Hydra von Chris Marten

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2009 bei Lübbe.

  • Bergisch Gladbach: Lübbe, 2009. ISBN: 978-3-7857-2376-0. 733 Seiten.
  • Köln: Bastei Lübbe, 2011. ISBN: 978-3-404-16048-8. 733 Seiten.

'Hydra' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Seit die Journalistin Beate Rehbein aus dem Irak zurückgekehrt ist, quälen sie schreckliche Albträume. Zu Hause gewinnt sie langsam ihre alte Sicherheit zurück. Bis eine scheinbar harmlose E-Mail eine Folge von immer merkwürdigeren Botschaften nach sich zieht. Schließlich öffnet Beate einen Anhang, der ihr Furchtbares offenbart: Sie wird Zeugin einer brutalen Hinrichtung. Um ihre Familie zu schützen, lässt sie sich auf das makabere Spiel eines Serienmörders ein, der sie zu seinem Sprachrohr auserkoren hat. In einem der großen Nachrichtenmagazine soll Beate über die Verlierer unserer globalisierten Welt schreiben. Tut sie das nicht, werden Menschen sterben – zwei sind bereits tot. Seine Opfer wählt der Mörder aus einer Liste mit Namen eines Abiturjahrgangs. Reine Willkür? Oder gibt es eine Verbindung zwischen dem Mörder und seinen Opfern? Und vor allem: Wen wählt er als Nächsten aus?

Das meint Krimi-Couch.de: »Intelligent, spannend, lang und manchmal -weilig« 82°

Krimi-Rezension von Wolfgang Weninger

730 Seiten lang ist der Thriller Hydra, mit dem Herbert Knorr und Birgit Biehl als Autorenteam unter dem Pseudonym Chris Marten debütieren. Aus dem neunköpfigen Ungeheuer der griechischen Sage, dem aus jedem abgeschlagenen Haupt zwei neue Köpfe entwachsen, wird in diesem Serienmörderkrimi eine elfköpfige Bestie, denn Elf ist die geheime Zahl, nach der der Killer seine Opfer aussucht und elf Morde verüben wird.

 Das Foto einer Klassenfahrt nach Prag zeigt 19 Schüler. Einer ist der mutmaßliche Mörder, und unter den anderen Achtzehn findet sich auch der Ehemann von Beate Rehbein, die unter ihrem Künstlernamen Bea Fuller als Poetin und Journalistin erfolgreich ist. Hier setzt der Täter an. Er sichert sich durch Drohungen die Mitarbeit von Frau Rehbein, denn dann, und nur dann wird er ihren Mann und ihre gemeinsamen Kinder verschonen.
Penibel inszeniert der Verrückte, der seine Berechtigung aus Zitaten von Schillers Werken herleitet, die Morde, zeichnet sie auf Video auf, um Beate Rehbein dazu zu bringen, sein »Werk« der Öffentlichkeit plausibel zu machen. Und Beate spielt mit, in der Hoffnung den Mörder entlarven zu können.
Einer der Abiturienten auf dem Foto ist der Kriminalist Ludger Bethke. Der eigenbrötlerischen Polizeiermittler, der auf Grund seiner Fähigkeit sich anzupassen, schon in der Schule den Spitznamen »Chamäleon« führte, hat ebenfalls diese Liste bekommen, da alle Teilnehmer zu einem Abituriententreffen geladen waren. Als sich die Morde häufen, fallen auch ihm die Zusammenhänge ins Auge, und er beginnt zu ermitteln, allerdings ohne seine Vorgesetzten davon zu informieren. Denn er als potentielles Opfer möchte den Erfolg der Aufklärung gerne alleine einheimsen.

 Hydra ist ein überraschend komplex konstruiertes Ruhrpottkriminal, das schon fast zu überfrachtet ist mit Schillerschem Gedankengut und pseudopsychologischem Krimskrams. Dass auch die handelnden Personen durch die Bank unlogisch reagieren und agieren, tut dem sprachlich bestens in Szene gesetzten Buch wenig Abbruch, sorgt aber teilweise dafür, dass zwischen hochspannenden Sequenzen plötzlich Leerlauf eintritt. Das ständige Zitieren des Dichterfürsten sorgt ebenfalls für linde Langeweile.

 Aber die beiden Autoren verstehen es immer wieder, Spannung aufzubauen, Haken zu schlagen und den Leser mit seinen Ahnungen ins offene Messer laufen zu lassen. Wenn man denkt, das Thema sei ein für alle Mal zur Halbzeit erledigt, sind dann doch noch hunderte Seiten zu lesen. Hydra ist ein überaus intelligentes Erzählwerk, dem ein wenig Straffung gut getan hätte, vor allem wenn nicht jeder psychologische Exkurs seitenlang ausgebreitet worden wäre. Da haben sich Biehl und Knorr ein wenig zu sehr sprachlich verausgabt. Dennoch muss man sich darüber freuen, denn was hier als Chris Martens Erstling auf den deutschen Buchmarkt drängt, kann in seiner Komplexität mit der (guten) Konkurrenz aus Amerika und Skandinavien durchaus Schritt halten. Wer sich also an Serienmördern erfreuen kann, dem darf man die Hydra getrost ans Herz legen. Für Leser aus dem Raum Essen ist dieses Buch ohnehin Pflichtlektüre mit sehr viel Lokalkolorit und Erkennungswert.

Wolfgang Weninger, November 2009

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