache und es tun sich große Themen auf. Zum Ende kommt die Geschichte dann doch ein wenig enttäuschend zu ihrem Ende.
Meine Wertung 80/100
Peter Steinbrück zu »Christine Lehmann: Totensteige« 17.02.2013
James Bond kann einpacken, denn ihm fehlen die kleinen Macken, die Lisa Nerz so augenzwinkernd sympathisch durch die hanebüchenen und überzogenen Situationen stolpern lässt.Ganz besonders hat es mir die Geschichte eines mächtigen Zeitungsverlegers angetan, die die Mechanismen und Methoden herausarbeitet, mit denen heutzutage öffentliche Meinung gemacht wird. Klar, dass alle Ähnlichkeiten zu einer (nicht in Hamburg) lebenden Person rein zufällig gewollt erscheinen.Die Messlatte für den nächsten Lisa-Nerz-Krimi liegt schon ganz schön hoch. Ich bin gespannt.
cervezero zu »Christine Lehmann: Totensteige« 24.09.2012
Tja, die negativen stimmen mehren sich.Leider muss ich mich auch anschliessen-viel erhofft und sehr enttäuscht-der ganze Firlefanz um Parapsychologie und sontige transzendenten Ereignisse sind langweilig u. hanebüchen. Dann och mal eben ein Flugzeug auf der Autobahn--ne ging gar nicht, musste ich weglegen.Allerdings ist auf eins Verlass-daß die KC Bewertungen nicht nur subjektiv sind sondern auch des öfteren sehr fragwürdig-da sind mir Kommentare lieber.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Andreas zu »Christine Lehmann: Totensteige« 23.09.2012
Ich kann mich dem eigentlich nur anschlie0en, ich habe auch auf den "hammer" gehofft und wurde arg enttäuscht. Das Buch fing recht spannend an, dann zog es sich in die Länge, wurde immer langweiliger, dass ich sogar überlegt hatte, das Buch nicht weiter zu lesen. Ich wollte nun aber doch das Ende erleben, und das war auch nicht besonders
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Ulrich zu »Christine Lehmann: Totensteige« 16.09.2012
Ich habe dieses Buch nach den nach meiner Meinung klaren Empehlungen auf krimicouch.de gekauft. Ich wollte mal wieder einen neuen Krimi lesen, der im Supermarktregal nicht ganz vorn steht. Das war ein Fehler!

Oben ist von Opus Magnum die Rede. Das Werk sei nie langweilig.

Einspruch!

Das Buch ist lang. Zu lang. Um ein Vielfaches. Die Story ist zunächst originell, wird in ihrer Ausgestaltung aber hanebüchen - und ja: langweilig. Wo da überall psi-isiert wird, wie der Boulevard dies hochjazzt, dass dann sogar die Granden dieser Welt mit Schwabenreporterin Lisa Nerz konferieren. Das geht auf keine Kuhhaut.

Überhaupt Lisa Nerz: Erkennbar hat die Autorin versucht, ihrer Protagonistin etwas Modernes, Außergewöhnliches mitzugeben. Das hat sie dann auch im Übermaß getan. Wie die Story ist auch dieser Character total überladen: polyamant, genderspielerisch, unerzogen, spontan und dann wieder ganz traditionell, frech, brutal. Das ist viel zu viel. Zumal Lisa Nerz dabei völlig charakterlos bleibt. Sie ist weder sympathisch noch unsympathisch. Ihr Dackel erscheint da klarer konturiert.

Ich habe mich tapfer durchgekämpft durch diesen Schmöker. Ich habe sogar die 32. unwahrscheinliche Fall-Wendung ertragen, um dann beim irgendwie verkitschten Ende anzukommen.

Bliebe noch die gewöhnungsbedürftige Erzählweise der Autorin: Das ganze Buch wird im scheinbar lockeren Ich-bin-die-coole-Lisa-Nerz-Tonfall erzählt. Teilweise wird der Leser oder die Leserin sogar direkt angeredet. Die Erzählperspektive und vor allem deren Ausgestaltung erschweren das Verständnis der Handlung ungemein. Vor allem rauben sie aber jegliche Spannung. Da helfen auch ständige Verweise in Form vom geraunten "Bleiben Sie dran" auf RTL nicht. Wenn mir alle zwei Seiten avisiert wird, dass alles noch viel schlimmer kommen werde, ermüdet dies mit der Weile.

Insgesamt eine enttäuschendes Buch.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Peter Schlegel zu »Christine Lehmann: Totensteige« 21.03.2012
Mehr als ein Krimi. So oszilierend wie die Heldin, ist die Geschichte. Zwischen Kehrwoche und Kanzleramt, Physik und Metaphysik zwischen Wahrheit und Illusion, shitstorm und Transparenz. Nebenbei wird das zentrale Problem unserer Mediokratie messerscharf bis zu den Knochen seziert und ist dabei auch noch witzig und spannend geschrieben. Was, bitteschön, kann man von einem Buch mehr erwarten?
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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